Wiederauferstehung einer Legende: Jimi Hendrix‘ „People, Hell And Angels“

VERÖFFENTLICHUNG» 01.03.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Jimi Hendrix gehört zum berühmten „Club 27“. Damit ist eine Gruppe von Musikern gemeint, die alle im Alter von 27 Jahren starben. Neben Hendrix gehören Brian Jones, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain zu deren prominentesten Mitgliedern. Zeit seines Lebens galt Jimi Hendrix als einer der bedeutendsten, weil innovativsten Gitarristen weltweit und hat bis heute Generationen nach ihm inspiriert. Am 27. November 2012 wäre er 70 Jahre alt geworden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern, wie etwa Bob Dylan oder den Beatles, hat Jimi Hendrix die Rechte an seinem Songkatalog nie abgetreten. Sein umfangreiches Erbe wird von der Experience Hendrix LLC mit viel Bedacht verwaltet, die sein Archiv nicht hemmungslos ausschlachtet, sondern ihm mit sorgfältig ausgewählten Zusammenstellungen ein ehrendes Andenken bewahrt. Die nächste Veröffentlichung dieser Art heißt „People, Hell And Angels“ und wirft einen spannenden Blick auf Hendrix‘ Schaffen in den Jahren von 1968 bis 1970. In dieser Phase war er vor allem auf der Suche nach anderen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Während seine Jimi Hendrix Experience mit gleich zwei Alben in den US Top Ten platziert war, arbeitete der Meister hinter den Kulissen mit alten Freunden und unterschiedlichen Besetzungen an neuen Songs. Dazu gehörten insbesondere Stephen Stills von Buffalo Springfield, Schlagzeuger Buddy Miles, der Bassist Billy Cox sowie sein vorübergehendes Ensemble Gypsy Sun & Rainbows.

Zwölf bislang unveröffentlichte Stücke lang zeigt „People, Hell And Angels“ mit welcher Experimentierfreude die Musiker ans Werk gingen. Sie probierten ungewohnte Sounds und Stilrichtungen aus, wobei viele für Hendrix eher untypische Instrumente zum Einsatz kamen: Bläser, Keyboards, Percussion… ja sogar eine zweite Gitarre. Die vorliegende Auswahl beginnt mit „Earth Blues“, einer kompletten Neueinspielung des bereits auf dem „Rainbow Bridge“-Album von 1971 vertretenen Tracks. Natürlich werden die insgesamt knapp 53 Minuten auf „People, Hell And Angels“ vornehmlich von Hendrix‘ Gitarrenspiel dominiert. Wäre aber ja auch komisch wenn nicht.

Trotzdem lässt er seinen Mitstreitern ausreichend Raum um ebenfalls zu glänzen. Allen voran dem Saxophonisten Lonnie Youngblood, der sich bei „Let Me Move You“ mit Hendrix in einen fast siebenminütigen Rock’n’Roll-Rausch steigert. Ganz gross! „Hear My Train A Comin'“ bietet hingegen elektrifizierenden Blues, während das atemberaubende „Bleeding Heart“ Hendrix‘ seltsam zurückgezogene Art des Gesangs unterstreicht. Dummerweise faded der Song ein bißchen plötzlich aus. „Izabella“, das übrigens beim legendären Woodstock-Festival seine Live-Premiere feierte, ist hier in einer frühen Studiofassung zu hören, die sich noch deutlich von der 1970 erschienenen Single mit Gypsy Sun & Rainbows unterscheidet.

Ein weiterer Höhepunkt auf „People, Hell And Angels“ ist das sensationelle Instrumental „Easy Blues“. Im Vergleich zur Wiederveröffentlichung von „Nine To The Universe“ dauert es mit sechs Minuten fast doppelt so lange. Fein! Das zweite Instrumental „Inside Out“ kann da nicht ganz mithalten. Auch „Crash Landing“ schleppt sich etwas dahin. Zumindest ist das Stück als Originalaufnahme zu hören und nicht mit dem namengebenden Titel eines Albums zu verwechseln, das 1975 erschien und auf dem Hendrix‘ Songs posthum von diversen Studiomusikern mit Overdubs versehen wurden.

Bleiben das Wah-Wah getränkte „Somewhere“ und das tieftraurige „Hey Gypsy Boy“. Beendet wird „People, Hell And Angels“ von „Mojo Man“, einem rockigen R&B, bei dem Albert und Arthur Allen von den Ghetto Fighters als Sänger fungieren, und schließlich von „Villanova Junction Blues“, dessen Aufnahme nie fertiggestellt wurde und deshalb nur ausschnittweise zu hören ist. Abgerundet wird das Ganze durch ein 24-seitiges Booklet mit einigen raren Fotos und ausführlichen Liner-Notes zu jedem Song. Jimi’s Schwester Janie Hendrix, John McDermott und Eddie Kramer, der schon alle regulären Hendrix-Alben abmischte, haben das Album koproduziert. Seitdem er 1997 wieder zum Hendrix-Team stieß, überwacht Kramer alle Releases der Experience Hendrix LLC.

Bei „People, Hell And Angels“ hat er gute Arbeit geleistet. Das Album zeigt sehr deutlich, dass Jimi Hendrix mit dem als Nachfolger für „Electric Ladyland“ geplanten Doppelalbum „First Rays Of The New Rising Sun“ einen Stilwechsel vollziehen wollte, zu dem es ja bekanntlich leider nicht mehr kam. Puristen werden an „People, Hell And Angels“ ihre Freude haben. Jimi Hendrix entlockte seinem Instrument Melodiefolgen, von denen andere Gitarristen gar nicht wussten, dass sie existieren könnten. Welche Wertung gibt man einer solchen Legende? Genau!