Rise Against Gitarrist Zach Blair im Interview in Berlin

"Ich habe nichts anderes mit meinem Leben anfangen können, außer auf der Bühne zu stehen und Gitarre zu spielen. "

Photo credit: Rainer Keuenhof
DATUM» 30.05.2017
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Das Marriott Hotel Berlin am Potsdamer Platz – Der Raum „Zürich Drei“ im ersten Stockwerk des Hotels ist hergerichtet: Eine Kaffeemaschine steht für Journalisten bereit, Obst und Gemüse finden sich auf einer Schale an der Seite des großen Konferenzraumes wider. Mittendrin stehen sich schwarze, gemütliche Ledersessel gegenüber, die nur durch einen Designer-Glastisch voneinander getrennt werden. Die Atmosphäre wirkt so steril, so als wolle man jede Art von Unrat in diesem Etablissement vermeiden. Zach Blair, Gitarrist der Chicagoer Band Rise Against, stört das herzlich wenig.

Entspannt nippt er an seinem Starbucks-Kaffeebecher und blickt durch seine farblose Brille einem freundlich entgegen. Jeanshemd und -hose lass ihn wie den CEO einer namhaften Werbeagentur wirken und nicht wie den Gitarristen einer Melodic Hardcore Band. Die Hater würden im ersten Moment „Sellout“ schreien, aber die waren auch gestern nicht bei der Promo-Show im SO36 dabei, wo man dem Publikum in 90 Minuten keine Atempause gelassen hat. Die Männer aus Chicago liefern immer und sind eine willkommene Abwechslung in der ach so true-gehaltenen Punk-Community.

Wann war das letzte Mal, dass du so eine Show gemacht hast?

Zach: In Deutschland ist das echt lange her. Hier sind wir ja schließlich  schon seit Jahren sehr erfolgreich unterwegs. Trotzdem habe ich es gestern geliebt und es erinnert einen immer daran, woher man kommt. Schließlich habe ich mehr kleine Shows gespielt, als solche Arenen-Dinger. Ich habe ja nichts anderes mit meinem Leben anfangen können, außer auf der Bühne zu stehen und Gitarre zu spielen. Aber gestern war es echt krass, vor allem was die Luft anging. Weißt du, dass die Luft in europäischen Clubs anders ist, als zum Beispiel in den U.S.A.?

Nein, wusste ich nicht.

Zach: An die letzten Shows, die ich mich erinnern kann, wo wir vor genau so viel Leuten gespielt haben war in Polen und Tschechien. Genau so stickig, genau so heiß. Und gestern rann uns der Schweiß einfach nur so von der Stirn, es hat gar nicht mehr aufgehört. Als ich zu Tim geschaut habe, sah es aus als ob er gerade eine Dusche genommen hätte. Normalerweise springe ich auch viel mehr auf der Bühne herum, aber das gestern einfach nicht möglich.

Aber es ist auch euer Fehler, wenn ihr mit „Give It All“ in den Abend startet.

Zach: Ich weiß, das war auch ein Fehler. Aber wir wollten eine ausbalancierte Setlist haben. Bald sind wir auf Tour mit den Deftones in Amerika und das werden dann wieder größere Sachen, wo wir dann nicht die unbekannten Stücke wie „Everchanging“ spielen können.

Sind deutsche Shows, auch hinsichtlich der Festivals, anders als in den Staaten?

Zach: Ja, teilweise. Gerade was die Liedauswahl angeht habe ich gemerkt, dass Leute schnell angepisst sind, wenn dieser und jene Song nicht gespielt wird….

Was spielst du momentan am liebsten live?

Zach: Momentan sind das die neuen Stücke aus unserem aktuellen Album „Wolves“. Es gibt halt Lieder, die wir teilweise solo unfassbar oft gespielt haben, deshalb mag ich es, wenn wir auch mal ein bis zwei Songs austauschen.

Ihr habt zum Beispiel gestern nicht „Ready to Fall“ gespielt.

Zach: Ja genau. Das ist halt einer dieser Songs, die wir rauf und runter gespielt haben. Wir haben seit neuestem zum Beispiel mal wieder „Architects“ ausgepackt und uns auch bewusst dafür entschieden mindestens einen Song von jedem Album zu spielen. Normalerweise spielen wir von „The Unraveling“ ausschließlich „Alive and Well“ und es war cool einfach mal etwas neues auszuprobieren. Das sind halt so Songs, die dann mehr für uns sind als für den Großteil des Publikums. Da gibt es dann immer Kids, die uns angucken mit Gesichtern, die sagen: Was zur Hölle spielt ihr da eigentlich?

„Deutschland ist für manche Bands wichtiger als die USA“

Gestern durfte man auch drei Songs von eurem neuen Album hören. „The Violence“, „Welcome to the Breakdown“ und „House On Fire“, die alle sehr melodisch klangen, aber zum Teil die Härte von früheren Alben vermissen ließen. Können diese drei Lieder repräsentativ für das neue Album genannt werden?

Zach: Ja, teilweise. Die Sache ist die, wir wollen die Leute nicht komplett nur neuen Kram präsentieren, deshalb werden wir wahrscheinlich bei drei Songs für den Anfang bleiben. Eventuell auch, wenn wir nach Deutschland zurückkommen. Wir integrieren unsere neuen Lieder immer erst langsam in unsere Shows ein. Ich hasse es selbst, wenn ich mir eine Band angucke und nur neue Lieder gespielt werden.

Wenn wir schon gerade von Shows in Deutschland sprechen: Hast du an irgendwelche Auftritte besondere Erinnerungen?

Zach: Rock am Ring und Rock im Park 2010 werde ich niemals vergessen. Es müssen gefühlt 100.000 Leute da gewesen sein, die gekommen waren um sich vier Typen auf der Bühne anzugucken. Und Rammstein natürlich, vor denen wir gespielt haben. Aber dieser Moment hat mich komplett übermannt. Es war einfach überwältigend in diesem strömenden Regen zu stehen und auf all diese Menschen zu blicken. Wie gesagt, diesen Moment werde ich glaube ich niemals vergessen. Und dann waren da noch diese riesigen Leinwände. Aber um das alles nochmal zusammenzufassen: Deutschland ist so ein unglaublich wichtiger Faktor für amerikanische Band. Teilweise sogar noch wichtiger als in den USA. Weißt du, ich komme aus Austin, Texas und kenne Bands aus meiner Heimat, die hier in Deutschland etwas aufgebaut haben, während sie zuhause immer noch in den verdammten Bars spielen. Die Leute hier haben manchen Bands erst richtige Karrieren ermöglicht.

Kannst du dich an eine deutsche Band erinnern, welche dir während deiner Karriere ausgeholfen hat?

Zach: Ich habe in den 90-ern in einer Band namens Hagfish gespielt. Und – ich spreche den Namen jetzt bestimmt falsch aus – die Arzte? Ärzte! Die haben mich damals mit auf Tour in Deutschland genommen. Die toten Hosen waren auch an uns dran, aber es wurden dann die Ärzte. Uns ist erst später aufgefallen, dass die beiden mit die größten deutschen Bands überhaupt waren und sind. Und wir hatten keine Ahnung von diesen Typen und was das überhaupt für eine riesige Möglichkeit für uns war. Ich habe sie dann vor einigen Jahren auf einem Festival wiedergesehen und sie konnten sich sogar noch an mich erinnern. Das war echt witzig.

Wie bist du eigentlich in Kontakt mit Rise Against getreten? Du bist ja erst 2006 zur Band dazugestoßen.

Zach: Ja genau, ich bin seit der Tour von „Sufferer & the Witness“ dabei. Es ist eine langweilige Story eigentlich. Wir haben uns über Fat Wreck Records kennen gelernt. Ich war damals bei einer anderen Band und wir sind mit Rise Against zur damaligen Zeit viel am Touren gewesen. Wir kamen von Anfang an gut miteinander aus, hatten gleiche Interessen im Bereich Musik usw. Und schon dort wurde ich gefragt, ob ich der Band nicht beitreten wollen würde. Doch ich bin bei meiner alten geblieben, auch aus dem Grund weil ich sie nicht sitzen lassen wollte. Verstehe mich nicht falsch, ich habe die Band von Anfang an geliebt. Aber zu der Zeit war es einfach nicht das Richtige. Zum Glück hatte ich dann anderthalb Jahre später noch einmal die Chance und die habe ich dann genutzt.

„Ich würde den Leuten Survive als ersten Song empfehlen.“

Die letzten Anschläge mit terroristischen Hintergrund bei Konzerten haben momentan erhebliche Auswirkungen auf die Festivallandschaft in Deutschland. Rock am Ring hat beispielsweise ihre Regeln verschärft und sowohl Rucksäcke, als auch Tetrapackflaschen auf dem gesamten Festivalgelände verboten. Es wird ja immer davon geredet, man solle den Terror nicht in die Köpfe der Menschen einlassen, aber das sind ja genau Anhaltspunkte, die unsere Freiheit als Musikliebhaber auf Festivals einschränken. Wie denkst du persönlich darüber?

Zach: Bedauerlicherweise sind das notwendige Maßnahmen, die ergriffen werden müssen um die Sicherheit der Menschen vor Ort zu gewährleisten. Wir haben es ja beispielsweise im Bataclan bei den Eagles of Death Metal gesehen. Du hast eine Menge Leute in einem kleinen Areal, daher muss etwas passieren. Es erhöht natürlich die Überwachung und es wird weniger lustig, aber dasselbe hast du ja auch bei Flughäfen. Ich bin klar dafür, da  ich niemals die Situation erleben möchte, wo ein Fan deswegen verletzt wird, weil er eines unserer Konzerte besucht hat.

Ist irgendetwas in dieser Art bei euren Shows schon mal passiert?

Zach: Nichts in diesem Ausmaß. Klar, gab es hier und da mal Unfälle. Ich kann mich erinnern, dass wir einmal unsere Show stoppen mussten, weil jemand von den Schultern einer anderen Person nach hinten gefallen ist und sich den Kopf brutal angeschlagen hatte. Solche Unfälle passieren. Das Schlimmste, was ich erlebt habe war ein ein Jugendlicher bei einer Show meiner alten Band in Wilkes-Barre, Pennsylvania. Der Junge stand in der ersten Reihe und hatte einen Anfall und ist gestorben. Das war ein wirklich hartes Erlebnis.

Haben wir noch etwas Zeit? So möchte ich das Interview auf keinen Fall beenden. 

Zach: Sicherlich.

Welchen Song würdest du einer Band empfehlen, die dich noch nie gehört hat?

Gute Frage. Hm, ich weiß nicht. Wahrscheinlich wäre es „Survive“ von „Sufferer & The Witness“. Der Song und das Album repräsentieren die Band am Besten. Von vielen war es auch der erste Song, den sie je von Rise Against gehört haben.

Von mir war es auch der erste Song. Der war damals auf dem Soundtrack von „Smack Down! vs. Raw“ vertreten, glaube ich.

Zach: Ja, das habe ich schon von vielen gehört.

Das ist auf jeden Fall ein besseres Schlusswort. Vielen Dank für das Interview.

 

Ein großer Dank geht an Jördis Lübke von Universal, die uns dieses Interview ermöglicht hat.