„Oh No, It’s Christmas Again“ – so lautet der Titel eines Songs von Johan Norberg und Nils Landgren, der sich wie ein Stoßseufzer anhört. Und tatsächlich: Schon zum sechsten Mal zelebriert der schwedische Posaunist „Christmas With My Friends“. Wieder ist es ein wundervolles und vor allem sehr entspanntes Klangerlebnis. Zwar voll Soul- und Jazzklängen, aber nie zu verspielt, um die festliche Ruhe zu stören. Okay. Manchmal schon (im Hintergrund läuft gerade das vertrackte „Come On, Come All“). Doch solch wirre Melodielinien und Koloraturen sind eher die Ausnahme.
Der Posaunist, Sänger und Produzent Nils Landgren, seit langem einer der vielseitigsten, kreativsten und erfolgreichsten Jazzmusiker Europas, träumte viele Jahre davon, ein musikalisches Weihnachtsfest zu feiern – in Gesellschaft guter Freunde und mit einer Auswahl aus den vielen, ganz unterschiedlichen Weihnachtsliedern, die ihm im Verlauf seiner Karriere begegnet sind. 2006 erschien das erste „Christmas With My Friends“ Album und führte Weihnachten für Liebhaber guter Jazzmusik in ganz neue Sphären. Vielleicht ist das erste Album bisher unerreicht, doch auch die fünf Nachfolger haben es in sich. Auf jeden Fall was Gäste und musikalische Ideen angeht.
Es sind nicht unbedingt die bekanntesten Titel, die Nils Landgren ausgewählt hat. Manche Eigenkomposition ist dabei, einige skandinavische Stücke und sogar Klassisches: „Wie soll ich dich empfangen“ von Johann Sebastian Bach. Klar gibt es Trompetenstücke, doch meist dominiert ein Piano die Szenerie. Und dann diese unglaublichen Stimmen! Nils Landgren singt zurückhaltend und weich wie eh und je. Das sorgt fürs Runterkommen. Und Zwischendrin gibt es Höhenflüge von Ida Sand, Sharon Dyall, Jessica Pilnäs, Jeanette Köhn und auch Johan Norberg.
Highlights? Mehr als ich hier aufzählen kann. Das polyphon arrangierte „The Story Of Christmas“ vom weiblichen Trio eingesungen. Das Rutter-Stück „Christmas Lullaby“ erzeugt schon beim Intro Gänsehaut und die letzten beiden Stücke, „Den signade dag“ und „Hark! The Herald Angels Sing“ – beide eingesungen von Jeanette Köhn – zeugen von ganz besonderer Größe.
Wundervoll interpretieren Landgren und Norberg den ABBA-Titel „I Have A Dream“. Damit geht der Schwede zurück zu den Wurzeln Immerhin gilt sein „Funky ABBA“ zu den Klassikern des Genres. Wenn ihr jetzt schon in euer diesjähriges Lieblingsweihnachtsalbum reinhören wollt: Zugreifen!
Der eine ist der unumstrittene Tausendsassa des Progressive Rock: Steven Wilson hat mit Porcupine Tree den Prog in neue Sphären gehoben, macht Ambient mit Bass Communion, Artpop mit No-Man, ist inzwischen als umjubelter und von der Kritik gefeierter Solokünstler unterwegs und remastert ein klassisches Album nostalgischer Prog- und Rockkünstler nach dem anderen. Aviv Geffen hingegen ist ein Popstar in Israel. Seine Platten sind fast ausschließlich in seiner Heimat erfolgreich, dort aber ist er ein gefeierter Künstler.
Beide hat das Schicksal im Jahr 2001 trotz ihrer vollen Terminkalender zusammen geführt und mit Blackfield haben sie eine einzigartige Band geschaffen, die dazu führte, dass inzwischen auch Aviv Geffen internationale Erfolge feiern konnte. Die fünf bisherigen Alben, alle bis auf das dritte („Welcome To My DNA“) immer mit römischen Ziffern durchnummeriert, bieten eine Form von Pop, die perfekter nicht sein könnte. Bei der Beteiligung von Wilson als Perfektionist in Person auch nicht weiter verwunderlich.
Der Sound der Songs ist lautmalerisch, harmonisch, bisweilen mit Streichern unterlegt und meist mit Geffens charismatischer Gesangsstimme versehen. Wer sich davon überzeugen will, kann mit „Open Mind“ durch den Backkatalog des Duos schlendern – vom ersten Album aus dem Jahr 2004 bis zum aktuellen Werk, das von keinem Geringeren als Alan Parsons produziert wurde. Steven Wilson hat mit diesen Stücken seine ersten Schritte in klassischer und vor allem kunstvoller Popmusik gemacht, Aviv Geffen konnte über den Tellerrand Israels hinausschauen und sich dort sichtlich wohlfühlen.
Blackfield ist ein äußerst gelungenes Experiment der Prog- und Popgeschichte. An wem dies bisher vorbei gegangen ist, der sollte hier schleunigst zuschlagen.
Die preisgekrönte dänische Rockband ist bekannt für ihre charakteristische Mischung aus Rock und elektronischem Sound mit eingängigen Refrains und energiegeladenen Live-Shows, die eine starke visuelle Ausdruckskraft haben.
Das Album wird eingerahmt von zwei Titeln in dänischer Sprache, die mich in ihrer Lautmalerei sofort gefangen nehmen. Vor allem „Håb“ klingt so berührend, dass ich mir ein ganzes Album in diesem Stil wünsche. In den englischsprachigen Songs gibt es aber die gewohnten Rock- und Elektropop-Nummern mit viel Synthesizer. Das vermutlich autobiographische „When We Were Kids“ klingt wie ein Tribut an die Kindheit in Kopenhagen. „Raise Your Head“ ist einer der reinsten Rocktracks, den die Band jemals geschrieben hat – mit einer Energie, die die Menschen aufrüttelt und zusammenbringt. Ob Hymne oder Hardrock-Hammer: Live werden diese Stücke jeden Zuschauer umhauen.
Ende der 90er Jahre wurde das im heimischen Studio aufgenommene Demo der Band zum meistverkauften Demo in der dänischen Musikgeschichte. Das führte dazu, dass ihr Debütalbum die Nation im Sturm eroberte und die Spitze der Album-, Single- und Radiocharts erklomm. Von Anfang an hat sich die Band an ein striktes Do-it-yourself-Ethos gehalten, wenn es um Musikvideos, visuelle Live-Effekte, Illustrationen, Grafiken und das Songschreiben ging. Mit „Hope“ geht das Trio diesen Weg unbeirrt weiter und sollte es bald schaffen, auch außerhalb Dänemarks ordentlich zu charten.
Auf dem Album gibt es zum Abschloss eine Kollaboration mit Samu Haber – den offiziellen Titelsong für die Eishockeyweltmeisterschaft, die im Mai in Dänemark stattfand.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
2016 haben Marillion mit „F.E.A.R.“ ein herausragendes Album raus gehauen. Vielleicht das Beste in ihrer Karriere mit Sänger Steve Hogarth, der bereits 1988 das Zepter von Altmeister Fish übernahm. Seitdem haben sich Marillion stetig weiter entwickelt und sind einerseits Garant für ganz speziellen und zum größten Teil fantastischen Progressive Rock („Brave“, „Afraid Of Sunlight“, „Marbles“), andererseits gehören sie aber auch zu den am meisten unterschätzten Band im Rock- und Popbereich überhaupt, da man sie wahlweise gern vorurteilsmäßig als schottische Metalband oder als 80er-Genesis-Klone abhandelt. Beides ist absoluter Blödsinn. Vielmehr sind sie Vorreiter in vielen Bereichen: Ihr melodischer Artrock der 90er Jahre hat Generationen von Publikumslieblingen wie Gazpacho, Radiohead, Muse oder Coldplay beeinflusst. Sie haben quasi das Crowdfunding erfunden, als sie sich eine Nordamerika-Tour und ein Studioalbum von ihren Fans vorfinanzieren ließen. Und sie sind ein Paradebeispiel für Fan-Nähe, seit sie im Zweijahresrhythmus einen kompletten Centerpark anmieten, um ihren Anhängern exklusive Konzertabende vom Feinsten zu bieten.
„F.E.A.R.“ ist das neunzehnte (!) Studioalbum der Band. Dass es zugleich als eines ihrer Besten gilt, ist auch ein Phänomen – werden doch die sonstigen Heroen der 80er meist an ihren ersten Werken gemessen. Marillion haben es nicht einmal nötig, überhaupt einen Song zu spielen, der älter als dreißig Jahre ist. Stellen wir uns das doch mal bei Deep Purple, Manfred Mann’s Earth Band oder Saga vor. Die Fans wissen, was auf sie zukommt. Und Rufe nach „Kayleigh“ oder gar „Grendel“ gibt es schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Man bejubelt, dass Marillion ihr aktuelles Album seit Erscheinen auf den meisten Konzerten quasi komplett spielen. So überzeugt sind sie von ihrer Musik. Und so erfolgreich läuft die sogenannte „Theatre Tour“, die das Quintett momentan hauptsächlich in Locations mit sitzendem Publikum führt.
In diesem Zuge spielten Marillion am 13. Oktober 2017 zum allerersten Mal in der Royal Albert Hall in London. Das Konzert war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und das Publikum, welches aus verschiedenen Teilen der Welt angereist war, wurde mit einer herausragenden Marillion Show belohnt. In zwei Teilen präsentiert “All One Tonight – Live At The Royal Albert Hall” zunächst das komplette, von Fans und Kritikern gleichermaßen gefeierte Album „F.E.A.R.“ (die Abkürzung steht übrigens für „Fuck Everyone And Run“). In dem konzeptionell angelegten Album geht es um das Wegsehen und Davonlaufen. Auch darum, dass alles Übel der Welt aus Angst entsteht, während das Gute von der Liebe kommt. So enthält „F.E.A.R.“ fünf Songs, die sich in siebzehn Abschnitte gliedern. Steve Hogarth zieht alle Register seines stimmlichen Könnens. Er schwelgt, belehrt, jammert und wütet. Er windet sich durch alle Tonlagen – manchmal kurz vor der Hysterie. Ebenso stark agiert Gitarrengott Steve Rothery. Seine Soli sind das Salz in der Suppe, während Bass und Keyboards unentwegt Atmosphäre kreieren. „The New Kings“ behandelt die Macht der Banken, „El Dorado“ setzt sich mit der politischen Situation in Großbritannien auseinander, „The Leavers“ widmet sich mit melancholischen Pianoklängen den Menschen, die immer wieder Abschied nehmen.
Begleitet von einer beeindruckenden Lichtshow und Projektionen spielen Marillion ihren prägnanten und prägenden Zeitgeist mit unvergleichbarer Leidenschaft und Energie. Es ist ein Fest, dieses Livekonzert in der Kulisse des altehrwürdigen Londoner Konzertsaals zu erleben – wenn auch nur am heimischen Fernseher.
Die zweite Hälfte stellt „In Praise Of Folly and Guests“ vor, ein Streicherquartett mit Flöte und Französischem Horn, das dem Rest der Show mit einigen der beliebtesten Marillion Livesongs zusätzliche Tiefe und Emotionen verleiht. Da erklingen „Afraid Of Sunlight“, „Man Of A Thousand Faces“ und das epische „Neverland“ in ganz neuer Pracht. Der Mitschnitt entstand unter der Regie von Tim Sidwell und wurde aufgenommen und gemixt von Michael Hunter. Die Blu-ray erscheint mit exklusivem Bonus-Material wie z.B. der 35-minütigen Dokumentation „We Will Make A Show“. Wer hören und erleben will, was Marillion im Jahr 2018 tun und wie sie klingen, liegt hier goldrichtig – egal ob er CD, DVD oder Blu-ray wählt.
Wer sich live überzeugen will, hat Möglichkeiten:
23.11.2018 Frankfurt, Germany – Jahrhunderthalle
25.11.2018 Essen, Germany – Colosseum (Sold Out)
26.11.2018 Essen, Germany – Colosseum
28.11.2018 Berlin, Germany – Admiralspalast
29.11.2018 Erfurt, Germany – Alte Oper
01.12.2018 Bremen, Germany – Musical Theater
02.12.2018 Hamburg, Germany – Mehr Theater
04.12.2018 Stuttgart, Germany – Hegel Saal
05.12.2018 Vienna, Austria – Gasometer
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
K’s Choice wurden 1992 gegründet und sind eine der erfolgreichsten Gruppen Belgiens. Sarah Bettens und ihr Bruder Gert gründeten die Band ursprünglich unter dem Namen The Choice, bekamen dann aber Ärger mit einer US-Band gleichen Namens. In Anlehnung an Franz Kafka wählte man daher K’s Choice und wurde europaweit bekannt. In der Trierer Region konnte ich die Gruppe schon häufiger live bewundern und es waren stets faszinierende Konzerte.
Der rockige Stil mit leichten Folk- und Grunge-Anleihen erinnert gerne mal an Bands wie R.E.M. oder die Proclaimers, mit denen K’s Choice auch schon auf Tour waren. Bisher kam zwar keine große Hitsingle dabei heraus („When I Lay Beside You“ erreichte zumindest Platz 3 in Belgien), aber neun Studioalben sprechen für sich. Zwischen 2003 und 2008 gab es eine Schaffenspause. Das ist längst vergessen – und die Compilation „25“ stellt die Karriere anhand von 26 spannenden Tracks dar.
Für die abrockende Fraktion finden sich starke Titel wie „Cocoon Crash“ und „Believe“, und natürlich fehlt auch die Hymne „Not An Addict“ nicht. Mir persönlich gefällt aber die sentimentale Seite besser, „God In My Bed“ beispielsweise. Meist reicht das harmonische Zusammenspiel der Geschwister, um den Hörer zu betören.
Im Booklet des fein aufgemachten Digipacks gibt es vor allem eins: viele Fotos aus zweieinhalb Jahrzehnten. Die Werkschau ist umfassend und bisweilen überwältigend schön. Für den, der schon alles hat, gibt es den Klassiker „My Heart“ in einer neu eingespielten 2017-Version und „Not An Addict“ als Neuauflage und Bonus featuring Skin von Skunk Anansie. Gitarrenrock vom Feinsten!
Der Weg von New Model Army war kein einfacher in den letzten Jahren. Es gab eine Neuaufstellung innerhalb der Band, das Studio brannte ab, der Rest fiel einem Diebstahl zum Opfer – und trotzdem gab es mittendrin die Alben „Between Dog And Wolf“ und den Companion „Between Wine And Blood“ als Zeichen eines konsequenten Neubeginns. Auch auf der Tour konnte man erkennen: New Model Army waren wieder da. Mit einer energisch auftretenden Band (vor allem Michael Dean am Schlagzeug trug hier neue Akzente bei) und einem Justin Sullivan voller Pathos, der nichts an Anziehungskraft verloren hat.
Jetzt steht also „Winter“ vor der Tür. Sullivan findet deutliche Worte zum Entstehungsprozess: „‚Between Dog And Wolf‘ hat uns sehr viele kreative Türen geöffnet, es war spannend, da hindurch zu gehen. Die Ergebnisse waren nicht unbedingt geplant – wie üblich haben wir uns eher vorwärts getastet -, aber ich glaube, dass ‚Winter‘ eine wirklich starke Identität bekommen hat. Es ist in hohem Maß der Sound von Menschen in schwierigen Umständen – das ist etwas, was Viele von uns in Zeiten wie diesen nachvollziehen können, auf sehr vielen verschiedenen Ebenen. ‚Winter‘ ist vielmehr ein Band-Album geworden als ‚Between Dog And Wolf‘ und wir haben es ganz bewusst auch aggressiver und ein bisschen weniger glatt gemischt.“
Das dreizehnte Album sieht die Band immer noch als politische Mahner, als Kommentatoren der sozialen Zustände. So werden Sullivans Texte einmal mehr zu einer Momentaufnahme der Gegenwart, mit anklagenden Gedanken zur ungerechten Verteilung von Ressourcen, mit Wutreden gegen die Kriegstreiberei. Hier kann sich der Songwriter unendlich auslassen und wird in seiner Gefolgschaft genügend Fans finden, die diese Inhalte teilen.
„The Beginning“ startet als episches Gitarrenstück, wie es Justin Sullivan in den 90ern vor allem auf seinen Solo-Platten zelebrierte. Nachdenklich und fordernd. Während dieser Opener noch etwas schleppend daher kommt, bietet schon „Burn The Castle“ einen eingängigen Refrain, der den Hörer mitreißt. Doch solche herausstechenden Einzeltitel bleiben eher die Ausnahme. „Winter“ funktioniert als zusammenhängendes Album. Zwar kein Konzeptalbum mit fortlaufender Story, aber eine thematische Zusammenstellung von Songs, welche die soziale Kälte beschreiben, die immer stärker um sich greift. Dazu passen der Albumtitel und das prägnante Artwork.
Das Album ist nicht glattgebügelt. Es klingt wie ein echtes Bandalbum und hat damit dem sauberen, klaren Sound von „Between Dog And Wolf“ etwas voraus. Höhepunkte sind für mich der mit aggressiven Drums versehene Track „Born Feral“ und das darauf folgende „Die Trying“. Es sind organische, aggressive Songs, die alles beinhalten, was New Model Army seit Jahrzehnten ausmacht: eine Mischung diverser Subkulturen wie Punk, Folkrock, Metal und Gothic, die zu einer musikalischen Einheit verschmelzen.
„Winter“ ist nicht das beste Album der Band. Vielleicht, weil man hier viel Worte um ein Thema machen muss, das man früher („Here Comes The War“, „Today Is A Good Day“) in eine Track zusammenfassen konnte. Doch es ist ein komplexes Album aus einem Guss und bildet einen neuen kreativen Höhepunkt. Und wenn die sanften Klänge von „After Something“ das nachdenkliche Ende einläuten, geht der Finger ganz automatisch zur Play-Taste und man startet mit „Beginning“ erneut.
Nur zwei Monate nach dem Prequel erscheint jetzt also tatsächlich das reguläre neue Tarja Album „The Shadow Shelf“. Und jetzt zeigt sich, dass es tatsächlich Sinn gemacht hat, die beiden Outputs voneinander zu trennen. Während nämlich „The Brightest Void“ recht optimistisch daher kommt, zeigt „The Shadow Shelf“ die düstere Seite von Tarja. Und seien wir ehrlich: das ist es doch, was die Fans an ihr lieben.
Zum Opener „Innocence“ gibt es noch Pianoklänge, die Tarjas starke Vocals ganz in den Vordergrund stellen. Doch später dreht die Metalqueen richtig auf. „Demons In You“ bietet gar Growls von Alissa White-Gluz als deutlichen Kontrapunkt.
Die symphonischen Elemente bekommen breiten Raum und stimmlich findet Tarja die richtige Balance zwischen Heavy Metal und klassischem Gesang. Ihre Opernstimme geht durch Mark und Bein – und trotzdem kann sie bisweilen die Rockröhre geben.
Wundervoll finde ich Tarjas Interpretation von „Supremacy“ (Muse). Überhaupt ist dieses Triple mit „The Living End“ und „Diva“ gigantisch. Hier erlebt man die Sängerin in Topform. Zudem Dudelsack-Klänge in „The Living End“. Ein echtes Highlight!
Viele hatten ihre Zweifel, doch es war tatsächlich eine gute Entscheidung, die Songs auf zwei Alben zu verteilen und diese kurz hintereinander zu veröffentlichen. „The Shadow Shelf“ ist ein großer Schritt nach vorne und man darf sich schon auf die dunklen „Shadow Shows“ im Oktober freuen.
Eine Anmerkung noch zum Booklet: Man kann dort nichts lesen, da die Texte irgendwie weiß auf weiß gedruckt wurden. Erinnert an Ottos Version der ostfriesischen Nationalflagge. Das einzige was hilft: starke Lichtquelle suchen (beispielsweise vors Fenster stellen) und schräg aufs Papier schauen. Dann sieht man, dass dort tatsächlich etwas steht.
Nils Landgren, schwedischer Posaunist und Sänger, schafft es doch immer wieder, auch unbedarfte Kulturbanausen wie mich für Jazz zu begeistern. Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag am 15. Februar hat er sich etwas ganz Besonderes vorgenommen: Gemeinsam mit der US-Sängerin Janis Siegel, Mitglied bei den Vokalgenies von Manhattan Transfer, und den Bochumer Symphonikern schuf er ein grandioses Leonard Bernstein Tribute Album mit dem Titel „Some Other Time“.
Ob das funktionieren kann? Die verwendeten Songs und Melodien stammen aus den populären Musicals „West Side Story“, „On The Town“ und „Wonderful Town“. Zudem findet beim zwölften Track „A Simple Song“ aus dem Musiktheaterstück „Mass“ Verwendung.
Am bekanntesten sind natürlich die Melodien der „West Side Story“. „America“ kommt als Ouvertüre leider sehr kurz, doch „Maria“, „Somewhere“ und „One Hand, One Heart“ sind mehr als grandios. Die letzteren beiden Titel interpretiert das Nils Landgren Quartet in stimmungsvoller Leichtigkeit, während „Maria“ im Zusammenspiel mit den Symphonikern unter Leitung von Vince Medoza zum ultimativen Klangerlebnis wird.
Ich mag das Zusammenspiel der Stimmen, wenn Janis Siegel zu „Some Other Time“, „The Story Of My Life“ und „Something’s Coming“ mit einsetzt, doch Landgren gibt das Heft nie aus der Hand und seine charismatischen Vocals beherrschen jeden Song, sobald er loslegt. Jazz-Arrangements und Posaunen-Klänge geben den Stücken eine erstaunliche Ruhe und Gelassenheit. An natürlicher Coolness ist der Protagonist ohnehin nicht zu überbieten.
Das Album ist, wie ich finde, hervorragend zusammen gestellt. Wenn zum Ende hin die Bochumer Symphoniker bei „A Quiet Girl“ und „A Simple Song“ stärkeres Gewicht bekommen, entfaltet sich die ganze Größe der Musik von Leonard Bernstein. Seine Werke werden in der Musikwelt rauf und runter gespielt – doch selten so filigran und mit ganz neuer musikalischer Stärke wie bei diesem Release. Meine Empfehlung!
Steve Balsamo und Rosalie Deighton kennen sich bereits seit 2001, als sie in London ihre ersten Soloalben produzierten. Später trat Rosalie im Vorprogramm von Steves Band The Storys auf, stieg in die Band mit ein – und seit Auflösung von The Storys sind die beiden als Duo unterwegs. „Unfolding“ ist die Debüt CD.
Zu The Storys Zeiten lag der Schwerpunkt der Waliser Band noch auf US-Westküstensound mit Country-Einschlag. Heute ist das Programm vielseitiger geworden. Folk, Rock, Pop und Country im bunten Mischmasch – mit musikalischen Vorbildern wie Crowded House, Tom Petty und Ryan Adams.
Das erste Album entstand in einem Studio im Norden Londons, wurde von John Reynolds produziert und (wie es heutzutage modern ist) über eine Fundraising-Plattform finanziert. Das Ergebnis nennen die beiden „erwachsene Songs über das menschliche Befinden“.
Wie zu besten Folkrock-Zeiten funktioniert die Musik vor allem durch die spannende Kombination zweier sehr unterschiedlicher Stimmen. Das Zusammenspiel hat etwas Magisches und sie interpretieren gefühlvolle Titel wie den traurigen Titelsong „Unfolding“ über einen gefallenen Afghanistan-Soldaten oder die Hymne „The Dream Song“ über eine imaginäre Begegnung mit Keyboard-Legende John Lord.
Gerade Rosalies sanfte Vocals tragen viele verträumte Stücke. So beispielsweise den Lovesong „Long Way Round“ oder den Albumopener „Drive On“, der die Brüchigkeit der Liebe thematisiert. Country-Elemente tauchen im Gegensatz zu The Storys recht selten auf. „Run Back To Your Life“ gehört wohl in diese Kategorie – und wird gar nicht zum Fremdkörper.
„Unfolding“ ist eine Perle für Liebhaber des Singer-/Songwriter-Genres mit akustischer, folkiger Ausrichtung. Als Duo sind die beiden eine harmonische Wucht.
Wie viele andere Bands starten auch Saga mit einer Aufarbeitung ihres Backkatalogs und bringen im Lauf eines Jahres zwölf Studioalben auf den Markt, die den Zeitraum 1989 bis 2007 abdecken. Man muss leider sagen, dass in dieser Ära die kommerziell erfolgreichsten Alben der Kanadier schon Geschichte waren. Vor allem in Kanada und den USA fand die Band ab den 90er Jahren kaum noch statt, während man sich in Deutschland zumindest auf eine breite Fanbasis verlassen konnte. Kein Wunder also, dass Michael Sadler Deutschland dann auch zu seiner neuen Heimat aus erkor.
Das achte Album „The Beginner’s Guide To Throwing Shapes“, mit dem die Reissue-Serie eröffnet wird, gehört dabei noch zu den wirklich starken Saga-Alben. Die Mischung aus Progressive Rock und harten Klängen ist ein unverkennbares Markenzeichen in dieser Epoche. Und „Security Of Illusion“ legt dann noch eine Schippe drauf – markierte es doch die Rückkehr von Keyboarder Jim Gilmour, der über lange Jahre den einzigartigen Sound von Saga verantwortete.
Eigentlich will ich den weiteren Veröffentlichungen, die in Kürze folgen werden, gar nicht vorgreifen – doch es muss einfach gesagt werden: Für lange Zeit waren oben genannte Alben die letzten „normalen“ Werke der Bandgeschichte. Was dann in den 90ern folgen sollte, ist der Geniestreich „Generation 13“ – ein ungewöhnliches und komplexes Konzeptalbum, das für mich den Höhepunkt von Sagas Schaffen darstellt. Dieses Album allerdings wird eingerahmt von den Peinlichkeiten „Steel Umbrellas“ und „Pleasure And The Pain“.
Bevor es also dazu kommt, darf man sich durchaus an „The Beginner’s Guide To Throwing Shapes“ und „Security Of Illusion“ freuen. Zumal es ja einige nette Bonustracks auf den remasterten Alben gibt. Erstgenannte CD glänzt mit Aufnahmen von „Wind Him Up“ und „The Flyer“ aus den beginnenden 80er Jahren, die andere Remaster-CD bietet „Scratching The Surface“ und „Ice Nice“. Also neben der verbesserten Klangqualität einige unveröffentlichte Gimmicks, die auch alte Fans besänftigen dürften.
Deep Purple halten ihre Fans vor allem mit Live-Releases aus den verschiedenen Epochen ihres Bestehens bei Laune. Ja sie haben es zu einer Kunst entwickelt, besondere Konzerte aus Vergangenheit und Gegenwart auf CD zu neuem Leben zu erwecken. Aktuell sind die Jahre 2013 und 2014 an der Reihe und der kürzlich erschienene Doppel-Release ist etwas ganz besonderes. Zwei Livealben, die sich im Titel miteinander verknüpfen: „From the setting sun … to the rising sun“. Spannende Idee, denn es geht von Deutschland nach Japan.
„From The Setting Sun…“ wurde 2015 beim Waken Open Air, dem größten Metal-Event der Welt, aufgenommen. Songs von „Highway Star“ bis „Perfect Strangers“ – eine klassische Mischung. Und als Sahnehäubchen ist Uli Jon Roth für „Smoke On The Water“ mit dabei. Ein Set zum Abfeiern, bei dem man Deep Purple in Topform erleben kann. Mir liegt nur die Audio-Version vor, aber es gibt den Release auch im DVD- und BluRay-Format. „From The Setting Sun… (In Wacken)“ wurde mit 9 HD-Kameras während des Wacken Open Air Festivals 2013 aufgezeichnet. Erstmals in Deep Purples Bandgeschichte, veröffentlicht die Band zudem eine 3D-Version ihrer Performance.
Roger Glover äußert sich zu beiden Releases: „Das Publikum bei Festivals ist immer besonders, da es den meisten Besuchern mehr um den Anlass an sich, als um eine bestimmte Band geht. Für uns stellt dies jedes Mal eine willkommene Herausforderung dar, und auch eine Chance, all jene zu erreichen, die uns bisher nicht kannten. Aber die echten Stars finden sich sowieso immer im Publikum. Vielen Dank, Wacken. […] Im starken Kontrast stand dazu die Atmosphäre in Budokan, die der eines Friedentempels gleicht […]. ‘Made In Japan’ wurde zu großen Teilen dort aufgenommen und seitdem performten wir dort viele weitere Male. Für so eine große Halle ist die Akustik exzellent. Die Konzertstätte beeindruckt uns jedes Mal aufs Neue.“
„…To The Rising Sun“ bietet eine Reihe von Änderungen in der Setlist und es macht durchaus Sinn, sich beide Releases zuzulegen – vor allem da es ja inhaltliche Companions sind. Die Stimmung scheint auch in Japan fantastisch. Kein Wunder, stellen die Auftritte in Japan doch immer besondere Meilensteine in der Deep Purple-Historie dar. „…To The Rising Sun (In Tokyo)” wurde mit 12 HD-Kameras in Nippon Budokan, Tokyo im April 2014 gefilmt.