Da ist es also – das Album meiner beiden Lieblingsgitarristen. Hackett und Rothery haben sich zusammengetan, um ihre Klangwelten zu einem instrumentalen Album namens „The Roaring Waves“ zu vereinen. Sehr atmosphärisch, sehr dicht und mit einem starken thematischen Hintergrund.
Steve Hackett ist natürlich vor allem als Gitarrist von Genesis bekannt. Er kam 1971 dazu und prägte deren klassische Prog-Phase bis zu seinem Ausstieg 1977. Gerade seine eher atmosphärische, experimentelle Art des Gitarrenspiels unterschied ihn von vielen damaligen Prog-Gitarristen: er lieferte Klangfarbe, Dynamik und Atmosphäre. Auch seine Soloalben zeigen diese enorme stilistische Bandbreite. In den vergangenen Jahren hat er zudem mit seinen Genesis-Revisited-Projekten immer wieder die Musik seiner Genesis-Zeit auf die Bühne gebracht.
Steve Rothery wiederum ist seit 1979 Gitarrist von Marillion und damit das einzige Mitglied, das seit den frühesten Tagen durchgehend zur Band gehört. Er entwickelte jene stark atmosphärische, oft melancholische Spielweise, die zu einem Markenzeichen von Marillion wurde. Interessant ist, dass Rothery auch außerhalb von Marillion immer wieder seine Vorliebe für instrumentale, weitläufige Musik ausgelebt hat – etwa auf seinem Soloalbum „The Ghosts of Pripyat“ oder zuletzt im elektronisch geprägten Projekt Bioscope mit Tangerine-Dream-Musiker Thorsten Quaeschning.
Die Zusammenarbeit von Hackett und Rothery stand schon länger im Raum, doch es hat mehrere Jahrzehnte musikalischer Freundschaft und am Ende fast acht Jahre Arbeit an einem gemeinsamen Album gedauert, bis wir es nun endlich in Händen halten. „The Roaring Waves“ liefert sieben Instrumentalstücke in 45 Minuten und eine musikalische Reise, die weniger nach Gitarren-Duell als nach gemeinsamer Klangmalerei klingt.
Die beiden Gitarrenmeister spielen sich die Bälle zu, lassen ihre Instrumente miteinander reden und schaffen dabei eine wunderbar atmosphärische, manchmal geheimnisvolle Welt aus grandiosen Klängen. Das Ganze gepaart mit den Keyboards von Ricardo Romano, starken Drum-Passagen und lautmalerischen Backing Vocals, eingesungen von den Familien der beiden Protagonisten.
Schon „The Storm“ macht seinem Namen alle Ehre: Langsam zieht das Unwetter auf, die Gitarren schweben und schieben sich umeinander, bevor sich die Musik immer weiter verdichtet. „Sandsend“ nimmt anschließend deutlich Tempo heraus und klingt wie ein Spaziergang an der Küste, während bei „Red Dragon“ plötzlich kräftig gerockt wird.
Der Titelsong „The Roaring Waves“ ist mit über sieben Minuten das Herzstück der Platte. Kein hektisches Prog-Gefrickel, sondern ein Stück, das sich Zeit nimmt und seine Wirkung aus Atmosphäre und Dynamik zieht. Auch „K-129“ und „The Black Sea“ tauchen tief in die dunklere Seite des Albums ein. Besonders „The Black Sea“ zeigt, wie wunderbar Rotherys melancholischer Gitarrenton und Hacketts oft etwas verspieltere Klangsprache miteinander funktionieren.
Zum Schluss biegt „Pacific Coast Highway“ dann noch einmal überraschend ab. Statt düsterer Meeresstimmung gibt es Sonne, Weite und einen Hauch Roadtrip-Feeling. Ein schöner Kontrast und ein ziemlich entspannter Abschied. Überhaupt ist „The Roaring Waves“ erstaunlich entspannt. Die sieben Instrumentalstücke wirken nie wie der Versuch, noch einmal irgendwelche technischen Gitarrenrekorde aufzustellen. Dafür haben Hackett und Rothery längst nichts mehr zu beweisen. Sie spielen einfach miteinander – und genau das macht den Reiz dieser Zusammenarbeit aus.
„The Roaring Waves“ ist kein neues Genesis- und auch kein neues Marillion-Album. Es ist ein atmosphärisches Instrumentalwerk zwischen Progressive Rock, Ambient und klassischer Gitarrenmelodie. Musik zum Versinken, Entdecken und – idealerweise – mit Kopfhörern genießen. Wir erleben zwei alte Prog-Recken, die gemeinsam aufs Meer schauen. Und manchmal muss man eben nicht viel mehr tun als zuhören.














