Zwischen Genie und Wahnsinn: Helge Schneider „Sommer, Sonne, Kaktus!“

VERÖFFENTLICHUNG» 09.08.2013
BEWERTUNG» 6 / 9
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Schon 1991 veröffentlichte Helge Schneider ein Album, das „Seine größten Erfolge“ hieß. Damals hatte er nicht nur ein gesundes Selbstbewusstsein, sondern auch erst vier Jahre als Solokünstler auf dem Buckel. Inzwischen hätte eine Retrospektive dieses Titels durchaus ihre Daseinsberechtigung. „Die singende Herrentorte“ (Selbstbeschreibung) ist spätestens seit „Katzeklo“ der Inbegriff dafür, wie nah Genie und Wahnsinn manchmal beieinander liegen. Doch Helge Schneider als exzentrisch zu bezeichnen, würde ihm persönlich wahrscheinlich schmeicheln, dem Künstler jedoch in keinster Weise gerecht. Schneider ist Sänger, Schauspieler, Buchautor, Film- und Theaterregisseur in einer Person, vor allem aber ein begnadeter Multiinstrumentalist. Und nicht zuletzt ein Meister der (Bühnen-)Improvisation. Nach mehr als sechs Jahren Pause meldet er sich jetzt mit „Sommer, Sonne, Kaktus!“ und seinem neuen Film „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ zurück, der im Oktober Kinopremiere feiert.

Vor fast einem Jahrzehnt kam Helge Schneider schon einmal „Out Of Kaktus!“, diesmal jagt er neben zehn eigenen Songs noch vier Coverversionen durch den Fluxkompensator und nagelt sie als Trophäen an die spitzen Dornen seiner bevorzugten Wüstenfrucht: Die Jerry Jeff Walker-Nummer „Mr. Bojangles“, „Love For Sale“ von Cole Porter, George Gershwins „It Ain’t Necessarily So“ und Judy Garlands Hit „Somewhere Over The Rainbow“. Vor lauter Rührung hat er beim Singen Wasser im Zahn. Überhaupt scheint Helge Schneider die vergangenen sechs Jahre hauptsächlich in Englischkursen an der Volkshochschule Mülheim verbracht zu haben. Leider berauben ihn Stücke wie die (unfreiwillige?) Tom Waits-Parodie „Drinking Blues“ oder „To Be A Man“ seines Wortwitzes, der bekanntlich mindestens ebenso verschroben wie einzigartig ist. Soweit der Wahnsinn.

Genial ist hingegen der Titelsong „Sommer, Sonne, Kaktus!“, der sich tatsächlich zu einem ähnlichen Kultsong entwickeln könnte wie das legendäre „Katzeklo“. Schneider hat ihn in seiner spanischen Hütte aufgenommen und sich dabei von „Blauer Himmel, gute Laune and the beautiful girl auf’m Schoß“ inspirieren lassen. Aus eigener Erfahrung warne ich davor das Stück beim Autofahren zu hören, denn die Lachtränen beeinträchtigen das Sichtfeld doch erheblich. In „Nachtigall, hey (Es zittert unser Haus, was ist nur draußen los?)“ verwurstet er die PSY-Eintagsfliege „Gangnam Style“. „Offenes Hemd“ erzählt von einer heißblütigen Urlaubsbekanntschaft namens Jutta und „Scrubble Di Bubble“ ist einfach Schneider’scher Schwachsinn erster Güte. Da muss er selbst lachen. Musikalisch bewegt sich der fast 58-Jährige auf „Sommer, Sonne, Kaktus!“ zwischen Jazz, Blues und irgendetwas anderem, für das es noch keinen Namen gibt. Traditionell spielt er alle Instrumente eigenhändig (das Saxophon ist göttlich), lediglich den Gesang hat er nachbearbeitet, weil der „zu laut für meine Nachbarn in Spanien“ gewesen wäre.

Ob das Album nun letztlich mehr Genie oder mehr Wahnsinn ist, überlasse ich eurem guten Geschmack und entscheide mich für eine Wertung in der Mitte. Zumindest ist es laut Helge Schneider trotz seines sommerlichen Titels „ganzjährig spielbar“. Die Deluxe Edition beinhaltet übrigens zusätzlich zur CD noch eine DVD, die neben diversen Videos auch die exklusive Session „Unplugged aus Mülheim“ enthält.

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