Peter Gabriel „Live In Athens 1987“ endlich auf Blu-Ray und Doppel-DVD!

VERÖFFENTLICHUNG» 13.09.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Peter Gabriel muss man nicht mehr vorstellen. Er hat bis 1975 als Frontmann von Genesis und danach als Solo-Künstler so viele Meilensteine hinterlassen, um damit eine ganze Stadt zu bauen. 1986 wurde er mit seinem fünften Album „So“ endgültig zur lebenden Legende. Auf der folgenden „This Way Up“-Tour spielte Peter Gabriel zum Abschluß fünf Abende hintereinander im Open Air-Theater Lycabettus, oberhalb der griechischen Hauptstadt Athen. Die letzten drei Konzerte waren die ersten, für die er seine Dreherlaubnis gab. Diese Aufnahmen erschienen bereits 1990 als VHS-Video unter dem Titel „P.O.V.“, eine Abkürzung für „Point Of View“, was auf die etwas eigenwillige filmische Umsetzung hindeutet. Das Bühnengeschehen wurde darauf mit Zusatzmaterial, teilweise privaten Super 8-Filmen, angereichert. Trotzdem oder gerade deswegen blieb „P.O.V.“ bis heute ein absoluter Fan-Liebling, ist offiziell aber inzwischen nicht mehr erhältlich. Es war also höchste Zeit für eine Neuauflage.

Jetzt ist es endlich soweit. „Live In Athens“ bietet die Konzerte vom 7., 8. und 9. Oktober 1987 in einer remasterten Version als Blu-Ray und Doppel-DVD. Zwar ohne das bei „P.O.V.“ noch verwendete zusätzliche Material, dafür jedoch mit umfangreichen Bonusfeatures. Insgesamt kommt die Wiederveröffentlichung so auf eine Laufzeit von satten fünfeinhalb Stunden. Zu bemängeln gibt es dabei höchstens, dass die Aufnahmen durch die digitale Nachbearbeitung etwas von ihrem ursprünglichen Charme verloren haben und fast schon zu perfekt klingen. Doch das mag letztlich nur die eingefleischten Puristen unter den Peter Gabriel-Fans stören.

Auch sie werden aber sicherlich zu schätzen wissen, dass sich der Betrachter hier quasi mitten im Herzen des Treibens befindet, beginnend mit der synchronen Band-Performance von „This Is The Picture“ im „Miami Vice“-Look. Wer möchte kann sich vorher noch den von Gabriel persönlich angesagten Auftritt des Openers Youssou N’Dour und Le Super Etoile de Dakar anschauen, der auf „Live In Athens 1987“ zum ersten Mal überhaupt dokumentiert ist. Danach versinkt der Zuschauer geradezu in der Musik und wird von der fabelhaften Homogenität einer Band gefesselt, die bereits seit langem auf Tournee und entsprechend eingespielt war. Dazu gehörten Manu Katché am Schlagzeug, Keyboarder David Sancious sowie die unverwüstlichen Tony Levin am Bass und Gitarrist David Rhodes. Peter Gabriel wirbelt, tanzt, rennt und kriecht über die Bühne oder „kämpft“ mit den fahrbaren Lichtmasten. Die fein akzentuierte Lightshow ist ohnehin ganz grosses Kino.

Während „Lay Your Hands On Me“ lässt sich Gabriel rückwärts ins Publikum fallen und auf Händen tragen, wobei er seine Jacke einbüßt. Die hat er beim darauffolgenden „Sledgehammer“ plötzlich wieder an, was nicht gerade für den Cutter spricht. Musikalisch zählen die Gänsehautnummern „Mercy Street“, „Don’t Give Up“ und besonders „Biko“ als grandioses Finale zu den Höhepunkten, aber natürlich wird auch die verfremdete Version von „Games Without Frontiers“ ebenso gerne immer wieder genommen wie „Solsbury Hill“, das Prog-Monster „Family And The Fishing Net“ oder „In Your Eyes“, das Youssou N’Dour und seine Band in ein fröhliches Happening verwandeln. Es sind grossartige Eindrücke, die Produzent Martin Scorsese (ja genau der) gesammelt und entgegen der damals vorherrschenden hektischen MTV-Ästhetik in ruhigen Bildern eingefangen hat. Wenn man bedenkt, dass das Konzert 1987 stattfand, dann wirkt das Bühnenequipment fast futuristisch. Aber so wirkte „Mad Max III“ um diese Zeit auch.

Auf der zweiten DVD sind 23 Videos bis ins Jahr 2004 versammelt, angefangen beim anrührenden „Father, Son“. Peter Gabriel hat als Videokünstler bekanntlich neue Maßstäbe gesetzt und dabei mit vielen renommierten Regisseuren (u.a. Sean Penn) zusammengearbeitet. In dieser Reihe finden sich außer den bahnbrechenden Klassikern „Sledgehammer“, „Big Time“ sowie „Digging In The Dirt“, dem Duett mit Sinéad O’Connor bei „Blood Of Eden“ (und Peter Gabriel im Anzug eines DDR-Fernsehmoderators) oder „Don’t Give Up“ gemeinsam mit Kate Bush auch die musikalisch eher bedenklichen „The Barry Williams Show“ und „Growing Up“. Trotzdem ist es ein grosses Vergnügen Peter Gabriel auf seiner Reise durch die Zeit zu folgen, in der MTV noch nicht zu einem Dauerwerbesender für Klingeltöne verkommen war.

Abgerundet wird „Live In Athens 1987“ durch ein informatives Booklet mit vielen Fotos und Bonusmaterial, das diesen Namen auch tatsächlich verdient. Darunter ein Interview mit Peter Gabriel und dem BBC-Moderator Paul Gambaccini von 1986, eine Live-Performance von „Games Without Frontiers“ aus dem Jahr 2004, die Gabriel auf einem Segway balancierend singt, die originalen Promovideos von „Modern Love“ (1977) und dem Instrumental „The Nest That Sailed The Sky“ (2000) sowie die Trailer zu „A Family Portrait“, „Growing Up Live“ und „Secret World Live“ (Review). Für dieses beeindruckende Gesamtpaket kann es am Ende neben einer uneingeschränkten Kaufempfehlung nur eines geben: Die Höchstwertung! Und wem das alles noch nicht reicht, der kann Peter Gabriel im Oktober auf seiner „Back To Front“-Tour noch einmal mit dem 1987er Original-Line-Up des „So“-Albums live erleben. Hier die Termine:

  • 11.10.2013 – Leipzig – Arena
  • 13.10.2013 – Stuttgart – Schleyerhalle
  • 16.10.2013 – Düsseldorf – ISS Dome
  • 18.10.2013 – Hamburg – O2 World
  • 19.10.2013 – Berlin – O2 World