Mit seinen beiden Krimi-Reihen um das Ermittlerteam Joe O’Loughlin und Vincent Ruiz sowie der zweiten Reihe um den forensischen Psychologen Cyrus Haven gehört der Australier Michael Robotham zu meinen Lieblingsautoren. Dabei stört es gar nicht, dass der neue Roman „Bruderherz“ nicht zu einer der Reihen gehört, sondern ein Stand-alone-Thriller ist, der mit neuen Figuren und in sich abgeschlossener Handlung aufwartet.
Was sehr interessant klingt: Robotham teilt in der Danksagung am Ende des Buchs mit, dies sei zwar sein zwanzigster veröffentlichter Roman, in Wahrheit aber sein Erstling, dessen Story er im Alter von zwanzig Jahren begonnen und fünf Jahre später beendet habe. Seitdem lag er als unveröffentlichtes Manuskript in einer Schublade und wurde nun endlich final zur Veröffentlichung bearbeitet.
Zur Handlung: Nach zwölf Jahren hinter Gittern kehrt Arlo Hackett in seine australische Heimatstadt Yulara zurück – ein Ort, dessen Bewohner ihn einst verurteilten und verstießen. Damals wurde er der Beihilfe zu einem schweren Verbrechen beschuldigt, das sein Bruder Luke begangen haben soll. Doch Arlo hat nie an Lukes Schuld geglaubt und will nun herausfinden, was wirklich passiert ist. Aber die Menschen in Yulara begegnen ihm mit Misstrauen und Feindseligkeit. Wer lügt, wer verschweigt etwas – und wem kann Arlo überhaupt noch trauen? Während er sich seinen schmerzhaften Erinnerungen stellt und der Wahrheit immer näherkommt, gerät sein Leben erneut aus den Fugen. Zwischen Verrat und Schuld muss er sich die Frage stellen, ob Vergebung möglich ist – oder ob sie alles zerstört, was ihm noch geblieben ist.
Parallel werden zwei Geschichten erzählt, nämlich zunächst die Handlung um Arlo, der in seine Heimat zurückkehrt und dort alles andere als willkommen ist. Man begegnet ihm mit Misstrauen und deutlicher Feindseligkeit. Nur die Jugendfreundin Helen steht an seiner Seite – und später auch die Anwältin Camille, die ebenfalls merkt, dass beim Prozess vor zwölf Jahren nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Die zweite Story sind die Geschehnisse zur Tatzeit, nämlich dem Mord an der quirligen Saxon, die wie ein Wirbelsturm in das Leben der Familie Hackett eingedrungen ist. Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Stiefvater gewinnt sie die Herzen der neuen Familie, zu der auch der intellektuell beeinträchtigte Luke gehört, der sich unbedarft und mit voller Naivität in das Mädchen verliebt. Und auch das Verhalten von Saxon strotzt vor naiver Unbeschwertheit, bis es zur Katastrophe kommt.
Die Wechsel der Erzählebenen sind sehr abrupt und optisch nicht erkennbar. Das hat mich zunächst etwas irritiert, aber mit der Zeit macht es gerade den Reiz der Erzählung aus: Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen zu einer wunderbaren Geschichte um Freundschaft und Liebe, um Hass und Missgunst, um Formen familiären Zusammenseins, um Schuld und Gerechtigkeit.
Robotham ist hier ein eindringlicher Roman gelungen, der die Motive der Protagonisten in den Vordergrund stellt und dabei ständig zwischen Herzlichkeit sowie gefährlichen Machenschaften schwankt. Viele Handlungen, die zunächst suspekt erscheinen, finden ihre Berechtigung, aber natürlich steuert man unaufhörlich auf die tragische Wendung zu.
Der Schreibstil ist emotional und spannungsgeladen. Der Autor beschäftigt sich mit ganz unterschiedlichen Formen von Liebe und findet berührende Worte. Am Ende wird gemäß eines guten Thrillers der Täter entlarvt, doch das scheint gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist es, wie der Handlungsführer Arlo seinen Frieden findet und weiterleben kann. Somit ist „Bruderherz“ kein reißerischer Thriller, sondern ein sanftes Spiel mit den Emotionen. Vielleicht Robothams wichtigstes Werk.













