The Doors, Mr. Mojo Risin‘: The Story Of L.A. Woman

VERÖFFENTLICHUNG» 20.01.2012
BEWERTUNG» 9 / 9
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The Doors The Doors - Mr. Mojo Risin

1971 erschien „L.A. Woman“, das letzte Album der Doors mit Jim Morrison. Wenige Monate nach dessen Veröffentlichung starb der legendäre Frontmann des Quartetts in Paris an Herzversagen (so lautet zumindest die offizielle Todesursache). Bei der Plattenfirma hat man das vierzigjährige Jubiläum des Albums offensichtlich leicht verpennt. Denn erst jetzt wird „L.A. Woman“ mit einer „40th Anniversary Edition“ geehrt. Diese umfasst eine Doppel-CD, die neben dem kompletten Original-Album acht bisher unveröffentlichte Songversionen und das bis heute völlig unbekannte Stück „She Smells So Nice“ enthält. Gleichzeitig erzählt die separat erscheinende DVD (und blu-ray) „Mr. Mojo Risin‘: The Story Of L.A. Woman“ die Geschichte der Kultscheibe, angefangen bei den Umständen, die zu ihrer Entstehung beitrugen, über die Produktionsphase bis hin zum tragischen Tod von Jim Morrison.

Rückblende: 1970 ist das gesellschaftliche Klima in den USA geprägt von sozialen Unruhen und dem immer lauter werdenden Protest gegen den Vietnamkrieg. Innerhalb weniger Wochen sterben mit Janis Joplin und Jimi Hendrix zwei wichtige Identifikationsfiguren einer Generation, die sich mehr und mehr gegen das politische Establishment auflehnt. Beide werden übrigens – ebenso wie Morrison – nur 27 Jahre alt. The Doors gelten plötzlich als Speerspitze im Ruf all der Unzufriedenen nach Veränderung und geraten zunehmend in den Radar der staatlichen Autoritäten. Bei einem Konzert in Miami wird Jim Morrison schließlich auf der Bühne verhaftet und angeklagt. Alle übrigen Tourtermine müssen daraufhin abgesagt werden. Frustriert beschließt die Band sich ins Studio zurückzuziehen und an ihrem sechsten Album zu arbeiten – „L.A. Woman“.

Der Anfang gestaltet sich schwierig. Ihr Produzent Paul Rothschild bricht die Aufnahmen nach kurzer Zeit ab und wirft das Handtuch. The Doors nehmen das Album stattdessen in Eigenregie und mithilfe des Toningenieurs Bruce Botnick auf und erschaffen ein Meisterwerk, das solche Meilensteine wie „Love Her Madly“, „Hyacinth House“, „Riders On The Storm“ und natürlich „L.A. Woman“ hervorbringt. Im Titelsong singt Jim Morrison gegen Ende „Mr. Mojo risin'“. Dies ist ein Anagramm seines Vor- und Nachnamens und erklärt auch den Titel der DVD. Die insgesamt zehn Stücke werden grösstenteils live eingespielt und sind nach nur vier Tagen im Kasten.

In seinem gut einstündigen Hauptteil lässt „Mr. Mojo Risin‘: The Story Of L.A. Woman“ all diese Ereignisse noch einmal Revue passieren. Dafür kommen in ausführlichen Interviews die drei Überlebenden der Doors zu Wort: Schlagzeuger John Densmore, Gitarrist Robby Krieger sowie Keyboarder Ray Manzarek. Daneben gibt es Beiträge von Jac Holzman, dem Gründer des Labels Elektra Records, des ehemaligen Doors-Managers Bill Siddons, von Paul Rothschild, Bruce Botnick oder anderen mehr oder minder unmittelbar Beteiligten wie Jim Ladd (DJ bei Klos Radio), David Fricke (Rolling Stone Magazine) oder dem Journalisten Ben Fong-Torres. Sie kramen tief in der Erinnerungskiste und zeichnen ein überaus spannendes Bild der Begleitumstände von „L.A. Woman“ im allgemeinen und der zerrissenen Persönlichkeit Jim Morrisons im speziellen. Aufgelockert immer wieder durch Archivaufnahmen der Doors auf der Bühne und im Studio.

Das 45-minütige Bonusmaterial umfasst zusätzliche Interviews mit John Densmore und Ray Manzarek, wobei es absolut faszinierend ist, den beiden dabei zuzuschauen, wie sie die alten Songs auf ihren Instrumenten wieder zum Leben erwecken. Ferner gibt es einen „Doors Guide Through L.A.“, der uns an Orte wie das Aufnahmestudio am Sunset Boulevard, Morrisons letztes Zuhause in der Norton Street oder zurück zum Venice Beach führt, wo sich The Doors 1965 gründeten. Die Einzigartigkeit ihrer Live-Auftritte sowie Morrisons exzentrische Bühnenshows werden in einem eigenen Kapitel ergründet, bevor die DVD mit einer Studioperformance von „Crawling King Snake“ (komponiert von John Lee Hooker) und dem bislang verschollenen „She Smells So Nice“ ausklingt. Ein sehr bluesiges Stück, welches aus den Doors-typischen Brüchen, Tempowechseln und Improvisationsparts besteht, zu Beginn schnell vorwärtstreibend, zum Schluss schmerzvoll und schwermütig. Fast wie ein klanggewordenes Abziehbild der Karriere dieser Band und ihres charismatischen Sängers.

Im April 1973 lösten sich The Doors offiziell auf. Als erste Band überhaupt verbuchten sie acht Platinalben in Folge und zogen 1993 in die Rock’n’Roll Hall Of Fame ein. Ihre Geschichte wurde gleich zweimal verfilmt: 1991 von Oliver Stone („The Doors“) und 2010 von Tom DiCillo („When You’re Strange“). „L.A. Woman“ war ihr Schwanengesang, doch auch 40 Jahre danach hat ihr musikalisches Vermächtnis nichts von seiner Bedeutung verloren.