Wer heutzutage immer noch glaubt, die Geige sei ein langweiliges klassisches Instrument, mit dem man höchstens potentielle Schwiegermütter beeindrucken kann, der hat David Garrett noch nicht erlebt. Der sympathische Deutsch-Amerikaner mit dem lässigen Outfit hat bereits mit einigen erfolgreichen Alben bewiesen, wie gut Rockmusik und Klassik zusammenpassen, und füllt mit diesem Konzept regelmäßig die ganz großen Hallen und Arenen.
Natürlich ruft das auch Kritiker auf den Plan, die Alben wie „Rock Revolution“ und „Rock Symphonies“ den Ausverkauf klassischer Musik vorwerfen. Doch worum geht es dem Starvirtuosen aus Aachen? David Garrett möchte Menschen für seine Musik begeistern, die nicht unbedingt in ein Sinfoniekonzert gehen würden und sich an Mainstream-Melodien erfreuen, die sie aus dem Radio kennen. Das ist okay und erschließt der herkömmlichen Klassik im Sinne einer Crossover-Performance ganz neue Hörerschichten.
Mit „Immortal“ schlägt der virtuose Musiker ein neues Kapitel auf und widmet sich der Frage, was von großer Kunst eigentlich bleibt, wenn die Zeit vergeht. Seine Antwort fällt musikalisch aus: Werke großer Komponisten sind auch Jahrhunderte nach ihrer Entstehung lebendig, sofern man ihnen mit Leidenschaft, Können und einer eigenen Handschrift begegnet.
Vom Barock über Klassik und Romantik bis hin zur Filmmusik spannt Garrett einen weiten Bogen. Johann Sebastian Bach trifft auf Claude Debussy, Tschaikowsky auf Mozart und Johannes Brahms auf John Williams. Dessen berühmtes „Theme from Schindler’s List“ gehört ebenso zu den besonderen Momenten wie Puccinis „Nessun dorma“, das längst weit über die Grenzen der Oper hinaus bekannt ist. Dazu kommen unter anderem Paganini, Mendelssohn, Rachmaninow und Schostakowitsch.
Das Programm des aktuellen Albums ist also nicht einfach eine Sammlung gefälliger Klassiker, sondern eine musikalische Reise durch mehrere Jahrhunderte. Sämtliche Arrangements stammen von Garrett selbst, unterstützt von Franck van der Heijden und John Haywood. Gemeinsam mit dem Orchester The Prezent und dem Pianisten Julien Quentin entwickelt er einen Klang, der die Geige ins Zentrum rückt und den Kompositionen gleichzeitig einen orchestralen Rahmen gibt. Garrett muss hier nicht mit aller Gewalt beweisen, dass Klassik auch modern funktionieren kann. Vielmehr lässt er die Melodien für sich sprechen, setzt auf Dynamik und emotionale Intensität und zeigt, wie unterschiedlich die Ausdrucksmöglichkeiten seines Instruments sein können.
Natürlich lebt ein solches Album auch von großen Gefühlen. Und davon gibt es auf „Immortal“ reichlich. Mal stehen die lyrischen, beinahe zerbrechlichen Seiten der Musik im Vordergrund, mal darf Garrett seine technische Brillanz ausspielen. Gerade die Verbindung von intimeren Momenten und größerem musikalischem Pathos macht den Reiz des Albums aus. Wer Garrett vor allem durch seine rockigeren Crossover-Projekte kennt, erlebt hier eine andere, stärker in der klassischen Tradition verwurzelte Seite des Musikers.











