Tracer haben bereits einen langen Weg hinter sich, seit ihre musikalische Reise vor zehn Jahren in Adelaide im Süden Australiens begann. In dieser Zeit haben sie zwei Independent-EPs veröffentlicht, doch ihr eigentliches Debüt war 2011 „Spaces In Between“, dem Ende April das zweite Album „El Pistolero“ folgte. Damit fand das Trio endgültig den richtigen Dreh, um die Energie ihrer vielfach gepriesenen Liveshows auf einen Silberling zu bannen. An diesem herrlich warmen Frühsommerabend im Juni wollen auch wir uns davon überzeugen, ob der Ruf, der Sänger und Gitarrist Michael Brown, Drummer Andre Wise und dem neuen Bassisten Jeff Heysen-Hicks vorauseilt, tatsächlich gerechtfertigt ist. „El Pistolero“ hat die Messlatte hoch gelegt (das Review dazu findet ihr übrigens hier).
Wer es sich leisten kann, die Fans vor dem eigenen Konzert mit der kompletten neuen Scheibe von Queens Of The Stone Age zu beschallen, verfügt schon mal über ein gesundes Selbstbewußtsein. Als Vorgruppe bekommen die Kölner mit Dead Man’s Eyes aus Königswinter einen Lokalact geboten. Die fünf eher schüchternen Jungs um Sänger Peter Engel machen ihre Sache 40 Minuten lang erstaunlich gut und mit ihrer Mischung aus Southern- und Stoner-Rock nach anfänglicher Zurückhaltung richtig viel Spass. Ich habe jedenfalls schon weitaus schlechtere Anheizer erlebt.
So sind dann auch alle bereits in gehobener Stimmung, als Tracer um kurz nach 21 Uhr loslegen. Der Garfaktor im Luxor steigt augenblicklich um einige Grad an. Michael Brown knüppelt seine Riffs in den schlauchartigen Club an der Luxemburger Straße als gäbe es kein Morgen mehr. Nebenbei empfiehlt er „Fuck water, drink beer“. Live klingen Tracer viel weniger nach all den Querverweisen wie Kyuss oder den Foo Fighters, mit denen sie sich so oft vergleichen lassen müssen. Das hier ist Rock’n’Roll wie er sein soll: Heiß, laut, verschwitzt und voll auf die Glocke. Bei „Spaces In Between“ bildet sich ein erster kleiner Pogo-Pit.
Im Hintergrund bearbeitet Andre Wise sein Drumkit wie das berühmte „Tier“ aus der Muppet Show und Jeff Heysen-Hicks zuckt über die Bühne als stünde sein Bass unter Strom. „Lady Killer“ widmet Michael Brown seinem Bruder Leigh, der die Band vor zwei Jahren verließ, weil er den Tourstress nicht mehr aushielt. Trotz des nur halb gefüllten Luxors liefern die Drei eine Vollgasveranstaltung ab. Die Luftgitarre feiert fröhliche Wiederauferstehung. Und spätestens als Michael Brown bei den Zugaben mit nacktem Oberkörper erscheint, kommen auch alle weiblichen Fans auf ihre Kosten. Als gegen 22.30 Uhr das letzte Riff und der letzte Publikumschor verhallt sind, weiß man, dass Tracer mit „El Pistolero“ nicht zuviel versprochen haben. Die Stimmung brodelt und das liegt nicht nur an den schweißtreibenden Temperaturen.
Bevor wir gehen, lüften wir noch einmal unseren imaginären Hut, aus Respekt vor einer Band, die uns mit ihrem energetischen Mix aus Stoner-Hymnen, breitbeiniger Biker-Attitüde und klassischem Power-Rock einen Abend bereitet hat, der nach mehr schreit. Im Oktober kehren die Drei zurück und dann will ich das Luxor voll sehen. Im Gegensatz zu manch anderer substanzlosen Poser-Kapelle hätten Tracer das nämlich verdient!
2009 starteten Selig nach zehnjähriger Pause eine furiose Reunion. Seitdem haben sie mit „Und Endlich Unendlich“, „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ und zuletzt „Magma“ drei Alben veröffentlicht, die sich allesamt in den Top Ten der Charts platzieren konnten. Die fünf Hamburger gehören längst wieder zum festen Wertekanon der deutschen Rockszene, auch wenn „Magma“ als stilistische Neuorientierung nicht überall auf uneingeschränkte Gegenliebe stieß. Die FAZ etwa schrieb von „Mainstream-Pop“ und „Wellness-Rock“, kürte das Album aber dennoch zur „CD der Woche“. In einem jedoch sind sich alle einig: Es gibt hierzulande nur wenige Kapellen, die Selig live das Wasser reichen können.
Seit Mitte März lässt das Quintett auf seiner „Magma Tour“ die deutschen Bühnen brodeln. Köln ist ihre neunte Station, sechs weitere Termine folgen noch, als nächstes das doppelte Heimspiel im Docks auf der Reeperbahn. Die Live Music Hall ist zwar voll, erstaunlicherweise aber nicht ganz ausverkauft. Wer hier schon mal ein Konzert erlebt und gesehen hat, wie die Leute quasi bis unter die zuweilen brüchige Decke gestapelt stehen, der weiß, dass dies heute abend nur von Vorteil sein kann. Möglicherweise befinden sich viele Kölner bereits im Osterferienmodus.
Diejenigen, die „nicht auf dem Sofa liegen geblieben, sondern gekommen sind“, wie Jan Plewka später sagen wird, brauchen allerdings elendig lange, bis sie so etwas ähnliches wie Stimmung verbreiten. Das gesamte Mainset über komme ich mir vor, als läge ich tatsächlich zuhause auf dem Sofa und würde mir eine Konzert-DVD anschauen. Es wird gequatscht statt gesungen, bestenfalls mitgewippt statt getanzt und zwischen den Songs zumindest höflich Applaus gespendet. An Selig liegt diese für Kölner Verhältnisse fremdartige Zurückhaltung definitiv nicht. Der Sound ist vom ersten Ton des Openers „Ich lüge nie“ nahezu perfekt und Jan Plewka, Leo Schmidthals, Christian Neander, Stephan Eggert sowie Malte Neumann erweisen sich als gutgelaunte Meister ihres Fachs. Trotzdem scheinen sie die seltsame Atmosphäre ebenfalls zu spüren. Jan Plewka versucht es immer wieder mit einem aufmunternden „Geht es euch gut?“ oder „Seid ihr noch da?“, gibt aber spätestens nach „Der Tag wird kommen“ auf, als sein Wunsch, lautstarke Grüße von Köln nach Hamburg zu schicken nur einen müden Widerhall findet.
Man muss Selig zugute halten, dass sie sich davon in keinster Weise irritieren lassen. Die Setlist ist ein gelungener Streifzug durch ihre beiden Schaffensphasen vor 1999 und nach 2009. Lediglich das „Blender“-Album von 1997 findet mit keinem einzigen Stück Verwendung, dafür ist „Magma“ gleich mit deren zehn vertreten. Vielleicht liegt die flächendeckende Körperstarre der Fans am eisigen Wind, der uns vor Konzertbeginn auf dem Weg zur Halle fast hat einfrieren lassen. Vielleicht liegt des Rätsels Lösung aber auch darin, dass man nach so viel „Magma“ gerne mehr älteres Material gehört hätte. Als es beim ersten Zugabenblock mit „Sie hat geschrien“, „Wenn ich wollte“ und dem unvermeidlichen Klassiker „Ohne Dich“ nämlich ganz zurück bis zu den seligen Anfängen von 1994 geht, da können plötzlich alle mitsingen, tanzen und ihre Arme in die Luft reißen.
Am Ende müssen Selig sogar dreimal wiederkommen, ehe sie den Abend nach über zwei Stunden und insgesamt 23 Songs mit einer akustisch angehauchten Version von „Regenbogenleicht“ ausklingen lassen. Vorher versprechen sie noch „Wir werden uns wiedersehen“. Angesichts der musikalischen Klasse, die sie heute demonstriert haben, klingt dieses Versprechen wie eine Verheißung. Die Live Music Hall ist dabei spät, aber nicht zu spät aufgetaut. Selbst wenn es zu einem Vulkanausbruch nicht mehr ganz gereicht hat. Genau den hätte dieses Konzert eigentlich verdient gehabt!
Als im Dezember des vergangenen Jahres der Vorverkauf für die fünf Deutschlandtermine der Biffy Clyro-Europatour 2013 begann, gingen die Tickets weg wie frischgeschnittenes Brot. Im Januar veröffentlichte das Trio sein grossartiges neues Doppel-Album „Opposites“ und brachte damit die nach oben hin offene Euphorieskala endgültig zum Durchbrennen. In dem allseits bekannten Auktionshaus mit den vier Buchstaben wurden die Tickets für das drei- bis vierfache des Normalpreises gehandelt. Der lag bei 30 €. Zusätzlich angefacht wurde der Hype um Simon Neil sowie die Gebrüder James und Ben Johnston durch massives Radio-Airplay ihrer Single „Black Chandelier“.
Natürlich ist auch das Kölner E-Werk heute restlos ausverkauft. Der prozentuale Anteil weiblicher Fans unter den 2.000 Glücklichen, die eine Karte ergattert haben, ist hoch. Kein Wunder, denn die drei Schotten treten traditionell halbnackt – sprich mit freiem Oberkörper – auf. Bevor sie sich am Anblick des großflächig tätowierten Trios erfreuen können, müssen Weiblein wie Männlein jedoch erst noch die Vorgruppe Blood Command über sich ergehen lassen. Die norwegischen Punkrocker prügeln ihre Songs eine knappe halbe Stunde lang mit einem solch tragikkomischen Dilettantismus in die Halle, dass der Raucherbereich neben dem E-Werk binnen kürzester Zeit aus allen Nähten platzt. Während sie ihre unverständlichen Texte ins Mikro brüllt, ist Frontfrau Silje Tombre zumindest ein äußerlich netter Anblick. Über den Rest des „Auftritts“ hüllen wir an dieser Stelle lieber den dicken Mantel des Schweigens.
Blood Command sind vollständig vergessen, als um 21 Uhr im E-Werk das Licht ausgeht und die ersten Klänge des Openers „Different People“ erklingen, der im Refrain gleich mal das Motto des Abends verkündet: „We’re alive tonight“. Oder mit anderen Worten: Die Party kann losgehen. Im Gegensatz zum gestrigen Konzert in Berlin muss sich Simon Neil in Köln auch keine bierbecherwerfenden Fans persönlich vorknöpfen und aus der Halle schmeißen lassen. Unterstützt werden er und die Johnston-Brüder vom vollständig bekleideten Ex-Oceansize-Gitarristen Mike Vennart, der sich bis auf wenige Ausnahmen aber komplett im Hintergrund hält. „Opposites“ macht die Hälfte des 23 Songs umfassenden Sets aus, das im bisherigen Verlauf der Tour lediglich in Bezug auf deren Reihenfolge variiert. Immerhin haben Biffy Clyro mit „There’s No Such Thing As A Jaggy Snake“ auch einen Klassiker aus ihrem 2004 erschienenen Album „Infinity Land“ im Repertoire, der die ganze ungezügelte künstlerische Kraft wiederspiegelt, zu der die Band fähig ist und die seit ihrem Megaseller „Only Revolutions“ von 2009 ein wenig in kommerziellen Ketten liegt.
So wirkt auch ihr Auftritt im E-Werk bei aller musikalischen und handwerklichen Klasse seltsam routiniert. Die Ansagen sind spärlich und manch einer bezeichnet die Songauswahl hinterher als „zerrissen“. Das mag daran liegen, dass es neben krachenden Rockhymnen wie „Sounds Like Balloons“, „Modern Magic Formula“ oder „Booooom, Blast & Ruin“ auch viele der ruhigeren Stücke in die Setlist geschafft haben. Höhepunkte hierbei sind „Machines“, das Simon Neil alleine mit Akkustikgitarre singt und das von einem stabilen Kloß im Hals begleitete „Opposite“. Wer trotzdem kann, singt nicht nur an diesen Stellen aus voller Kehle mit. Die überaus geschmackvolle Lightshow untermalt die melancholischen ebenso wie die hemmungslos rockigen Momente perfekt. Trotz des durchgängig leicht matschigen Sounds ist die Stimmung ausgelassen und vor allem friedlich. Auf und vor der Bühne fließt der Schweiß in Strömen. Es gibt wohl niemanden, der nach fast eindreiviertel Stunden und den letzten Klängen des Closers „Mountains“ unzufrieden nach Hause geht. Ihrem Ruf als eine der derzeit besten Live-Kapellen dieses Planeten sind Biffy Clyro in Köln ohne Zweifel gerecht geworden.
Man darf momentan allerdings die Befürchtung hegen, dass es ihnen ähnlich wie den Kings Of Leon ergehen könnte. Die wollten nach dem Riesenerfolg ihres Albums „Only By The Night“ von 2008 zu schnell zu viel und erlitten in dem auf maximalen Profit gepolten Hamsterrad der Musikindustrie ein Schleudertrauma, das bis heute anhält. Es spricht einiges dafür, dass die Kollegen aus Tennessee für Biffy Clyro tatsächlich ein warnendes Beispiel sind. Auch wenn ich mir so gut wie sicher bin, dass wir die Schotten auf ihrer aktuellen Tour zum letzten Mal in vergleichsweise kleinen Hallen von der Größenordnung des E-Werks sehen. Deshalb empfehle ich allen Fans bei den beiden noch ausstehenden Konzerten in Bremen und Wiesbaden: Genießt es!
Am kommenden Montag (04.03.) sind Biffy Clyro übrigens live in der neuen Sendung „Circus HalliGalli“ von Joko und Klaas zu Gast (ProSieben, 22:15 Uhr). Darüberhinaus quasi ganz frisch verkündet: Biffy Clyro werden bei „Rock im Pott“ (Gelsenkirchen, 18.08.) und dem neuen Festival „The Rise Of Rock ’n‘ Heim“ (Hockenheimring, 16.-18.08.) auftreten. Außerdem sind für die Festivalsaison bereits Auftritte bei Rock am Ring, Rock im Park, Taubertal und dem Open Flair Festival bestätigt.
Im April des vergangenen Jahres erschien mit „United We Stand“ das fünfte Album von Brad und bot Alternative- und Psychedelic Rock vom Allerfeinsten. Mit Sicherheit war „United We Stand“ eines der besten Alben 2012 und umso größer die Freude, als Brad für dieses Jahr eine Europatour ankündigten. Erstaunlicherweise die erste in ihrer 20-jährigen Bandgeschichte. Vier Deutschland-Termine sind es schließlich geworden. Köln ist neben Hamburg, Berlin und München die dritte Station des Quartetts aus Seattle.
Prominentestes Mitglied des Vierers ist zweifellos Stone Gossard, im Hauptberuf Gitarrist der Grunge-Ikonen Pearl Jam. Umso verwunderlicher, dass der Vorverkauf für die Konzerte eher schleppend verlief. In München verlegte man sich sogar in eine kleinere Location. Dabei sind auch Gossard’s Mitstreiter alles andere als Unbekannte. Frontmann Shawn Smith sollte von Pigeonhed oder Satchel ein Begriff sein, seiner gemeinsamen Band mit Regan Hagar, der sich zuvor bereits bei Malfunkshun einen Namen gemacht hat, und Keith Lowe durfte immerhin schon mit Fiona Apple oder David Sylvian zusammenarbeiten. Trotz all dieser Meriten ist das Luxor heute ebenfalls nur gut bis zur Hälfte gefüllt. Schön, dass unter den etwa 200 Fans zahlreiche Gesichter zu finden sind, die man von diversen Pearl Jam-Tourneen her kennt. Selbst eine Abordnung holländischer Freunde hat den Weg nach Köln auf sich genommen, um Brad zu sehen.
Bevor es soweit ist heizen erstmal die englischen New Killer Shoes mit ihrer Mischung aus Rock, Punk und Ska der „Menge“ eine halbe Stunde lang äußerst ordentlich ein. Die anschließende Umbaupause kann man sich dann mit Stone Gossard’s Gitarrenroadie Rob vertreiben, der aussieht wie eine Miniaturausgabe von Billy Gibbons von ZZ Top. Um kurz nach 21 Uhr eröffnen Brad mit „Takin‘ It Easy“ dann endlich ihr Set. Zunächst überwiegen die ruhigen Stücke, bei denen Shawn Smith seine gesanglichen Qualitäten voll ausspielen kann. Der Sound ist schön druckvoll und im Luxor macht sich eine Art ehrfurchtsvolles Staunen breit. Wann sieht man Stone Gossard schonmal aus zwei Metern Entfernung? Der heimliche Star des Abends hält sich jedoch bescheiden im Hintergrund, konzentriert sich auf die Handhabung seines Instruments und überlässt die Bühne vornehmlich dem Schwergewicht Shawn Smith.
Erst gegen Mitte des Konzerts schlägt Gossards grosse Stunde. Zunächst legt er während „Diamond Blues“ ein ausführliches Solo auf die Bretter, um gleich danach mit „Bayleaf“ (das in Köln seine Tourpremiere feiert) einen Song aus seinem gleichnamigen ersten Soloalbum von 2001 zu singen. Der Jubel ist entsprechend. Dass Brad auch dreckig rocken können, beweisen sie mit „Sweet Al George“, bevor „Screen“ das hymnische Ende des Mainsets bildet. Shawn Smith rutscht fast das Mikrofon vom Ständer, aber die kleine Panne unterstreicht nur den symphatischen Eindruck, den er, Gossard, Hagar und Lowe hinterlassen.
Shawn Smith ist es auch, der die Zugaben eröffnen darf. Alleine am Keyboard verzaubert er das Luxor mit „Wrapped In My Memory“, das nahtlos in den Mother Love Bone-Klassiker „Crown Of Thorns“ übergeht, welchen ich mir aber sehr viel lieber in einer Full Band Version gewünscht hätte. Die gibt es dann vom vielleicht bekanntesten Brad-Stück „The Day Brings“. Ihren Höhepunkt erreicht die Stimmung beim rockigen „Lift“ und dem gut gewählten Rolling Stones-Cover „Jumpin‘ Jack Flash“. Es wird getanzt und gehüpft bis sich Brad mit „Buttercup“ nach 110 überzeugenden Minuten endgültig verabschieden.
Fazit: Ein Abend, der Spass gemacht hat. Eine Band, die eine Menge Spielfreude versprühte und mit insgesamt 22 Songs einen gelungenen Querschnitt durch ihr musikalisches Schaffen ablieferte. Und ein Konzert, das – Stone Gossard hin oder her – definitiv mehr Zuschauer verdient gehabt hätte.
Heute ist Tütü angesagt. Mal was anderes als diese ewigen Rock- und Popkonzerte. Semmel Concerts hat zu „Swan Lake Reloaded“ geladen und gemeinsam mit meiner Tochter – die selbst Ballett und HipHop tanzt – als fachkundiger Begleiterin mache ich mich auf den Weg nach Essen. Schwanensee also, der Inbegriff des klassischen Balletts. Seit seiner Uraufführung 1895 war Pjotr Iljitsch Tschaikowsky’s Meisterwerk eine stetige Inspirationsquelle und Herausforderung für Generationen von Choreografen und Regisseuren. Fredrik Rydman’s „Swan Lake Reloaded“ fügt nun eine völlig neue Facette hinzu: Tschaikowsky meets Streetdance!
Das Colosseum Theater ist mit 1.500 Besuchern ausverkauft. Die ehemalige Industriehalle, in der im 20. Jahrhundert unter anderem Lokomotivrahmen und Kurbelwellen für Schiffe hergestellt wurden, bietet mit ihrem inzwischen samtroten Plüschambiente eine würdige Umgebung für die Deutschlandpremiere von „Swan Lake Reloaded“. Uraufgeführt wurde die Show bereits im Dezember 2011 in Fredrik Rydman’s Heimatstadt Stockholm. Das Publikum setzt sich aus allen Altersklassen zusammen. Ich befürchte allerdings schon jetzt, dass der ein oder die andere in feiner Abendgarderobe etwas irritiert nach Hause gehen dürfte und ich soll Recht behalten. Dabei hätte man durchaus „gewarnt“ sein können, wenn man weiß, dass Rydman einst Mitglied der Streetdance-Kompanie „Bounce“ war und mit „Insane In The Brain“ („Einer flog über das Kuckucksnest“) bereits einen anderen Stoff erfolgreich in die Moderne transportiert hat.
Pünktlich um 20 Uhr gehen im wunderschönen Theatersaal des Colosseums die Lichter aus und Daniel Koivunen als Rotbart tanzt eine diabolisch kühle Eingangsperformance, untermalt von einem spektakulären Lichtdesign. Was folgt ist eine Tanzchoreographie, die mit ihren Streetdance-Elementen hier und da zunächst für ein leichtes Stirnrunzeln sorgt, mit ihrer Power dann aber doch gefangen nimmt. Die Handlung hat es in sich. Bei Fredrik Rydman werden die Schwäne zu heroinsüchtigen Prostituierten, die von Rotbart als ihrem Zuhälter mit Drogen versorgt werden. Als sich zwischen dem Schwan Odette und Prinz Siegfried (getanzt von Robert Malmborg) eine Romanze entwickelt, versucht der finstere Rotbart ihre Liebe mit allen Mitteln zu verhindern. In einem Umfeld aus Lug, Trug, Schein und Sein müssen Odette und Siegfried etliche Hindernisse überwinden, bis sie zum Schluß… aber der soll hier nicht verraten werden.
Ähnlich der Handlung erfährt auch die berühmte Musik Tschaikowskys einen kompletten Neuanstrich und ist durch zahlreiche Beats verfremdet. Neben Remixen angesagter schwedischer Electro-Produzenten standen dafür auch Songs von Moneybrother, Salem Al Fakir oder Adiam Dymott Pate. Hier wurde laut meiner bezaubernden Sitznachbarin allerdings zu dick aufgetragen, wenngleich sie die Leistung der Tänzer als „sehr gut“ einstuft. In der Tat sind besonders die atemberaubenden Headspins des renommierten Breakdancers Fredrik „Kaos“ Wentzel absolut beeindruckend.
Zweifellos ist es Fredrik Rydman mit „Swan Lake Reloaded“ gelungen, die technisch und akrobatisch hoch anspruchsvollen Choreografien einer Streetdance-Show in ein künstlerisches und erzählerisches Konzept einzubinden. Es ist seine Vision des modernen Tanztheaters, in dem sich Hochkultur und Entertainment die Hand reichen. Auch das Essener Publikum honoriert das und erhebt sich am Ende der knapp 90 Minuten fast geschlossen von seinen Sitzen, um der ebenso ausdrucksstarken wie bildgewaltigen Inszenierung fleißig Applaus zu spenden. Ich persönlich fand es teilweise überwältigend, teilweise etwas anstrengend, alles in allem spannend zu sehen und in jedem Fall gewöhnungsbedürftig. Als Dank für ihre kompetente Begleitung muss ich meiner Tochter versprechen, dass wir es bei nächster Gelegenheit dann mal mit der klassischen Variante versuchen. Nach Essen gastiert das Ensemble übrigens noch vom 19.-24.02. im Berliner Admiralspalast, vom 05.-10.03. in der Frankfurter Jahrhunderthalle sowie vom 12.-17.03. im Münchener Prinzregententheater.
Es ist lausig kalt in Bad Honnef. Selbst als ehemalige Kurstadt ist man im „rheinischen Nizza“ nicht vor Eis und Schnee sicher. Trotzdem machen wir uns heute auf den Weg in die „Rheinsubstanz“, einem zur Diskothek umgebauten ehemaligen Hallenbad, denn der Auftritt der Dirty Deeds ’79 aus dem benachbarten Bonn verspricht einen heißen Abend. 1989 formierte sich das Quintett als AC/DC-Tributeband, damals noch die große Ausnahme in Europa. Seitdem hat sich der Fünfer als überregionale Größe etabliert und spielt selbst in Hamburg vor ausverkauften Clubs. Im März 2007 zeichnete der WDR Rockpalast mit den Dirty Deeds ’79 sogar erstmals eine reine Coverband auf.
Schon zum zweiten Mal nach 2012 beginnen Frontmann Alex „Panzer“ Kaiser, Leadgitarrist Volker „Vangus“ Voigt, Rhytmusgitarrist Frank „KutA“ Glienke, Bassist Holger Jan Schmidt sowie Wolfgang „Gonzo“ Hintze am Schlagzeug das Konzertjahr in Bad Honnef. Die etwa 300 Fans müssen zunächst allerdings ein wenig Geduld aufbringen. Entgegen der vorherigen Ankündigung verzögert sich der Startschuß um gut 45 Minuten. Immerhin wird der erwartungsfrohen Meute die Wartezeit mit allerlei Hochkarätern aus der Konserve versüßt, darunter Tool, Soundgarden oder die Foo Fighters. Über der Bühne, auf der noch der alte Drei-Meter-Sprungturm steht, prangt das Dirty Deeds ’79-Logo und grinst sich einen ab.
Um 20.45 Uhr ertönt dann endlich das „Rock’n’Roll Train“-Intro und der Kessel in der „Rheinsubstanz“ steht sofort unter Volldampf. Vangus Voigt, stilecht mit roten Teufelshörnchen und Schuluniform, haut ein erstes Solo in die Saiten und Alex Kaiser – seit Jahrzehnten eine Institution in der Bonner Sängergilde – röhrt wie Bon Scott zu seinen besten Zeiten. Wenn man die Augen schließt, fühlt man sich tatsächlich in die Jahre bis 1980 versetzt, als der charismatische Schotte das stimmliche Zepter bei AC/DC schwang. Getreu den australischen Vorbildern begleiten Frank Glienke, Wolfgang Hintze und Holger Jan Schmidt die schweißtreibende Show eher stoisch, wobei sich letzterer durchaus zu der einen oder anderen Headbanging-Einlage hinreißen lässt.
Neben dem Schweiß fließt auch das Bier in Strömen. Entsprechend bombig, aber jederzeit friedlich ist die Stimmung. Die Fäuste fliegen hier nur als Zeichen der Begeisterung in die Höhe und wer gerade nicht damit beschäftigt ist die Faust zur „Frittengabel“ zu formen, der singt einfach aus voller Kehle mit. Die Texte kennt ohnehin jeder auswendig. Kein Wunder angesichts solcher Klassiker wie „Hells Bells“, „Highway To Hell“, „Thunderstruck“, „Dog Eat Dog“, „You Shook Me All Night Long“, „Night Prowler“, dem namengebenden „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ und und und… „Sin City“ widmet Alex Kaiser der Stadt „Bäd Honnef“. Nebenbei fordert er einen kleinen Jungen dazu auf, sich morgen von seinem Vater mal den Text von „Whole Lotta Rosie“ erklären zu lassen. Am kommenden Montag spielen die Dirty Deeds ’79 im Frauengefängnis in Köln-Ossendorf und passend dazu taucht heute „Jailbreak“ ebenfalls in der Setliste auf.
Natürlich fehlt auch Vangus‘ Strip während „The Jack“ nicht. Im Gegensatz zu Angus Young zeigt er dabei sein blankes Hinterteil. Wäre noch Wasser in dem früheren Schwimmerbecken, das mittlerweile als Tanzfläche dient, es würde spätestens jetzt anfangen zu kochen. Auch „Dirty Pussy“ und sein Dudelsack sind bei „It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’Roll)“ wieder mit von der Partie. Anschließend trägt er Vangus Voigt auf seinen Schultern einmal quer durch die feiernde Menge, ganz so wie es Bon Scott einst mit Angus Young getan hat. Zur ersten Zugabe „Let There Be Rock“ ist der legendäre AC/DC-Sänger dann quasi leibhaftig anwesend, als ein Altar mit seinem Bild auf die Bühne gerollt und mit gebührendem Jubel begrüsst wird. Volker Voigt hat sich zu der Rock’n’Roll-Predigt als Meßdiener mit Heiligenschein und Alex Kaiser als Priester verkleidet. Es ist ja auch bald Karneval. Den krachenden Abschluß bildet schließlich „For Those About To Rock (We Salute You)“ inklusive Böllerschüssen vom Band.
Nach zwei Stunden Vollbedienung verabschieden sich die Dirty Deeds ’79 von den restlos begeisterten Fans. Während AC/DC (noch) Pause machen, haben Alex Kaiser & Co. aus der „Rheinsubstanz“ mal eben so eine „Rocksubstanz“ gemacht. Ganz nach ihrem selbstgewählten Motto „We’ve got the biggest balls of them all“. Fire!
Wir sind mitten drin in der Post-Reunion der Selig-Geschichte. Während „Und endlich unendlich“ und das darauffolgende „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ den Prozess der Selbstfindung dieser fünf ungleichen Freunde und Musiker reflektierten, richtet ihr kommendes Album „Magma“, das am 01.02. veröffentlicht wird, den Blick nach vorne – und nach außen. Die selige Innenpolitik ist offensichtlich intakt. Selig sind mit „Magma“ als Band, Freundeskreis, Musikerkollektiv in einer Weise bei sich selbst angekommen, wie das zuvor eigentlich noch nie der Fall war, auch in den Neunzigern nicht. Jüngster Beweis dafür ist ihre neue Single „Alles auf einmal“, die am vergangenen Freitag erschienen ist.
Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll traf sich mit Sänger Jan Plewka und Bassist Lenard „Leo“ Schmidthals im Kölner „Hallmackenreuther“ zu einem ausführlichen Interview, in dem es nicht nur um die letzten 20 Jahre Selig und das neue Album ging, sondern auch um Punks in Hamburg-Altona, fehlende Duschen auf Tour, gepflegte Langeweile und jede Menge Leidenschaft.
Bester Laune: Lenard Schmidthals, MHQ-Chefredakteur Thomas Kröll und Jan Plewka (Fotos: Torsten Schlimbach / Sliderfoto: Thomas Rabsch)
Ich glaube ich bin euer letzter Interview-Partner für heute. Welche Frage möchtet ihr nicht mehr hören?
Jan Plewka: Wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen?!
Okay, die habe ich nicht. In letzter Zeit kriege ich aber so eine Art Selig-Volldröhnung ab. Erst die „In Bed with Selig“-Tour, dann die Tourdaten für 2013, dann die Veröffentlichung der „Selig Live @ Rockpalast“-DVD und schließlich das Vorabexemplar von „Magma“. Fangen wir vorne an. Die „In Bed with Selig“-Tour hatte was von „Back to the Roots“. Wie war die Tour für euch?
Jan Plewka: Also wenn wir uns zu Fünft über die kleine Tour unterhalten, dann hört sich das im seligen Sprachjargon an wie: Alter, da haben wir echt mal acht Tage lang die Welle geritten (lacht). Und Christian (Neander, Selig-Gitarrist, Anm.d.Red.) mit Tränen in den Augen: Das ist die schönste Tour, die wir je gespielt haben. Und wir: Christian, das sagen wir von jeder Tour (Gelächter). Aber ich finde das auch. Das war ganz wunder-, wunder-, wunderschön.
Ihr habt ja in winzigen Clubs gespielt, in Köln zum Beispiel im Luxor.
Leo Schmidthals: Und eben das neue Album von eins bis zwölf. Das ist dann wie so ein Neuanfang. Du hast anderthalb Jahre hart gearbeitet und viel Spaß gehabt, viel weggeworfen und hin und her gebaut und irgendwann ist es fertig. Und dann war das auch noch so ein Glücksfall mit Steve (Power, Produzent von „Magma“, Anm.d.Red.). Drei Wochen vor dem Mastertermin mussten wir eine Reihenfolge haben und wir haben hin und her überlegt. Irgendwann haben wir gesagt: Steve mach du das. Und er hat mit seiner grossen Musikalität die Reihenfolge der Songs so gewählt, als wären sie schon immer so komponiert worden. Ich weiß gar nicht mehr wie wir auf die Idee gekommen sind. Erst haben wir gesagt: Wir wagen es einfach das Album zu spielen. Das ging, so beim Proben. Warum also nicht einfach die Reihenfolge, wenn die doch so gut ist? Das war schon fast so ein bißchen wie ein Konzept. Es war unsere Premiere, den Fans die neuen Lieder vorzustellen. Niemand konnte mitsingen, außer bei „Love & Peace“, da ging das schon. Und dann war das so herrlich zu sehen, wie zum Beispiel bei „Alles auf einmal“ oder „Wenn ich an Dich denke“ die Leute plötzlich den zweiten oder dritten Chorus mitsingen. Und man selbst auch nochmal kapiert wieso eigentlich ein Chorus. Wieso eigentlich so eine Wiederholung. So ein Lied ist ja auch so gebaut, damit man es erst hört und dann kennt man es beim zweiten Mal. Das war toll, wie die Fans mit den Ohren dran waren. Wir sind ja Musiker geworden, weil wir Musik lieben und hatten hin und wieder vielleicht auch jeder in seiner eigenen Laufbahn mal mehr oder weniger vergessen, warum wir das überhaupt angefangen haben. Irgendwann machst du sowas und dann musst du damit Geld verdienen und dann machst du dies und das. Argumente hat man sich zu eigen gemacht, die gar nichts mit Musik zu tun haben. Wieso darf man nicht das oder das machen? Und das wurde jetzt alles so ein bißchen aufgerüttelt. Und dann standen die da mit ihren Ohren, haben das gehört und wir haben das neue Album gespielt und dann haben die auch noch geklatscht. In Echtzeit. Nicht virtuell über Snippets oder Downloads. Wir haben die Leute gesehen, wir haben gesehen wie sie reagiert haben. Bei jedem einzelnen Lied. Das ist doch toll. Als würdest du ein Gedicht schreiben, es vorlesen und gleich merken, ob es gut ist oder nicht.
Die Reihenfolge der Songs auf „Magma“ finde ich übrigens auch sehr schön gewählt. Das Album fängt relativ schnell an, dann gibt es einen etwas langsamen Mittelteil und zum Ende hin gibt es wieder Gas.
Leo Schmidthals: Ja, und der langsame Mittelteil kommt nicht zu früh. Bei mir wäre er etwas später gekommen. Aber so ist es perfekt.
Beim Konzert im Luxor bist du, Jan, mitten in die Leute gegangen und hast mit ihnen einen „Love & Peace“-Chor gesungen. Dabei hast du gesagt, dass der Chor noch mit auf’s Album kommt. Er ist aber auf dem Mix, den ich vorher bekommen habe noch nicht drauf. Kommt das noch?
Jan Plewka: Ja. Jetzt wo wir gerade hier sprechen mixt Steve in England die ganzen verschiedenen Städte mit auf das Album.
Ihr habt jetzt schon einiges darüber erzählt, aber gab es noch irgendwelche speziellen Momente, irgendwelche Katastrophen oder lustigen Absonderheiten während der „In Bed with Selig“-Tour?
Jan Plewka: In München, wo wir mit der Tour angefangen haben, da dachte ich: Ach wir müssen da irgend sowas Bett-mäßiges machen. Der Runner von dem Club hat mir dann ein Kissen besorgt. Ein Federkissen mit Daunen drin. Und wir gehen raus, das erste Mal, dass wir das „Magma“-Album live spielen, ich reiße das Kissen auf und streue die Federn ohne Vorwarnung in die Menschenmenge. Die Band legt los, eine Wahnsinnsfreude, diese ganzen Federn im Raum und das Ding geht ab. Nach dem Konzert sind wir dann irgendwann von backstage wieder nach unten gekommen und dann saßen da die ganzen Jungs vom Club, leicht gereizt, in einem wahnsinnigen Federnhaufen. Die waren überall. In jeder Ritze, der ganze Boden war bedeckt. Wir konnten froh sein, dass wir abhauen konnten bevor die Putzkolonne kam. Und zu unserem Mischer kam sogar ein Mädchen, die meinte: Wenn wir jetzt in Amerika wären, dann wäre ich Millionärin, ich habe nämlich eine Daunenallergie. Zum Glück hatte sie vor dem Konzert noch ihre Medikamente genommen, sonst wäre sie wahrscheinlich mit einem Asthmaschock umgekippt. Danach haben wir das mit dem Kissen gelassen. Schön war auch zum ersten Mal wieder zusammen im Nightliner unterwegs zu sein. Das war wirklich eine Rock’n’Roll-Tour. Irgendwann meinte Leo zu mir: Ich habe gerade mit meiner Frau telefoniert und die hat mir das und das erzählt und irgendwie habe ich gerade das Gefühl, als wäre das hier die normale Welt und die da draußen sind alle verrückt (Gelächter). Aber das ist das Gefühl. Man ist momentan, man ist im Leben drin und es ist richtig was man tut.
Leo Schmidthals: Und alles immer so Jetlag-mäßig. Der Tag verschiebt sich ja so. Man geht irgendwie um Vier schlafen und schläft bis um Zwölf. Dann fragt man sich, wo dusche ich, gibt’s hier ne Dusche, dusche ich überhaupt (lacht)?
Jan Plewka: Was war Duschen überhaupt nochmal? (Gelächter)
Jetzt seid ihr ja wahrscheinlich normalerweise schon etwas Größer unterwegs. Man stellt sich so eine Tour ja allgemein sehr spannend vor. Man schläft in schicken Hotels, gibt Interviews, hat andere Promotermine, macht Soundcheck und abends rockt man mit den Fans die Hütte. Gibt es da auch Phasen von Langeweile oder gar Heimweh?
Leo Schmidthals: Nee, Heimweh gar nicht. Ich meine, das war jetzt ja nur eine Woche. Aber im Bus haben wir Filme geguckt, das war ganz toll. Um Sechs ist man fertig mit dem Soundcheck, um halb Neun fängt man an aufgeregt zu werden und dazwischen haben wir halt tolle Filme geguckt.
Zum Beispiel?
Jan Plewka: „Dark Shadows“, dieser Vampirfilm mit Johnny Depp. Großartig. Dann „Don’t Mess With The Zohan“, den haben wir glaube ich sogar zweimal geguckt. Und alles auf Englisch. Der Bus war aus Manchester und der Busfahrer auch. Das war auch schön, dass wir so einen englischen Spirit mit auf Tour hatten, weil wir vorher ja auch in England aufgenommen hatten.
Seid ihr überhaupt noch aufgeregt vor einem Auftritt?
Jan Plewka: Ja, die ganze Zeit. Konstant.
Wie äußert sich das dann?
Jan Plewka: Durch Nervosität und fast infantile Albernheit kurz vor dem Gig. Aber eine angenehme Nervosität. Kurz vor der Hysterie. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Der Schritt auf die Bühne, wo man dann wieder denkt: Oh wow ey, wir sind cool… aber was davor abgeht, das ist genau das Gegenteil davon (lacht).
Das „Love & Peace“-Video besteht aus vielen Schnipseln mit den Aufnahmen alter Helden und historischer Ereignisse.
Jan Plewka: Und wir wissen gar nicht wer das gemacht hat.
Wie ihr wisst gar nicht wer das gemacht hat? Das ist kein offizielles Video?
Jan Plewka: Nee, das ist kein offizielles Video.
Ach was! Und ich dachte die ganze Zeit das wäre ein offizielles Selig-Video. Mein Frage wäre nämlich gewesen: Die Rechte für all diese Aufnahmen zu bekommen muss doch eine wahre Sysiphusarbeit gewesen sein… das ist ja krass.
Leo Schmidthals: Ja, aber es ist super geworden. Fantastisch. Stoppel (Stephan Eggert, Selig-Schlagzeuger, Anm.d.Red.) hat gesagt, das ist das beste Selig-Video ever.
Wenn ihr euch eigene alte Aufnahmen anschaut wie beispielsweise die alten Rockpalast-Mitschnitte, was geht euch da durch den Kopf? Ich finde zumindest, dass ihr heute deutlich gesünder ausseht als damals.
Zustimmendes Gemurmel…
Jan Plewka: Wir hatten überlegt, ob wir das Konzert (16.05.1996 auf der Berliner Waldbühne, Anm.d.Red.) für die Rockpalast-DVD nehmen oder das vom Bizarre Festival. Zum Glück haben wir das vom Bizarre-Festival nicht genommen. Die Aufnahmen sind noch viel kaputter. Und das war nur einen Monat später.
Leo Schmidthals: Ich kann immer noch nicht verstehen, warum unser Umfeld das damals nicht gesehen hat. Unser Management, die Produzenten, die müssen doch gesehen haben wie wir da durch die Gegend laufen oder nicht? Die müssen doch mal sagen: Jungs, schlaft euch mal aus, macht mal halblang.
Jan Plewka: Ich meine, selbst die Punks in Altona, die ihre Hunde treten, die sind vor mir zurückgeschreckt. Ganz schlimm. Fertige Typen aus der Nachbarschaft (lacht). Aber musikalisch hatte das schon eine ungeheure Energie. So ist das wenn man alles gibt und die Welle reiten will. Vor allen Dingen das Alter spielt da eine Rolle. Du denkst ja wenn du jung bist, dass der Zustand, den du jetzt hast immer bleibt. Und dass der auch immer bleiben muss. Das ist eine unfassbare körperliche und geistige Anstrengung, die sich da ja auch deutlich abgezeichnet hat.
Leo Schmidthals: Was wir jetzt bei diesen Interviews auch gemerkt haben, wenn man so über die zweite oder gerade die dritte Platte redet… das ist jetzt die gefährliche dritte Platte. Gerade bei der dritten Platte haben wir diese dunklen Dämonen so ein bißchen heraufbeschworen. Eine dunkle Platte, ein schwarzes Cover, also wirklich düster. Wir sind damals ins dunkle Brüssel gefahren und fanden das toll. Aber es war auch ein bißchen gefährlich, weil die Dämonen dabei etwas die Überhand gewonnen haben. Heute gibt es dann ein Lied wie „Schwester Schwermut“, wo man das Thema anders behandelt, eher freundschaftlich die Melancholie empfängt und damit leben kann.
Jan Plewka: Dass man das so akzeptiert und auch weiß, das bleibt nicht für den Rest des Lebens sondern geht auch wieder vorbei.
Mir kommt da vor allem die neue Single „Alles auf einmal“ in den Sinn, wo ja auch viel von Selbstbetrug die Rede ist und von Leichtsinn und einem Leben im Überflug, was ja auch in die Phase vor 1999, also vor eurem Split, reinfällt. Musstest du dir die alten Dämonen damit noch einmal bewusst machen, um sie dieses Mal zu vermeiden?
Jan Plewka: Ja, das auch, als eine Warnung für einen selbst. Wir waren in Wilhelmsburg und haben geredet, was denn so Themen sind. Was ist gerade die Zeit? Und Christian meinte, dass man immer zuviel, zuviel, zuviel will. Und dann sind wir zurück ins Studio gegangen und dann war dieses Lied da. Dass soviele Leute das jetzt so persönlich sehen ist angemessen, denn ich hatte das. Ich hatte einen Burn-Out. Was jetzt um einen rum passiert, im Bekanntenkreis, ich kann das vollkommen nachvollziehen. Ich kann dir auch sagen, wer den nächsten Burn-Out kriegt. Wenn man selbst diese Krankheit überwunden hat, mehr oder weniger, ist es ja fast eine Pflicht, dass man das teilt, um da vielleicht einen Tipp zu geben. Vielleicht hört das Lied jemand und der sagt: Oh, so geht mir das auch, vielleicht sollte ich jetzt mal für einen Tag mein Handy einfach ausschalten. Weißt du, wenn das nur zwei Leute machen, dann hat es sich schon gelohnt. Und dafür sind wir Menschen ja da, um Empfindungen zu geben und zu nehmen. Dafür sind wir ja angetreten als Musiker.
Leo Schmidthals: Ich muss auch sagen, es ist ein allgemeines Thema. Das ist ja fast bei jedem so. Ich war im November das erste Mal wieder zwei, drei Wochen am Stück richtig zuhause und habe gemerkt, wie alle die Batterien waren. Wo bleibt die Zeit zu verweilen und zufrieden zu sein? Das ist wirklich ein rares Gut zu sagen, ich mache alle Computer aus, ich mache eine gute Platte an, eine Flasche Wein auf oder ich mache gar nichts. Ich leg mich in die Wanne. Wo bleibt diese Zeit? Überall werden Anforderungen an dich gestellt. Die Welt wird halt hektischer. Auch durch diese ständige Medienverfügbarkeit.
Jan Plewka: Oder mal eine richtig schöne gepflegte Langeweile. Weißt du, wie damals Sonntags, draußen regnet es und die totale Langeweile. Aber was da für Ideen kommen. Der Mensch braucht Langeweile um Ideen zu kreieren. Langeweile gibt es ja gar nicht mehr. Langeweile stirbt aus. (beugt sich ganz nahe an mein Mikro) Selig ist für eine schöne gepflegte Langeweile! Was nicht heißen muss, dass die Platte auch langweilig ist (lacht).
Am 01.02. erscheint das neue und insgesamt sechste Selig-Album namens „Magma“!
Ich habe „Magma“ jetzt schon gefühlte fünfzig Mal gehört und ohne euch Honig um den Bart schmieren zu wollen, aber das Ding ist echt der Hammer.
Jan Plewka: Red weiter (Gelächter)! Also wir Fünf sind ja selbst unsere größten Kritiker.
Leo Schmidthals: Und deshalb macht so eine Interviewreise ja auch Spass. Das ist ja letztenendes wie ein kleines Konzert. Du hast die jetzt fünfzig Mal gehört, das heißt du kennst die schon recht gut und bist vom Fach. Da ist es natürlich toll sowas zu hören. Und das von jemandem der ein Foo Fighters T-Shirt an hat (lacht). Also alles richtig gemacht.
Hat der Albumtitel eine tiefere Bedeutung oder ist euch der mal morgens beim Frühstück eingefallen?
Jan Plewka: Auf einer Bahnfahrt von Hamburg nach Berlin. Wir saßen im Zug und reden uns dabei immer die Köpfe heiß. Wo es um die Band geht, wie geht es damit weiter und dies und das. So richtig mit Leidenschaft. Wir dachten: Dieses Ding zwischen uns das ist doch schräg, das ist nicht normal und wir müssen das irgendwie mal benennen, das Kind sichtbar machen. Selig ist quasi der Familienname. Aber wie soll man die Seele dieser Familie nennen, den Kern? Und dann kam „Magma“. Wie aus heiterem Himmel. Das trifft es. Also lasst uns die nächste Platte „Magma“ nennen und wir schreiben mal ein Jahr Lieder, Lieder, Lieder. Alles was nicht mit „Magma“ zu tun hat fliegt wieder raus. Eine Zeitlang waren wir sogar davon überzeugt, dass wir uns „Magma“ nennen sollten. Und die Platte nennen wir „Selig“. Aber es gibt schon eine Band die „Magma“ heißt. Und auch unser Management und unsere Familien waren nicht gerade begeistert (lacht). So ist „Magma“ auf die Welt gekommen und im seligen Sprachgebrauch ist das etwas, das man eigentlich gar nicht ausdrücken kann. Es ist die Essenz zwischen uns. Und als wir mit Steve Power in England waren und die Songs eingespielt haben, hat er gesagt: That was quite good boys but put some more Magma in it. Und da wusste man sofort um was es geht.
Ihr habt es schon mehrfach erwähnt, dass ihr euch für „Magma“ zum ersten Mal seit der Neugründung wieder einen Produzenten mit ins Boot geholt habt. Wieso fiel die Wahl dabei auf Steve Power?
Jan Plewka: Der grössere Zusammenhang wollte, dass wir uns treffen. Wir haben viel gesucht. In Skandinavien, in Deutschland, bei Freunden. Mit vier Produzenten haben wir uns auch getroffen. Wir haben uns also so richtig reingehängt. Uns war klar, dass wir einen Produzenten haben wollen. Damit man sich selbst auf das Wesentliche konzentrieren kann. Unser Tontechniker, der dieses Elend ja mit angucken musste, meinte dann irgendwann: Ich kenne da einen, der wäre glaube ich geil für euch, Steve Power. Und wir: Steve Power? Was will der mit einer deutschen Band wie uns? Das ist der Rick Rubin Europas. Aber er hat nicht lockergelassen und ihm ein paar Sachen von uns geschickt. Und dann kam tatsächlich eine Antwort von Steve, dass er sich gerne mit uns treffen würde. Wahnsinn! Wir waren bei Leo im Studio in Hamburg und dann kommt Steve Power rein. Und vom ersten Moment an war alles klar. Das ist wie wenn du eine neue Wohnung betrittst und weißt, das ist mein Zuhause. Er hat die gleiche Leidenschaft wie wir. Das Vertrauen war von Anfang an da und das ist das wichtigste.
Leo Schmidthals: Er war beim Entstehungsprozeß dabei und hat uns dann zwei Tage lang in Hamburg besucht, als wir alles soweit fertig hatten. Wir hatten zweiunddreißig Songs mit Textinhalt und über vierzig Skizzen. Und dann haben wir ihm alles vorgespielt.
Wie muss man sich bei euch den Prozeß von der Idee bis zum fertigen Song vorstellen? Woher nimmst du, Jan, die Ideen für deine Texte? Ist es so, dass du ständig mit dem Notizblock im Anschlag durch die Gegend läufst?
Jan Plewka: Das ist eine total anstrengende geistige Arbeit die Texte so hinzukriegen, dass sie leicht klingen. Teilweise ist es wirklich zum Verzweifeln. Aber wie gesagt, ich bin da selbst mein grösster Kritiker und ich möchte dass die Lieder auch in zehn Jahren noch Bestand haben und mit der Musik eine Ehe eingehen. Dass alles sitzt.
Leo Schmidthals: Wir haben gemerkt was da drinsteckt, als wir versucht haben die Lieder für Steve Power zu übersetzen. Und wenn man dann versucht so einen Chorus zu übersetzen dann merkt man, das geht eigentlich gar nicht. Weil Deutsch tatsächlich auch eine sehr poetische Sprache sein kann und sehr fein. Das ist echt eine Erkenntnis, wie einzigartig Jan die Sachen auch verwebt. Es geht alles so ineinander. Wir haben es jedenfalls nicht geschafft.
Aber wenn man englische Texte ins Deutsche übersetzt, dann klingen die auch oft scheiße.
Jan Plewka(singt): Oh, oh, oh, ich lieb dich so, komm gib mir deine Hand. (wieder normal) Kennt ihr das von Bowie wo er „Heroes“ auf Deutsch singt? Das ist eine sensationelle Aufnahme.
Was gefällt euch mehr? Im Studio an neuen Songs zu feilen oder auf der Bühne die Sau rauszulassen? Oder kann man das nicht miteinander vergleichen?
Jan Plewka: Das Schöne ist ja, dass es beides gibt. Beides macht wahnsinnig viel Spass. Wenn man im Studio ist, dann ist die Vorfreude auf die Bühne schon wieder da und wenn man auf der Bühne ist freut man sich schon wieder auf das Studio. Das könnte ein Leben lang so weitergehen.
Ihr habt euch 1992 gegründet, seid also jetzt seit zwanzig Jahren zusammen, wenn man die Pause zwischendurch mal außer Acht lässt. Was tut man, um es so lange friedlich miteinander auszuhalten?
Jan Plewka: Um es in so einem Beruf so lange auszuhalten muss man schon ganz schön einen an der Waffel haben (Gelächter). Was für eine Anstrengung das alles ist. Man muss das lieben, man muss eine ganz, ganz große Leidenschaft dafür haben. Das ist einer der Hauptfaktoren.
Dann kommen wir zur letzten Frage. Wenn ihr ab morgen für den Rest eures Lebens auf einer einsamen Insel leben müsstet und nur fünf Alben mitnehmen dürftet, welche wären das dann? Eigene Alben zählen natürlich nicht.
Leo Schmidthals: Ich glaube, ich würde auf jeden Fall „Tristan und Isolde“ mitnehmen.
Jan hast du nicht zuletzt auch was am Theater gemacht?
Jan Plewka: Immer noch. In Wien singe ich die „Winterreise“ von Schubert. Das ist auch irre.
Okay, zurück zu den Alben. Also „Tristan und Isolde“…
Jan Plewka: Auf jeden Fall auch „Meddle“ von Pink Floyd. Dann würde ich „Goats Head Soup“ von den Rolling Stones mitnehmen. Das ist echt das beste Album von den Stones. Welche Beatles-Platte kann man mitnehmen? Davon auf jeden Fall auch eine. Und „Best Of Bowie“ würde ich mitnehmen. Und „Second Coming“ von den Stone Roses.
Bravo! Dann war es das. Vielen Dank für eure Zeit!
Ein dickes Dankeschön geht hiermit auch an Isabel Sihler von Belle Music, die dieses Interview für uns möglich gemacht hat und an Alexandra Dörrie von Another Dimension für die Betreuung vor Ort!
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Kann es einen schöneren Jahresabschluss geben als das mittlerweile schon traditionelle New Model Army-Weihnachtskonzert in Köln? Wohl kaum. 2010 kam man sogar in den Genuß von zwei aufeinanderfolgenden Weihnachtskonzerten, mit denen das Quintett aus Bradford sein damaliges 30-jähriges Bühnenjubiläum feierte. So ist es keine Frage, dass auch wir uns neun Tage vor Heiligabend wieder auf den Weg in die Schanzenstrasse machen. Leider schaffen wir es nicht früh genug, um auch die Hamburger Punklegenden Slime noch live zu erleben, die – neben Ausgerechnet Wir – den Abend für New Model Army eröffnen. Das Palladium ist trotz dieses hochkarätigen Line-Ups überraschenderweise nicht ausverkauft.
Das Publikum präsentiert sich wie üblich bunt gemischt. New Model Army-Fans verstehen sich ja seit jeher als eine Art Familie („One Family One Tribe“) und so stehen Deutsche, Engländer und Holländer bei einer Kaltschale Kölsch einträchtig an der Theke. Der ein oder andere offensichtlich schon etwas zu lange. Hier und da spannen sich die alten New Model Army-T-Shirts um einige beachtliche Bierbäuche. Es herrscht eine erwartungsfroh-friedliche Stimmung. Als Justin Sullivan & Co. dann um kurz vor 22 Uhr zu den Klängen von „Frightened“ und in einem Meer aus Laserstrahlen endlich die Bühne betreten, sind sie alle im Jubel vereint. Seit dem letzten Weihnachtskonzert hat es einen Besetzungswechsel gegeben: Nach 22 Jahren verließ Anfang 2012 Bassist Peter „Nelson“ Nice die Band aus persönlichen Gründen. Sein Nachfolger Ceri Monger fällt nicht nur dank seiner langen roten Mähne auf.
Was sofort auffällt ist der Weltklassesound – beileibe keine Selbstverständlichkeit im Palladium. Die Instrumente sind perfekt ausbalanciert und Justin Sullivan’s Stimme schwebt förmlich durch die Halle. Die Setlist bietet eine ausgewogene Mischung aus alten und neueren Songs. Immerhin liegt das letzte New Model Army-Studioalbum „Today Is A Good Day“ nun auch schon wieder über drei Jahre zurück. Darunter natürlich solche Klassiker wie „51st State“, „Green & Grey“ oder „No Rest“, aber mit „March In September“ (was wohl noch nicht der endgültige Titel ist) auch ein bislang noch völlig unbekanntes Stück. Neben dem charismatischen Sullivan sorgt insbesondere Ceri Monger – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – für reichlich Bewegung auf der Bühne. Da wollen die etwa 3.000 Fans nicht nachstehen und so wird im Palladium fleißig gehüpft, gepogt und getanzt. Dass sie jedes Wort auswendig mitsingen können, muss wohl nicht mehr extra erwähnt werden. Ist so! Ein besonderer Blickfang sind mal wieder die sogenannten „Dolphins“: Fans, die sich, auf den Schultern eines bemitleidenswerten Kollegen stehend, aus der Masse erheben und die Songs mit ausholenden Armbewegungen und anderen Gesten unterstreichen.
Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit spricht Justin Sullivan zwischen den Songs eher wenig. Muss er aber auch nicht, denn die Texte des 57-Jährigen sprechen seit dem Albumdebüt „Vengeance“ von 1984 eine mehr als deutliche Sprache. Stattdessen packen New Model Army satte 22 Stücke in knapp zwei Stunden Spielzeit und verwandeln das Palladium in eine schweißtreibende Party aus Rock und Folk. Wer an diesem Abend Besinnlichkeit erwartet hatte, der war fehl am Platze. Dafür gab es eine Band zu erleben, deren Spielfreude nach wie vor immens ist, deren Musik und Botschaften zeitlos sind und die auch im 32. Jahr ihres Bestehens so frisch und druckvoll klingt wie eh und je. Am 21. Dezember des kommenden Jahres folgt dann die 14. Auflage der New Model Army-Weihnachtskonzerte und da sind wir bestimmt alle wieder mit am Start. Bis dahin: Schöne Bescherung!
Seether sind eine Post Grunge-Band aus Südafrika. Das Bürgerhaus Stollwerck ist das größte seiner Art in Köln und sozial-kulturelles Zentrum mitten im Herzen der Südstadt. Dass diese Verbindung passt, zeigt sich bereits beim Einlass. Das ehemalige preußische Proviantamt an der Dreikönigenstraße ist ausverkauft. Damit könnte jedoch bald Schluß sein. Denn obwohl sich das Bürgerhaus Stollwerck seit mittlerweile 25 Jahren nicht nur in der Domstadt, sondern auch weit darüber hinaus einen klangvollen Namen gemacht hat, überlegt die Stadt Köln ihre jährlichen Subventionen zu kürzen. Und die liegen bei immerhin gut 1,5 Millionen Euro. Am Eingang kann man sich in Unterschriftenlisten eintragen, die den Erhalt dieser städtischen Förderung fordern und dem kommen wir natürlich gerne nach. Sollte in Zukunft hinter der denkmalgeschützten Fassade nur noch „Schmalspur-Kultur“ möglich sein, wäre nicht nur das Severinsviertel um eine liebgewonnene Einrichtung ärmer.
Im grossen Saal haben sich an diesem Abend 600 erwartungsfrohe Rockfans versammelt. Sie kommen zunächst auch auf ihre Kosten. Dafür sorgen die Engländer von Heaven’s Basement, die das Stollwerck ab 21 Uhr anheizen. Und zwar bis zum Siedepunkt. Die Newcomer um Sänger und Rampensau Aaron Buchanan liefern eine dreißigminütige schweißtreibende und energiegeladene Show ab. Ihr Glam Rock ist zwar alles andere als innovativ und sie haben sich in Sachen Posing vielleicht ein bißchen viel bei Mötley Crüe abgeguckt, aber Songtitel wie „Fire, Fire“ oder „I Am Electric“ sprechen für sich. Trotz des Soundbreis macht das Quartett mächtig Wirbel und wird mit viel Applaus verabschiedet. Im Februar des kommenden Jahres soll ihr Debüt „Filthy Empire“ erscheinen und man darf jetzt schon gespannt sein wie die Jungs dann auf Platte klingen werden.
Die Wartezeit auf Seether wird uns danach mit Temple Of The Dog und Rage Against The Machine versüsst. Natürlich nur in der Konserve. Um 22 Uhr betreten dann Frontmann Shaun Morgan mit Gitarre, Bassist Dale Stewart und Schlagzeuger John Humphrey die Bühne. Ein entscheidender Unterschied zu Heaven’s Basement wird gleich beim Opener „Gasoline“ deutlich: Der Sound ist nun um Längen besser. Der zweite Unterschied leider auch: Während Aaron Buchanan und Kollegen pausenlos in Bewegung waren und das Publikum fast schon zu penetrant zum ständigen Mitmachen animiert haben, herrscht bei Seether weitestgehend Regungslosigkeit und so gut wie keine Kommunikation mit den Fans. Shaun Morgan versteckt sich hinter seinen Haaren und überlässt das Feld überwiegend Dale Stewart, der immerhin mit einem schicken Irokesenschnitt punkten kann.
Musikalisch machen die Drei aber fast alles richtig. In der Setlist findet sich neben Perlen wie „Needles“ oder „Fine Again“ auch der Über-Hit „Broken“, das Duett mit Morgan’s Ex-Flamme Amy Lee von Evanescence, mit dem Seether hierzulande der Durchbruch gelang. Nach „Rise Above This“ versagt plötzlich die Drumtechnik, sodass John Humphrey nicht mehr zu hören ist. Bis zur Behebung des Fehlers streut Shaun Morgan kurzerhand eine Akustikversion von „The Gift“ ein und tatsächlich – er spricht sogar dabei („I hope this fucking shit is working soon“). Wie gut Seether auch Unplugged rüberkommen, kann man übrigens wunderbar auf dem Livealbum „One Cold Night“ von 2006 nachhören. Humphreys setzt sein malades Instrument anschließend gleich mal einem Härtetest aus und trommelt ein fulminantes Solo auf die Felle. Mit „Tonight“, dem sehr geilen „Country Song“ und dem Nirvana-Cover „You Know You’re Right“ geht es ohne neuerliche Unterbrechungen weiter. Der Bass wummert im Magen. Ein wohliges Gefühl.
Etwas nervig sind die häufigen Feedbackgewitter, die das Trio einstreut, um auf einer währenddessen komplett dunklen Bühne Gott weiß was zu machen. „Fake It“ und das von den Fans stürmisch geforderte „Remedy“ bilden schließlich die beiden Schlußakkorde eines Konzertes, das ohne Zugaben auskommt. So bleibt man nach knapp 100 Minuten mit einem etwas zwiespältigen Gefühl zurück. Zum einen haben Seether mit ihren Gitarrenwänden für einen durchaus zufriedenstellenden Spaßfaktor gesorgt, zum anderen hatte man dabei aber nicht unbedingt den Eindruck, dass sie selbst genauso viel Spaß an dem haben, was sie da tun. Woran das gelegen haben mag, kann ich nicht beurteilen. An den Fans jedenfalls nicht, denn die haben fleißig gesungen und getanzt. Allerdings hege ich nach diesem Abend leise Zweifel daran, ob sie beim nächsten Mal auch wieder so zahlreich am Start sein werden. Und daran ist nicht das Bürgerhaus Stollwerck schuld.
Auf dieses Konzert habe ich mich schon lange gefreut. Nicht nur, weil Musicheadquarter einer der Präsentatoren von Stefan Stoppok’s aktueller Solo-Tour ist, sondern auch weil ich den „Liedermacher aus dem La-La-Land“ heute zum ersten Mal live sehe. Die eigentlich bereits für das vergangene Jahr fest eingeplante Premiere fiel leider einem Schneechaos rund um Köln zum Opfer. Von Schnee ist an diesem eiskalten letzten Novembertag zum Glück nichts zu sehen. Trotzdem sind wir froh, als wir nach der üblichen elendigen Parkplatzsuche endlich die kuschelig warme Kulturkirche im schönen Kölner Stadtteil Nippes betreten dürfen. Das Ambiente des Gotteshauses aus dem 19. Jahrhundert haut mich jedesmal wieder aufs Neue um. Vorne eine kleine Bühne, auf der drei Gitarren, zwei Banjos, eine Bouzouki sowie eine Stompbox stehen, hinten eine improvisierte Theke und dazwischen die engen Kirchenbänke, die in kürzester Zeit rappelvoll sind. Neben der Lichttraverse hängt ein grosser Adventskranz mit dicken roten Kerzen. Stoppok hat die Lutherkirche ausverkauft, der liebe Gott wäre stolz auf ihn.
Vor zehn Jahren hat Pfarrer Thomas Diederichs damit begonnen hier Konzerte zu veranstalten. Inzwischen ist die Kulturkirche weit über die Grenzen Kölns hinaus zu einer Institution geworden und viele Stimmen behaupten mittlerweile, ihr Name leite sich weniger vom Begriff „Kultur“ als vielmehr von „Kult“ ab. Für das kommende Jahr haben sich jedenfalls bereits wieder solch illustre Gäste wie Jan Plewka, Ron Sexsmith oder Rebekka Bakken angesagt. Doch heute ist erstmal Stoppok. Mit den Worten „Ich denke heut‘ wird gut“ begrüsst er unter tosendem Applaus die Kölner und lässt seinem schelmischen Grinsen zum Einstieg das Stück „Ich wartete“ folgen. Danach legt er ein fulminantes Solo auf der Bouzouki hin und entschuldigt sich anschließend dafür, dass er die Kontrolle über sich verloren hat. Damit wären wir auch schon bei dem springenden Punkt, der den 56-jährigen gebürtigen Hamburger so symphatisch macht: Er hört sich nicht nur an wie Helge Schneider, er ist auch mindestens ebenso spontan witzig. Egal, ob er erzählt, dass sein grösseres Banjo einst das Übungsbanjo von Eric Clapton war (das kleinere stammt übrigens von Carlos Santana) oder ob er darauf hinweist, dass es am Merchandising-Stand auch Stützstrümpfe mit dem Stoppok-Logo zu kaufen gibt – es darf gelacht werden und zwar reichlich.
Selbst die völlig unlustigen weil penetranten Zwischenrufe einiger Vollidioten, die am Einlaß offensichtlich ihr Gehirn abgegeben haben (sofern sie vorher überhaupt eines hatten), bringen ihn kaum aus der Ruhe: „Jeder, der einen Liedwunsch hat, geht jetzt mal vor die Tür und wartet bis er aufgerufen wird“. Leider lässt die gehirnamputierte Fraktion jedoch bis zum Schluß keine Gelegenheit aus um sich weiterhin lächerlich zu machen. Aber auch für solche Leute hat Stoppok ein Lied geschrieben. Es heißt „Dumpfbacke“. Abseits der hirnfreien Zone rund um die Theke herrscht hingegen beste Laune. Stoppok begeistert ein ums andere Mal mit seinen handwerklichen Fertigkeiten und Songs wie dem wunderschönen „Wie tief kann man sehen“, mit „Zwischen Twen Tours und Seniorenpass“ oder „Willi Moll in Afrika“, mit dem er sich in eine etwa zwanzigminütige Pause verabschiedet.
Danach geht es nahtlos mit dem für Stoppok typischen Stilmix aus Folk, Rock und Blues weiter. In den Gängen wird fleißig getanzt. Im übrigen bei einem durchgängig perfekten Sound. Besonders letzterer Stil hat es Stoppok jetzt angetan („Spezialisten Blues“ und „Schieber Blues“). Die Fans präsentieren sich extrem textsicher, was Stoppok wiederum dazu animiert sie für einen Bee Gees-Gedächtnischor in eine Robin Gibb-Gruppe (Männer) und eine Barry White-Gruppe (Frauen) aufzuteilen. Als er nach über zwei Stunden (ohne Pause) mit „Kebap“ schließlich auf die Zielgerade einbiegt, ist eines mal wieder klar geworden: Den Namen „Poet aus dem Pott“ trägt Stefan Stoppok völlig zu Recht. Sei es mit Band, im Duett mit seinem Langzeit-Partner und -Bassisten Reggie Worthy oder solo wie heute in der Kulturkirche.
Wo andere Kollegen mit überdimensionalen Bühnenshows ihren schwindenden Wortwitz zu überspielen versuchen, bietet Stoppok ehrliche Arbeit und Nähe zu den Fans. Eben handgemachte Musik mit ebenso berührenden wie unterhaltsamen Texten. Alles andere überlässt er den Grönemeyers und Westernhagens dieser Welt. Köln sagt Danke für einen grossartigen Abend und wünscht dem Rest der Republik noch viel Spass auf der Stoppok Solo-Tour!
Zum bisher einzigen Mal habe ich Soundgarden 1996 in der Kölner Live Music Hall gesehen. Das Quartett stand damals kurz vor seiner Auflösung und hatte hörbar keine Lust mehr aufeinander. Es war ein grottenschlechtes Konzert. Ich bin nach der Hälfte gegangen. Bis dahin gehörten Soundgarden neben Pearl Jam und Nirvana zu den maßgeblichen Seattle-Protagonisten, die Anfang der Neunziger Jahre die Grunge-Ära einläuteten und nachhaltig prägten. Inzwischen haben sich Frontmann Chris Cornell, Schlagzeuger Matt Cameron, Gitarrist Kim Thayil und Bassist Ben Sheperd wieder versöhnt. Am 9. November erscheint ihr neues, sechstes Studioalbum „King Animal“, das sie zwei Tage vor dem Release ihren deutschen Fans bei einem exklusiven Showcase im Dortmunder FZW erstmals live vorstellen.
Der heutige Abend wird vom WDR Rockpalast und dem Visions-Magazin präsentiert und firmiert unter dem Motto „An Evening with Soundgarden“ als Nachschlag zum diesjährigen Westend Festival. Am Wochenende zuvor gaben sich an gleicher Stätte bereits solch illustre Gäste wie Archive, Coheed & Cambria, Danko Jones, Kettcar oder Biffy Clyro die Klinke des FZW in die Hand. Das Westend Festival wird vom WDR Rockpalast komplett aufgezeichnet und zeitversetzt in mehreren Häppchen ausgestrahlt. Soundgarden sind dabei am 26. November zur arbeitnehmerfreundlichen Zeit von 0.15 Uhr an der Reihe.
Aufgrund der Enttäuschung vor 16 Jahren mache ich mich mit durchaus gemischten Gefühlen auf den Weg in den Ruhrpott. Auch wenn erste Hörproben von „King Animal“ vermuten lassen, dass Soundgarden zu gewohnter Stärke zurückgefunden haben (unser vollständiges Album-Review findet ihr hier). Das FZW ist zwar nahezu voll und dementsprechend knackig warm, aber nicht ausverkauft, was am etwas übertriebenen Ticketpreis von 50 Euro liegen mag. Viele Fans haben ihre abgewetzten Nirvana-, Pearl Jam- oder Alice In Chains-T-Shirts aus den Tiefen des Kleiderschranks gekramt und angesichts der prächtigen Haarfülle um mich herum fühle ich mich sofort wieder in jene besondere Zeit zurückversetzt, in der man fast täglich eine andere spannende Band entdecken konnte und es auf MTV noch richtige Musik und keine Dauerwerbesendung für Klingeltöne zu sehen gab. Vielen ist es seitdem jedoch nicht viel besser als mir ergangen und sie haben ihren Kopfschmuck ebenfalls in Ehren verloren. Gemeinsam warten wir gespannt auf den Einzug unserer alten Helden.
Zunächst jedoch erscheint ein junger Mann, der verkündet, dass Soundgarden vor der eigentlichen Show noch eine Art Soundcheck zum Testen der Ton- und Kameraeinstellungen einlegen werden. Als erster wird Matt Cameron mit großem Jubel begrüßt, dann der Rest der Band empfangen. Der Quasi-Soundcheck besteht aus dem grossartigen „Rowing“ von „King Animal“ sowie „Incessant Mace“ von ihrem Debüt „Ultramega OK“. Die Nebelmaschine wird in Stellung gebracht, es folgt eine kurze Pause, dann geht es endlich richtig los. Überraschenderweise sind die ersten sieben Songs allesamt Klassiker. Ob „Spoonman“, „Outshined“, „Room A Thousand Years Wide“ oder „Fell On Black Days“, sie alle werden begeistert abgefeiert. Vor der Bühne bildet sich sogar ein kleiner Mosh-Pit. Der Sound ist nahezu perfekt und Chris Cornell wunderbar bei Stimme. Wenn ich könnte, dann würde ich mich zufrieden zurücklehnen.
Erst „Eyelid’s Mouth“ und „Non-State Actor“ sind dann die ersten beiden neuen Stücke. Am Ende werden es deren acht sein, was fast genau der Hälfte des Sets entspricht. Darunter die Single „Been Away Too Long“ oder das spacige „Blood On The Valley Floor“. Auch wenn die Band auf der Bühne eher emotionslos agiert kommen die Songs mit sehr viel Druck und Intensität rüber. Einzig Chris Cornell versprüht sein Charisma und schäkert mit den Fans in der ersten Reihe: „Ich glaube, du hast Drogen genommen. Mach dir keine Sorgen. Bis der Film hier fertig ist, bist du wieder clean“. Zum Ende des Mainsets macht er dann noch einen auf Pete Townshend und versucht seine Gitarre zu zertrümmern.
Schade ist, dass die Zugaben aus lediglich einem Stück bestehen. „Rowing“ wird ein zweites Mal am heutigen Abend gespielt. Obwohl man den Song ohne Zweifel mehr als nur einmal hören sollte, macht sich ein wenig Unmut breit, als nach knapp zwei Stunden (inklusive Soundcheck) die Lichter im FZW wieder angehen. Letztlich zählt aber wie immer im Leben die Musik. Und was die betrifft haben Soundgarden in Dortmund einen in allen Belangen überzeugenden Auftritt hingelegt. Freuen wir uns einfach darüber, dass sie wieder da sind. Ich habe nach dem Desaster von Köln heute jedenfalls meinen Frieden mit ihnen gemacht.