Es war ein Wechselbad der Gefühle am Donnerstagabend beim Open Air am E-Werk in Saarbrücken. Die deutschen Kult-Rap-Rocker von SDP hatten ihr Kommen angesagt, doch es gab auch ordentliche Wetterkapriolen. Ich war recht spät an und konnte gegen 20.15 Uhr mitten im ordentlichen Regenschauer zunächst einmal beobachten, wie mir tausende Fans entgegen kamen und zu ihren Autos stürmten. Abbruch? Das wäre schade. Die Kommunikation der Veranstalter von Saarevent war aber vorbildlich und ich konnte in den sozialen Medien lesen, dass man das Konzert aus Sicherheitsgründen während den Supports unterbrochen und das Gelände geräumt hatte. Alle sollten sich in ihre Fahrzeuge begeben oder einen Unterstand wählen – auf dem weiträumigen Gelände zum Glück kein Problem. Nach Durchzug des Unwetters würde das Konzert vermutlich gegen 21 Uhr fortgesetzt.
Und so kam es auch! Petrus hatte ein Einsehen. Nach Gewitter und Starkregen kam eine halbe Stunde später die Sonne wieder durch und alle durften zurück auf den Platz. Um das möglichst schnell abzuwickeln waren die erneute Kontrollen am Einlass nicht mehr so streng. Alles sehr gut organisiert. Der Platz war im hinteren Bereich asphaltiert und im vorderen Bereich weniger matschig als befürchtet. Fast pünktlich um 21.05 Uhr trafen Vincent und Dag also nach dem Fallen des Vorhangs auf ein bestens gelauntes Publikum in Feierlaune.
Mit dem Bandlogo in großen Lettern im Hintergrund hatten SDP groß aufgefahren – mit Showtreppe, grandioser Band und Backgroundgesang. Von Beginn an gab es Festival Feeling auf dem nassen Gelände und die Stimmung blieb absolut stabil. Man hatte ja auch genügend Gimmicks dabei, zum Beispiel aufblasbare Riesenplanschtiere, die zu „Scheiße baut sich nicht von alleine“ durch die Fans trieben, während man auf der Bühne die 257ers zu Gast hatte. Den vielen Kindern auf dem Gelände gefiel die große Sause sichtlich und alle Generationen grölten Songs wie „Männer und Frauen“, „ADAC“ sowie „Ein Lied“ lauthals mit.
Noch andere Gäste waren am Start: Zu „Brenn!“, das im mittelalterlichen Gewand gespielt wurde, kam Alea von Saltatio Mortis auf die Bühne und bei „Mama hat gesagt“ spielte Esther Graf den Duett-Part. Während „Viva la Dealer“ und „Ne Leiche“ begaben sich Vincent und Dag in die Menge und erreichten eine vor den Bierständen errichtete großformatige Korone, wo man aus luftiger Höhe diese Titel performte. Dann gab es zur musikalischen und sexuellen Früherziehung „Liebe ist ein Hurensohn“ und auch SDPs textlich abgewandelte Version des PUR-Klassikers „Abenteuerland“.
Nach fast zwei Stunden endete das Konzert mit dem Malle-Hit „Die Nacht von Freitag auf Montag“ und alle kamen fast trockenen Fußes nach Hause. Trotz der zeitweise etwas widrigen Umstände hatte man eine schöne Partynacht gefeiert. Glückliche Gesichter rundherum waren der Dank an Band und Veranstalter.
Seit ich Wincent Weiss vor zehn Jahren erstmals als Support von Max Giesinger in der Garage Saarbrücken gesehen habe, ist viel passiert in der Karriere des inzwischen 33jähringen Sängers aus Bad Oldesloe. Damals stand er mit dem Radiohit „Musik sein“ noch ganz am Anfang – inzwischen hat er fünf Studioalben plus ein Weihnachtsalbum veröffentlicht und neue Musik ist bereits in der Mache.
Übrigens führt Wincent die Tradition fort, die ihm schon bei Max Giesinger neue Fans bescherte: Er holt einen jungen Künstler mit auf Tour. Und zwar jemanden, der schon eine ganz ordentliche Fanbase hat: Kayef aus Düsseldorf, Popmusiker und Rapper. Dieser hat schon einige Alben mehr veröffentlicht als Wincent und legte in Saarbrücken einen formidablen Set hin. Das junge Publikum hatte er ganz gut im Griff.
Schon zum ersten Song gab es eine Fanaktion mit bunten Flyern, dann brachte er die Leute dazu, bei jedem Schluck, den er aus seiner Trinkflasche nahm, „Hm, das schmeckt“ zu rufen. Dass das funktionierte, machte Kayef sichtlich glücklich. Er stellte sein aktuelles Album vor und überzeugte im 30 minütigen Set mit Songs wie „Tränen“ sowie „Mein Herz klopft Lieder für dich“. Im Anschluss erschien er mitten im Publikum, erfüllte Autogramm- und Fotowünsche und hatte für jeden (alten und neuen) Fan in der unendlich langen Schlange ein paar nette Worte übrig. Das ging eine gute halbe Stunde lang bis zum Start von Wincents Show – in sengender Abendhitze. Sehr sympathisch!
Und was soll man noch zur Show von Wincent Weiss sagen? Er zieht ein buntgemischtes Publikum an, von kleinen Kindern bis hin zur älteren Generation. Okay, vor allem hat er weibliche Fans, doch in der Publikumsbefragung kam heraus, dass auch junge Frauen sich von ihren Partnern „ungewollt“ zum Konzert mitschleppen lassen.
Fast zu jedem Song passierte etwas Besonders. Ideen dazu? Schon zu „Hast du kurz Zeit“ war die Konfettikanone im Gang, bei „Die guten Zeiten“ gab es Fotos mit den ersten Publikumsreihen und während „Bleiben wir“ ließ Wincent sich crowdsurfend bis zum FOH tragen. Zu dieser Zeit war das Bühnenbild noch gar nicht so spektakulär: leuchtende Türme rechts und links auf der Bühnenfläche. Wincent performte „In einem anderen Leben“ oben auf einem dieser Türme stehend und hielt dann vor „Was die Menschen nicht wissen“ eine flammende Rede gegen den Schönheitswahn auf Social Media. „Sei du selbst“, war seine Devise und sein Fazit.
„Hier mit dir“ sang er für seinen besten Freund und für alle besten Freunde im Publikum. Passend gab es das nächste Bad in der Menge. „Deiner Seite“ lieferte eine große Pyroshow und während „Langsam“ machte er sich auf den Weg zur B-Stage mitten auf dem Gelände. Zunächst gab es ein „Happy Birthday“ für die kleine Rosa, die mit dem Schild „Du bist mein Geburtstagsgeschenk“ vor ihm stand. Weitere drei Songs wurden akustisch dargeboten, zum Abschluss die Motivationshymne „Frische Luft“.
Inzwischen hatte man die Bühne hinter einem Vorhang komplett umgebaut. Jetzt war dort eine riesige LCD-Leinwand, die begehbar war und von der Wincent aus luftiger Höhe „Flieg“ interpretierte. Tanzen stand nun im Vordergrund, mit Dancefloor-Sound und kleinem Feuerwerk zu „Spring“. Dann ein Wechsel der kompletten Band zu Glitzer-Outfit und Discosound. Man brachte das Publikum von vorne bis hinten während „So gut“ in entsprechende Moves.
Ein ganz neuer Song wurde gespielt, melodisch und mitreißend mit dem Arbeitstitel „Uuuh“ (oder so ähnlich). Danach folgte ein letztes Triple, dass den zweistündigen Gig beendete: „Wer wenn nicht wir“ startete Wincent ganz allein mit Gitarre, bevor die Band einsetzte, zu „Feuerwerk“ gab es (wer hätte das gedacht) ein gigantisches Feuerwerk – und ganz zum Schluss erklang der WM Song „Kurz für immer“. Keine Zugaben, aber man blieb zum Feiern auf der Bühne. So endete das großartige Open Air hinterm E-Werk. Nächste Woche geht es weiter mit SDP und Tream.
Setlist Wincent Weiss, 10. Juli 2026, Open Air am E-Werk Saarbrücken
Das E-Werk in Saarbrücken-Burbach, die ehemalige Industriehalle auf den Saarterrassen, hatte schon viele großartige Konzerte gesehen. Von Punk bis Metal, von Capital Bra bis The BossHoss war da inzwischen einiges am Start. Und seit vielen Jahren hat sich auch das Gelände hinterm E-Werk für Open Airs etabliert. Absolut sinnvoll, findet man doch hier im Gewerbegebiet Parkplätze en masse und hat die perfekte Logistik für Veranstaltungen vor Ort. Okay – es ist jetzt nicht gerade idyllisch zwischen den Industriedenkmälern, aber Saltation Mortis hat es auch nicht wirklich was ausgemacht, hier auf ihrer „Burgentour“ Station zu machen. Es kommt auf die Konzertstimmung an. Und die war in Saarbrücken mal wieder über Wochen sehr gut.
Credit: Universal Music
Saltatio Mortis am 13.7.2025
Mein Konzertreigen bei den „SB Open Airs“ startete also mit den Mittelalterrockern aus der Pfalz, die vor zwei Jahren noch als Support von Powerwolf ran mussten, jetzt aber endlich mit einer respektablen Headlinershow aufwarten konnten. Der Set startete mit „Finsterwacht“ und eine Tänzerin im weißen Gewand bewegte sich zu den Klängen der Band. Mit solchen Schauspielereien sorgt man immer für eine besondere Festivalstimmung.
„Brunhild“ und „Odins Raben“ mussten für martialische Erzählungen herhalten, begleitet von einer großen Flammenshow. An Pyrotechnik wurde wahrlich nicht gespart. Doch es war nicht alles bombastisch. Für die Verschnaufpause zwischendurch hatte man eine zweite Bühne aufgebaut, wo es ein akustisches Zwischenspiel mit dem lateinischen „Totus Floreo“ und dem Mitsing-Klassiker „Was wollen wir trinken“ gab.
Saltatio Mortis sind schon immer mehrsprachig unterwegs und ließen mit „Pray to the Hunter“, „Valhalla Calling“ und „We Might Be Giants“ auch den englischen Vocals Raum. Zwischen Folk und Mittelaltersound wurde vor allem ordentlich gefeiert. Zu „Heimdall“ wirkte eine Feuertänzerin mit, der Spaßsong „Mittelalter“ brachte das Publikum springend in Bewegung und zu „Vogelfrei“ gab es einen großen, soliden Circle Pit, wie man ihn sonst nur von Metalbands kennt.
Nach dem Finch-Cover „Keine Regeln“ gab es ein vorläufiges Finale mit „Rattenfänger“, „Prometheus“ und „Feuer & Erz“. Nach den ersten 100 Konzertminuten musste das Publikum aber nicht lange darum bitten, die Band wieder auf die Bühne zu holen. Der Publikumsliebling „Wo sind die Clowns“ wurde ebenso abgefeiert wie „Für immer jung“. Und beim abschließenden „Spielmannsschwur“ ließen sich die Fans auch nach zwei Stunden Livepower nicht lumpen und feierten die Band ausgiebig mit einem endlos langen Zuschauerchor.
Saltatio Mortis zeigten sich in bester Verfassung und waren ein würdiger Headliner. Das 25jährige Bandjubiläum feiert man in Kürze mit der Compilation „Weltenwanderer“. Die Tracklist besteht aus 51 Stücken, die von den Fans per Online-Voting ausgewählt wurden. Lohnt sich!
LEA am 18.7.2025
Weiter ging es am darauffolgenden Freitag mit melancholischen Deutschpop von LEA. Spätestens seit ihrem zweiten Album ist LEA als Sängerin der leisen Töne bekannt. Sie legt eine unglaubliche Fülle an Emotionen in ihre Lyrics und ihre Stimme. Manchen mag das gar zu viel werden, doch ich persönlich kann mich an ihren authentischen Songs einfach nicht satt hören.
Das Bühnenbild war voller Blumen. Man konnte sich also auf viel Romantik und lyrische Dichte gefasst machen. Zudem waren unheimlich viele Kinder mit ihren Eltern vor Ort, was die sympathische Sängerin sichtlich freute. Der Set startete mit „Tausendmal“ und dann folgte direkt der Kracher „Drei Uhr nachts“, den LEA ursprünglich mit Mark Forster aufgenommen hat. Hier zeigte sich die Textsicherheit des Publikums.
„7 Stunden“ ist ebenfalls ein typischer LEA-Song, der eine berührende Geschichte erzählt. Zu „Welt“ hielt sie eine flammende Rede gegen Hass und Intoleranz, mit der Bitte, für eine bunte Welt zu kämpfen. Es folgten „Ich mag dich“ und der Partysong „Aperol im Glas“, den sie mit ihrem Support Dani Lia im Duett zu Gehör brachte.
LEA erzählt in Saarbrücken gern von ihrem ersten Auftritt 2016 im Kleinen Klub der Garage, der vor gerade mal vier Zuschauer*innen stattfand. Schon ein Jahr später war die Garage brechend voll. Beides hatte seinen Reiz für die Band und man denkt nach eigenen Worten immer gern an Saarbrücken zurück.
Auch jetzt gab es ein Konzert im Kleinen, denn es war eine B-Stage aufgebaut, die ausgiebig für ein akustisches Set genutzt wurde. Mit „Wenn du mich lässt“, dem Max Raabe-Cover „Guten Tag, liebes Glück“, ihrem größten Hit „Leiser“, dem romantischen „Treppenhaus“ und der Melancholie von „Kennst du das“ bewies LEA viel Fannähe und war auf Augenhöhe mit dem in Teilen sehr jungen Publikum, das mit selbst gemalten Schildern um ihre Aufmerksamkeit buhlte. Einige wollten mit LEA singen und sie wählte ein junges Mädchen aus, das auf eigenen Wunsch den Refrain von „Okay“ zum besten gab. Zum Abschluss des langen Acoustic Sets, bei dem LEA zeitweise am Piano saß, gab es den Paddington-Song „Das Leben ist schön“.
Zurück auf der Hauptbühne erklangen die Mitsing-Hymnen „Immer wenn wir uns sehen“ und „Heimaptplanet“ ausgeleuchtet mit einem Sternenhimmel aus Handylichter. Zum Finale hin wurde es dann durchaus rockig (zumindest für die Verhältnisse einer Deutschpoetin) und es gab den Rapsong „110“, das von einer Pyroshow begleitete „In Flammen“ und die grandiosen Titel „Schwarz“ sowie „Chaos“.
Im Zugabenblock wurde „Okay“ zum Thema Social Media und Body Awareness endlich komplett performt. Allein am Klavier spielte LEA den berührenden Track „Elefant“ für ihre Eltern und beendete das Konzert schließlich mit „Ein Liebeslied“, dem recht naiven Stück über die Liebe zwischen Igel und Stachelschwein, den es auf keinem Album von ihr gibt und den vor allem die Kinder ganz besonders lieben.
LEA hat mal wieder bewiesen, warum sie an der Spitze deutschsprachiger Songwriterinnen steht. Ihre Texte strotzen vor Melancholie und Poesie und für ihre Fans ist das genau richtig. Die Kids bewundern Lea wie eine große Schwester – und auch das erwachsene Publikum nimmt sie an einem solchen Abend mit auf die emotionale Reise.
Revolverheld am 19.7.2025
Die Gerüchte, dass Revolverheld zum 20jährigen Jubiläum ihre Instrumente an den Nagel hängen wollen, halten sich hartnäckig. Zumindest scheint sowas wie ein Sabbatjahr geplant zu sein, wenn die Tour nach dem „Best of“ Album gelaufen ist. Das soll nämlich unter dem Titel „20“ im August erscheinen. Diese Zahl prangte auch groß im Bühnenbild. Kaum zu glauben, dass der ewig junge Johannes Strate und seine Mitstreiter schon so lange Musik zusammen machen.
Ganz ohne Starallüren kam der Sänger schon zum Support EMY auf die Bühne und performte mit ihr zusammen das Duett „Leerer Stuhl“. Das brachte den beiden großen Jubel ein. Überhaupt lieferte EMY ein schönes Deutschpop-Set, ganz allein auf der Bühne mit Musik vom Band. Teile des Publikums wussten von ihrem Geburtstag und stimmten ein „Happy Birthday“ zum 23. an.
Johannes konnte dann gleich darauf in Erinnerungen schwelgen, die zwei Jahrzehnte umfassten. Er erzählte von Auftritten in Garage und E-Werk. Dazu gab es viele bekannte Songs aus der Karriere. Mit Lückenfüllern wollte man sich gar nicht erst aufhalten. Schon als erstes Stück erklang „Spinner“, gefolgt von „Keine Liebeslieder“ und „Ich werd die Welt verändern“. Jeder kennt die Texte und – zack – sind alle wieder jung.
„Immer in Bewegung“ brachte einen sehr rockigen Sound, der dann für „Halt dich an mir fest“ direkt wieder runtergefahren wurde. Die Ballade wurde wieder im Duett mit EMY interpretiert.
Nostalgische Lyrics gibt es in vielen Revolverheld-Stücken. Hier waren es „Bands deiner Jugend“, „Das kann uns keiner nehmen“ und „Sommer in Schweden“ mit ihrem schwelgenden Charakter. Zum Finale des Hauptsets erklang „Lass uns gehen“ und große bunte Bälle sorgten für ein Happening im Publikum. Der Zugabenblock bot dann pure Publikumsnähe: Johannes sang aus der Menge „Deine Nähe tut mir weh“ und ließ die Fans „Ich lass für dich das Licht an“ anstimmen. Zurück auf der Bühne gab es den Hit dann nochmal und der Kracher „Darf ich bitten“ beendete die zweistündige Show.
Zum alten Eisen gehören Revolverheld sicher nicht und live waren sie wie immer eine Bank. Bleibt zu hoffen, dass die musikalische Auszeit nicht allzu lange dauert.
Frida Gold und Samu Haber am 20.7.2025
Frida Gold, das kongeniale Duo Alina Süggeler und Andi Weizel, hatte nur 35 Minuten Zeit für seinen Set, aber ich bringe es einfach nicht übers Herz, die beiden als „Support“ zu bezeichnen. Es war lange ruhig um Frida Gold, doch bald schon soll es ein neues Album geben und die alten Hits funktionieren wie eh und je.
Es gab einen Elektrosound vom Band, aber auch handgemachte Musik mit Piano, Gitarre und Querflöte. Dazu die gewohnte Mischung aus Poesie und Pop mit einigen neuen Songs sowie Klassikern wie „Liebe ist meine Rebellion“ und „Leuchten“. Da die Zeit knapp war, wurde Letzteres vorzeitig abgebrochen, um „Wovon sollen wir träumen“ in voller Länge feiern zu können. Insgesamt ein grandioses Set voller Energie mit einer tanzfreudigen Alina.
Samu Haber startete seine Show mit einem französischen Discohit vom Band. Die vier Musiker kamen wie Gladiatoren auf die Bühne und stellten sich zu viert in einer Reihe auf, um sich als Band zu präsentieren. Vielleicht will man sich so in der Nachfolge von Sunrise Avenue positionieren. Das Publikum nahm es jedenfalls positiv auf und feierte schon den ersten Song „Me Free My Way“, der ja auch sowas wie ein Mottosong für Samus Solokarriere ist.
Stilistisch gab es ein wenig Folk, etwas Rock und viel Pop. Samu war glänzend gelaunt, tanzte mit der ersten Zuschauerreihe und machte sympathische Ansagen auf Deutsch mit seinem typischen Akzent, den man bei „Voice of Germany“ lieben gelernt hat. Es gab viel Aktuelles wie „Big Guitars“ und „Hometown Gang“. Wenn Samu seine tiefen Vocals auspackte, war er in seinem Element. Doch auch die hohen Tenortöne gelangen ihm aus dem Effeff.
Es waren auch einige Bandsongs von Sunrise Avenue zu hören. „Lifesaver“war der Erste und man spürte förmlich die Erleichterung und Begeisterung bei den Fans, die jubelten und lauthals mitsangen. Auch „Heartbreak Century“ brachte einen solchen Moment.
Samu war – wieso oft – in Erzähllaune und rekapitulierte den Nachmittag, der einige Unsicherheiten gebracht hatte. Gewitter, Sturm und Platzregen hatten für Ungemach gesorgt und auch die Technik lahm gelegt. Die Band brauchte Ersatz für ein Gitarrenelement und ein Aufruf in den sozialen Medien führte tatsächlich einen Menschen zum E-Werk, der mit dem entsprechenden Teil aushelfen konnte. Er wurde von Samu als auch vom Publikum ausgiebig gefeiert.
Traditionell gab es auch einen finnischen Song von Samu. Danach „You Destroyed My Life“ als Pianoballade. Zu „Hollywood Heels“ meldeten sich drei junge Frauen aus dem Publikum, die eine Choreografie erarbeitet hatten und mit Samu eine heiße Sohle aufs Parkett legten. Das anschließende „Hideaway“ beendete den Hauptset.
Im Zugabenteil stimmte Samu den Hit „Fairytale Gone Bad“ zunächst ganz allein mit einem Playback-Beat an. Die Fans feierten den Song mit ihm zusammen in ausgiebiger Länge. Die Ballade „Seasons“ diente zum Abkühlen bevor mit „Hollywood Hills“ der Party-Höhepunkt erreicht war. Nach zwei Stunden endete die furiose Show, die zeigte, dass Samu Haber locker solo bestehen kann – vor allem wenn er zur Freude der Fans einige Klassiker mit einstreut.
So gingen die diesjährigen SB Open Airs grandios zu Ende und wir dürfen gespannt sein, was man 2026 zu bieten hat. Infos dazu folgen in Kürze auf https://garage-sb.de/ Wir halten euch auf dem Laufenden!
Ein Indiepop-Festival für Saarbrücken Anfang Mai. Braucht man das? Zumindest war es eine gute Entscheidung, kein Open Air draus zu machen, denn der Schönwetter-Frühling hatte sich nach einer gut gelaunten Woche just zum 3. Mai wieder verabschiedet.
Festival Flair konnte man auch innerhalb des E-Werks schaffen und gab sich alle Mühe dabei – mit Ständen für Schmuck und weitere Accessoires sowie einem gut besuchten Pop-Up-Tattoo-Studio. Das Publikum bestand aus gut gelaunten jungen Menschen (ich habe den Altersschnitt deutlich angehoben), die ihre Lieblingsacts ordentlich abfeierten. Auch einige Eltern mit Kindern waren zu sehen. Stimmung: absolut positiv! Leider ließ aber die Menge an Besucher*innen zu wünschen übrig. Nur der Bereich zwischen Mischpult und Bühne war locker gefüllt. Die hintere Hallenhälfte hatte man mittels eines schwarzen Vorhangs abgetrennt.
Aller Anfang ist halt schwer – und auch das Konzept des Festivals ist relativ neu. So konnte man neben den regulären Tickets, die alle nur über die neue Velvet Pass App zugänglich waren, auch zum günstigen Preis ein Velvet Pass Streaming-Ticket erwerben, das den Fans ermöglichte, digital dabei sein und die Konzerte bequem von zu Hause aus verfolgen. Es waren einige offiziell filmende Menschen im Publikum unterwegs, die aber angenehm zurückhaltend waren und im allgemeinen Handy-Lichtermeer kaum auffielen.
Zu den Support Acts habe ich es leider nicht geschafft, aber die drei Headliner waren für dieses Event hervorragend gewählt.
Um 19 Uhr starteten Blumengarten mit ihrem charismatischen Frontmann Rayan Djima. Diese sind sind im Laufe der letzten vierundzwanzig Monate wie selbstverständlich zum festen Bestandteil und Aushängeschild der deutschen Progressive-Pop-Bubble gewachsen. Das Debütalbum „Ich liebe dich für immer“ ist am 27. März erschienen und gleicht einem musikgewordenen Ratgeber für den Umgang mit der eigenen Vergangenheit – und liefert einen versöhnlichen Aufruf, ewig Kind zu bleiben.
Bis vor gut drei Jahren hat Rayan noch auf keiner Bühne gestanden. Dafür wirkt er inzwischen sehr souverän und hat ein sympathisches Auftreten. Zu Beginn gab es leichte Tonprobleme, die vom Publikum textsicher aufgefangen wurden. Ein erstes Zeichen dafür, dass dieses Projekt kein One-Hit-Wonder ist. Es gab Songs wie „Tut es noch weh“ vom Debütalbum. Zwei Keyboards lieferten einen fetten Sound und es wurde zeitweise absolut hymnisch. „Paris Syndrom“ hingegen wurde akustisch nur mit Gitarrenbegleitung gespielt. Als Cover gab es den CRO-Song „Nie wieder normal“ und in „Wiedersehen“ lieferte Rayan einen ordentlichen Rap-Flow.
Auf 60 Minuten war das Konzert angesetzt und Blumengarten machten ordentlich Eindruck. Zum Ende hin lieferte der Frontmann ein sehr schönes Duett mit der Keyboarderin. Es war ein vielfältiger Gig, der vom jugendlichen Publikum ordentlich abgefeiert wurde.
Pünktlich um 20.30 Uhr startete Majan seinen Set. Der Sänger, Rapper und Songwriter aus Schorndorf ist für seinen genreübergreifenden Stil bekannt. Er kombiniert Elemente aus Hip-Hop, Pop, R&B und elektronischer Musik. Auf der Bühne waren Schlagzeug und Gitarren. Der sphärische Sound kam hauptsächlich vom DJ-Pult.
Fast ein Jahr lange hatte Majan nicht live gespielt, doch am 30.5. soll sein neues Album „Wenn nichts von nichts kommt, woher komm‘ ich dann?“ erscheinen. Der richtige Zeitpunkt also, um neue Stücke wie „Heim“, „Mach kaputt, was dich kaputt macht“ und „Atlantik“ live zu probieren. Ältere Songs wie „Panikweiß“ und „100.000“ kamen bei den Fans bestens an und es wurde eine wilde Party gefeiert, unterbrochen von „Deine Haut / gone“, dem melancholischen Song über die Unendlichkeit in einem Moment, den Majan am Piano interpretierte.
Um 22 Uhr dann Ennio, der von Beginn an Stimmung machte. Sein zweites Album „Schlaraffenland“ hat es im letzten Jahr in die deutschen Top 10 geschafft und er sorgte als Secret Act beim Reeperbahn Festival für Furore. Gute Voraussetzungen also für den letzten Act des Abends, der hier (wie Majan auch) seinen ersten Gig des Jahres spielte. In diesem Sinne war es ein echtes Season Opening für die Künstler, die noch auf einigen Festivals zu sehen sein werden – zum Teil mit den gleichen Musikern, die hier über den Abend verteilt hinter verschiedenen Frontern in Erscheinung traten.
Es gab Stücke wie „Blaulicht“, „Wand“ und „Rimini“. Für das Duett „Fühlst du gar nichts“ erklang die Stimme von Nina Chuba aus dem Off. Zur Halbzeit erfolgte ein Switch vom Indiepop zu einer Melange aus Club & Dance, der das Publikum mit Songs wie „Königin der Nachbarschaft“ ausgelassen in Bewegung brachte. Der Zugabenblock begann nach fünfzig Minuten und führte Rayan Djima und Majan für eine gemeinsame Session zurück auf die Bühne.
Das Velvet Spring Festival hat als Season Opening mit Acts, die gut zusammen arbeiten, sicher Potential. Vielleicht muss man im nächsten Jahr noch einen Headliner hinzuziehen, der nicht nur das TikTok-affine Publikum anspricht, sondern auch ältere Indiepop-Fans. Ich denke da an Juli oder Frida Gold, womit auch die Männerdominanz etwas zurückgefahren wäre.
Alles in allem hat das neue Festival aber durchaus überzeugt. Grandiose Stimmen zu Musik, die das junge Publikum textlich und mit eingängigen Melodien erreicht hat. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt.
Auch das Gelände am E-Werk Saarbrücken wurde am vergangenen Wochenende wieder zur Open-Air-Location. Die ersten drei Konzerte brachten Rap und HipHop für unterschiedliche Generationen nach „Saarbrooklyn“. Am 12.7. gab es die ausverkaufte Show des Berliners SIDO, am 13.7. lieferte FINCH (früher: Finch Asozial) seinen derben Deutschrap – und für den Sonntag, 14.7. waren gar die Altmeister aus Los Angeles am Start: CYPRESS HILL gaben sich die Ehre.
Bereits seit 1988 liefern die Rapper mit lateinamerikanischen Wurzeln ihre bunte Crossover-Mischung voller HipHop und Reggae. Zu Ehren der altgedienten Helden war eine illustre Schar an Fans aller Generationen angereist. Da feierten Endfünfziger gemeinsam mit Mittzwanzigern und es wurde eine große Sause.
Den Anfang machte um 20.25 Uhr der DJ mit einem kurzen Set, das in das „Star Wars Theme“ und schließlich in Metallicas „Enter Sandman“ überging. Zur Freude aller Fans wurde „Dr. Greenthumb“ als Gummifigur aufgepumpt und nahm fortan die Bühnenmitte ein. Der Totenkopf mit Cannabis-Frisur passte perfekt zur Musik und den Texten. Zudem konnte man auf dem Gelände durchaus einen süßlichen Rauch wahrnehmen. Kein Problem, wo der Konsum solcher Rauschmittel jetzt legal ist.
Muskalisch gab es die gewohnte Mischung aus elektronischen Samples mit gekonnten Oldschool-Rap-Passagen. Die hohe Stimme von B-Real und der aggressive Part von Sen Dog ergänzten sich perfekt. Das Publikum feierte den psychedelischen Sound und die funky Parts, die zum Tanzen animierten. Es gab gekonnten Reggae bei „Tequila Sunrise“ aber auch Kracher wie „Hits From The Bong“.
Die Stimmung wurde im Lauf des 90minütigen Sets immer ausgelassener und man ließ sich vermehrt zu „Cypress Hill“-Sprechchören und Jubelstürmen hinreißen. Das Quartett hat es auch in seinen Fünzigern immer noch drauf, die Massen zu begeistern und lieferte eine gnadenlose HipHop-Show alter Schule. Es war ein energetischer und sehr intensiver Gig.
Auch nächste Woche wird das E-Werk nochmal zur Kulisse einer Open-Air-Show. Das Konzert von Jason Derulo musste leider auf 2025 verschoben werden, aber am 20.7. ist Mark Forster am Start. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Konzerte dort zu besuchen. Ein cooles Gelände außerhalb der Stadt mit reichlich Parkmöglichkeiten. Ein guter Sound, der durch die umliegenden Gebäude begünstigt wird. Was will man mehr für einen gelungenen Konzertabend?
Eine Reihe von fünf Open-Air-Veranstaltungen belebte im Juli das Gelände hinter dem E-Werk Saarbrücken. Im Prinzip ein idealer Veranstaltungsort, geschützt zwischen diversen Hallen und einer höher gelegenen Straße sowie umgeben von allerlei Parkmöglichkeiten. Dass der Schotterplatz sich am Samstagabend in ein Pfützenparadies verwandelte, ist dem gewittrigen Dauerregen des Abends geschuldet. Schade, aber wenn dieses Wacken-Wetter nicht zum Metalabend passte, zu wem dann sonst?
In der Vorwoche gaben sich Johannes Oerding und die Fanta 4 ein Stelldichein, am Freitag waren Scooter zu Gast. Über eine mangelnde Bandbreite an beteiligten Künstlern braucht man sich nicht zu beklagen. Höchstens über die bis dahin vorherrschende Männerdominanz. Aber dem konnte man am Wochenende Abhilfe schaffen, beginnend mit der Hardrock- und Metalbraut DORO, die am Samstag das Publikum begeisterte.
Zwar setzte pünktlich zu Doros Erscheinen auf der Bühne der erste Platzregen ein, ansonsten aber war ihr Auftritt perfekt. Und das nicht nur für Nostalgiker. Visuell prangte sie als leichtbekleidete Schönheit im Bühnenhintergrund. Das ist vielleicht aufgrund ihres nahenden Rentenalters etwas übertrieben, aber auch im gesetzteren Alter ist Doro sowohl optisch als auch stimmlich immer noch das Sinnbild der deutschen Metalqueen. Diesen Titel hat sie sich über Jahrzehnte hart erarbeitet und kann ihn bis heute erfolgreich verteidigen.
Es gab viele Stücke aus der Warlock-Ära, beispielsweise „I Rule The Ruins“, „Earthshaker Rock“ und „Burning The Witches“. Aufgrund dieser Songauswahl und der Power in der Performance wurde Doro von Beginn an abgefeiert. „Blood, Sweat and Rock ’n’ Roll“ hieß die Devise. Besondere Stimmung kam auf, als die deutschsprachigen Klassiker „Für immer“ und „All We Are“ erklangen. Da kam auch endlich die Sonne wieder raus und mit Regenbogen über der Bühne wurde der Mitsingpart zum generationenübergreifenden Gemeinschaftserlebnis. Kein Wunder, dass nach dem Priest-Cover „Breaking The Law“ auch noch die zusammenschweißende Hymne „All For Metal“ geschmettert wurde. Alles in allem ein Metalkonzert alten Kalibers. Hymnisch und durchdringend bis zum Schluss.
Man hätte meinen können, dass Saltatio Mortis es danach schwer haben würde, fiel ihr Mittelalter-Rock doch etwas aus der Reihe, was diesen Metalabend anging. Doch die Band um Jörg Roth (Alea der Bescheidene) stammt aus Karlsruhe und hatte somit in Saarbrücken fast schon ein Heimspiel. Gute Idee, sie direkt vor die Lokalmatadoren von Powerwolf zu platzieren. Es gab ein martialisches Intro im Scooter-Style und mit „Alive Now“ startete die Show im Metalsound, ergänzt um Leier und Dudelsack. Mit dieser Kombi konnten Saltatio Mortis perfekt glänzen.
Musikalisch gab es immer auch akustische Elemente, so dass der Folk nicht zu kurz kam. Die Balance zwischen Rock und Metal war stets gegeben. Man sang über „Loki“ und fragte „Wo sind die Clowns?“. Dazu durfte das Publikum mit den Protagonisten „Ich schwöre, ich bin ein Taugenichts“ skandieren. Die Setlist war mehr als grandios und ein Traditional wie „Drunken Sailer“ setzte das i-Tüpfelchen drauf. So bringt man eine Arena zum Mitgrölen.
Der Frontmann sprang zum Stagediving ins Publikum und ganz metalcore-like erzeugte man zum Electric Callboy-Cover „Hypa Hypa“ einen respektablen Circle Pit. Bei „Für immer jung“ ließ man einen Großteil der Zuschauer ihre Liebsten auf den Schultern tragen und zum Abschluss gab’s den „Spielmannsschwur“. Am Ende wurde die Band von einem lautstarken Chor standesgemäß abgefeiert. Fazit: alles richtig gemacht!
Aber natürlich sollte Powerwolf den Höhepunkt des Abends bilden. Nicht nur was den Härtegrad angeht – als Lokalmatadoren mussten sie auch zeigen, wer hier das Heimrecht hat. Gekonnt zelebrierte das Quintett seine Messe des Metal. Vor kurzem habe ich Ghost in der Rockhal gesehen und Parallelen sind hier nicht von der Hand zu weisen. Ist ja auch kein Problem, wenn die Qualität stimmt.
Ein gregorianisches Intro und Mönche mit Fackeln eröffneten das Szenario. Von „Faster Than The Flame“ bis „Werewolves Of Armenia“ ging es dann durch die Bandgeschichte. Lateinische Textzeilen durchmischten die Songs, es gab eine gewaltige Pyroshow und die Maskierung der Mitstreiter um Attila Dorn tat ihr Übriges dazu. Den Segen gab es aber nicht nur von der Bühne, sondern leider auch in Form nicht enden wollender Regengüsse vom Himmel. Die Zuschauer*innen ließen sich aber davon nicht entmutigen, sondern feierten um so ausgelassener mit. Die „Army Of The Night“ und die wilden Wölfe ließen in ihrer Performance nicht nach, schließlich war man – wie passend – „Sainted By The Storm“. Ein grandioser Abschluss für den Samstag.
Sonntags sollte es dann um Klassen ruhiger zugehen. Zum weiblich getragenen Line-Up hatten sich vor allem Frauen mit ihren mitgeschleppten Männern und massenweise Kinder eingefunden. Im Lauf des Abends wurden Hunderte Kids auf den Schulter getragen, um vielleicht das erste Konzert ihres Lebens zu erleben. Der Glanz in den Augen berührte auch die anderen Anwesenden.
Bevor aber Lea ihren Part ablieferte, war als Support Lina Maly am Zug. Mit ihren gerade mal 26 Jahren ist die Liedermacherin aus Elmshorn schon eine feste Größe in der Szene intelligenter deutschsprachiger Popmusik. Ihren halbstündigen Set spielte sie mit reduzierter Band, vergaß aber nicht, Werbung für den 28.10.2023 zu machen, wo sie dann in einem Headliner-Konzert mit kompletter Band im nahen Saarburg zu Gast sein wird. Linas melancholische Songs passten stilistisch perfekt zur Musik von Lea und waren somit die perfekte Einstimmung.
Dann aber – um 20.30 Uhr – kam der große Moment. Die Bühne war zunächst noch hinter einem Vorhang versteckt und LEA startete allein im Vordergrund mit dem passenden „Sommer“. Schon der zweite Song war „Treppenhaus“ und zum fallenden Vorhang sangen Kinderstimmen tausendfach begeistert den Refrain mit. So läuft ein grandioser Auftakt zu einer fantastischen Show.
Ich will nicht verhehlen, dass Lea in meinen Augen die perfekte Singer/Songwriterin aus deutschen Landen ist und meiner Meinung nach mit „Bülowstrasse“ ganz aktuell das beste und gefühlvollste Deutschpop-Album seit Andreas Bourani („Hey“) abgeliefert hat. Sie legt eine unglaubliche Fülle an Emotionen in ihre Lyrics und ihre Stimme. Manchen mag das gar zu viel werden, doch ich persönlich – und damit bin ich nicht allein – kann mich an ihren authentischen Songs einfach nicht satt hören. Zudem hat sie es gewagt, in einer Zeit, da Musik meist nur noch in Einzelsongs per Stream gehört wird, ein Konzeptalbum über Jugendliche in Berlin abzuliefern. Es macht immer wieder Spaß, dieses Album am Stück zu hören, doch Songs wie „Pass auf mich auf“ funktionieren auch als für sich stehende Songs.
Gemeinsam mit Lina Maly hat Lea für dieses Album auch den Song „Nieselregen“ geschrieben, den beide nun zusammen performten. „Drei Uhr Nachts“ brachte auch ohne Mark Forster die Zuschauer*innen komplett zum Ausrasten. Ein Stück mit enorm viel Groove. Nach „Küsse wie Gift“ gab es ein Drum-Duell auf der Bühne, das Lea nutzt, um durch die Zuschauer einen Platz neben dem FOH zu erreichen, wo sie ganz auf Tuchfühlung gehen konnte. Hier erzählte sie vom ersten Gig in Saarbrücken, wo 2016 ganze vier Menschen erschienen sind.
Nach dem großen Bandsound von der Bühne, zelebrierte Lea nun viele melancholische Stücke zu sanften Pianoklängen oder akustischer Gitarre. Mit viel Emotion gab es „Sommersprossen“ vom aktuellen Album. „Mutprobe“ wurde gleich zweimal geboten, zunächst im Duett mit Zuschauerin Lena, die sich diesen Song aus dem Publikum gewünscht hatte, und dann nochmal komplett mit Band. Als weitere neue Songs gab es „Fuchs“ in einer wunderschönen Pianoversion und auch „Aperol im Glas“ funktionierte zunächst als Ballade, bevor es mit rockigem Beat auf der Bühne in die zweite Hälfte ging.
„In Flammen“ wurde zur elektronischen und fast schon psychedelischen Performance. So zeigte Lea, dass es nicht immer melancholische Balladen sein müssen. „Beifahrersitz“ wurde ganz akustisch zur Gitarre vorgetragen, es gab ein Medley aus Hits wie“Leiser“ und „Zu dir“. „Schwarz“ nahm das Publikum mit eindringlichen Worten mit, dann erklang „110“ und zum Abschluss des regulären Sets die Hymne „Okay“ mit der wichtigen Botschaft an die junge Generation, dass jeder so okay ist, wie er ist. In einer Influencer-Glitzerwelt besonders wichtig.
Die Gitarrenballade „Wenn du mich lässt“ und das kuriose „Liebeslied“, das es bisher noch auf kein Lea-Album geschafft hat aber live immer gern gespielt wird, beendeten nach 110 Minuten ein wundervolles Konzert. Lea hat mal wieder bewiesen, warum sie an der Spitze deutschsprachiger Songwriterinnen steht. Ihre Texte strotzen vor Melancholie und Poesie und für ihre Fans ist das genau richtig. Die Kids bewundern Lea wie eine große Schwester – und auch das erwachsene Publikum nimmt sie an einem solchen Abend mit auf die emotionale Reise. Der Abschluss der „Open Airs am E-Werk“ an diesem lauen Sommerabend war einfach perfekt. Bleibt zu hoffen, dass es 2024 ebenso genial weitergeht.
Setlist – LEA, 16.7.2023, Open Air am E-Werk Saarbrücken
Sommer
Treppenhaus
Pass auf mich auf
Pessimist
Drei Uhr Nachts
Eigentlich
Küsse wie Gift
Elefant
Mutprobe (Refrain)
Sommersprossen
Mutprobe
Fuchs
Aperol im Glas
7 Stunden
In Flammen
Beifahrersitz
Immer wenn wir uns sehn
Leiser / Zu dir / Wohin willst du (Medley)
Schwarz
110
Okay
„Es besteht keine Gefahr für die Öffentlichkeit“ – so lautet das Motto von Farin Urlaubs aktueller Solotour. Wenn sein Hauptberuf als Frontmann bei den Ärzten auf Eis liegt, können sich die Fans immer auf ganz besondere Ereignisse freuen. Meist gibt es dann nämlich ein Album des Farin Urlaub Racing Teams (schelmisch mit FURT abgekürzt) und eine anschließende Tour. Und im Gegensatz zu dem traditionellen Punk-Trio der Ärzte fährt Farin hier ganz andere Geschütze auf: Vier Damen im Background, eine vierköpfige Bläsergruppe, zwei weibliche Gitarristen – mit Farin und einem mittig platzierten Drummer macht das ganze 12 Leute auf der Bühne. Musikalisch gibt es Punk, aber auch eine wohlige Mischung aus Rock, Reggae und Funk.
Der Start im bestens gefüllten E-Werk Saarbrücken erfolgt hinter einem Vorhang mit dem Abspielen eines klassischen Beethoven-Stücks. Vorhang fällt und es geht gleich zur Sache. Der Sound ist um einiges fetter, als wir das von den Ärzten gewohnt sind. Was aber gleich bleibt: Herrn Urlaubs ausschweifende Ansagen und die erzählenden Lyrics seiner Songs. Die Fangemeinde bekommt einen Mix aus Titeln des aktuellen Albums „Faszination Weltraum“ und älteren Stücken, die man auch getrost als Klassiker bezeichnen kann, da die Menge wie bei jedem Ärzte-Konzert textsicher mitsingt.
Schon beim dritten Song gibt es eine La Ola durch den Saal. Und spätestens mit „1000 Jahre schlechten Sex“ brechen die letzten Dämme. Aus tausenden Kehlen ertönt es „Wenn du schläfst, kack ich dir auf den Bauch“. Jeder bekommt das Niveau, das er sich wünscht.
Was etwas schade ist: Trotz des Musiker-Gewusels auf der Bühne bleibt das Geschehen sehr statisch. Jeder hat seinen Platz, es gibt kaum Bewegung. Die Backgroundsängerinnen kommen gerade mal nach vorne, um mit Farin den A-cappella-Song „Die Leiche“ vorzutragen. Dann geht es schon wieder auf die Plätze. Die Möglichkeiten einer großen Combo werden einfach nicht ausgenutzt.
So steht halt Farin konsequent im Mittelpunkt. Er dirigiert die Menge, leitet La-Ola-Wellen an, erfindet spontan die „Lichtquellen-La Ola“, ermuntert zu Crowdsurfen und Pogo, ja, er gibt sogar Anleitung zur eigentlich dem Metal vorbehaltenen „Wall Of Death“ und bringt die Ordner ins Schwitzen, als plötzlich die Menschenmenge zum Spaßpunk aufeinander zurast. Solcherlei Mitmachsongs sind Farins große Stärke. Und zum Ende hin greift er ganz tief in die Trickkiste: Zum Song „Zehn“ gehen alle Zuschauer in die Hocke und warten auf die Ansage „Ich zähl bis zehn, dann will ich euch springen sehn“. Funktioniert immer. Ebenso wie der von der Menge illustrierte Songtext von „Alles dasselbe“.
Gut zwei Stunden waren es, bis Herr Urlaub die Fans wieder in die Stille Saarbrückens entließ. Ganze sechs Zugabe-Songs gab es in zwei Blöcken. FURT ist eigentlich Farin pur. Das ist das kleine Manko der Show. Ansonsten darf man aber viel Spaß erwarten und einen gut aufgelegten Solo-Punk, der den Bewegungsdrang seiner Fans zu stillen weiß.