Philipp Poisel: Projekt Seerosenteich – Live im Circus Krone

VERÖFFENTLICHUNG» 21.06.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Das Phänomen Philipp Poisel nahm mit dem „Projekt Seerosenteich“ erst so richtig Fahrt auf. Gerade erst zwei Studioalben hatte der Songwriter aus Ludwigsburg auf dem Markt, die zwar erfolgreich waren und für eine treue Fangemeinde sorgten, die aber in den Charts nicht so recht einschlagen wollten. Seine Single-Auskopplungen sind so sanft und so wenig radiotauglich, dass man den Titel „Eiserner Steg“ eher in der Interpretation von Benny Fiedler (The Voice of Germany) als aus seinem Mund kennt. Was macht also den Charme von Poisel aus? Eine ungewöhnliche Stimme, viel Talent an der akustischen Gitarre, ein Händchen für stimmungsvolle Texte und Melodien. All diese Zutaten hatte er zusammen gepackt und in die Waagschale für das Live-Projekt geworfen. Und heraus gekommen sind eine Show und ein Album, die in die deutsche Musikgeschichte eingehen werden.

Bereits 2012 erschien der Mitschnitt aus dem Circus Krone im CD-Format. Jetzt legt Poisel mit der dazugehörigen DVD /BluRay nach. Live betört er vor allem Frauenherzen, steht meist sehr in sich gekehrt auf der Bühne und zeigt bei jeder Gelegenheit seine emotionale Seite. Er ist schon ein sehr skurriler Typ: klein, mit einer oft weinerlichen Stimme. Man versteht ihn auch schlecht – nuschelig, so wie ein junger Grönemeyer. Doch Poisel hat die Menschen, die ihm zuhören, fest im Griff. Man hat immer wieder das Gefühl, dass er eine sehr persönliche Beziehung zu den Zuschauern aufbaut. Dann fallen die nachdenklichen, melancholischen Texte auf. Es geht um Sehnsucht, um schmerzliche Wünsche – schöne Gefühle und hässliche.

Für die Umsetzung auf der Bühne hatte er sich einiges einfallen lassen: Eine orchestrale Besetzung mit Streichquartett inklusive dominantem Kontrabass, Alin Coen als Backgroundsängerin und Duettpartnerin, viele klangvolle Details. Im Hintergrund gab es eine filigrane, kunstfertige Show mit Bildern und Skulpturen. Man hatte in Tübingen Figuren gezimmert, die das Geschehen der Songs illustrieren, Scherenschnitte gebastelt, die nun auf eine Leinwand projiziert wurden. Klar hätte man dies auch maschinell und am PC fertigen können – doch Poisel betont gern das Handgemachte. Und wer die Doku zur Produktion sieht, wird Zeuge des Geschehens und eines Songwriters mit Malerkittel und Laubsäge.

Die Show umfasste in der Regel zwanzig Stücke, die sich bis auf eine Ausnahme auf dem Live-Release wieder finden: „Froh dabei zu sein“ ist nicht enthalten, denn es wurde immer komplett ohne Verstärkung gespielt, d.h. Poisel stellte sich an den Bühnenrand und sang in die ehrfurchtsvoll lauschende Menge. Davon gibt es keine offizielle Aufnahme. Der Konzertfilm „Projekt Seerosenteich“ enthält im Gegensatz zur Live-CD nur 17 Stücke, die zwei fehlenden „Mit jedem deiner Fehler“ und „Zwischen innen und außen“ werden aber als Bonus hinzu gefügt. Eine 15minütige Doku zeigt die Crew um Poisel als eingeschworene Gemeinschaft, die das Flair eines groß angelegten Schultheater-Projekts verbreitet und jedem Mitglied die gleiche Wichtigkeit einräumt. Man würde gerne dazu gehören.

Die DVD fängt das Bühnengeschehen gut ein. Nicht mit übertriebenen technischen Mitteln, sondern so intim, wie es bisweilen war. Die Arrangements sind gegenüber den Studioalben zum Teil deutlich verändert – und wie man auf den aktuellen Sommerkonzerten erleben darf, werden sie wohl auch weiterhin in den neuen Versionen gespielt werden. Philipp Poisel nimmt uns mit auf seine musikalische Reise der leisen Töne und wer mit ihm geht, wird es nicht bereuen.