Tegan and Sara wildern mit „Heartthrob“ gekonnt im Synthiepop

VERÖFFENTLICHUNG» 08.02.2013
BEWERTUNG» 7 / 9
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Spätestens seit ihrem Album „The Con“ hat sich das kanadische Zwillingspaar auch in Europa ein treues Publikum erspielt. Wer sich von den Qualitäten überzeugen will, sollte sich unbedingt die Werkschau-EP „In Your Head: An Introduction To Tegan And Sara“ zulegen, die die gesammelten Highlights ihres bisherigen Schaffens auf einem Tonträger vereint. Und weiter geht es dann mit dem neuen Werk „Heartthrob“, das die beiden in ungewohnt fröhlicher Grundstimmung zeigt.

Schon auf ihrem letzten Werk „Sainthood“ haben Tegan and Sara den bis dahin so typischen Indiepop um eine breite Palette aus Rock, Folk, Punk oder gar HipHop erweitert. Nun ist noch ein gerüttelt Maß an Elektronik hinzu gekommen und schiebt das Duo (womit wohl niemand gerechnet hätte) in Richtung Mainstream. „Niemand wird dieses Album jemals mit einer unseren vorherigen Platten verwechseln“, prophezeit Sara. „Es ist einfach viel größer, fetter und besitzt einen viel fröhlicheren Grundton.“ Hardcore-Fans der ersten Stunde werden damit nur schwerlich zurechtkommen. Doch ist das Album wirklich schlechter geworden als die Vorgänger?

Ich finde: keineswegs. Wer unvoreingenommen an das Werk heran geht, bekommt ein qualitativ hochwertiges Synthiepop-Album. Weit entfernt von dem Allerweltsgedudel moderner Radiosender. Schon die erste Auskopplung „Closer“ ist ein Ohrwurm allererster Güte und schlägt Katy Perry um Längen. So gibt es viele Songs, die nachhaltig hängen bleiben. Immerhin haben beide Schwestern großartige vokale Qualitäten und verfügen nicht über Pieps-Stimmchen, die man hinter der Elektronik verstecken müsste. So kann man sich endlich mal an einem Dancefloor-Album erfreuen, in welchem der Gesang im Vordergrund steht.

Während die Zwillinge ihre Songs bisher immer strikt getrennt voneinander schrieben, hat man sich auf „Heartthrob“ unterstützt von Multiinstrumentalist Greg Kurstin, Bassist Justin Meldal-Johnsen (Beck, Nine Inch Nails, P!ink) und Producer Mike Elizondo (Dr. Dre, Eminem, Nelly Furtado) erstmalig zum gemeinsamen Co-Writing zusammen gefunden. Das Ergebnis erinnert bisweilen an die spätere Phase von Fleetwood Mac („Goodbye, Goodbye“, „I Was A Fool“) oder an die melodischen Hymnen von P!nk („I’m Not Your Hero“). Textlich sind Tegan and Sara ohnehin über alle süßlichen Plattitüden erhaben. Die Tiefe von „How Come You Don’t Want Me“ erreichen nur wenige im Geschäft.

Fazit? Es verwundert nicht, wenn alte Fans des Duos ihre Enttäuschung offen zeigen, doch man sollte den beiden die Weiterentwicklung einfach zugestehen. Die alten Platten werden dadurch nicht weniger wertvoll. Um „Heartthrob“ zu mögen, muss man mit einem Sound klar kommen, der an Katy Perry, Madonna und Kelly Clarkson erinnert. Wer damit leben kann, bekommt ein intelligentes Popalbum. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.