Verwirrspiel um eine verliebte Schülerin und eine kaputte Ehe
Gerade habe ich den neuen Roman von Freida McFeddan beendet. „Der Lehrer“ ist ein psychologischer Thriller, der sehr zu überzeugen weiß. Die Autorin verwendet den Kniff, ihre Geschichte aus der Sicht zweier Protagonistinnen zu erzählen, die zudem Gegenspielerinnen sind: einer Schülerin und ihrer Lehrerin. Warum der Roman nicht „Die Lehrerin“ heißt, sondern die männliche Form verwendet, wird auch schon ganz zu Beginn klar. Eigentlich dreht sich nämlich alles um den beliebten Englischlehrer Nate Bennett, den Ehemann der erwachsenen Ich-Erzählerin.
Zum Inhalt: Eigentlich hat Eve Bennett ein gutes Leben. Sie ist Mathelehrerin an der örtlichen Highschool und verheiratet mit Nate, der dort Englisch unterrichtet. Doch letztes Jahr wurde die Schule von einem Skandal erschüttert, in dessen Zentrum eine Schülerin stand. Und dieses Jahr ist diese Schülerin in Eves Klasse. Addie kann man nicht trauen, sie lügt und verletzt Menschen. Aber niemand kennt die wahre Addie. Niemand kennt das Geheimnis, das sie zerstören könnte. Und Addie würde alles dafür tun, dass es so bleibt. Ihr einziger Lichtblick in diesem Schuljahr: ihr neuer Englischlehrer Nate Bennett.
Die beiden Sichtweisen werfen ein unterschiedliches Bild auf das Geschehen. Eve ist frustriert von ihrer Ehe und dem Mann, der sie nur noch oberflächlich liebt. Sie sucht nach Zerstreuung, liebt Schuhe und den Schuhverkäufer – zudem will sie eine gute und doch einigermaßen strenge Lehrerin sein. Aus der Sicht von Addie passt sie nicht zu dem beliebten und sympathischen Englischlehrer, der immer Verständnis für seine Schüler*innen hat. Seele und Verliebtheit der 16jährigen Teenagerin sind sehr gut beschrieben und man kann ihre Motive einigermaßen nachvollziehen.
Es gibt einige überraschende Wendungen, vor allem wenn nach drei Vierteln des Buches ein Perspektivwechsel stattfindet und Ereignisse auch aus Nates Sicht geschildert werden. Entwickeln die tragischen Geschehnisse eine Eigendynamik, die nicht mehr aufzuhalten ist? Wird am Ende ein Mord geschehen? Ich will nicht zu viel verraten, aber es bleibt spannend und in Teilen unvorhersehbar bis zur letzten Romanseite. Zudem werden viele Themen angeschnitten, die für sich eine Erzählung wert sind: Mobbing, Gewalt in der Ehe, Missbrauch, Sex mit Minderjährigen, außereheliche Affären – da kommt einiges zusammen.
Einzig die alte Geschichte um einen Lehrer, der die Schule verlassen hat, weil ihm ein Verhältnis mit Addie nachgesagt wurde, kommt meiner Ansicht nach zu kurz und wird nicht genügend beleuchtet. Da bleibt noch einiges im Dunkeln, über das ich als Leser gern mehr erfahren hätte. Davon abgesehen ist „Der Lehrer“ aber ein raffiniert aufgebauter Thriller mit vielen Überraschungen. Flüssig zu lesen, geradlinig erzählt und ein echter Pageturner.
