Interview mit Einar Solberg von Leprous – Garage in Saarbrücken 2012

Einar Solberg von Leprous im Interview mit Andreas Weist, Garage Saarbrücken
DATUM» 03.01.2012
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Amorphis in der Garage Saarbrücken. Als Support war ein junges Quintett am Start, das momentan in der Progszene von sich reden macht: LEPROUS aus Norwegen. Ihr neues Album „Bilateral“ steckt voller Überraschungen. Da finden sich dunkle, progressive Metal-Songs neben Vertretern des symphonischen Hardrocks. Vokalist Einar Solberg singt mit glatter und klarer Stimme, der er gelegentlich ein paar intensive Growls entgegensetzt. In den Backstage-Räumen der Garage trafen wir auf den sichtlich gut gelaunten und überaus sympathischen Frontman der Band, der sich sehr viel Zeit für unsere Fragen nahm.

Hallo Einar. Schön, dass du Zeit für uns hast. Wir sind von Musicheadquarter – einem deutschen Onlinemagazin für alle Musiksparten. Die meisten unserer Leser werden euch nicht kennen. Eine Schande – aber Fakt. Kannst du LEPROUS für jemanden beschreiben, der noch nie von der Band gehört hat?

Einar: Der Name heißt übersetzt „leprakrank“. Okay, wir waren 15, als wir uns das ausdachten. Ich kann zumindest versuchen, uns zu beschreiben: Wir sind eine Progressive Metal Band die keine Angst hat, Grenzen zu überschreiten. Wir tun das, von dem wir glauben, dass es gut klingt. Wir betrachten nicht die Erwartungen von außen. Wir wollen natürliche, von Menschen gemachte Musik. Wir sind eine Progressive Metal Band – und doch so viel mehr.

Tatsächlich ist eure Musik sehr vielfältig. Es gibt ja viele Progbands in Skandinavien, doch die Bekanntesten kommen gegenwärtig aus Schweden. Ich denke da an die Flower Kings, Opeth und Pain of Salvation. Wie ist euer Verhältnis zu diesen Bands? Kennt man sich?

Einar: Wir haben schon einige Shows gemeinsam mit Opeth gespielt. Nicht als Leprous, sondern als Tourband des Norwegers Ihsahn. Er macht Black Metal und wir sind seine Liveband. So waren wir einige Zeit mit Opeth unterwegs und hören auch ihre Musik. Ich kenne aber keine der Bandmitglieder persönlich.

Das neue Opeth-Album ist nicht einfach zu konsumieren. Sehr ungewöhnlich.

Einar: Ja, es ist zumindest ein mutiges Album.

Wie seht ihr eure Stellung im Progressive Rock? Wollt ihr überhaupt, dass eure Musik als Prog bezeichnet wird? Es gibt einige Bands, wie Marillion, die das gerne vermeiden.

Einar: Ja – aber nicht, dass ich mich in Beziehung zu all den anderen Progbands setzen will. Ich spüre einfach, dass die Progszene sehr aufgeschlossen ist und es gut tut, dazu zu gehören. Die Extreme-Metal-Szene beispielsweise schränkt dich sehr ein und so ist es doch bequemer, zum Prog zu gehören. Wir haben ja auch kaum extreme Parts in unserer Musik. Die machen vielleicht zehn Prozent aus. Für mich bedeutet Progressive Rock einfach, dass man keine Angst hat, Konventionen und Grenzen zu durchbrechen. Und darin können wir uns wiederfinden. Unser nächstes Album wird vielleicht etwas komplett anderes sein – oder es wird das gleiche Gebiet abdecken. Wir nehmen nicht viel Rücksicht auf die Erwartungen, wie wir klingen sollten. Das wäre der Tod unserer Kreativität. In den Schreibprozess für das nächste Album werde ich ganz frei gehen. Es soll ein natürlicher Prozess sein – was kommt, das kommt. Wir sind zwar sehr vielfältig in unserer Musik, ich glaube aber trotzdem, dass wir es schaffen einen roten Faden beizubehalten.

Wollen wir trotzdem noch über eure Einflüsse reden? Wenn man die Musik hört, denkt man schon oft an Porcupine Tree, an King Crimson, vielleicht auch an Pain of Salvation. Seht ihr euch in dieser Linie – irgendwo zwischen Artrock und Death Metal?

Einar: Eigentlich will ich das gar nicht so in Worte fassen. Das ist dein Job – der Job des Journalisten. Ich bin zufrieden, wenn ich zu meiner Musik stehen kann und möchte nicht in eine Schublade einsortiert werden. Wir können damit leben, wenn uns die Leute irgendwo einordnen. Aber wir selbst tun es nicht. Das ist der Unterschied.

Ihr seid ja momentan mit Amorphis unterwegs – Altmeistern des Genres. Wie läuft die Tour? Habt ihr Spaß?

Einar: Oh ja. Es ist eine großartige Band. Wir teilen den Tourbus mit ihnen und tun das schon für einige Wochen. Vier Wochen im November und jetzt wieder drei Wochen lang. Und obwohl ihre Musik sich leicht von unserer unterscheidet, merke ich doch, dass wir einige ihrer Fans erreichen. Und umgekehrt genau so. Es ist eine gute Sache für uns. Wir können uns einen neuen Markt erschließen, der sich uns zuvor nicht geöffnet hat. Die Musik ist gar nicht so ähnlich, aber sie kann den gleichen Leuten gefallen. Die Jungs von Amorphis sind so nett und es macht großen Spaß mit ihnen zu touren – und sie behandeln uns gut (lacht).

Wie ist denn die Reaktion des Publikums gegenüber euch und The Man-Eating Tree, dem anderen Support?

Einar: The Man-Eating Tree habe ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht gesehen, da ich zu der Zeit immer in der Umkleide bin und mich für die Show umziehe. Wir selbst aber fühlen uns ganz gut. Das deutsche Publikum ähnelt dem norwegischen – sie spielen nicht verrückt, wenn wir auf der Bühne sind. Sie stehen ruhig da und hören der Musik zu. Die Ost- und Südeuropäer sind da schon ganz anders. Die drehen durch. Ich mag es aber auch, wenn die Leute uns aufmerksam zuhören. Vorher waren wir in Japan und da waren die Leute sehr enthusiastisch, belagerten uns, um Autogramme und Fotos zu bekommen. Deutsche und Skandinavier sind da nicht so wild. Ich bin dran gewöhnt.

Dann hätte ich noch zwei Fragen zum Album „Bilateral“. Es ist sehr komplex – zum Teil mit sehr aggressiven Sounds und auch mit sehr kuriosen Parts wie einem Trompetensound. Was steckt dahinter? Wie sind die Reaktionen der Fans?

Einar: Wie haben über einen langen Zeitraum an dem Album geschrieben. Wir begannen in 2009 und schrieben die letzten Songs erst früh in 2011. Das ist vielleicht ein Grund für die große Bandbreite. Wir sind als Menschen sehr dynamisch und unsere Musik reflektiert dies auf ihre Weise. Den Trompetenpart hatten wir zum Beispiel niemals geplant. Ohne ihn klingt der Song ziemlich langweilig. Wir mussten etwas tun. Wir wollten ihn aber nicht rausschmeißen, denn der Rest des Tracks klang ziemlich gut. So kam die Idee mit dem Trompetenspieler. „Das wäre doch cool.“ Viel passiert zufällig und wenn es funktioniert, ist es großartig. Beim selben Song singt auch Ihsahn mit. Das war ebenfalls zufällig und nicht geplant. Wir nahmen die Vocals in seinem Studio auf und ich probierte den Part. Aber das hörte sich in diesem langsamen Teil nicht so cool an und ich sagte: „Versuch du es doch“. Und dann war es zehn Mal cooler. Es ist also gut, seine Grenzen zu kennen.

Das Albumcover von Jeff Jordan regt sehr zum Nachdenken an, doch es fällt schwer, die ganze Idee zu erkennen. Kannst du uns mehr darüber erzählen? Steckt ein Konzept dahinter?

Einar: Wenn es ein Konzept dahinter gibt, werden wir es nicht erzählen. Unsere Idee ist es, dass die Leute sich fragen sollen: „Warum ist es so?“. Wir wollen nicht offenbaren, was wir dachten. Wie bei unserer Musik: Die Leute sollen ihre eigene Vorstellungskraft gebrauchen. Es ist schon sehr surrealistisch und da liegt Jeff Jordans Spezialität. Es geht nicht nur um die Bedeutung, es geht um die Stimmung, um das Gefühl. Nutze deine Vorstellungskraft, um das zu erfassen. Wenn du einen Film von David Lynch anschaust, wäre es doch langweilig, wenn er dir den ganzen Film erklärt.

Das war’s. Vielen Dank für deine Zeit – und jetzt sind wir sehr gespannt auf die Show.

Mein Dank gilt Peter Klapproth von Pirate Smile für die kurzfristige Organisation des Interviews und natürlich auch Emanuel Recktenwald für die genialen Fotos!