Interview mit Steven Van Zandt im Kölner Hard Rock Cafe

Herr Kröll mit Steven Van Zandt im Kölner Hard Rock Cafe
DATUM» 27.05.2012
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Steven Van Zandt gehört inzwischen fast zum Inventar der E Street Band. Doch der 61-Jährige ist viel mehr als „nur” der begnadete Gitarrist an der Seite von Bruce Springsteen. Er ist auch Schauspieler, Discjockey und Produzent. Außerdem engagiert er sich auf politischer Ebene oder für Nachwuchskünstler. So sitzt „Little Steven” nicht von ungefähr in der Jury des „Hard Rock Rising”-Wettbewerbs. Seine Beweggründe dafür verriet er Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll bei einem Interview im Kölner Hard Rock Cafe. Und auch wenn er auf dem gemeinsamen Foto etwas grimmig guckt, sprach ein bestens aufgelegter Steven Van Zandt außerdem noch über den Tod des E Street Band-Saxophonisten Clarence Clemons, die besondere Aura von Bruce Springsteen oder sein neuestes Projekt „Rock And Roll Forever”. Zunächst aber bestaunte er ausgiebig die vielen Memorabilia an den Wänden des Hard Rock Cafes am Kölner Gürzenich…

Herr Kröll mit Steven Van Zandt im Kölner Hard Rock Cafe

Es ist kein Zufall, dass wir uns heute hier im Hard Rock Cafe treffen. Du bist eines der Jurymitglieder beim „Hard Rock Rising“-Wettbewerb. Dabei kann eine Nachwuchsband einen Auftritt beim diesjährigen Hard Rock Calling Festival in London gewinnen. Hast du dabei schon die nächste E Street Band entdeckt?

Steven Van Zandt (lacht): Ja, vielleicht ist sie da irgendwo unter den 13.000 Bands oder wieviele es waren. Es ist ein grossartiger weltweiter Wettbewerb, um Nachwuchskünstler zu unterstützen. Vor zehn Jahren haben wir mit meiner Radioshow „Underground Garage“ angefangen und von Anfang an wurden wir von der Hard Rock Company als Sponsor unterstützt. Unsere Mission mit dieser Radioshow war es, einen Weg zu finden, um die Musik neuer Bands zu senden. Die grossen Sender hatten es nämlich geschafft, den Rock’n’Roll fast zu eliminieren. Frag mich nicht, wie das passieren konnte, aber es ist unglücklicherweise wahr. Also fingen wir an mit „Little Steven’s Underground Garage“ zwei Stunden lang in der Woche jede Menge Musik unbekannter Bands zu spielen und dazu alles aus sechzig Jahren Rock’n’Roll. Inzwischen senden wir in über hundert Ländern weltweit. Als die Hard Rock Company dann diesen Wettbewerb ins Leben rief, habe ich das auch als Kompliment für meine Radioshow empfunden und als Kompliment für die Marke „Hard Rock“, die den Rock’n’Roll schon immer unterstützt hat. Und zwar mit viel mehr als dieser Sammlung von Memorabilia. Das ist sehr wichtig, denn das Radio heutzutage unterstützt den Rock’n’Roll nicht und es gibt auch nicht mehr diese vielen Clubs wie früher, in denen diese Bands spielen könnten. Hard Rock und „Underground Garage“ haben so etwas wie eine neue Infrastruktur für sie geschaffen.

Der Gewinner von „Hard Rock Rising“ hat die Ehre auf dem Hard Rock Calling Festival im Juni als Support für die E Street Band aufzutreten.

Steven Van Zandt: Ja, das wird eine unglaubliche Erfahrung im Hyde Park werden. Aber es wird nicht nur der Gewinner dort spielen. Wir haben drei Bühnen dort und eine davon wird am Freitag unter dem Motto „Underground Garage” stehen. Dort können dann vier Stunden lang Nachwuchsbands spielen.

Ich habe deinen Auftritt mit Bruce Springsteen und der E Street Band vor drei Jahren beim Hard Rock Calling Festival auf DVD gesehen. Welch eine fantastische Nacht! Heute abend spielt ihr hier im Kölner Fußballstadion. Welches war der schönste Ort, an dem du bisher aufgetreten bist?

Steven Van Zandt: Oh, ich kann mich nicht erinnern. Sie sind alle anders und sie sind alle großartig. Aber ich sage dir die Wahrheit: Für mich war der schönste Platz bisher in vielerlei Hinsicht das Apollo Theater in New York, in dem wir auch die diesjährige Tour eröffnet haben. Die Geschichte dieses Ortes ist bezaubernd (lacht).

Neben deiner musikalischen Karriere bist du auch ein erfolgreicher Schauspieler. Du hast Silvio Dante in „The Sopranos” gespielt und warst in zwei norwegischen Serien, „Hotel Caesar” und „Lilyhammer”, zu sehen.

Steven Van Zandt: „Lilyhammer” läuft gerade in Amerika. Ich glaube, es läuft jetzt auch bald in Europa an. Die Serie ist sehr erfolgreich, hat alle Einschaltquotenrekorde in Norwegen gebrochen und hatte über eine Million Zuschauer in Amerika.

Was magst du mehr: Vor der Kamera zu stehen oder auf der Bühne? Oder kann man das nicht miteinander vergleichen?

Steven Van Zandt: Beides. Dies sind die beiden hauptsächlichen Dinge, die ich mache, aber ich mache ja noch mehr. Ich bin DJ und mag das genauso. Viele Leute kennen mich nur als DJ (lacht). Oder ich produziere andere TV-Shows. Auch das mache ich sehr gerne.

Viele andere Musiker haben deine Songs gespielt. Zum Beispiel Pearl Jam, Brian Setzer oder Jimmy Cliff. Du bist jetzt über 35 Jahre im Musikgeschäft. Macht dich das nach wie vor stolz oder wird es irgendwann zur Normalität?

Steven Van Zandt: Es ist jedenfalls nichts, das du als selbstverständlich ansehen kannst. Es ist sehr hart immer erfolgreich zu sein. Inzwischen verwende ich fast meine gesamte Zeit darauf, anderen Leuten zu helfen, damit sie erfolgreich sind. Weißt du, ich bin sehr stolz auf das, was wir geschafft haben. In diesem Jahr vielleicht sogar mehr als jemals zuvor. Es war ein sehr schwieriges Jahr. Wir haben unseren grossartigen Kumpel Clarence Clemons verloren. Unser zweiter Verlust nach Danny Federici. Wir haben danach eine Menge Zeit damit verbracht herauszufinden wie es weitergehen soll. Am Ende haben wir beschlossen die Band neu zu erschaffen. Du kannst Clarence nicht ersetzen. Es gibt keinen Ersatz für ihn. Also was kannst du tun? Du musst die Band erneuern, eine Art Hybrid von dem erschaffen, was wir vorher waren. Wir haben jetzt zwei Saxophon-Spieler, die seinen Part übernehmen. Außerdem haben wir in diesem Jahr den Schwerpunkt auf unsere Gospel- und Soul-Wurzeln gelegt. Ich bin sehr dankbar dafür, dass die „Queen Mary” immer noch fährt (lacht). Sie hat nur eine große Kurve gedreht. Wieviele große Bands können eine solche Veränderung verkraften und trotzdem überleben? Wir haben eine komplette Wiedergeburt hinter uns. Und jetzt können wir Clarence und Danny die Ehre erweisen. Darauf bin ich sehr stolz. Bruce ist immer noch ein unglaublich bedeutungsvoller Songwriter. Das ist der Schlüssel. Du kannst neue Leute in deine Band aufnehmen, du kannst dieses und jenes tun, aber was hast du davon ohne ein neues fantastisches Album, über das du kommunizieren kannst? Wäre Bruce nicht so kompromißlos gewesen, dann würde er jetzt wahrscheinlich irgendwo auf einem Boot sitzen und fischen. Dabei hat er jedes Recht zu entspannen (lacht). Aber wir fühlen uns, als würden wir gerade zusammen unser erstes Konzert spielen und unser erstes Album aufnehmen. Das ist wunderbar inspirierend für die Band und das Publikum, wie du heute Abend sehen wirst. Bruce hat eine wichtige Botschaft und das ist gut in der heutigen Zeit, wo die ganze Welt in Schwierigkeiten zu stecken scheint. Die Menschen leiden wie selten zuvor. Nicht so sehr in Deutschland, aber in Spanien, Italien, Griechenland und auch in Amerika. Das ist wirklich sehr schlecht. Deshalb ist es so wichtig, dass Bruce sagt „Ihr seid nicht alleine”. Wir sind alle in derselben Situation. Wenn einer von uns leidet, dann leiden wir alle. Das gibt uns frische Energie.

„Wrecking Ball” ist wirklich ein tolles Album und man sieht eure Energie auch deutlich auf der Bühne. Vorgestern in Frankfurt habt ihr drei Stunden und zwanzig Minuten gespielt. Das ist fantastisch. Viele andere hören schon nach anderthalb Stunden auf. Hast du Pläne für ein neues Solo-Album?

Steven Van Zandt: Nicht wirklich. Ich muss erstmal Zeit für die zweite Staffel von „Lilyhammer” finden. Das ist schon schwer genug. Und dann habe ich noch eine Liste anderer Dinge, die ich gerne tun würde (lacht). Wahrscheinlich mache ich vorher noch ein paar Alben für andere Leute, bevor ich ein eigenes aufnehme.

Du bist auch Vorsitzender der „Rock And Roll Forever Foundation”. Welche Idee steckt hinter diesem Projekt?

Steven Van Zandt: Die Idee ist, die Geschichte des Rock’n’Roll aufzuschreiben und an die Schulen zu bringen. Wir arbeiten sehr intensiv daran und ich hoffe, dass wir innerhalb der nächsten zwölf Monate mit einem Pilotprojekt starten können. Bisher haben wir ungefähr zweihundert Kapitel geschrieben, die bis zur Entstehung der frühen Bluesmusik zurückreichen. Wir wollen das an die Schulen bringen nicht nur um die Leute für Rockmusik zu begeistern und sie dazu zu bringen sich das anzuhören. Das können sie auch in meiner Radioshow (lacht). Wir wollen damit die Flut von Schulabbrechern stoppen. In Amerika bricht jeder vierte Jugendliche frühzeitig die High School ab. In ärmeren Gebieten ist es sogar jeder zweite. Das ist schrecklich. Wir hoffen, dass die „Rock And Roll Forever”-Klasse sie an ihrer Schule hält. Du brauchst nur eine dieser Klassen, nur einen begeisterten Lehrer, um sie an der Schule zu halten. Wir hoffen wirklich sehr, dass wir das hinkriegen. Warten wir es ab.

Ein großes Dankeschön an Winnie Viol (Schröder+Schömbs PR GmbH), die dieses Interview für uns möglich gemacht hat!