„Hallo, hier spricht Herman Van Veen“… über Deutschland, das Verliebtsein und „Für einen Kuss von Dir“

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DATUM» 13.10.2012
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Mit leisen Tönen und geistreichen, rätselhaften, lustigen und verrückten Worten verzückt Herman van Veen sein Publikum seit vier Jahrzehnten auch in Deutschland. Wie kaum ein anderer hat sich der niederländische Ausnahmekünstler einen festen Platz in der europäischen Kulturlandschaft erobert. Herman van Veen berührt jeden, der jemals mit ihm in Berührung gekommen ist. Er singt Lieder von der Liebe, ohne kitschig zu sein. Er bedient sich feiner Ironie, selbstironischer Heiterkeit und erzählt tragikomische Geschichten, die das Publikum in einen Zustand nachdenklicher Heiterkeit versetzen. Er ist ein scharfer Beobachter und vorsichtiger Erzähler, dessen Themen sich, wie er selbst sagt, auf die Begriffe „Baum – Haus – Straße – Papa – Mama – Mann – Frau“ herunterbrechen lassen. Herman van Veen ist in seinem Genre vollkommen einzigartig. Die Kreativität des Musikers, Clowns, Kabarettisten, Komponisten, Poeten und Malers scheint schier unerschöpflich.

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Ende September ist sein neues Album „Für einen Kuss von Dir“ erschienen (hier findet ihr unser Review) und mit diesem Programm ist er aktuell zum zehnten Mal in seiner Karriere auf Deutschland-Tour. Im folgenden Interview gibt er gutgelaunt Auskunft über sich, sein Album, das Verliebtsein oder sein Verhältnis zu Deutschland. Aber erstmal überlassen wir es ihm sich vorzustellen…

Herman Van Veen: Hallo, hier spricht Herman van Veen mit einem „n“. Ich bin ein Mann, ich bin ein Holländer, ich bin 67 Jahre alt, 1945 geboren und ich bin Musikant. Ich singe und schreibe, nebenbei male ich auch. Ich reise mit meinen Liedern durch die Welt. Hier in Deutschland, wo wir jetzt sind, weil wir auf eine neue Tournee gehen, ist gerade meine neue CD erschienen. Sie heißt „Für einen Kuss von Dir“. Auf dieser CD gibt es nur Sachen, die ich erlebt habe. Die habe ich mir nicht ausgedacht, die habe ich nicht fantasiert, es sind autobiografische Lieder. Die singe ich mit sehr jungen Musikanten und ein paar alten Freunden und ich bin sicher, wenn Sie das Ding kaufen, dann genießen Sie fünfzig Minuten Jemanden.

Für wen haben Sie den Titelsong Ihres neuen Albums „“Für einen Kuss von Dir““ geschrieben?

Herman van Veen: ‚“Für einen Kuss von Dir auf der Spitze meiner Nase“,’ –das ist ein Liebeslied für meine Enkelsöhne. Ich würde doch nie eine CD mit dem Titel „Für einen Kuss von Dir“ machen, die mit Mann und Frau zu tun hätte. Das kann man doch nicht. Das wäre doch unpassend. Aber meine Enkelsöhne sind eine der größten Überraschungen in meinem Leben. Diese zwei Elfen. Da ist mein Vater wieder, da ist meine Mutter wieder, da ist meine Tochter wieder, da ist mein Sohn wieder, da bin ich wieder, da ist meine Frau wieder. In einer anderen Gestalt. In Elfen, die alles schon genetisch haben, was wir durchleben. Phänomenal!

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„Man objektiviert. Man tut nichts anderes als objektivieren. Und dadurch wird es subjektiv“ (Foto: Peter Thomsen)

Ist das Verliebtsein Ihre Motivation dafür, mit 67 Jahren noch neue Alben aufzunehmen und auf Tournee zu gehen?

Herman van Veen: Wenn man verliebt ist, sieht man etwas oder jemanden immer mit neuen Augen. Du staunst. Sie steht auf, er steht auf, whatever mit wem du bist und dann: Wow, ist der schön! Wow, ist die lieb! Und das ist eigentlich das, was wir tun. Man objektiviert. Man tut nichts anderes als objektivieren. Und dadurch wird es subjektiv. Aber wir subjektivieren nicht auf einer Bühne. Wir singen so wie es ist. So dass du deine Geschichte sehen kannst.

Worin verlieben Sie sich mit 67 Jahren nach wie vor leicht?

Herman van Veen: Immer wenn ich Bach höre, egal was es ist, verliebe ich mich wieder in diesen Komponisten. Dann denke ich: Wow, bist du ein Typ. „Guten Morgen“, wie das klingt, wie das geschrieben ist, das ist phänomenal. Oder man sieht ein Gemälde. Ich bin ein Bewunderer von James Ensor, das ist ein enormer Maler. Und dann sehe ich das und denke: Gott, oh Gott. Oder Bob Dylan. Dann kommt das Gefühl wieder zurück. Dann weißt du wieder, wie es gerochen hat, auf der Straße, als du diesen Song gehört hast.

„Für einen Kuss von Dir““ ist Ihr 29. Studio-Album in deutscher Sprache. Blicken Sie manchmal auf Ihr Gesamtwerk zurück?

Herman van Veen: Meine persönliche Lebensgeschichte, die ist dokumentiert in Büchern, Gemälden, Gedichten, Liedern, Theaterstücken, Filmen. Man kann diesen Mann spüren. Ich gucke mich nicht um. Ich mache weiter und das was gewesen ist, ist für mich gewesen. Das wird mir zu komplex. Das war, wie ich ich es damals in dieser Situation gesungen und gesagt habe. Heute spielen wir das, was wir heute vorhaben zu spielen. Und das ist etwas anderes als wir morgen spielen.

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„Es ist immer mein Anliegen gewesen, mein ganzes Leben lang, wenn jemand aufhört, stirbt, tot umfällt, krank wird oder uns verlässt, weil er sich in einen Indonesier verliebt hat, dann soll der Neue immer der Jüngste sein“ (Foto: Roli Walter)

Ihr neues Album „klingt musikalischer als Ihre letzten Studioeinspielungen. Woher stammt der neue, musikalische Elan?

Herman van Veen: Das hat vor allem damit zu tun, dass wir auf der Bühne und im Studio drei junge Männer in unserem Team haben, die alle jetzt vom Konservatorium kommen. Einer ist ein Percussionist, einer ist ein Bassist, ein anderer ist ein Gitarrist. Einer ist nach der holländischen Presse zu urteilen der beste holländische Popkünstler. Die anderen zwei sind hochbegabte, junge 20-, 21-jährige Musikanten.

Wie groß war der Einfluss Ihrer drei neuen Musiker auf „“Für einen Kuss von Dir“?

Herman van Veen: Die haben großen Einfluss gehabt auf diese Produktion. Das sind Jungs die sind 21. Das Durchschnittsalter in unserem Team ist jetzt, glaube ich, 31 1/2. Ich bin weitaus der Älteste. Und es ist immer mein Anliegen gewesen, mein ganzes Leben lang, wenn jemand aufhört, stirbt, tot umfällt, krank wird oder uns verlässt, weil er sich in einen Indonesier verliebt hat, dann soll der Neue immer der Jüngste sein. Prinzipiell. Das finde ich lustig und interessant, weil ich von diesen Jungs unwahrscheinlich viel lernen kann und die können von mir Sachen lernen. Das finde ich schön. Und die haben großen Einfluss gehabt auf den Sound, die Produktion und die Art und Weise wie wir die Dinge tun. Das hörst du. Das ist total frisch. Und wenn du auch die Konzerte mit diesen Jungs siehst, das ist super. Ich kriege neuen Wind im Rücken und das geniesse ich sehr.

Seit Mitte der 1970er Jahre gab es kein Plattencover mehr, auf dem Ihr Gesicht hutlos in Großaufnahme zu sehen war. Haben Sie Ihr Gesicht für das Cover von „Für einen Kuss von Dir““ fotografieren lassen, weil das Album starke autobiografische Züge besitzt?

Herman van Veen: Dieses Foto ist gemacht worden von einem Fotografen vom Algemeen Dagblad’ in Holland. Das ging mit diesem Mann. Das war okay. Dieser Mann hatte etwas Lustiges. Er hat mich gefragt: Können Sie auch lachen? (lacht) Dann habe ich ihm dieses Lachen gegeben, verstehst du?! Das ist ungefähr ein Lachen. Aber es bleibt ernst und wenn man das so sieht, dann könnte es Lachen sein, aber es könnte auch was anderes sein. Und als ich das Foto dann sah, sagten meine Frau und Edith (Leerkes, die Herman Van Veen schon lange an der Gitarre begleitet. Anm.d.Red.) und andere Freunde: Ja, das bist du. Man sieht nicht oft ein Foto, wo Du du bist, weil du bist dann meistens eine Idee von dem Fotografen. Das bin ich, das bist du und der Du guckt uns an und sagt: Kaufen (lacht). So ungefähr. Und da lacht er ein bißchen dabei.

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„Ich gehe nachts in die Stadt und zähle Adler. Ich bin jetzt gerade bei 160 oder so“ (Foto: Letja Verstij)

Sie kommen seit 40 Jahren regelmäßig für Tourneen nach Deutschland. Hat sich Ihre Deutschland-Wahrnehmung im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Herman van Veen: Für mich war Deutschland immer sexy. Ich fand’s herrlich und find’s herrlich. Deutsch ist eine grandiose Sprache um zu singen. Nicht umsonst hat die deutsche Literatur so eine Dichter- und Liedergeschichte. Man denkt an Schubert, man denkt an Mozart. Deutschland hat eine Liedhistorie, die ist enorm. Und es hat sehr viel mit der Sprache zu tun. Deutsch gesungen ist eine der schönsten Sprachen die ich kenne.

Wie gut kennen Sie Deutschland?

Herman van Veen: Ich kenne es natürlich viel besser als die meisten Deutschen, weil ich überall bin. Ich bin fünf Tage in Hannover. Ich komme zum zehnten Mal. Zehn mal fünf macht fünfzig Tage Hannover. In der Zeit hat man ungefähr sehr viel von Hannover gesehen (lacht). Das ist in München so, das ist in Berlin so. Ich kenne diese Städte und ich kenne sie vor allem nachts. Ich gehe nachts raus und dann, das finde ich schön, suche ich Adler. Ich gehe nachts in die Stadt und zähle Adler. Ich bin jetzt gerade bei 160 oder so. Immer wenn ich dann wieder einen neuen entdeckt habe, so einen gemeißelten, dann sind das Sachen, die schreibe ich nicht auf, aber dann denke ich: Hey, die habe ich noch nie gesehen auf dieser Brücke. Und so gibt es allerlei Sachen und Kneipen und Buchläden, Museen und Kirchen und Theater. Ich kenne diese Städte anders als die Menschen die hier wohnen. Als Gast, aber natürlich sehr intensiv.

Warum sind die meisten Texte auf „„Für einen Kuss von Dir““ Zustandsbeschreibungen?

Herman van Veen: Warum soll das abgeschlossen werden? Es ist wie eine Zugfahrt. Man nimmt den nächsten Zug. Da ist keine Konklusion (für die, die es nicht wissen: Schlussfolgerung. Anm.d.Red.). Die liegt bei dir, nicht bei mir. Das hat mit dem Älterwerden zu tun. Man nimmt was wahr, man beschreibt etwas, aber man zieht keine Konklusion. Es ist nur eine Feststellung. Es riecht nach Narzissen. Was ist die Bedeutung davon, dass es nach Narzissen riecht? Mehr nicht, weniger nicht.

CD Cover Herman Van Veen

Und hier die Tourdaten 2012 von Herman Van Veen auf einen Blick (die Tour wird 2013 fortgesetzt – alle Termine findet ihr hier):

  • 11.10. – Neubrandenburg, Stadthalle
  • 12.10. – Rostock, Stadthalle
  • 13.10. – Magdeburg, Stadthalle
  • 18.10. – Darmstadt, Darmstadtium
  • 19.10. – Erfurt, Alte Oper
  • 20.10. – Chemnitz, Stadthalle
  • 25.10. – Lübeck, Musik- und Kongreßhalle
  • 26.10. und 27.10. – Flensburg, Deutsches Haus
  • 01.,02., 03.11. – Bremen, Glocke
  • 08. und 09.11. – Viersen, Festhalle
  • 10.11. – Siegburg, Rhein-Sieg-Halle
  • 14.11. – Osnabrück, Osnabrück Halle
  • 15., 16., 17.11. – Hannover, Theater am Aegi
  • 11., 12., 13., 14., 15.12. – Berlin, Admiralspalast

Mit freundlicher Unterstützung von Marcel Westphal (Q-rious music/Public Relations)! Bearbeitet von Thomas Kröll. Eingangsfoto von Jaap de Boer.