Interview mit Jolly – Wege zum Glück

Jolly Bandfoto
DATUM» 02.04.2013
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Jolly aus Amerika sind hierzulande noch recht unbekannt. Völlig zu unrecht, denn ihre frische Rockmusik mit gelegentlichen, supermelodischen Picknicks im Prog-Gefilde ist absolut berauschend!!! Bisher haben die Jungs drei Alben veröffentlicht, von denen die letzten beiden eine Art Doppelalbum abgeben. Das Ziel der beiden „Audio Guide to Happiness”-Alben? Mit Musik glücklich machen!

Dieses Frühjahr waren Jolly im Vorprogramm von Riverside, der polnischen über-Band (sorry, ich bin Fan), unterwegs. Ich treffe die vier Jungs vor ihrer Show in Karlsruhe in einem kleinen Backstageraum. Louis, Drummer und Produzent der Band, liegt mit einer fetten Erkältung auf dem Boden und entschuldigt sich für seinen Zustand. Fast am Ende der Tour hat es ihn doch noch erwischt … Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, bei diesem Interview gemeinsam mit seinen Kollegen Anthony (Bass), Joe (Keyboards) und Anadale (Gesang, Gitarre) Rede und Antwort zu stehen.

Hallo Jolly, wollt ihr euch kurz vorstellen?

Anthony: Wir sind Jolly und wir kommen aus New York. Uns gibt es seit 2009 und wir haben seitdem drei Alben veröffentlicht.

Euer aktuelles Album „Audio Guide to Happiness (Part 2)” wurde erst vor ein paar Wochen veröffentlicht. Es gehört zum “ Audio Guide to Happiness (Part 1)”, das 2011 erschienen ist. Zwischen diesen beiden Veröffentlichungen musstet ihr ja einiges durchmachen …

Anthony: Oh ja … Wir arbeiteten noch an Teil 2, als wir vom Hurrikan Sandy überrascht wurden. Der Hurrikan hat Louis Haus, das gleichzeitig unser Proberaum und Studio war, völlig überflutet und den Großteil unseres Equipments zerstört. Wir wurden ziemlich überrumpelt, denn ein Jahr zuvor hatte es auch schon eine Hurrikan-Warnung gegeben und da war nichts passiert. Deswegen hatten wir auch diesmal nicht mit einer Zerstörung von einem solchen Ausmaß gerechnet.

Joe: Es gab aber auch Glück im Unglück, denn Louis hatte kurzfristig beschlossen, zu evakuieren und zu den Eltern seiner Verlobten zu gehen. Und da hat er glücklicherweise die Festplatte, auf der alle Aufnahmen waren, mitgenommen, um am Material weiterzuarbeiten.

Jolly Live, Foto: Shirin Kay

Ihr habt es dennoch geschafft, das Album zum anvisierten Zeitpunkt zu veröffentlichen …

Joe: Ja, zum Glück, denn wir wollten auch unbedingt eine Tour machen, um das Album zu promoten. Das haben wir bei Part 1 nicht gemacht und es bereut. Für diesen Zweck war die Riverside-Tour genau richtig.

Wie habt ihr es geschafft, trotz der großen Schäden durch den Hurrikan, das Album zu veröffentlichen und auf Tour zu gehen?

Anthony: Na ja, nach dem Hurrikan hatten wir überhaupt kein Geld, unser Eqipment war ja zum größten Teil weg. Wir haben dann die Crowdfunding-Plattform Indiegogo genutzt und die Fans dazu aufgerufen, uns zu helfen. Und das hat geklappt!

Joe: Es wäre ja so schon eine Herausforderung gewesen, diese Tour zu finanzieren, aber wir mussten nach dem Hurrikan fast alle Geräte neu kaufen. Das hätten wir einfach nicht stemmen können. Wir hatten absolutes Glück, dass die Kampagne so gut gelaufen ist.

Louis: Diese Tour war schon vor dem Hurrikan geplant gewesen und sie war vom Timing her eben perfekt für uns, so direkt nach der Veröffentlichung des Albums. Wir hatten solche Angst, dass das alles nicht passieren wird. Unsere Fans haben uns buchstäblich in der letzten Minute gerettet und dafür gesorgt, dass wir auf Tour gehen konnten.

Aber auch auf der Tour haben euch die Fans geholfen …

Joe: Ja, es war unglaublich. Wir haben die Fans gefragt, ob wir bei ihnen unterkommen können, und es gab viele Reaktionen. Wir haben unheimlich oft bei Fans übernachtet. Da stehst du am Merchstand und jemand kommt auf dich zu und sagt: „Hi, ich bin der und der. Ihr werdet heute Nacht bei mir pennen.“ So einfach!

Inklusive Frühstück und allem?

Alle lachen …

Joe: Manchmal gab es recht interessantes Frühstück … Aber nein, alle waren immer sehr nett. Die finanzielle Unterstützung war uns wichtig, aber genauso wichtig war für uns die moralische Unterstützung.

Anadale von Jolly, Foto: Shirin Kay

Könntet ihr denn sagen, ob die meiste Hilfe aus Europa oder Amerika kam?

Louis: Halb-halb vielleicht.

Das ist nicht schlecht, wenn man überlegt, dass ihr in Europa noch nicht so bekannt seid.

Joe: (lacht) In Amerika kennt man uns auch nicht wirklich.

Ihr wart ja schon letztes Jahr auf Tour in Europa, als Headliner. Wie lief diese Tour?

Anthony: Sehr cool! Vor allem weil die Leute wegen uns kamen und unsere Musik kannten. Das ist, wenn man als Support spielt, nicht immer der Fall. Allerdings bringt uns die Tour mit Riverside als Hauptact definitiv noch mehr Publikum und potentielle Fans.

Joe: Die Tour letztes Jahr diente vor allem aber auch dazu, endlich die Erfahrung einer Tour zu machen. Es gibt uns seit vier Jahren und wir haben in den USA meist nur Gigs in New York und in ein paar anderen Städten gespielt. Aber so richtig getourt waren wir vorher nicht. So hatten wir letztes Jahr endlich die Gelegenheit, zu sehen, wie so eine Tour überhaupt funktioniert. Nur deswegen läuft auch diese Tour jetzt so gut und geschmeidig, denn wir haben jetzt schon einiges an Erfahrung gesammelt.

Louis: Ja, wir erwarten jeden Tag Fleisch, Käse und Brot. (alle lachen)

Wie wichtig ist es für euch, in Europa zu spielen?

Joe: Sehr wichtig! Es fühlt sich für uns als Rockband so an, als sei Europa der Kontinent, den es zu erobern gilt. Wenn nicht Europa, was sonst?

Habt ihr das Gefühl, dass das Riverside-Publikum das richtige Publikum für euch ist?

Joe: Das ist eine schwierige Frage … in manchen Belangen ja, in anderen nein. Die Leute scheinen die Musik zu mögen. Unsere Musik lässt sich ja schwer kategorisieren, also ist es recht schwierig zu sagen, wer genau unser Publikum ist. Die Riverside-Fans scheinen uns ja gut zu finden, und jetzt sollten wir vielleicht  noch andere Bereiche ausprobieren, um zu sehen, wie die Fans dort auf uns reagieren.

Ich hab vorher ein wenig recherchiert, und auf der Wikipedia-Seite steht, dass ihr als Einflüsse Bands wie …

Alle durcheinander: Wir haben eine Wikipedia-Seite?

Ja, auf Deutsch …

Joe: Das ist richtig cool!! Das wussten wir nicht!

Und da steht, dass euch mitunter Bands wie Tears for Fears, Radiohead und Pink Floyd beeinflusst haben. Wie seht ihr das?

Anthony: Das ist doch ein interessanter Mix. Pink Floyd hatte vielleicht keinen ganz so großen Einfluss, aber Tears For Fears und Radiohead definitiv.

Außerdem liest man dort (und woanders auch), dass ihr im Vorfeld zu den beiden Audioguide-Alben geforscht habt, und zwar habt ihr Studien in Auftrag gegeben, in denen es um die Zeugung von Glücksgefühlen mit Hilfe von Musik ging … bitte erzählt doch ein bisschen davon, auch wenn ihr die Frage wahrscheinlich schon 500.000 Mal gestellt bekommen habt … wie zum Teufel soll das funktionieren?

Joe: (lacht) Okay, das funktioniert nicht so, dass man eine Liste hat, die man abhakt und dann hat man die perfekte Musik. Meine Schwester ist Professor an einer Uni in New Jersey und wir haben an der Uni mit ein paar Leuten über die sogenannten binauralen Beats gesprochen (Anm. Red.: GIYF). Wir wollten einfach ein bisschen mehr darüber erfahren, und dazu machten die Studenten ein paar soziologische Untersuchungen, eher für sich als für uns und wir machten da mit.

Joe Reilly, Foto: Shirin Kay

Und wie kann man sich das vorstellen? Spielt man den Leuten etwas vor und fragt sie, wie sie sich fühlen?

Joe: Ja, in der Tat, auf einer Skala von 1-5. Es war schon ganz interessant, aber es ist halt eine Art Pseudowissenschaft. Man hört diese komischen Töne und fühlt alles Mögliche, aber es ist schwer zu sagen, was davon Placebo ist oder sich wirklich im Gehirn abspielt.

Louis: Es ist auch seltsam, dieses sterile wissenschaftliche Vorgehen mit der Musik, wie wir sie machen und die das genaue Gegenteil davon ist, zu verbinden. Unsere Musik entsteht sehr organisch und sehr frei, wir packen unsere Ideen zusammen und schauen, was daraus entsteht. Dem gegenüber steht dann diese wissenschaftliche Herangehensweise und das ist ganz interessant, zu testen, wie die binauralen Beats mit unserer Musik einhergehen. Die Musik ist das genaue Gegenteil dieser Beats und beides zusammenzuschmeißen, das war einfach das Projekt.

Und habt ihr das Gefühl, dass es funktioniert hat?

Anthony: Das musst du uns sagen! (lacht)

Na ja, ich habe euch jetzt vier Mal live gesehen und ja, die Musik hat mich glücklich gemacht. Das könnte ich schon sagen. Dresden war das erste Mal, da fand ich es nett, und dann von Mal zu Mal – London, Paris, Hengelo – besser. Wie war es für euch, vor allem, wie unterschiedlich waren die Leute in den verschiedenen Städten? Ihr habt die Setliste ja auch geändert, oder?

Anthony: Für uns war Paris die erste Show, die wir richtig gut fanden. Wir haben die Setliste in der Tat verändert, um zu schauen, ob wir andere Reaktionen bekommen, und es hat sich definitiv ausgezahlt.

Joe: Was das Publikum angeht, ist es schwer, eine Aussage zu machen. Das deutsche Publikum war am Anfang der Tour etwas schwierig, aber da hatten wir ja auch die andere Setliste. Deswegen weiß ich nicht, ob man das so pauschal sagen kann. Als wir nach den ersten deutschen Shows in Großbritannien und Holland gespielt haben, hatten wir unheimlich viel positiven Feedback, aber auch vor zwei Tagen in Köln …

Anthony: Kann aber auch damit zusammenhängen, dass die Entfernung zur Niederlande nicht so groß ist … (lacht)

Louis: Ja, in Holland war der Zuspruch am größten, man liebt uns da!

Anthony: Ich glaube aber auch einfach, dass das deutsche Publikum immer am Anfang etwas zurückhaltend ist. Ich habe den Eindruck, dass sie sehr genau hinhören und sich mit der Musik auseinandersetzen.

Joe: Ja wir müssen lernen, es uns nicht zu Herzen zu nehmen. Sie springen eben nicht rum, aber das bedeutet nicht, dass ihnen die Musik nicht gefällt.

Anthony, Foto: Shirin Kay

Wenn wir die ganze Zeit über „happiness“ reden … gibt es auf den Alben auch richtig traurige Songs?

Anadale: Das ist definitiv „Dorothy’s Lament“, der letzte Track auf dem ersten Audio Guide! Es hört sich an wie Bestattungsmusik und handelt von Tod und Trauer um eine geliebte Person.

Und wieso findet man auf einem Audio Guide to Happiness traurige Songs wie diesen?

Anthony: Weil Glück nur auf einer Reise erfahren werden kann. Wenn man nie etwas Anderes erfahren oder gespürt hat, dann kann man nicht wirklich sagen, was Glück ist.

Louis: Die Idee hinter dem Audio Guide bzw. eigentlich hinter unserer ganzen Musik ist, dass wir jede Emotion ansprechen, jedes Gefühl durchleben, damit am Ende so etwas wie Erleichterung steht. Es hat ein wenig was von einer Therapie. Wenn man zum Therapeuten geht und über etwas redet, das einen wirklich stört, dann fühlt man sich danach ja auch erleichtert.

Wie sehen eure weiteren Pläne aus? Ihr werdet ja bald wieder in die USA zurückreisen …

Louis: Mein Haus und das Studio werden momentan renoviert und wenn wir zurück sind, werde ich mir das erstmal anschauen und das Studio aufbauen. Wir haben außerdem noch die US-Tour mit Riverside vor uns. Im Mai oder Juni werden dann mit dem nächsten Album beginnen.

Sind denn schon auf dieser Tour Ideen für das Album entstanden?

Louis: Nein, wir haben die meiste Zeit einen Van gefahren und hatten keine Zeit, um Musik zu komponieren. Aber wir haben Musik gehört. Riverside und Dianoya … Wir hatten keine anderen CDs dabei. (lacht)

Vielen Dank für dieses Interview, ihr Lieben! Ich freue mich auf gleich!