Ein Hit wie „Zombie“ stellt die Welt auf den Kopf – und ist ein zweischneidiges Schwert. Plötzlich hört die interessierte Öffentlichkeit ein komplettes Album der Band The Cranberries und entdeckt wundervolle Musik, die über Jahre immer wieder den Weg in den CD-Player findet. Doch man tendiert auch dazu, die Band auf ihren Superhit zu reduzieren. Er ist meist der einzige Titel, der im Radio gespielt wird, auch wenn „Ode To My Family“ und „Free To Decide“ dies viel eher verdient hätten, weil sie von zeitloser Schönheit sind.
Die Reaktionen auf den frühen und tragischen Alkoholtod der irischen Sängerin Dolores O’Riordan machten im Jahr 2018 deutlich, dass The Cranberries immer mehr waren als eine Band, die sich auf den Superhit reduzieren lässt. Klar stellt ein solcher Song die Welt auf den Kopf. Auf Konzerten warten die Menschen plötzlich auf den einen Moment, an dem die bekannten Klänge ertönen. Doch er führt auch ein neues Publikum zur Band, das auf die Suche nach dem Backkatalog geht und dabei ein Kleinod wie das Debütalbum mit dem sperrigen Titel entdeckt, das im Jahr 1993 erschien: „Everybody Else Is Doing It, So Why Can’t We?“
Und dann wünscht man sich, die Band auf diesem Weg neu zu entdecken. Das Erfolgsalbum „No Need to Argue“ erschien am 3. Oktober 1994, doch viele der Stücke wurden bereits auf der Tour zwischen beiden Alben gespielt. Und manchmal werden aus den Archiven Aufnahmen zu Tage gefördert, mit denen irgendwie niemand mehr gerechnet hat – so die aktuelle Veröffentlichung „Live At The London Astoria II, 1994“. Diese Aufnahme entstand nämlich am 14. Januar 1994 und enthält eine wundervolle Setlist:
Der Mitschnitt liefert sieben Titel aus dem Debütalbum „Everybody Else Is Doing It, So Why Can’t We?“, darunter „Pretty“, „Linger“ und „Dreams“, sowie sechs Titel aus ihrem Nachfolgealbum „No Need To Argue“, darunter „Dreaming My Dream“, „Daffodil Lament“, „Empty“ und natürlich „Zombie“. Außerdem enthält es zwei Titel, die nicht auf einem Studioalbum erschienen sind – „Liar“, das ursprünglich auf dem „Empire Records“-Soundtrack (1995) veröffentlicht wurde, und „So Cold In Ireland“, eine B-Seite ihrer Single „Ode To My Family“.
Es tut unheimlich gut, der Energie dieser frühen Aufnahme zu folgen und die Kraft in Dolores‘ Stimme neu zu entdecken, vor allem (aber nicht nur) in der Interpretation von „Zombie“. Auch Songs wie „Dreaming My Dreams“, „Linger“ und „Daffodil Lament“ zeugen von der grandiosen Stärke der Band und geben einen Hinweis auf alles, was da noch kommen mag. Das Publikum geht verhalten, vielleicht auch andächtig mit – aber logisch, wenn man viele Titel zum ersten Mal hört.
„Es war ein unglaubliches Gefühl, im Astoria zu spielen“, erinnert sich Schlagzeuger Fergal Lawler. „Wir waren gerade aus den USA zurückgekehrt und hatten uns über Weihnachten eine kleine Auszeit gegönnt. Das war unser erstes Konzert in London nach unserem großen Erfolg in Amerika. Wir haben uns riesig gefreut, einige unserer treuesten Fans ganz vorne vor der Bühne zu sehen – ich glaube, wir waren stolz darauf, dass sich all unsere harte Arbeit endlich ausgezahlt hatte.“
„Live At The London Astoria II, 1994“ ist eine Momentaufnahme der Band, bevor sie zu einer der größten Bands Irlands wurde. Die Songs dokumentieren die frühe Begeisterung der Bandmitglieder, die kurz vor dem Durchbruch zu Superstars standen, und hält sie in dieser besonderen Live-Aufnahme fest.
Titelliste:
Pretty
Dreaming My Dreams
Linger
Ridiculous Thoughts
Daffodil Lament
How
Everything I Said
Not Sorry
Waltzing Back
Dreams
Zombie
Liar
So Cold in Ireland
Empty
Still Can’t…
















