ROME: das Zwei-Mann-Projekt aus Luxemburg mit zwei neuen Alben

Wenn man über Neofolk und Dark Folk in Europa spricht, kommt man an ROME kaum vorbei. Hinter dem Projekt aus Luxemburg steht Jérôme Reuter, der seit 2005 eine Musik erschafft, die gleichermaßen melancholisch, politisch und unbequem ist. Am Ende der Feierlichkeiten zum zwanzigjährigen Bestehen schlägt ROME das nächste Kapitel auf – mit zwei neuen, visionären Werken: „The Tower“ und „The Hierophant“. Während Jérôme als Multi-Instrumentalist auf beiden Alben an Vocals, Gitarre und Percussion zu finden ist (alle Lyrics stammen aus seiner Feder), wird er in den Kompositionen und bei den Aufnahmen von Tom Gatti (Bass, Synthesizer) unterstützt.

ROME bewegt sich seit jeher musikalisch zwischen akustischem Folk, martialischen Rhythmen und reduzierten elektronischen Elementen. Gitarren, Trommeln und eine klare, eindringliche Stimme bilden das Fundament für Songs, die auf Atmosphäre und Aussage setzen. Das ist Musik, die Zeit braucht – und die man nicht nebenbei hört. Seit dem Debüt Nera (2007) hat ROME eine beeindruckende, stetig erweiterte Diskografie aufgebaut. Alben wie „Flowers from Exile“, „Nos Chants Perdus“ oder „The Lone Furrow“ zeigen eine stetige Weiterentwicklung, ohne den charakteristischen Kern zu verlieren.

Fotocredit: Christian Wittig

Gerade in der heutigen Zeit schwindender physischer Verkäufe finde ich es absolut mutig, gleich zwei Alben zu veröffentlichen, die jeweils im CD- und Vinylformat erscheinen. Die Idee folgt dem Konzept zweier unterschiedlicher Alben, die sich doch wie Yin und Yang zu einem großen, außergewöhnlichen Projekt ergänzen.

„The Tower“ verfolgt einen minimalistischen Folk-Ansatz mit akustischer Gitarre, dezentem Schlagwerk und Reuters markanter Stimme. Meditativ und stimmungsvoll geht es um Haltung und innere Stabilität. „The Hierophant“ bildet das rätselhafte Gegenstück zum introspektiven Rückzugswerk „The Tower“. Während der Turm die Basis bildet, geht der Hierophant als Sinnsucher auf die Suche nach dem Sinn. In den Tagen der Sammlung („Days of Assembly“) beginnt seine Reise im geheimnisumwobenen Hafen („Secret Harbour“), am Ufer der Trauer entlang („On Sorrow’s Embankment“) bis zu seiner erlösenden Entgrenzung im mythischen Norden („Apollo of Hyperborea“). Es ist ein geistiges Reisetagebuch, getragen von der Suche nach Wort und Welt jenes zerbrechlichen Gesandten („My Frail Ambassador“), Deuter der ältesten Gesetze und Lichtträger durch die Finsternis der Zeit.

ROME ist keine Band für den schnellen Konsum. Wer sich jedoch auf diese Musik einlässt, wird hier mal wieder mit einem außergewöhnlichen Projekt belohnt, das Mut zur Ernsthaftigkeit beweist. In einer Zeit, in der vieles laut und beliebig ist, bleibt ROME eine leise, aber eindringliche Stimme aus Luxemburg – und eine der spannendsten im europäischen Underground.

Fotocredit: Christian Wittig