Es ist schwer zu beschreiben, was Alex Schulman da gelungen ist. Das zeigt schon die Überschrift zu dieser Rezi. Schließlich passiert in „Jetzt beginnt das Leben“ sehr viel Unwirkliches, was ihn zu einer Art Fantasyroman macht:
Vidars Leben ist aus den Fugen geraten. Nach einem gewalttätigen Vorfall in der Schule wird er vom Lehrdienst suspendiert. Als er zu Hause zufällig die Telefonnummer des alten Sommerhauses der Familie findet, wählt Vidar aus einer Laune heraus die Nummer. Es meldet sich sein Vater, der längst tot ist. Bald versteht Vidar: Am anderen Ende der Leitung ist immer der 17. Juni 1986, ein Tag aus seiner Kindheit. Es öffnet sich eine Falltür in die Vergangenheit. Anruf für Anruf versucht Vidar, jeden Schritt seiner Familie an diesem Tag nachzuvollziehen. Er überschreitet eine Grenze nach der anderen. Und während sich der Tag seiner Kindheit langsam auflöst, zieht sich die Schlinge in der Gegenwart immer enger zu.
Alex Schulman, Jahrgang 1976, ist in seiner schwedischen Heimat längst weit mehr als „nur“ Schriftsteller. Er arbeitet als Journalist und Kolumnist, ist als Podcaster bekannt und gehört zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Autoren Schwedens. Seine Romane kreisen immer wieder um Familie, Kindheit, Erinnerung, Schuld und die Frage, wie sehr unsere Vergangenheit unser späteres Leben bestimmt. Auch „Die Überlebenden“, „Vergiss mich“ und „Verbrenn all meine Briefe“ wurden international bekannt. Schulman hat dabei eine ganz eigene Art entwickelt, persönliche und teilweise schmerzhafte Themen literarisch so zu erzählen, dass daraus keine trockene Familienchronik, sondern große, emotionale Geschichten werden.
Es gibt Bücher, die liest man. Und dann gibt es Bücher, die einen noch ein Stück begleiten, nachdem man die letzte Seite längst umgeblättert hat. „Jetzt beginnt das Leben“ von Alex Schulman gehört für mich eindeutig zur zweiten Sorte. Ein bewegender, intensiver und mitreißender Roman, der sich ganz leise anschleicht und dann immer tiefer geht. Schulman erzählt von Menschen, ihren Beziehungen, ihren Erinnerungen und den Spuren, die das Leben in ihnen hinterlassen hat – und schafft es dabei, aus einer persönlichen Geschichte etwas erstaunlich Universelles zu machen.
Dabei erzählt der Roman von zwei Obsessionen. Zum einen von der Besessenheit, mit der Vidar den Schüler verfolgt, dem er augenscheinlich Gewalt angetan hat. Er sucht nach dem Auslöser, an den er sich nicht erinnern kann. Und es gibt vermutlich eine Verbindung zu den Geschehnissen am 17. Juni 1986, einem scheinbar ganz normalen Tag im Leben seiner Kindheit, der sich durch die Anrufe immer weiter entfaltet und zur zweiten Obsession wird.
Schulman nimmt sich Zeit für seine Figuren, lässt Erinnerungen und Gegenwart ineinanderfließen und hält dabei immer wieder kleine Momente fest, die plötzlich eine enorme Wucht entwickeln. Das Ergebnis ist ein Roman, der nicht mit großen Gesten um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Die Leserschaft wird mitgenommen in eine ungewöhnliche Story, die am Ende mit Hilfe von Vidars Schwester eine logische Auflösung findet. Und endlich wird klar, wie beide Obsessionen miteinander zusammen hängen.
„Jetzt beginnt das Leben“ ist ein großartiger Roman um kindliche Traumata und wie sie das weitere Leben beeinflussen. Anrührend und faszinierend.














