„Ich war schon immer für den Underdog.“ – Interview mit Chuck Ragan

DATUM» 26.06.2014
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„GENTLEMEN! COME IN!“ So eine freundliche und laute Einladung einzutreten, lässt man sich nicht zwei Mal sagen. Chuck Ragan ist ja dafür bekannt,  „the nicest guy in punk rock music“ und Ziehvater vieler Folk-Newcomer und Songwriter zu sein, doch mit so einem herzlichen Empfang, trotz einer Verspätung (verflucht seiest du, Orkan) hätte man doch nicht gerechnet.

Chuck, danke, dass du für das Interview Zeit gefunden hast. Der Terminplan ist ja relativ voll, du hast heute bereits ein erstes Konzert in einem Café in Köln gespielt.

Das Konzert im Café Bo war eine coole Sache. Wir haben das Konzert für die Leute gespielt, welche es heute leider nicht geschafft haben zur eigentlichen Show zu kommen. Das war ein richtiges Familienkonzert, sehr viele Kinder waren auch da.

Auf jeden Fall eine interessante Mischung für ein Konzert.

Definitiv.

Auf Internetplattformen kann man Konzerte von dir zum Beispiel in Jugendzentren anschauen. Was sind die größten Unterschiede bei solch kleinen Locations im Vergleich zu größeren Hallen, wie der Live Music Hall mit 1.500 Leuten, in der du heute spielst?

Natürlich sind die Konzerte weitaus intimer, aber auch weniger professionell gestaltet. Das ist aber überhaupt nicht schlimm. Solche Shows machen von Zeit zu Zeit einfach sehr, sehr viel Spaß, weil das Publikum sehr nahe an einem ist.

Du bist sehr oft in Deutschland unterwegs. Ich persönlich habe dich das letzte Mal bei der Revival Tour 2012 in Köln live erlebt. Bleibt da eigentlich Zeit sich auch einmal die Städte und ihre Kultur mitzuerleben oder bleibt dies auf der Strecke?

Klar, man hat ab und an ein wenig Zeit sich diese wunderschönen und aufregenden Städte genauer anzuschauen. Wir haben morgen zum Beispiel einen Off-Day. Da sind wir aber leider die ganze Zeit unterwegs. Es ist meistens so, dass man sich ohnehin nur nahe der Location aufhalten kann. Die Sache ist die: Wenn ich mich zwischen Sightseeing und  einem Konzert im Café Bo entscheiden müsste, dann würde ich selbstverständlich das Café Bo wählen. Dafür sind wir ja schließlich auch nach Europa gekommen. Wir möchten Konzerte vor euch spielen. Abgesehen davon kostet die Tour einen Haufen Geld. (lacht)Wir bezahlen jeden Tag Geld für den Nightliner, für den Bus, für alle Leute, die diese Tour möglich machen. Das darf man einfach nicht vergessen.

Um noch einmal auf die Revival Tour zurückzukommen: Ich hatte das Glück im vergangenen Jahr Frank Turner zu interviewen. Wir haben über seine größten Supporter, während seiner Karriere gesprochen. Dein Name fiel da direkt zu Beginn.

Echt? Ooooh, das ist nett von ihm.

Gerade bei der Revival Tour nimmst du eine ganze Reihe von Step-Up Musikern mit nach Europa. In welcher Position siehst du dich selbst, wenn es um das Fördern von jungen Künstlern geht?

Man muss dazu wissen: Ich habe in meinem Leben als Musiker mehr geschafft und erreicht, als ich mir jemals erträumt hätte und ich bin dafür so unendlich dankbar. Und das schon vor 20 Jahren!

Vor 20 Jahren?

Ja! Als ich meine erste 7’ Inch heraus gebracht habe zum Beispiel. Da saßen wir alle zusammen und dachten: Man wäre das super eine 7’ Inch zu veröffentlichen  Oder als ich auf meiner ersten Tour mit Hot Water Music war. Das war einfach eine großartige Zeit. Der Punkt, auf den ich hinaus will ist: Wir haben uns immer neue Ziele gesetzt und sie in einer so schnellen Zeit erreicht, damit hätten wir niemals gerechnet. Diese Erlebnisse möchte ich auch anderen bis dato noch unbekannten Musikern ermöglichen.

Wie beispielsweise für Northcote, den man heute im Vorprogramm angucken kann. Er hat auch Dave Hause im letzten Jahr hier in Köln supportet, ich hatte lange Zeit keine so gute Vorgruppe mehr erlebt.

Ja, er ist ein gutes Beispiel dafür. Ich finde seine Musik großartig.

Besteht eigentlich die Möglichkeit, dass dieses Jahr noch eine Revival Tour in Europa stattfinden wird?

Die Möglichkeit besteht, und wie sie besteht! (lacht) Halte deine Ohren und Augen offen, du wirst es schon mitbekommen. Momentan sind wir aber noch am Planen, daher kann ich nicht mehr ins Detail gehen.

Zu etwas anderem: Welche Songs würdest du einer Person empfehlen, die Musik von dir hören will. Wären es deine alten Hot Water Music Stücke oder deine Lieder als Solokünstler?

Wahrscheinlich das, was ich momentan mache. „Till Midnight“ repräsentiert glaube ich am besten meine Musik. Natürlich kommt es auch darauf an, was die Person hören will. Hot Water Music ist eine viel wildere und aggressivere Geschichte als meine Solosachen.

Ich denke gerade auch, dass gerade Hot Water Music immer noch einen enormen Einfluss auf Bands hat. Wenn ich mir „Red City Radio“ oder „Nothington“ anhöre, erkennt man dort deutliche Parallelen. Keine Kopien, aber auf jeden Fall einen großen Einfluss.

Ich mag beide Bands sehr gerne, Kopien würde ich dazu niemals sagen. Jeder hat seine Einflüsse, seine Interpretation. Auch wir haben geklaut und uns von anderen Bands inspirieren lassen. Das gehört einfach dazu. Niemand würde von uns heute hier sein ohne Künstler, wie beispielsweise Woody Guthrie.

Unsere Zeit ist um. Vielen Dank für das Interview!

Ein großer Dank geht auch an Nina Simon von Uncle M, die uns dieses Interview ermöglicht hat!