Science Fiction und die Geschichte der Sklaverei
Octavia E. Butler war eine einflussreiche US-amerikanische Science-Fiction-Autorin und lebte von 1947 bis 2006. Sie gilt als eine der wichtigsten Stimmen des Genres — besonders, weil sie Themen wie Rassismus, Macht, Geschlecht, Religion und soziale Ungleichheit in futuristischen Geschichten verarbeitet hat. Ihr Einzelroman „Kindred“ aus dem Jahr 1979 erschien als „Verbunden“ in deutscher Sprache und wurde für den HEYNE Verlag aktuell neu übersetzt. In einem ausführlichen Essay erklären die Übersetzerinnen Mirjam Nuenning und Sharon Dodua Otoo, wie sie vorgegangen sind, sich mit Narrativen und einer diskriminierenden Wortwahl auseinandergesetzt haben, um den Roman stilistisch sauber in die heutige Zeit zu übertragen, ohne den Inhalt zu verfälschen. Allein das ist beeindruckend und man kann erkennen, wie gut der Balanceakt gelungen ist.
Die Story ist zwar in SF und Fantasy angesiedelt, das wird aber nicht wirklich greifbar, da der Wechsel zwischen zwei Zeitebenen nicht erklärt sondern einfach hingenommen wird. Zum Inhalt: USA, 1976. Die junge Schwarze Schriftstellerin Dana zieht mit ihrem weißen Ehemann Kevin in eine neue Wohnung. Doch schon beim Einzug wird sie urplötzlich und gegen ihren Willen ins Jahr 1815 versetzt – auf eine Plantage in den US-amerikanischen Südstaaten. Dort rettet sie Rufus, dem Sohn des Sklavenhalters, das Leben. Rufus hat die Fähigkeit, sie durch Raum und Zeit herbeizurufen, wenn er in Gefahr ist. Dana muss das Trauma ihrer Vorfahren durchleben – und um ihre Freiheit in Vergangenheit und Gegenwart kämpfen.
Die Geschichte startet abrupt und schon ist man mitten im Geschehen. Die Beschreibung der Figuren ist rundum gelungen und die Handlungselemente sind absolut spannend. Vor allem der unvermittelt auftretende Wechsel in der Zeit sorgt dafür, dass man sich als Leser nie entspannt zuücklehnen kann, sondern wie die Protagonistin immer auf der Hut sein muss.
Ganz nebenbei erfährt man wichtige Details zur Geschichte der Sklaverei und wird hautnah in das Geschehen mit einbezogen. Das Handeln der Personen ist immer nachvollziehbar, auch wenn man in Anbetracht von Macht und Unterwerfung häufig nur den Kopf schütteln kann. Es gelingt Butler jederzeit, die Lage der Menschen und ihre Beweggründe bildhaft zu beschreiben. Viele sind gefangen in ihren Zuschreibungen, doch das korreliert auch mit der Situation von Dana, die in zwei Welten gefangen ist, ohne jemals Sicherheit zu haben.
Der Schachzug unterschiedlicher Geschwindigkeiten von Zeit in den beiden Ebenen treibt den Roman unerbittlich bis zum unvermeidlichen Finale voran. Er bleibt spannend bis zum Schluss – und ich habe an keinem Punkt bemerkt, dass er schon über 45 Jahre alt ist. Grandios in jeder Beziehung und ein Muss für alle historisch Interessierten, die das Konzept von Sklaverei und deren Auswirkungen auf die USA verstehen wollen.
