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Musicheadquarter.de – Internet Musikmagazin

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h (Steve Hogarth) "Ice Cream Genius"

Unsere Wertung: 9 von 9 Punkten.

Das grandiose Soloalbum des Marillion-Frontmanns

Für viele wird Steve Hogarth, der seit inzwischen 37 Jahren bei Marillion am Mikro steht, immer „der Neue“ bleiben. Das sind die Freunde des Neoprog der 80er Jahre, der unter dem Leadsänger Fish in glanzvolle Sphären aufstieg und Stadien füllte. Man sollte auch gar nicht verleugnen, dass dies die große Zeit der Band war. Die Alben zieren viele Plattenschränke und Konzerte wie damals auf der Loreley sind bis heute legendär.

Doch ab 1989 haben sich Marillion erstaunlich weiterentwickelt – vom Prog zum filigranen Artrock. Die emotionalen Lyrics von Fish sind dem emotionalen Gesang von Steve Hogarth gewichen. Und auch hier gibt es herausragende Momente: Das Konzeptalbum „Brave“ mit seiner bewegenden Geschichte einer jungen Ausreißerin und die gefühlvollen Songs, die „Afraid of Sunlight“ bestimmen. Bis heute sind Marillion absolut wertvoll und füllen mit dem inzwischen 70jährigen Hogarth locker mittelgroße Hallen. Die Schar der Fans ist immer weiter gewachsen – und sie bleibt treu, wie die unzähligen „Marillion Weekends“ beweisen.

Vor einiger Zeit fingen Marillion an, ihren Backkatalog in schönen Hardcover-A5-Digipacks neu zu veröffentlichen. Sehr wertig mit massig Zusatzmaterial, umfangreichen Booklets und informativen Liner Notes. Was mir hier jedoch vorliegt, ist kein weiterer Teil dieser Reihe, sondern Steve Hogarths bisher einziges echtes Soloalbum mit dem Titel „Ice Cream Genius“. Das erschien 1997 im gleichen Jahr wie Marillions „This Strange Engine“. Damals wirkte die Band bisweilen etwas verloren. Klar gab es auf „This Strange Engine“ den genialen Titeltrack, der in Teilen Hogarths Lebensgeschichte erzählt und mit viertelstündiger Länge zum Besten gehört, was Marillion geschaffen haben. Aber es war auch die Zeit des Übergangs zu „Radiation“, „marillion.com“ und „Anoraknophobia“, die manchen Fans schwer im Magen lagen.

„Ice Cream Genius“ hingegen ist ein Album, das die Qualitäten des Sängers einzigartig zusammenfasst. Nichts fürs schnelle Hören nebenbei, sondern ein Album, das wachsen muss. Songs wie „Really Like“, „Cage“ und „Nothing To Declare“ sind virtuos komponiert. Man kann sich vorsichtig hineinfühlen und dann drin verbeißen. Ich erinnere mich an Abende des Hörens in völliger Dunkelheit, bei denen ich mich fragte, warum nicht jedes Marillion-Album so klingen kann wie dieses Werk.

Geprägt von minimalistischen Arrangements, gesprochenen Passagen und unmittelbaren, unverstellten Texten beschäftigt sich das Album mit Identität, Isolation und Kreativität. Seine Stärke liegt nicht in großen Gesten, sondern in seiner Verletzlichkeit: Es ist ein ungewöhnliches, offenes und unverkennbar menschliches Album.

Das 3CD+Blu-ray-Mediabook ist die bisher umfangreichste Ausgabe von „Ice Cream Genius“. Mit mehr als elf Stunden Material, von dem der überwiegende Teil bislang unveröffentlicht war, eröffnet diese Edition einen umfassenden Einblick in die kreative Welt hinter dem Album. Enthalten sind außerdem sämtliche verfügbaren Live-Aufnahmen der hochgelobten „h Band“, die vom Künstler selbst hochskaliert und neu abgemischt wurden. Diese Ausgabe enthält zudem „The Last Thing“, einen Song, der bislang in Europa nicht auf einem physischen Tonträger erhältlich war und die Veröffentlichung besonders für Sammler interessant macht. Ergänzend zum Mediabook erscheint „Ice Cream Genius“ erstmals auch auf Vinyl, als hochwertige schwarze 2LP im Gatefold.

Das Album wurde im Racket Club aufgenommen. Die Gesangsaufnahmen entstanden in Chris Reas Sol Mill Studios in Cookham und gemischt wurde das Album in Van Morrisons Wool Hall Studios in Somerset. Fertiggestellt wurde es am 20. Juli 1996 während einer Unterbrechung der „Made Again“-Tour von Marillion. Die Kernbesetzung an den Instrumenten ist von Hogarth persönlich zusammengestellt und bestand, wie er selbst sagte, aus „den letzten Menschen auf der Welt, von denen irgendjemand erwartet hätte, dass ich mit ihnen zusammenarbeite“. Mit dabei waren Musiker aus dem Umfeld von Blondie, XTC, Japan und den Eurythmics.

Unter die enthaltenen Liveaufnahmen der „h Band“ haben sich mit „A Few Words for the Dead“, „Estonia“ und „This is the 21st Century“ auch Marillion-Stücke geschmuggelt. Und wir hören Cover wie „Helter Skelter“, „Life on Mars“ und „See Emily Play“, die perfekt zu Hogarths Stimme passen. Das Booklet enthält vor allem Lyrics und kunstvolle Fotos – leider keine Texte zur Entstehung und Einordnung des Albums. Doch das ist okay: die Musik spricht für sich!

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