Stone Temple Pilots Alive In The Windy City

VERÖFFENTLICHUNG» 22.06.2012
BEWERTUNG» 7 / 9
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Ihre beste Phase erlebten die Stone Temple Pilots zwischen 1992 und 1996, als sie zur Elite des Grunge gehörten. Das Debüt „Core“ und der Nachfolger „Purple“ begeisterten mit fetten Gitarren und krachenden Classic Rock-Melodien. Ich selbst hatte das Vergnügen, die Band 1994 im Kölner E-Werk in Topform zu sehen. Danach ging es jedoch langsam aber stetig bergab. Sänger Scott Weiland kämpfte zusehends mit seinem übergroßen Ego und verschiedenen bewußtseinserweiternden Substanzen. Ihr letztes Album vor der Auflösung 2003, „Shangri-La Dee Da“, zeigte eine ausgebrannte Band. Sieben Jahre und diverse Solo-Versuche später fand das Quartett dann wieder zusammen und legte mit „Stone Temple Pilots“ ein respektables Comeback-Album hin. Kurz vor dessen Veröffentlichung spielten sie am 27. März 2010 im ausverkauften Riviera Theatre von Chicago. Dieses Konzert erscheint nun unter dem Titel „Alive In The Windy City“ und ist der erste Livemitschnitt der Stone Temple Pilots, der für eine DVD (und Blu-Ray) freigegeben wurde.

Zu sehen gibt es das komplette 18-Song-Set, eine ausgewogene Mischung aus neuen Songs und legendären Klassikern. Die alten Schinken sorgen auch heute noch für eine stabile Gänsehaut, insbesondere das Hammerpaket aus „Creep“, „Plush“ und dem wunderbaren „Interstate Love Song“. Scott Weiland, inzwischen mit kurzen Haaren (und anfangs mit Sonnenbrille), ist eindeutig die Rampensau der Vier. Während „Big Empty“ geht er sogar auf Tuchfühlung mit den Fans in der ersten Reihe. Ansonsten hält sich der Aktionsradius bei den Gebrüdern DeLeo – Dean an der Gitarre und Robert am Bass – sowie Drummer Eric Kretz in relativ engen Grenzen. Einzig Dean DeLeo glänzt mit einigen schicken Soli. Scott Weiland raucht in der Zeit eine Zigarette, offensichtlich ohne verbotene Zusätze. Am Ende von „Wicked Garden“ geben sich die beiden einen Kuss, was für eine gelungene Reunion spricht. Stimmlich ist Weiland ebenfalls gut dabei, auch wenn ihm die Power früherer Tage fehlt und ich den Verdacht nicht los werde, dass an seinem Gesang nachträglich noch etwas herumgebastelt wurde. Natürlich nutzt er dabei immer mal wieder das obligatorische Megaphon („Crackerman“ oder „Dead And Bloated“). Höhepunkt der 77 Minuten langen Show ist sicherlich die tolle Sechs-Minuten-Version von „Lounge Fly“. Die Leinwand im Hintergrund der Bühne sorgt zusätzlich für ein paar nette halluzinogene Farbspielereien. Die Band präsentiert sich insgesamt als sehr druck- und kraftvolle Einheit. Chapeau!

Den imaginären Hut kann man auch vor der schönen Kameraarbeit von Regisseur Chapman Baehler ziehen. Er verzichtet weitestgehend auf allzu hektische Schnitte, mit denen ansonsten viele seiner Kollegen meinen zusätzliche Dynamik erzeugen zu müssen. Wohltuend! Zudem baut er immer wieder Schwenks ins Publikum ein, das des öfteren den Gesangspart von Weiland übernimmt. Als Bonusmaterial gibt es noch ein 15-minütiges, wenig erhellendes Interview mit der gesamten Band. Zumindest fast, denn Eric Kretz sagt während der ganzen Zeit tatsächlich keinen einzigen Ton und langweilt sich sichtlich. Der Rest plaudert relativ sinnfrei über das neue Album, ihr Songwriting, die Musikindustrie, ihre Wiedervereinigung und Bandchemie. Angereichert wird das Ganze durch einige Backstage- und Studioaufnahmen sowie Impressionen der Tour. Da wäre mehr möglich gewesen. Abzüge gibt es darüberhinaus noch für das spartanische Booklet, das außer vier Fotos nichts weiter zu bieten hat.

Dennoch ist „Alive In The Windy City“ ein Kauftipp für alle, die noch einmal in dieses besondere Flair eintauchen wollen, das die Musikwelt Anfang und Mitte der 90er Jahre umwehte. Sie erleben zwar etwas andere Stone Temple Pilots als damals, die Musik jedoch hat sich ihre fesselnde Intensität bis heute bewahrt. Scott Weiland bringt es auf den Punkt: „Uns geht es um Frieden und Liebe. Unsere Musik ist vielleicht heftig und ab und zu auch rabiat. Aber alles in allem geht es doch um Liebesgeschichten und gebrochene Herzen. Und um ewigen Frieden“. Amen!