Selig anno 1996 „Live @ Rockpalast“

VERÖFFENTLICHUNG» 09.11.2012
BEWERTUNG» 8 / 9
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Am 23. Juli 1977 lief die erste Rockpalast-Sendung aus der Essener Grugahalle live in der ARD. Die musikalischen Gäste damals waren Rory Gallagher, Little Feat und Roger McGuinn’s Thunderbyrd. Von Anfang an war der Rockpalast viel mehr als nur eine Fernsehsendung. Er wurde zu einer Institution. Ihm zu Ehren veröffentlicht Sony Music jetzt in Kooperation mit dem KulturSpiegel die 15 DVDs umfassende Serie „Live @ Rockpalast“. Für Sammler gibt es eine limitierte Box, die alle DVDs auf einen Schlag enthält. Darunter bisher unveröffentlichte Konzerte von Silbermond, Nina Hagen, Spliff, Ideal, Dick Brave, Tocotronic und… Selig (der Kollege Andreas Weist hat sich an dieser Stelle noch dreier weiterer Exemplare angenommen).

Mitte der 90er Jahre wurden Selig mit ihrer Musik und ihren kontroversen Texten zum Vorbild zahlreicher weiterer deutschsprachiger Rockbands. Ihre an der Grunge-Ära jener Tage angelehnten Hymnen – die Band selbst nennt ihre Songs lieber „Hippie Metal“ – präsentierten die fünf Hamburger in originellen Videos und intensiven Live-Shows. Nach den Aufnahmen zu ihrem dritten Album „Blender“ von 1997 verließ Sänger Jan Plewka die Band, die sich kurze Zeit später auflöste. Erst 2008 raufte man sich wieder zusammen und veröffentlichte mit „Und Endlich Unendlich“ das bislang erfolgreichste Selig-Album, dem zwei Jahre danach das nicht minder grossartige „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ folgte.

Als Selig am 16.05.1996 im Rahmen des Rockpalastes auf der Berliner Waldbühne auftraten ahnte davon noch niemand etwas. Sechs der insgesamt sieben Stücke des damaligen Abends (nur „Drogendoofe“ fehlt) sind auf der vorliegenden DVD zu finden. Nach einer kurzen Ansage durch den legendären WDR-Moderator Alan Bangs geben Selig schon beim Opener „Kleine Schwester“ alles und das bleibt während ihres gesamten Sets so. Lediglich Drummer Stoppel Eggert trommelt eher stoisch vor sich hin. Die Band – allesamt im schwarzen Anzug – hüpft, springt und hat sichtlich Spass. Besonders Christian Neander lässt immer wieder sein Können an der Gitarre aufblitzen, die er später kurzerhand zerlegt. Höhepunkt der kurzen aber unglaublich energiegeladenen Show ist das schier endlose „High“.

Drei Monate später und bei deutlich wärmeren Temperaturen spielten Selig einen Gig auf dem Bizarre Festival in Köln, von dem auf „Live @ Rockpalast“ der Über-Hit „Ohne Dich“ inklusive Publikumschor zu sehen ist. Jan Plewka sieht 1996 noch deutlich ungesunder aus als heute. Anschließend lauschen wir einem Interview, das er zusammen mit Christian Neander gibt und in dem die beiden über Klamotten, USA-Konzerte, Frisuren oder Vergleiche mit anderen Bands philosophieren. Als weitere Extras gibt es dann noch neun Videos aus den Jahren 1993 bis 1997, vom witzigen „Lass‘ mich rein“ über das anrührende „Bruderlos“ bis hin zum selbstironischen „Popstar“.

Die DVD-Serie setzt dem Rockpalast ein zweifellos würdiges und längst überfälliges Denkmal. Inzwischen ist das Kultprogramm leider zum Nischenprodukt degradiert worden. Schnelllebiges Verblödungsfernsehen ist an seine Stelle getreten, die Quote regiert die Kunst. Selig haben all das überlebt. Am 1. Februar 2013 erscheint ihr neues Album „Magma“.

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