Eine Biografie im musikalischen Format

Wenn die Wegbereiter des Britpop mit einem neuen Album um die Ecke kommen, lässt das natürlich aufhorchen. Der charismatische Sänger Sänger Brett Anderson und Bassist Mat Osman hatten bereits seit Anfang der 80er Jahre in verschiedenen Projekten zusammengearbeitet – und 1989 war dann die Geburtsstunde von SUEDE. Bereits das selbst betitelte Debüt erreichte mit einer starken Prise Glamrock Platz 1 in den britischen Charts. Kommerziell am erfolgreichsten war aber Nummer 3 “Coming Up”, das der Band mit einer Mischung aus Extravaganz und Zeitgeist den Weg in die weltweiten Hitlisten ebnete. 2003 war dann erst einmal Schluss, doch im Jahr 2010 fand man sich wieder in der Erfolgsbesetzung mit Neil Codling zusammen und veröffentlicht seitdem wieder solide Rockalben, die zwar kaum noch chartrelevant sind aber dennoch sehr kraftvoll und respektabel in Erscheinung treten.

Angesichts der Entstehungsgeschichte des neuen Albums, dürfte es nicht allzu sehr überraschen, dass “Autofiction” das Punk-Album von SUEDE ist – eine Platte, auf der eben jenes ausgelassene, ja fast übermütig lodernde Feuer knistert, das jedem vertraut ist, der die Band in den letzten Jahren live gesehen hat. Mit dem Probenstart der neuen Songs – einiger der druckvollsten und zugleich direktesten in ihrer Karriere, begann ein Prozess der Rückbesinnung auf die ursprünglichen Grundlagen und man beschloss, wieder wie eine Newcomer-Band zu werden. Brett Anderson, Mat Osman, Simon Gilbert, Richard Oakes und Neil Codling begaben sich also in einen Proberaum im verlassenen Kings Cross und damit auf die Spuren ihrer eigenen anfänglichen Tage als unbekannte Band aus London – sie mussten selbst den Schlüssel organisieren, ihr eigenes Equipment schleppen und aufbauen, um dann mit den Proben beginnen zu können. „Es war ein Versuch, den ganzen Dreck und den Lärm und die Naivität einer Live-Band zu erzeugen und das einzufangen”, sagt Brett.

Musikalisch pendeln SUEDE zwischen energischem Rock und bittersüßen Balladen. Der Opener “She Still Leads Me On”, das Anderson für seine verstorbene Mutter geschrieben hat, nimmt mich direkt gefangen. Eine wundervolle Hymne voller Liebe – mit verzerrten Gitarren und massig Pathos. Einfach wundervoll!

“Personality Disorder” eröffnet die rockige Schiene mit Punk-Gitarren und eindringlichem Sprechgesang. “15 Again” vermittelt das autobiografische Konzept des Albums mit einer nostalgischen Reise in die Vergangenheit. Mitreißend und episch. In diese Kerbe haut auch “That Boy on the Stage”, das die innere Zerrissenheit des autofiktionalen Protagonisten ausdrückt. Das mystische “Shadow Self” und die sinfonischen Elemente von “It’s Always The Quit Ones” bringen neue Momente mit und betonen die Vielseitigkeit der Band. Ganz stark wird es nochmal mit dem längsten Track “What am I Without You”, der als sanfte Pianoballade startet, sich dann aber zu orchestral-bombastischen Glamrock steigert. Ein wahrhaft cineastisches Soundgemälde!

“Autofiction” ist eine rockige, beschwingte Platte geworden, die zwar nicht wie die wilden frühen Singles von vor dreißig Jahren klingt, aber dennoch viel von der gleichen hungrigen Energie in sich trägt. Mehr Joy Division als Oasis – und das ist gut so.