„Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich hier hineingestolpert bin“ – Frank Turner im Interview

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DATUM» 20.09.2013
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Vom Tellerwäscher zum Millionär? Vom Straßenmusiker zur festen Folk-Instanz? Ganz so geradlinig ist die Karriere von Frank Turner nicht verlaufen. Der ehemalige „Million Dead“ Frontmann und Vorzeige-Punk macht nun seit mehreren Jahren mit seiner Solo-Karriere die Hallen und Arenen weltweit unsicher. Momentan scheint auch nichts diesen Höhenflug zu stoppen, nicht einmal anhaltende Rückenprobleme oder wütende Anrufe von Ex-Freundinnen, die sich über seine Songs beschweren. Musicheadquarter-Redakteur Marc Brüser hatte die Möglichkeit Frank Turner vor seinem Konzert in Köln zu treffen (alle Fotos: Rainer Keuenhof).

frank turner interview

Frank, erstmal vorweg: Wird man dich heute wieder im Rollstuhl erleben müssen, wie es beim Reading Festival der Fall war?

Frank: Das war aber auch nur ein Song muss man da hinzufügen. Die Aktion war als Running Gag gedacht, da doch viele Zeitungen und Magazine über meine Rückenprobleme berichteten. Ich hab gedacht es wäre eine ganz nette Anspielung auf meinen derzeitigen gesundheitlichen Zustand. Es ist einfach so bitter. Ich war nachdem die Sache aufgefallen ist beim Doktor. Er hat mir den Rat gegeben die nächsten drei Monate zu pausieren. Leider ist für genau die nächsten drei Monate eine Tour durch Europa und die USA geplant. Außerdem muss man immer im Hinterkopf behalten, dass ich eine gewisse Verantwortung gegenüber meiner Crew und meiner Band habe. Sie haben diese Zeit für die Tour geblockt, sie jetzt hängen zu lassen wäre einfach mehr als unfair ihnen gegenüber. Dank der Physiotherapie, die ich jetzt regelmäßig mache, fühle ich mich gut soweit. Gitarre spielen wird mir leider immer noch verboten.

Dein letztes Album „Tape Deck Heart“ wurde dieses Jahr im April veröffentlicht. Insgesamt ist das Album doch eher etwas ruhiger und nachdenklicher ausgefallen. Inwiefern hat das auch einen Einfluss auf die Tour hinsichtlich der Stimmung und Atmosphäre?

Frank: Erstmal ist es immer wichtig, dass die Songs des neuen Albums gut in das Raster der letzten Setlist hinein passen. Es ist ja nicht so, dass wir ausschließlich neue Songs spielen. Ich selbst hasse es auch auf Konzerte von Bands zu gehen, die nur das neue Zeug spielen, deshalb achte ich immer darauf ein paar alte Songs mit aufzunehmen.

„The Way I Tend To Be“ ist einer der interessantesten Songs der neuen LP. Vor allem das Video hatte sehr viel Raum für mögliche Interpretationen. Aber mal im Ernst: Was steckt hinter der Idee mit dem „Löcher graben“?

Frank: (lacht) Darauf haben mich einige Leute schon angesprochen. Keine Ahnung, ob ich dir das erzählen soll, es ist doch eigentlich schön solche Dinge offen zu lassen. Wir haben für das Album einen Pitch ausgeschrieben. Ich mochte diese Interpretation des Videos wirklich gerne. Gerade deshalb will ich es dir eigentlich gar nicht erzählen.

Willst du denn meine Interpretation hören?

Frank: Klar, gerne.

Ich denke, dass das Video sehr, sehr gut mit dem Text zu verbinden ist. Wenn du eine Sache erreicht hast, willst du sie gar nicht mehr, kapselst dich davon ab, bis du merkst was du an ihr hattest. Das müssen nicht zwingend Beziehungen zur Freundin und deinen Mitmenschen sein, so etwas sind auch persönliche Ziele und dergleichen.

Frank: Damit bist du gar nicht mal so verkehrt, verdammt richtig sogar. Dennoch denke ich, dass gerade Kunst etwas sein soll, was nicht klar definierbar ist. Das ist gerade das Interessante an dem Lied.

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Wenn man sich das Album so anhört, fällt einem auf, dass sehr viele Liebeslieder vertreten sind. Hast du eigentlich mal Feedback von den Frauen bekommen und wenn ja, wie fiel es aus? Ich kann mir schwer vorstellen, dass „Tell Tale Signs“ so unglaublich gut bei der Dame angekommen ist.

Frank: Ja, da haben mich einige in Bedrängnis gebracht, vor allem „Substitute“, was schon etwas älter ist. Die Sache ist die: Die ganzen Liebeslieder auf „Tape Deck Heart“ handeln von ein und derselben Person, nur aus verschiedenen Blickwinkeln. Und ja, die Frau mag mich nicht wirklich, aber darüber darfst du einfach nicht nachdenken, wenn du kreativ bist und Songs schreibst. Als ich mit den Dropkick Murphys in Australien war, bekam ich mitten in der Nacht einen Anruf. Es war circa 4 Uhr morgens. Ich nahm ab und hörte nur eine wutentbrannte Stimme brüllen: „You motherfucker! You fuckin’ asshole!“. Das war dann nicht so schön, aber da muss man halt durch.

Das heutige Konzert in Köln ist bereits das Zweite in diesem Jahr. Im April spieltest du im Rahmen der Promo-Tour zu „Tape Deck Heart“ eine Show in der Kulturkirche, einer Konzerthalle, in der auch Messen stattfinden. War es nicht für dich ein wenig merkwürdig als Mensch mit einer anti-religiösen Einstellung an so einem Ort zu spielen?

Frank: (lacht) Ja das ist so eine Sache gewesen. Erstmal bin ich nicht anti-religiös, was ich auch schon über den Song „Glory Hallelujah“ gesagt habe. Zu diesem Thema hatte ich auch schon einige lebhafte Diskussionen. Zum Beispiel hat mir mal ein Konzertbesucher, da haben wir mit den Toten Hosen gespielt, am Tag darauf geschrieben, dass er diesen Song ein wenig respektlos findet und sich komplett isoliert von der Konzertmenge gefühlt hat. Das ist natürlich nicht meine Absicht, aber ich will dir mal eines sagen: Ich musste zur Kirche jeden verdammten Sonntag gehen, bis ich zehn Jahre alt war. Da hat sich auch niemand um meine Meinung geschert, „So, welcome to my fucking world!“. Die Leute sollen glauben, was auch immer sie wollen.

Zumal Religion auch in eine komplett andere Richtung gehen kann. Musik oder Fußball…

Frank: Eben! Jeder soll glauben was er will, nur auf meinen Shows muss ich mir da nicht von anderen Leuten reinreden lassen. Zurück zur Kulturkirche: Es war auf jeden Fall ein schöner Ort, um zu spielen. Ich habe schon im Vorfeld gehört, dass die Leute unbedingt „Glory Hallelujah“ hören wollten. Das wäre meiner Meinung nach ein echter „Arschlochzug“ von uns gewesen, zumal der Priester der Kirche ein echt netter Kerl ist und sich die ganze Zeit mit uns Backstage unterhalten hat.

Viele Musiker haben dich zu deiner Anfangszeit mit auf Tour genommen, der erste war Chuck Ragan auf seiner Revival Tour quer durch die USA. Welche anderen Künstler waren sehr relevant für deinen Erfolg und den Verlauf deiner Karriere?

Frank: Relevant ist vielleicht das falsche Wort. Social Distortion, die Dropkick Murphys oder eben Chuck Ragan haben mir alle bei meinem Werdegang sehr geholfen. Es ist wichtig sich gegenseitig zu unterstützen. Chuck hat zum Beispiel quasi im Alleingang dafür gesorgt, dass meine Karriere in den USA voran gegangen ist. Das waren auch die ersten Konzerte im Ausland, bei denen mehr als 20 Leute vor Ort waren. Genau so haben mich The Gaslight Anthem 2009 unterstützt. Mein erstes Deutschland-Konzert war mit ihnen hier in Köln, im „Underground“. Daher ist es auch immer wichtig für mich Einfluss darauf zu haben, wen ich mit auf Tour mitnehme, weil ich denke, so sollte es genau sein: sich gegenseitig zu helfen, zu pushen und gemeinsam etwas zu erreichen! Ich war einmal Support von The Offspring und meinte zu Noodles nach der Tour: „Vielen Dank, dass ihr mich mit auf eure Tour genommen habt.“ Er meinte darauf nur: „Dank nicht mir, mach einfach dasselbe mit anderen Bands auf deiner Tour.“

Dein Management hat also hinsichtlich solcher Dinge gar keinen Einfluss?

Frank: Natürlich haben sie auch Ideen. Es herrscht bei uns immer ein reger Austausch, aber immer auf einer gemeinsamen Ebene. Ich finde es witzig, wie manche Leute sich ihr Bild von der Musikindustrie machen: das böse Management gegen die armen Künstler. So ist es einfach nicht.

Darauf wollte ich aber auch gar nicht hinaus.

Frank: Ich weiß, aber es gibt immer wieder solche Leute, was ich echt unterhaltsam finde. Letztendlich habe ich da meistens das letzte Wort, weil es schließlich ja auch meine Show ist. Ich meine, ich habe viele Freiheiten, aber auf diese Aspekte lege ich wirklich besonders viel Wert. Da gibt es auch die Ticket- und T-Shirt Preise. Manche Leute verstehen nicht warum gewisse Merchandising Produkte einen entsprechenden Preis haben. Ich mein, ich versuche die Preise da wirklich niedrig zu halten, nichtsdestotrotz sind die Merchandising-Artikel mein Haupteinkommen. Zudem kommen noch Steuern hinzu oder wie heute, dass die Location 20 % der Verkäufe für sich behält. Da wundern sich die Leute über T-Shirt Preise von 20,00 €. Es ist einfach nicht ganz so einfach die Preise zu erklären, man muss das Gesamtbild vor Augen haben. So etwas macht mich auch ein wenig wütend, denn viele Menschen denken, ich hätte mich damit nicht auseinander gesetzt, dabei denke ich über nichts anderes, ehrlich. Oh mann, jetzt steigere ich mich ein wenig sehr in die Sache rein (lacht).

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Absolut kein Problem. Besser du hast etwas zu erzählen, als wenn das Thema in drei Sätzen abgehandelt ist. Könntest du dir vorstellen so einen Job für andere Bands zu machen?

Frank: Hm, vielleicht. Momentan ist nur einfach keine Zeit dazu, aber es ist auf jeden Fall ein interessanter Gedanke. Auf jeden Fall würde ich dann eher kleinere Bands machen. Lucero, die heutige Vorband, wären zum Beispiel sehr cool dafür. Ich habe mir gestern ihr Logo sogar auf meinen Arm stechen lassen, weil sie eine meiner absoluten Lieblingsbands sind. Ich mag es einfach in Musik involviert zu sein, dass Leute meine Meinung hören wollen und man zusammen etwas erreichen kann. Das spornt einen an.

Vor allem hast du wirklich Erfahrung von dem Geschäft: Angefangen als Straßenmusiker, über Pubs zu Clubs, zu Hallen bis hin zur Olympia-Eröffnung.

Frank: Da sagst du was. Zwar hast du absolut recht damit, trotzdem habe ich immer noch das Gefühl von dem ganzen Zeug einfach keine Ahnung zu haben und, dass ich irgendwie mit mehr Glück als Verstand in meine Karriere hineingestolpert bin. Aber besser so als anders herum!

Welch schöne Abschlussworte. Vielen Dank für das Interview!

Ein großer Dank geht auch an Veronika Müller von Universal Music und Anne Riedel von FKP Scorpio, die uns dieses Interview ermöglicht haben.

Ein ausführliches Review des Konzerts im Kölner E-Werk findet ihr hier und hier jede Menge Fotos dazu!