LIN, Norma Jean Martine, The Guilt – der Samstag beim Reeperbahn Festival
Am letzten Festivaltag gab es LIN, Norma Jean Martine, The Guilt, The Hubbards und Yukimi. Hier unsere Galerie. Fotos: Julia Nemesheimer.
Am letzten Festivaltag gab es LIN, Norma Jean Martine, The Guilt, The Hubbards und Yukimi. Hier unsere Galerie. Fotos: Julia Nemesheimer.
Richtung Wochenende wurde es bedeutend enger auf der Reeperbahn. Die Straßen waren mit Musikfans und sonstigen Tourist*innen gefüllt, die sich dem Geschehen auf der sündigen Meile hingeben wollten. Zum Glück gab es jetzt die großen Konzerte in den Hamburger Wahrzeichen, freitags zweimal Elbphilharmonie, samstags zweimal Michaeliskirche. Da konnte man den Trubel auf dem Festivalgelände gut aus dem Weg gehen.
Am Freitag ging es zunächst nochmal zu Mel D, die uns mittwochs schon in der Kirche verzaubert hatte. Jetzt gab es auf dem Spielbudenplatz ein ganz neues Setting open air. Die Atmosphäre war nicht so heimelig wie im Kirchenraum, doch auch hier konnte sich die Songwriterin aus der Schweiz gut durchsetzen und brachte das Publikum zum Tanzen und Mitsingen. Ein hervorragender Start für die „Swiss Sunset Stage“, deren Topact am Abend Nemo sein sollte.

Eine Besonderheit des Reeperbahn-Festivals sind die vielen unterschiedlichen Locations, denn von der Sparkassen-Filiale bis zur großen Open-Air-Bühne ist hier alles dabei! Und einige Acts kann man sogar in der berühmten Elbphilharmonie erleben, so wie etwa Pip Millett am frühen Freitag Abend. Diese war sichtlich erfreut über diese außergewöhnliche Bühne und erfüllte die Elphi über eine Stunde lang mit ihrem entspanntem Mix aus R’n’B und Soul. Unterstützt wurde sie dabei von einer dreiköpfigen Band, die ihren gefühlvollen und ausdrucksstarken Gesang mit dem passenden Sound untermalte.

Da kurz vorher Kraftklub auf ihrer spontanen Clubtour auch den Kaiserkeller erobert hatten, starteten die drei Mädels von Loveheads am Freitag Abend mit etwas Verspätung, sorgten aber direkt auch für Partystimmung. Die noch recht junge Band aus Österreich überzeugte mit einem frischen rockigen Sound an Gitarre, Bass und Schlagzeug, eingängigen deutschen Texten und gelebter Demokratie beim Leadgesang und den Ansagen.

Parallel dazu hatten sich Waving The Guns im Docks eingefunden und lieferten eine krasse Show mit deutlichen Texten und Attitüde. „Das muss eine Demokratie aushalten können“, hieß es, und „Perlen vor die Säue, Steine auf die Schweine“. Man zeigte politische Haltung und wollte bewusst einen Raum für Frauen und Flintas bieten.
Einen kurzen, aber sehr energiegeladenen Auftritt legte Nemo auf der Swiss Sunset Stage am Spielbudenplatz hin. Die junge musizierende Schweizer Person kam ohne Band, aber dafür mit DJ „Hairy“ als Unterstützung und bewies in wenigen Songs die ganze Bandbreite ihres Könnens. Von Partystimmung mit „God’s a Raver“ über die neue Single „Hocus Pocus“ bis zur Ballade „Unexplainable“ beherrscht Nemo wirklich alle Gefühls- und vor allem Tonlagen! Zum Abschluss gab es dann noch den ESC-Siegertitel „The Code“ für das begeistert mitfeiernde Publikum.

In der Elbphilharmonie gab Fuffifufzich den zweiten Showact des Abends. Dahinter steckt die Schauspielerin und Sängerin Vanessa Loibl, die von Rap bis Opernstimme alles zu bieten hatte. Mit Geige und Cello gab es klassische Töne, dann wieder Synthiepop. Gerade die elektronischen Klänge lieferten eine coole Soundkulisse für die Elphi, deren Wände man zur Sicherheit mit Platten zugehängt hatte, damit kein Putz abbröckelt. Wie ein weiblicher Falco trat Fuffifufzich bisweilen auf – und irgendwann stand der ganze Laden.
Samstags konnten wir zunächst Bow Anderson am Reeperbus genießen. Die Schottin sang drei akustische Stücke, zum einen über geschiedene Eltern („two parents“), dann über ihre Heimat Edinburgh und zum Schluss den Radiohit „20s“. Später konnten wir noch ein längeres Konzert von ihr in den Docks sehen, doch vorher standen die Zeichen auf Countryrock.
Das neue Album von The BossHoss, „Back To The Boots“, ist pünktlich zum Reeperbahn Festival in Hamburg erschienen und so war es kein Wunder, dass die Berliner Band am Folgetag in der Hansestadt sehr präsent waren. Es gab einen Unplugged Gig mit Signing Session im MediaMarkt und ein Open Air auf dem Spielbudenplatz. Und dazwischen ein ganz besonderes Schmankerl für Fans: Alec und Sascha traten mit ihrer Band im wirklich winzigen Club „Cowboy und Indianer“ direkt an der Reeperbahn auf. Das Konzert war im wahrsten Sinne eine nostalgische Reise zurück zu den Wurzeln der Band. In solchen Bars und Clubs hatte man 2004 seine Karriere gestartet. Und jetzt konnte man dieses Feeling hautnah miterleben.
Die Bar war vollgestopft bis auf den letzten Platz und darüber hinaus: wem es drinnen zu eng war, der konnte die Musik durch geöffnete Türen hören. Die Protagonisten saßen inmitten des Raums, der Schlagzeuger mit einem Cajon mitten auf der Theke. Es gab brandneue Stücke wie „Lions Den“ und „I’ll Be Back“, aber auch die Klassiker „Jolene“ sowie „Don’t Gimme That“. Die Stimmung war von Beginn an grandios und Alec in Erzähllaune. Man fühlte sich sichtlich wohl im kuschligen Ambiente. Die Arrangements kamen akustisch, waren aber trotzdem ordentlich gepfeffert. Und obwohl der Auftritt nur 45 Minuten dauerte, fielen schon zur Halbzeit die Klamotten – auch bei der Band. So kann man sein 20jähriges Bühnenjubiläum souverän und kraftvoll feiern.

Am Abend gab es zwei wundervolle atmosphärische Gigs in der St. Michaeliskirche, dem berühmten Hamburger „Michel“. Alice Phoebe Lou hatte sich dort eingefunden, um mit ihren Songs für eine andächtige Atmosphäre zu sorgen. Hauptsächlich interpretierte sie die Stücke akustisch mit Gitarre, bisweilen auch am Piano oder mit Synthies. Zuviel Bass sollte es nicht geben, weil dann „der Putz von den Wänden bröckelt“, wie die Ansagerin erklärte. Aber da bestand auch keine Gefahr. Es war magisch und leise.
Genau so zeigte sich auch Anna Ternheim. Die Muskerin aus Stockholm war zu Beginn allein mit Akustikgitarre am Start, hatte aber auch Begleitung vom Band dabei, wie beispielsweise Streicher beim grandiosen Cover „You’re In Heaven“ (Bryan Adams). Auch Cover von Pat McLaughlin („The Longer the Waiting (The Sweeter the Kiss)“) und David Bowies „China Girl“ (im Original eigentlich von Iggy Pop) wurden dargeboten. Bei vielen Songs begleitete sich Anna am Piano und glänzte mit ihren erzählenden Vocals. Selbst ein schwedisches Stück hatte es in die Setlist geschafft und ganz zum Ende überzeugte Anna mit einer Zugabe komplett a cappella. Es war eine wundervolle Atmosphäre und alle hörten bis zum Schluss gebannt zu.

Ganz zum Abschluss durfte ich noch Rowena Wise im Imperial Theater genießen. Sie stand zur Geisterstunde allein mit Gitarre auf der Bühne und interpretierte Songs wie „Indifferent“ und „26 Hours“ (über einen Urlaub mit dem Ex-Freund). Die Australierin erzählte von ihrer neuen Liebe zu Hamburg und zur Currywurst. Und sie erinnerte alle daran, im Moment zu leben, auch wenn das auf einem so verrückten Festival schwierig ist. Dem kann ich nur zustimmen, denn es ist wirklich schwierig, zu fassen, was das Reeperbahn Festival in seiner Gesamtheit bietet. Man wird vermutlich Dutzende Menschen fragen können, und jeder hat ein komplett anderes Festival erlebt. Das gibt es nur in Hamburg – jeden September!
Am Freitag war nicht die Zeit für die Topacts. Seht hier die Fotos vieler kleiner Konzerte: BED, Chloe Slater, Conscious Pilots, Goodwin, Helena Luna, Merv xx Gotti, Otis Mensah, Pure Chlorine, Rowena Wise, TJE, Teenage Dads, THUS, Twin Tribes. Fotos: Julia Nemesheimer.
Donnerstags ging es spannend weiter in den Clubs und Open Air. Seht hier unsere Fotos von Kelvin Jones aka MUPANI, Mei Semones, CATTY, Holy Void, Lee Seung Yoon, No Frills, Paula Engels, The Bankes Brothers, The Sherlocks, Wah Wah Wah und Witch Post. Fotos: Julia Nemesheimer.
Wenn Hamburg zum Reeperbahn Festival ruft, dann folgt die komplette Musikwelt. Delegierte treffen sich zum Austausch und Networking, Fans kommen, um neue Künstler*innen zu entdecken. Und davon gibt es genug: über 450 Konzerte finden an den vier Tagen statt. Open Air auf der Reeperbahn („Festival Village“ Heiligengeistfeld, Spielbudenplatz), in den unzähligen Clubs und Theatern, in den Kirchen St. Pauli und St. Michaelis – und auch in der Elbphilharmonie. Da fällt die Auswahl schwer. Am besten ist es nach meiner Erfahrung, einige Topacts ins Auge zu fassen und sich ansonsten treiben zu lassen. Gerade nach dem Zufallsprinzip kann man einige wunderbare Acts neu kennenlernen.
Der erste Gang am Mittwoch musste ohnehin zur „Festival Village“ führen, da man hier zunächst Schlange steht, um das obligatorische Bändchen zu erhalten. Und schon ging es los mit den ersten musikalischen Leckerbissen: Songwriter Yunus war zu einem halbstündigen Konzert auf der „Village Acoustics“ Bühne, um seine aktuelle EP „Fühlst du das auch?“ in einer Mischung aus Pop und Rap vorzustellen. Einer netter Einstieg in gemütlichem Ambiente. Nebenan auf der fritz-kola Bühne mit ihrem coolen Aufbau (untere Etage eine Bar, obere Etage das Livegeschehen) legten dann Honey I’m Home los. Es gab hymnische Musik mit Indie-Gitarren, Dream Pop und einer Prise Shoegaze. Ganz passend unter sonnigem Himmel. Auch Jacob Elias konnte auf der Acoustic-Stage glänzen. Der junge Sänger aus Wien bot leichten Pop mit sympathischen Texten und dazu Songs wie „Situationship“ und „Wachstumsschmerz“.
Gerade die Kirchen sind eine wirkungsvolle Konzertkulisse. Und es ist ja auch nicht selbstverständlich, dass der Pfarrer selbst zur Begrüßung auf die Bühne kommt und die Festivalgäste an seinem Arbeitsplatz willkommen heißt. Sängerin und Songwriterin Mel D aus Zürich schaffte am Mittwochabend in der St.Pauli-Kirche eine ganz besondere Atmosphäre. Ihre Songs sind erstaunlich vielseitig, wobei insgesamt ruhigere Stücke überwiegen. Eindruck hinterließ vor allem Mels ausdrucksstarke und wandelbare Stimme, die sowohl solistisch glänzte, als auch im Harmoniegesang mit ihren beiden Begleitmusiker*innen. Als Mel einen Song komplett alleine a cappella präsentierte, herrschte im Publikum eine beinahe andächtige und gespannte Stille. Und dann schuf sie ein wahres Pfeifkonzert, aber nicht etwa negativ gemeint, sondern indem sie gemeinsam mit dem Publikum Vogelstimmen imitierte. Besonders schön war auch der Abschlusstitel, bei dem sie am Ende die ganze Kirche zum Mitsingen brachte. Ein gelungener Auftritt der Künstlerin, von der man hoffentlich noch viel hören wird.
Und dann vom Kleinen zum Großen, schließlich ist das RBF immer auch für Überraschungen gut. Der Auftritt von Nina Chuba ist erst ganz kurzfristig für die „amazon music“ Stage angekündigt worden, findige Gäste hatten den Schriftzug aber schon am Nachmittag in der Bühnenkulisse entdeckt. Und tatsächlich: in einem halbstündigen Promokonzert stellte der Shooting Star aus Wedel Songs aus seinem neuen Album „Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“ vor, dass am Freitag erscheinen wird. Die Open Air Bühnen sind frei zugänglich und ohne Ticket zu erreichen, aber in diesem Fall musste man Einhalt gebieten. Schon 45 Minuten vor dem Gig wurde der Zugang zum Heiligengeistfeld begrenzt. Wer jetzt erst kam, konnte nur aus weiter Ferne zuhören. Nina war allein auf der Bühne und brachte (live gesungen zur Musikkonserve) Stücke wie „Wenn das Liebe ist“, „RAGE GIRL“ und „Unsicher“. also durchaus die ganze Bandbreite ihrer Musik von aggressiven Parts bis hin zur von Selbstzweifeln geprägten Ballade. Dafür wurde sie grandios abgefeiert und die Show mit Hebebühne, viel Konfetti und ordentlich Pyrotechnik war es allemal wert.
Im Imperial Theater werden sonst Krimis aufgeführt – während des Reeperbahn Festivals verwandelt sich die gemütliche Location allerdings in einen Musikclub. Am Mittwochabend bot das Theater unter anderem der österreichischen Künstlerin Anna Buchegger eine Bühne, die auf bemerkenswerte Art modernen Pop mit alpiner Volksmusik und bissigen Texten kombinierte. Mit einem Jodel-Intro eröffnete sie ihr Konzert und trat gleich darauf den Beweis an, dass ein Hackbrett durchaus als Rhythmus-Instrument genutzt werden kann! Auch wenn man durch den österreichischen Dialekt nicht jedes Wort der Songs versteht, kam die Botschaft musikalisch auf jeden Fall an – und den Rest erledigten ihre sympathischen Ansagen. Insgesamt ein beeindruckender Auftritt, was nicht zuletzt auch der aus Schlagzeuger, Bassist und Keyboarderin (die gleichzeitig mit tollen Backing-Vocals überzeugte) bestehenden Band zu verdanken ist. Stimmgewaltig schuf Anna ihrer emotionalen Wut Raum und zeigte in der Theaterkulisse, dass sie auch ohne Mikro laut sein konnte.
Liang Lawrence ist eine waschechte Weltenbummlerin. Sie hat schon in Kalifornien, Kuwait, Malaysia, Japan, Neuseeland und UK gelebt. Mit einer Mischung aus Indie Pop, Folk und Country Rock brachte sie das Publikum in der St. Pauli Kirche schnell zum Tanzen. Indes machte sich im Imperial Theater Tyler Ballgame bereit. Der Singer/Songwriter aus Los Angeles ist erst vor einem Jahr so richtig ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Eine gewichtige Erscheinung mit viel Volumen in der Stimme. Seine beeindruckende Bühnenpräsenz und die weite Range in seinen Vocals führten ihn in ungeahnte Höhen. Eine grandiose Performance aus nostalgischem, zeitlosen Indie Pop zum Ende des ersten Festivaltags.
(c) alle Fotos: Julia Nemesheimer
Schon der Mittwoch bot ein vielseitiges Programm beim Reeperbahn Festival in Hamburg. Seht hier unsere Fotos von Nina Chuba, Mel D, Panda Lux, Sorvina, Emi X, Fliegende Haie und Widersacher aller Liedermacher. Fotos: Julia Nemesheimer.