Man kann trefflich darüber streiten, was das beste Album der 80er Jahre ist. Oft wird Prince mit „Sign o‘ the Times“ genannt. Für mich liegen Marillions „Misplaced Childhood“, U2s „The Joshua Tree“ und Simple Minds‘ „Street Fighting Years“ an vorderster Front. Pop- und Post-Rock-Enthusiasten werden vermutlich „Spirit of Eden“ von Talk Talk nach oben heben – und dann sind da noch die New Wave-Könige Tears for Fears mit „The Seeds Of Love“. Was alle diese Alben gemeinsam haben? Sie sind erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts erschienen und haben eine Legion von Künstlern inspiriert.
Das dritte Album von Tears for Fears erscheint 37 Jahre nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung in in einer Neuauflage, die kaum Wünsche offen lässt. Roland Orzabal schrieb fünf der acht Titel gemeinsam mit der Pianistin Nicky Holland. Den Ohrwurm-Titeltrack schrieb er zusammen mit Curt Smith. Dass das Album in der vier Jahre andauernden Produktionsphase eine ganze Million britische Pfund an Kosten verschlungen hat, verwundert nicht aufgrund der Unmenge an beteiligten Künstlern (Oleta Adams, Manu Katché, Phil Collins, Simon Phillips und Chris Hughes, um nur einige zu nennen) sowie der äußerst filigranen und komplexen Herangehensweise an Arrangements und instrumentale Umsetzung.
Zu Recht gilt „The Seeds of Love“ als Blaupause für die moderne Popmusik der Neuzeit. Bis heute verbreitet es einen zeitlosen Glanz. Es war ein genialer Schachzug, Gastsängerin Oleta Adams eine zentrale Rolle einzuräumen. Im Zusammenspiel mit Orzabal setzt sie einen kongenialen Gegenpol. Bombastische Gitarren, der treibende Rhythmus und filigrane New Wave-Experimente tragen ihr Übriges dazu bei. Definiv eines der Alben, die man am Stück genießen muss.
Die neuen Deluxe-Editionen umfassen neue Stereo-Mixe von Steven Wilson, der das Album zu seinen fünf Lieblingsalben aller Zeiten zählt, eine 2LP-Ausgabe auf blauem Special-Effect-Vinyl mit alternativem Artwork, die das Originalalbum mit einer zweiten LP aus B-Seiten und Demos kombiniert – einige davon erstmals auf Vinyl – sowie ein 3CD-Set mit alternativen und seltenen Mixen, Single-Versionen und B-Seiten.
Das Bonusmaterial der mir vorliegenden 3-CD-Version bietet vor allem einen spannenden Einblick in die verschiedenen Entwicklungsstufen des Albums und die Single-Veröffentlichungen jener Zeit. Neben den bekannten Albumtracks finden sich auf den zusätzlichen CDs zahlreiche B-Seiten, alternative Fassungen und internationale Radio-Edits. Dazu gehören „Tears Roll Down“, „Always In The Past“, „My Life In The Suicide Ranks“ und „Music For Tables“, aber auch gleich mehrere Versionen von „Johnny Panic And The Bible Of Dreams“, das sich im Umfeld des Albums zu einem eigenen kleinen Kosmos entwickelte. Die unterschiedlichen Mixe und Instrumentalversionen machen deutlich, wie vielseitig Roland Orzabal und Curt Smith mit ihrem damals ausgesprochen aufwendig produzierten Sound experimentierten.
Besonders interessant für Fans sind die frühen und alternativen Mixe von „Badman’s Song“, „Sowing The Seeds Of Love“ und „Year Of The Knife“. Hier geht es weniger um bislang völlig unbekannte Songs als um abweichende Arrangements, unfertige Produktionsstadien und alternative Perspektiven auf bereits vertrautes Material. Die verschiedenen Radio-Edits zeigen außerdem, wie die komplexen, teilweise ausufernden Originale für unterschiedliche Märkte und kürzere Sendeformate zurechtgeschnitten wurden.
Gerade bei einem Album, das mit seinen üppigen Arrangements, Gospel-Einflüssen, psychedelischen Farben und deutlichen Beatles-Anleihen bewusst über die üblichen Pop-Konventionen hinausging, ist dieser Blick hinter die Kulissen reizvoll. Das Bonusmaterial ist dabei allerdings nicht durchgehend neu entdeckt worden, denn ein Großteil der Aufnahmen war bereits Bestandteil früherer Deluxe-Veröffentlichungen.
Dennoch: Ein großartiges Album mit hohem Nostalgiewert in seiner vielleicht besten Version!












