VIVA VOCE kämpfen ohne Waffen: „Commando a cappella“

VERÖFFENTLICHUNG» 28.09.2012
BEWERTUNG» 8 / 9
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Begonnen haben Viva Voce mal als Coverband, die unter anderem Titel der Wise Guys im Programm hatte. So sind auf ihrem ersten Album aus 2003 auch noch Titel der besagten Kölner Band zu finden. Inzwischen hat sich die Gruppe aus Franken, die 1998 von Mitgliedern des Windsbacher Knabenchores gegründet wurde, aber beachtlich weiter entwickelt. Schon das Album „Singsucht“ (2006) war ein wichtiger Schritt und gehört immer noch zu meinen Favoriten. Mit diesem Werk hatte sich das Quintett aus Ansbach endgültig in der Szene etabliert und galt neben den Wise Guys und Basta als Hoffnungsträger der A-cappella-Szene.

Kurz gesagt: Sie sind dieser Rolle gerecht geworden – wenn auch der Plattenvertrag noch auf sich warten lässt. Wer Viva Voce einmal live erlebt hat, wird die Show nicht mehr vergessen. Das ist ihre große Stärke. Sie nehmen die Bühne ein, mit parodistischen Elementen, immer in Bewegung, frisch und unverbraucht. Die musikalische Perfektion begeistert alle Zuschauer. Und immer stärker wurden mit der Zeit eigene Songs ins Programm integriert.

Jetzt ist es Zeit für den nächsten Schritt: Die CD „Commando a cappella“ enthält ausschließlich Songs, die für Viva Voce geschrieben wurden. Und so startet eine nur mit Stimmen erzeugte Reise durch die Gegenwart, die allerlei Themen auf meist humorvolle Art aufgreift. Niveaulose Labertaschen bekommen in „SmalltalkChecker“ ihr Fett weg, „Gefällt mir“ widmet sich der Web-2.0-Generation und „OP am Beat“ beweist, dass man auch ein Techno-Thema a cappella umsetzen kann.

Sozialkritisch wird es in „Sand im Getriebe“, das sich der aktuellen Fernsehlandschaft widmet und für das gar Marcel Reich-Ranicki selbst einen O-Ton zur Verfügung stellte. Mir gefällt vor allem der verhinderte Lovesong „Umzugshelfer“, der sich mit denn doch so unterschiedlichen Ideen von Freundschaft bei Mann und Frau auseinander setzt und zum Schmunzeln einlädt. Auf Viva Voces neuer CD stimmt alles. Die Arrangements sind hervorragend – man fragt sich vor allem in den Begleitstimmen oft, ob nicht doch irgendwo ein Instrument versteckt ist. Stimmlich sind die Fünf von Bass Heiko bis Tenor David perfekt austariert und Neuling MaTe entfacht zudem neue Frische. Ja, man hört den Stücken gerne zu, auch wenn keine bekannten Melodien mit dabei sind. Nach 3-4 Durchläufen sind sie ohnehin im Ohr und man freut sich auf die kommende Liveumsetzung.

Eins will ich aber nicht unerwähnt lassen: Viva Voces größte Stärke sind die Balladen! Früher war da zum Beispiel Grönemeyers „Halt mich“ ganz vorne. Doch sie können das auch selbst: An „Der Gedanke“ kann ich mich gar nicht satt hören. Der Song erzeugt pure Gänsehaut – textlich und emotional. Für „Liebeslied“ wurde eine Textidee von Rilke zu einem verzweifelten Aufschrei harmonisch verfeinert. Und „Herz“ schließlich beendet das Album hart an der Grenze zum Kitsch. Doch keine Sorge, die Grenze wird nicht überschritten.

Es macht einfach Laune, den jungen Sängern zuzuhören. Die Zeiten als A-cappella-Boygroup sind zwar vorbei (sowas wächst sich aus), doch die reiferen Viva Voce gefallen noch um einiges besser. Mit diesem Album brauchen sie sich nicht vor den Chartbreakern aus Köln zu verstecken. Und ich bin schon äußert gespannt darauf, was das Live-Programm „Commando a cappella“ zu bieten hat.