Lea: Ein “Fluss” aus Tränen

Auch auf ihrem vierten Album spielt LEA ihre größte Stärke voll aus. Sie singt wundervolle melancholische Balladen zu sanften, zerbrechlichen Pianomelodien. So liefert sie ein insgesamt sehr ruhiges Album. Man könnte die Idee haben, das würde auf Dauer langweilig, doch keineswegs: LEA ist eine wundervolle Geschichtenerzählerin. Sie fasst Momente, Gedanken und Stimmungen in Worte, schafft dabei kleine Aphorismen und philosophische Nachdenklichkeiten, wie das kaum einer anderen Deutschpop-Künstlerin gelingt.

Nehmen wir die Bilder aus dem Titelsong mit seinem “Fluss aus Tränen”, die so anschaulich und nachvollziehbar sind. Das Gleichnis vom Sprung, nackt in den “Swimmingpool”, mit dem LEA offen ihre Zurückhaltung besingt. “Sommer” zeichnet das Bild einer ersten Liebe, die man nach einem kurzen Strohfeuer aus den Augen verliert und manchmal immer noch vermisst. “4-Zimmer-Wohnung” als Verweis auf die Eifersucht gegenüber einem langjährigen Freund, der jetzt mit einer Anderen zusammenzieht.

Natürlich sind es vor allem Herz-Schmerz-Songs, doch es ist der offene Umgang mit den stillen Gefühlen, der das Album so authentisch macht. Eindringlich (wie in “Sag nicht sorry”), verliebt (wie in “Tausendmal”) oder wehmütig (wie in “Fast”). Die Melancholie kumuliert in der wundervollen Eröffnungszeile von “Schwarz”: “Ich trag Schwarz bis es was Dunkleres gibt”.

Drei Songs enthalten prominente Features. “Küsse wie Gift” singt LEA mit der jungen Kollegin LUNA, die musikalisch perfekt mit ihr auf einer Wellenlänge liegt und die schon als Support auf der Sommertour mit dabei war. Für “Schwarz” ist Rapper Casper mit im Boot. Und “L & A” zelebriert die besondere Verbindung zu Antje Schomaker als Hymne der beiden Künstlerinnen auf ihre Freundschaft: “Für immer L & A”.

Das Album ist in den letzten anderthalb Jahren entstanden, in denen ja kein Stillstand geherrscht hat, auch wenn es sich erst so angefühlt hat – es geht immer weiter”, sagt LEA zur Entstehung. “Auf dem neuen Album sind Themen, die es vorher bei mir nicht gab, weil die Atmosphäre anders war. Das Songwriting hat viel zu Hause stattgefunden; sehr fokussiert, mit dem Rechner auf dem Flügel, in Skype-Sessions mit dem Team, mit dem ich auch schon fast alles für ‘Treppenhaus’ gemacht habe. Diese Menschen sind mir so wichtig geworden. Wir sind alle so tief im LEA-Kosmos, dass wir unsere ganze gesammelte Liebe in FLUSS stecken konnten – auch deshalb ist nicht mehr jeder Song nur aus meinem Leben. Es geht auch um Erfahrungen von anderen, um einen Rückblick auf unsere Zwanziger; um Gefühlswelten, Perspektiven, Lebensabschnitte, Veränderung, neues Terrain und Erinnerungen.”

Ein besonderer Song ist LEAs Eltern gewidmet. In “Dicke Socken” singt sie vom Nach-Hause-kommen und vermittelt heimelige Bilder voll Nostalgie. Der Song ist eine Liebeserklärung an meine Eltern, die immer hinter mir stehen. Berlin ist heute mein Zuhause, aber mein Elternhaus ist Heimat. Ein Rückzugsort, an dem ich auftanke und mal nicht unterwegs sein muss.

Übrigens sind nicht alle Stücke pianolastig arrangiert. Unter den 14 Tracks finden sich auch einige durchproduzierte Stücke, die mit elektronischen Klangspielereien versehen sind. Doch für Puristen der reinen LEA-Lehre gibt es als Anhang fünf dieser Songs als “Piano Sessions”. Man kann sich also ohne Weiteres sein persönliches Pianoalbum zusammenstellen.

LEA ist stilistisch absolut besonders. Die Vocals schwanken zwischen zerbrechlich und stark. Ihre sanfte Stimme, das filigrane Pianospiel und die intelligenten Texte beherrschen auch das vierte Studioalbum dieser Ausnahmekünstlerin.

Hier seht ihr den Mitschnitt zum “Live in 360 Grad” Release-Konzert:

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