Big in China: Interview mit Reptile Youth in Köln

Big in China: Interview mit Reptile Youth in Köln
DATUM» 20.11.2012
ARTIST»
VENUE»

Zufall oder Schicksal? Die  Anfänge der Indie-Shooting-Stars Reptile Youth sind durch eine Aneinanderreihung außergewöhnlicher  Begebenheiten geprägt. Bereits vor dem Erscheinen Ihres ersten Album tourte das dänische Elektropunkrock-Duo durch Asien und trieb mit wilden Konzertvideos die Klickzahlen auf Youtube in die Höhe – ohne auch nur einen einzigen Song veröffentlicht zu haben.  Es folgte eine Reihe spektakulärer Festival-Auftritte  in Europa und die Veröffentlichung des gleichnamigen Albums „Reptile Youth“ im September. Kaum ein anderes Indie-Debütalbum wurde in diesem Jahr so heiß erwartet. Wie es zu ihrem ungewöhnlichen Karrierestart kam, erzählten uns die beiden sympathischen Dänen vor ihrem Auftritt in Köln.

Big in China: Interview mit Reptile Youth in Köln

„Unser erstes Konzert haben wir in Dänemark gegeben, das Publikum bestand eigentlich nur aus Freunden“, erinnert sich Leadsänger und Songwriter Mads Damsgaard Kristiansen. „Wir hatten zu diesem Zeitpunkt vielleicht acht eigene Songs und wollten einfach mal wissen, wie unsere Musik ankommt.“

Wer live oder auf Youtube einen Auftritt des Duos gesehen hat, kann sich den Effekt vorstellen: Songs wie „Speeddance“ oder „Heart Blood Beat“ sind explosive Energiebomben, und Mads ist die Art von Leadsinger, der schon nach zwei Akkorden ins Publikum springt, sich völlig verausgabt und die Zuschauer aus der passiven Beobachterrolle mitten rein ins Geschehen holt und zu einem Teil des Phänomens macht. Bassist und Elektro-Nerd Esben Valløe sorgt mit feinsten Effekten, treibenden Synthie-Beats und kraftvollen  für intensiven Hörgenuss. Ein Reptile Youth-Konzert ist ein ekstatisches Ereignis.

Kurz nach dem ersten Konzert in Dänemark reisten die beiden Freunde nach Shanghai und organisierten dort selbst einen Auftritt. Zufall, die erste: Ein bekannter chinesischer Booker hörte die beiden und engagierte sie vom Fleck weg für eine Asien-Tour. Eine einzigartige Erfahrung: „Nach der Öffnung Chinas saugen die Menschen dort jede Art von Musik auf. Nicht nur aktuelle Künstler und Bands, sondern gleichzeitig auch deren Einflüsse – Beatles, Rolling Stones – strömen gleichzeitig auf die Bevölkerung ein. Das Publikum ist vielleicht auch deshalb ein wenig aufgeschlossener und hat andere Erwartungen“, erzählt Mads. „ Die Menschen in Asien sind nicht so vorsichtig und zurückhaltend, wie man vielleicht meinen würde“, fügt Esben hinzu. Die intensiven und wahnwitzigen Live-Shows des Elektropunk/Crossover-Duos dürften nachhaltigen Einfluss haben.

Nun sind sie zurück in der westlichen Hemisphäre, und ihr Ruf eilt ihnen voraus. Hatten die Jungs von Reptile Youth Angst, diesen hohen Erwartungen mit ihrem Debüt-Album nicht gerecht zu werden? „Ja, definitiv“, antworten beide prompt. „Aber dieser Druck ist nun weg.“ Die Reaktionen von Publikum und Kritik sind durchweg positiv. Zu verdanken ist dies sicherlich auch David M. Allen, der unter anderem in den 80ern The Cure produzierte. Wie kommt eine unbekannte Zwei-Mann-Band an einen so berühmten Producer? Auch hier kommt wieder  Zufall – oder Schicksal – ins Spiel.

„Wir hatten einen Auftritt in Island und lernten dort einen Deutschen kennen, einen ziemlich ausgeflippten Typ“, erzählt Mads. „Einige Zeit später waren wir zu Gast in einer Radioshow in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt waren wir auf der Suche nach einem Produzenten für unser erstes Album.  Die Radiomoderatorin sagte uns, wir sollten unbedingt mal mit einem bestimmten Typen sprechen – der könne uns auf jeden Fall weiterhelfen.“

Big in China: Interview mit Reptile Youth in Köln

Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eben jenen verrückten Deutschen, den die beiden in Island kennengelernt hatten. „´Dave Allen, der ist genau der Richtige für euch´, sagte er uns am Telefon“, erinnert sich Esben. Ein Anruf später hatten Reptile Youth den Producer für ihr gleichnamiges Debütalbum gewonnen.

„Bei uns hat sich immer alles irgendwie gefügt und ganz natürlich entwickelt“, stellen beide fest. Ein Leben außerhalb der Musik kann sich Mads nicht vorstellen. „Ich wusste immer, dass ich Musik machen würde.“ Esben wäre Lehrer geworden, wenn es mit der Musikkarriere nicht funktioniert hätte. Er kann sich auch gut verstellen, nach dem dritten Album eine Auszeit zu nehmen und weitere künstlerische Projekte anzugehen. „Glaubst du, dass du dein ganzes Leben lang Musik machen wirst?“ fragt Mads seinen Bandkollegen Esben direkt. Esben überlegt, lange. „Ich kann mir auch vorstellen, irgendwann in einem Farmhäuschen zu leben, alles selbst anzupflanzen und Kunst zu machen.“

Derr Poet und der Nerd:  Während Musik-Geek Esben mit Sound und Effekten experimentiert, stammen alle Texte aus der Feder von Mads. Dabei ergänzen sich die beiden auf wunderbare Weise. „Alle Texte basieren auf meinen Gefühlen, Ängsten oder Erlebnissen“, sagt Mads. In seinem Lieblingssong, dem melodisch-intensiven und dennoch hoffnungsvollen „Black Swan Born White“, geht es um Depressionen und die Befreiung daraus. Esbens liebster Song ist „HeartBlood Beat“- weil man auf den Bass so gut abgehen kann.

Was bringt die Zukunft für Reptile Youth? „Gleich nach der Tour Ende des Jahres werden wir weiter an unserem zweiten Album arbeiten. Einen Großteil der Songs dafür haben wir schon fertig“, sagt Esben.

Zufall, Schicksal, egal: Reptile Youth sind in jeder Hinsicht großartig, und das Universum ist ihnen zu recht wohl gesonnen. Wenn Talent, Charisma und eine echte Liebe der Musik und dem Publikum gegenüber zum Erfolg führen, dann ist die Welt auf jeden Fall noch irgendwie in Ordnung.