Peter Gabriel, Secret World Live

VERÖFFENTLICHUNG» 13.07.2012
BEWERTUNG» 9 / 9
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Bekannt wurde Peter Gabriel in den frühen 70er Jahren als Gründungsmitglied und Frontmann von Genesis. Nach seinem Ausstieg 1975 startete er eine erfolgreiche Solokarriere. In seinen Videos, etwa in „Sledgehammer“ oder „Big Time“, verwendete er völlig neue Animationen und Spezialeffekte. 1992 erschien sein Album „Us“, dem eine Welttournee folgte, die ebenfalls neue Maßstäbe setzte. Die Show wurde auf einer eckigen und einer runden Bühne aufgeführt, die mittels eines Stegs miteinander verbunden waren, und glänzte mit einigen, für die damalige Zeit ausgefallenen Requisiten.

Am 16. und 17. November 1993 trat Peter Gabriel im Rahmen seiner „Us“-Tour in Modena auf. Der dabei entstandene Film „Secret World Live“ wurde mit einem Grammy Award ausgezeichnet und war lange nur auf VHS und CD erhältlich. 2003 folgte eine erste DVD-Veröffentlichung, jedoch in eher bescheidener Qualität. Nun erscheint „Secret World Live“ erneut auf DVD (sowie parallel als Blu-Ray), zur Freude der Fans allerdings mit der gegenwärtig modernsten Technik restauriert und remastert. Einmal mehr wird deutlich, welch überaus charismatischer Bühnenmusiker Peter Gabriel war und bis heute ist, wovon ich mich zuletzt erst bei seinem Auftritt in der Oberhausener König Pilsener Arena überzeugen konnte. „Secret World Live“ bietet das komplette 16 Songs lange Set aus beiden Abenden.

Die italienischen Fans empfangen Peter Gabriel mit einem Meer aus Feuerzeugen. Gabriel wird zum Opener „Come Talk To Me“ in einer dieser alten englischen Telefonzellen aus dem Boden gefahren. Er singt das Stück im Duett mit Paula Cole, deren wunderbare Stimme ihn noch des öfteren unterstützt, besonders während „Blood Of Eden“. Nachdem er das Publikum in dessen Muttersprache begrüßt hat, künden weiße Dampfsäulen von „Steam“, dem „Across The River“ folgt. Die Band wechselt an das Kopfende des Stegs indem sie mit einem imaginären Boot, an dessen Ruder Peter Gabriel steht, über die Bühne „fährt“. Ein beeindruckendes Bild! In einer Mischung aus La Ola-Welle und Polonaise zelebriert das Sextett „Shaking The Tree“. Sogar der passende Baum fehlt nicht. Gabriel rennt und tänzelt von rechts nach links, von vorne nach hinten und wird dabei erneut von Tausenden Feuerzeugen (keinen Handy-Displays!) illuminiert. So vital ist er heutzutage nicht mehr.

Weitere Höhepunkte der insgesamt 102 Minuten langen Show sind der Klassiker „Solsbury Hill“ oder „Digging In The Dirt“ mit einer am Kopf von Gabriel befestigten Gesichtskamera. Auch zu diesem Song drehte er damals ein aufwändiges Video. Bei „Secret World“ erscheint ein Koffer auf der Bühne, in dem die Musiker nach und nach verschwinden. Peter Gabriel wird von einer Art überdimensionalem UFO verschluckt, aus dem dann alle wieder auftauchen und das tränenfeuchte „Don’t Give Up“ performen. Zum Equipment gehört auch eine Kamera oberhalb der Bühne sowie eine riesige rotierende Leinwand. Auf der Bühne herrscht eine fast schon familiäre Atmosphäre und die Protagonisten haben sichtlich Spass an dem was sie da tun. Jeder Song für sich ist absolut grossartig und die Gänsehaut ein ständiger Begleiter. Der kanadische Theaterregisseur Robert Lepage und Francois Girard als verantwortlicher Regisseur des Films haben all dies wunderbar in Szene gesetzt und ein zeitloses Dokument höchster musikalischer Klasse geschaffen.

Hinzu kommen ein fettes Booklet mit jeder Menge Fotos und vor allem noch einiges an Bonusmaterial. Zum ersten ein 15-minütiges „Behind The Scenes“ inklusive eines Interviews mit Peter Gabriel, in dem er über das ausgefeilte Bühnenkonzept und die Umsetzung der Special Effects spricht. Desweiteren zeigt eine Timelapse vom Set Up in Berlin in drei Minuten den Bühnenaufbau, den Einlaß, das Konzert und den Abbau im Zeitraffer. Schräge Idee! Ebenfalls als Bonus gibt es eine neu restaurierte Foto-Slideshow zur remixten Orchesterversion von „Steam“ und last but not least „The Rhythm Of The Heat“ von der „New Blood: Live In London“-Show 2011. Hier merkt man in Bild und Ton dann doch einen deutlichen Unterschied zum älteren Material von Modena, auch wenn das qualitativ tatsächlich um Längen besser ist als 2003.

Fazit: Peter Gabriel verfügte schon immer über die besondere Fähigkeit, seine Fans in das Treiben auf der Bühne einzubeziehen. Selten zuvor wurde dies besser dokumentiert als auf „Secret World Live“. Und dafür gibt es auch 19 Jahre später noch die Höchstwertung!