Wingenfelder – Selbstauslöser: Die einmalige Reunion von Fury ist Geschichte. Kai und Thorsten machen mit neuem Album weiter

VERÖFFENTLICHUNG» 23.08.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Mit der Namensgebung hatten die Wingenfelder-Brüder nach dem Ende von Fury in the Slaughterhouse noch Probleme. Zunächst waren sie ohnehin getrennt voneinander unterwegs. Kai veröffentlichte das Album „Alone“ im typischen Fury-Sound und mit englischen Texten, Thorsten allerdings wagte sich auf das gefährliche Feld der deutschen Musik und legte mit „360° Heimat“ ein wahres Meisterwerk hin. Beide waren nur mäßig erfolgreich und so beschloss man 2011, die deutlich vorhandenen Qualitäten wieder zusammen zu schmeißen und als wingenfelder:Wingenfelder ein gemeinsames Album zu veröffentlichen. Es wurde gleich ein Doppelalbum draus, das letztendlich in zwei Teilen erschien. „Besser zu zweit“ war ein deutschsprachiges Album, dessen Texte die Herzen der Zuhörer im Sturm einnahmen, „Off The Record“ enthielt vermehrt englische Titel und wurde quasi als Bonbon nachgelegt.

Wenn man nun die Konzerte der beiden besuchte, kristallisierte sich folgendes heraus: Eigene neue Stücke mit deutschen Texten und dazu die Fury-Klassiker auf Englisch gesungen. So wurde ein Schuh draus und das Publikum ging äußerst befriedigt nach Hause. Kein Wunder also, dass das zweite (oder wenn man so will: dritte) Album mit dem Titel „Selbstauslöser“ wieder komplett muttersprachlich gehalten ist. Hier haben die Wingenfelders ihre Heimat gefunden. Daran ändert auch die kurzzeitige Jubiläums-Reunion von Fury in the Slaughterhouse nichts. Nur die Namensgebung musste nochmal geändert werden. Diese grafisch zwar wertvolle aber im täglichen Umgang doch recht komplizierte Idee mit Doppelpunkt, großem W und kleinem w wich jetzt der denkbar einfachsten Variante: Wingenfelder.

56 Minuten dauert das neue Album. Von der Schaffenskrise der späten Fury-Jahre sind die beiden weit entfernt. Vorbote war der Track „Klassenfahrt“, der die Gedanken der mittleren Generation auf den Punkt bringt. Es sind die Jahrzehnte, in denen man auf die Jugend zurück blickt und alles verklärt sehnsuchtsvoll betrachtet. Die in dieser Ballade verwendeten Textzeilen können wohl viele Hörer unterschreiben. „Weißt du noch, damals… “ Wenn ich jetzt von plötzlich auftretenden Tränen in den Augen rede, ist das kein blödes Klischee.

Doch es ist nicht alles melancholisch gehalten. Der Opener „Petra Pan“ fällt nicht nur durch seine ungewöhnliche Titelgebung auf. Es ist ein starker, euphorischer Rocksong, der mitreißen will und die Menschen zur Bewegung aufruft. Die Mischung aus rockigem Fury-Sound und elektronischen Einsprengseln harmoniert dabei ganz fantastisch – das zeigen auch kraftvoll arrangierte Stücke wie „O.K. “ und „Mensch Paul“.

Wingenfelder lassen die Tradition des Geschichten-Erzählens wieder aufleben. „Zu wahr um schön zu sein“ ist eine gradlinig erzählte Story mit sozialkritischem Hintergrund. Dazu folkige Gitarrenklänge – ein wundervoll stimmiger Song. Solch atmosphärische Bilder malen auch „Neuer Tag“ und „Oben am Wendehammer“. Weitere Beispiele wird jeder für sich selbst finden.

Kai und Thorsten verzaubern ihre Zuhörer mit einer Mischung aus Melancholie und Rock. Damit bewegen sie sich zielsicher in eine Richtung, wie es Revolverheld vielleicht für die etwas jüngere Generation tun. Das Album von Wingenfelder ist für Fury-Fans wie nach Hause kommen. Vertraute Klänge, vertraute Stimmen – und seltsamerweise hat man das Gefühl, als hätten die beiden schon immer in deutscher Sprache gesungen. Diesen Weg können die Wingenfelders gerne noch lange weiter gehen. Ich zumindest kann gar nicht genug davon bekommen.