Stoppok am 10. Juli 2021 in Wuppertal – Fotogalerie
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Der Wuppertaler Kulturfrühling geht weiter – am Freitagabend spielte die Hamburger Indie-Band Die Sterne auf der Waldbühne Hardt. Mit Songs aus rund 30 Jahren Bandgeschichte brachte die Gruppe um Sänger Frank Spilker das Publikum zum Tanzen.
„Wir sind endlich angekommen“, begrüßt Frank Spilker gut gelaunt seine Fans, schließlich habe man im Stau gestanden – anderthalb Jahre lang. Bis kurz vor Wien sei man gekommen, damals im März 2020. „Und plötzlich waren wir mitten im Zentrum einer Pandemie.“ Seitdem ist die Zahl der Konzerte, die mit dem neuen, selbstbetitelten Album gespielt wurden, an einer Hand abzuzählen. Einige wenige Solo-Auftritte von Spilker und ein Auftritt auf dem Reeperbahnfestival in der beeindruckenden Atmosphäre der St. Michaelis-Kirche. Doch nun scheint der Knoten geplatzt und endlich ist die Straße wieder frei. Nach etlichen Termin-Verschiebungen – von ursprünglich Februar in den Herbst 2021 – hat man für den Sommer noch einige Open-Airs geplant. Der Auftakt führt daher erstmal nach Wuppertal auf die Waldbühne.
Die Fans, sowohl aus der Stadt selber als auch aus der Ferne angereist, wissen das zu schätzen und bringen nach einer kurzen unsicheren Pause während der ersten drei Lieder direkt einen Hauch der Prä-Pandemie-Stimmung wieder. Kaum einen hält es das gesamte Konzert über auf den Stühlen. Tanzende Menschen, die gemeinsam einen guten Abend haben und mit den herrschenden Vorschriften das Beste aus einem lang herbeigesehnten Konzert machen. Dem tun auch ein leichtes Tröpfeln zwischendurch oder Probleme mit der Gitarre Spilkers keinen Abbruch.
Fast zwei Stunden lang feuert die Hamburger Band mit großer Spielfreude Songs aus ihrer langen Geschichte ab. Elf Studioalben bergen jedenfalls genug Material für (mehrere) kurzweilige Abende mit den Musikern. Dabei ist seit einigen Jahren von der Originalgruppe nur noch Sänger und Gitarrist Frank Spilker übrig. Der hat seither neue Musiker um sich versammelt. Am Keyboard unterstützt ihn nun Dyan Valdes, Max Knoth an der Gitarre, Jan Philipp Jansen am Schlagzeug und Phillip Tielsch am Bass vervollständigen die Gruppe live. Und mit ihnen kommt auch ein ganz neuer Groove in die altbekannten Songs aber auch das aktuelle Material.
Den spürt man auch im Publikum, das sich deutlich befreit zeigt, während Hits wie „Was hat uns bloß so ruiniert“ und „Du musst gar nichts“ sich mit neueren Songs wie „Die Message“ abwechseln. Nach der langen Pause schafft die Band es damit in der grünen Umgebung der Waldbühne in Wuppertal wieder neu durchzustarten und damit wieder ein Stück Normalität zurückzubringen – auch wenn einige Stühle leer bleiben und auf dem Weg zum Getränkestand weiterhin Maske getragen werden muss. Doch immerhin geht es in Schrittgeschwindigkeit hinaus aus dem viel zu langen Stillstand.
Die nächsten Open Air-Konzerte auf der Waldbühne Wuppertal finden im August statt:
12. August 2021, 20 Uhr: Mr. Hurley & die Pulveraffen
13. August 2021, 20 Uhr: Uncle Ho
14. August 2021, 20 Uhr: Staubkind
15. August 2021, 20 Uhr: Roy Bianco & Die Abbrunziati Boys
Hier unsere Fotos von Die Sterne am 9.7.21 in Wuppertal, Waldbühne Hardt
Jemand meint es gut mit Wuppertal – blauer Himmel, viel Sonnenschein, (ausnahmsweise mal) kein Regen und noch dazu stabile Inzidenzwerte, die endlich das möglich machen, worauf viele seit etlichen Monaten warten: Live-Musik. Und das kam direkt im Multi-Pack. Thees Uhlmann, Maria Basel und Darjeeling sowie Jeremias sorgten auf der Waldbühne Hardt am zweiten Juniwochenende für drei Konzertabende.
Gut besucht waren die Konzerte alle, kaum Stühle blieben frei und die strengen Hygienemaßnahmen lassen einen für einige Stunden den Corona-Alltag vergessen. Zugang gab es nur für Geimpfte, Genesene oder Getestete. Alle Veranstaltungen waren bestuhlt und jedem wurde sein Sitzplatz zugewiesen – hier galt die Regel „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Idyllisch zwischen Felsen und grünem Wald gelegen versteckt sich in dem Park zwischen den Stadtteilen Elberfeld und Barmen die Waldbühne in erhöhter Position mitten in der Stadt.
Gleich die Eröffnung übernahm eine Größe der deutschsprachigen Rockmusik – Thees Uhlmann, Ex-Tomte-Frontmann, seit einigen Jahren vor allem Solo unterwegs, zeigte sich mit seiner Live-Band voller Spielfreude, Charisma und einer großen Portion (Selbst-)Humor.
Dass Thees Uhlmann musikalisch seit Jahren abliefert, ist kein Geheimnis. Mit seiner Solo-Karriere knüpft er weitestgehend nahtlos an die erfolgreichen Tomte-Zeiten an – es bleibt weiter indierock-poppig mit Texten, die von Kritikern wie Fans gefeiert werden, zum Mitsingen einladen und dabei im Kopf nachhallen. Dabei weiß Uhlmann, wie er das Publikum auch zwischen den Songs – die vor allem vom aktuellen „Von Junkies und Scientologen“- Album und der selbstbetitelten Solodebüt-Platte kommen – bestens unterhalten kann. Wenn Uhlmann in der Anekdotenkiste kramt, hat er die Lacher dank seiner augenzwinkernd-selbstironischen Erzählweise definitiv auf seiner Seite, ohne dabei abgehoben zu wirken. Vielmehr hat man das Gefühl, mit einem sehr guten Kumpel entspannt bei einem Bier zusammenzusitzen und dabei bestens unterhalten zu werden – inklusive eines zwischenzeitlichen Griffs zur Gitarre. Für die Rückkehr zurück zur Livemusik hätte der Veranstalter kaum eine bessere Wahl treffen können.
Dass dies mit lokalen Künstlern ebenfalls gelingen kann, zeigte der zweite Abend. Den abschließenden Bühnencheck für Darjeeling und Maria Basel übernahm – passend zur Waldbühne – ein Eichhörnchen, das schnell über die Stage flitzte. Solcherart gewappnet und mit entspanntem Publikum eröffnet Maria Basel den Abend. Die Solokünstlerin hat Anfang des Jahres ihre Debüt-EP „Layers“ mit fünf dichten, sphärischen Elektro-Pop-Songs veröffentlicht und präsentiert diese nun erstmals vor Live-Publikum. Dabei ist sie kein unbeschriebenes Blatt. Sie singt, komponiert oder spielt bei verschiedenen Formationen mit – das reicht von Elektro hin zu Pop, Hip-Hop oder Jazz etwa mit dem Pina Bausch Ensemble, Samy Deluxe, Golow oder im Basel & Söhngen Duo. Zudem legt sie als RIA mit elektronischen Performances/DJ auf. Ihr Sound aus flirrenden Loops und melancholischen Melodien macht Lust auf mehr – auch bei dem Konzert auf der Waldbühne.
Nach einem Set von einer knappen halben Stunde übernimmt ein adäquater Nachfolger: Die Wuppertaler Band Darjeeling ist mit ihrem mittlerweile dritten Album „Maguna“ nicht nur in der Heimatstadt etabliert. Mit ihrem psychedelischen Avantgarde-Pop mit einer Mischung aus synthie-lastigem Indie und Krautrock weiß das Trio, bestehend aus Fabian Till Reinkenhoff (Keyboard), Markus Kresin (Bass) und Jan Szalankiewicz (Gitarre), zu überzeugen. Live gibt es Unterstützung von Schlagzeuger Thorben Doege und Niklas Nadidai am Keyboard.
„Endlich wieder Konzerte – sozusagen zum Anfassen“ dürfte vielen durch den Kopf gegangen sein, die an dem sommerlichen Freitagabend in den Genuss kommen, Darjeeling live zu erleben. Dass die neuen Songs nun auch vor „richtigem“ Publikum und nicht nur in Streams vorgeführt werden ist für alle Seiten eine Freude. In den Rängen schwelgen die Zuschauer zu den Klängen mit nickenden Köpfen in den Soundwolken, die aus den Boxen strömen, während die Spielfreude auf der Bühne förmlich zu greifen ist. Die Zeit ist allerdings begrenzt, wie bei Open-Airs meist der Fall, daher hält sich die Band nur wenig mit Ansagen auf und holt stattdessen alles mit, was geht, inklusive zwei Songs als Zugabe. Dabei bedienen sich die Jungs vor allem an ihren beiden jüngeren Alben „Maguna“ und „Hokus Pokus“, wobei auch „Little Weapon“ vom Debütalbum nicht fehlen darf. Hätte es besagte Zeitbegrenzung nicht gegeben, sowohl Publikum als auch Band hätten wohl am liebsten bis spät in die Nacht weitergespielt – zu Recht.
Und doch – wo ein Ende, da auch ein Anfang, in dem Fall das nächste Konzert am Samstagabend. Dieses Mal sind Jeremias aus Hannover zu Gast – und reißen gleich in den ersten Sekunden alle von den Stühlen. Statt Sitzkonzert gibt es mehr stehende Tanzeinlagen, wenn auch bedacht am eigenen Platz. Das durchschnittlich junge Publikum feiert die Gruppe, zeigt sich in knapp anderthalb Stunden Konzert textsicher. Der Indie-Pop mit Disco-Funk-Elementen und deutschsprachigen Texten trifft den Nerv der Hörer, geht direkt ins Ohr und offensichtlich auch in die Beine. Frontmann Jeremias Heimbach (Gesang und Piano), Oliver Sparkuhle (Gitarre), Ben Hoffmann (Bass) und Jonas Herrmann (Drums) genießen den Tourauftakt sichtlich, schließlich haben sie ihr gerade erst erschienenes Debütalbum „Golden Hour“ mit im Gepäck und bei dieser Reise allen Rückenwind.
Den dürften auch die Veranstalter des Wuppertaler Konzertfrühlings haben: volles Haus bei allen Konzerten, keine Zwischenfälle, ein entspanntes und begeistertes Publikum und viele Menschen auf allen Seiten, die hungrig nach mehr sind.
Im Juli geht es weiter. Am 9. Juli spielen Die Sterne auf der Waldbühne, am 10. Juli folgt die Henrik Freischlader Band. Für beide Events gibt es noch Karten im Vorverkauf.
Hier unsere Fotos von Jeremias beim Wuppertaler Konzertfrühling am 12.6.2021
Hier unsere Fotos von Darjeeling und Maria Basel beim Wuppertaler Konzertfrühling am 11.6.2021
Hier unsere Fotos von Thees Uhlmann beim Wuppertaler Konzertfrühling am 10.6.2021
Hamburg. St. Pauli. Die Reeperbahn ist gefüllt wie eh und je. Menschenmassen drücken sich aneinander vorbei, Punks und Obdachlose, Drags und andere bunte Hunde, Männer wie Frauen werben für ihre Anliegen. Dazwischen sieht man lange Schlangen und Menschen mit Festival-Bändchen, teils mit Presse- oder Team-Ausweis. Gerade am oberen Ende, von der U-Bahn-Haltestelle St. Pauli kommend, klingt über den üblichen Geräuschpegel etwas, das man in den letzten Monaten eher selten hörte: Livemusik. Auf dem Spielbudenplatz spielen an vier Tagen jeweils drei Bands.
Das Reeperbahn-Festival fand vom 16. bis 19. September 2020 statt – trotz Corona. Als großes Experiment, wie ein Festival in Pandemiezeiten ablaufen kann. Kein Wunder also, dass die Veranstaltungsbranche nicht wie sonst vor allem nach Hamburg blickt, wenn das Festival ansteht. Nicht, um gesehen zu werden, alte und neue Bekannte zu treffen, neue Musik zu hören und sich gegenseitig zu verständigen. Sondern vor allen Dingen, um herauszufinden: Gibt es Hoffnung für die stark gebeutelte Branche, die seit Monaten keine Einnahmen verzeichnen kann, mit am längsten die Türen geschlossen halten musste und für die es noch immer keine Perspektive gibt, die auch finanziell ein „Weitermachen“ ermöglicht.
Natürlich sind es nicht nur die neun Konzerte auf der Spielbuden-Bühne. In 19 weiteren Clubs und Veranstaltungsorten finden an den vier Festivaltagen über 100 Konzerte statt. Viele werden live im Internet gestreamt – und 150.000 Menschen schalten dafür ein. Vor Ort sind es deutlich weniger: Gerade einmal 8000 Besucher:innen kommen physisch zum Festival. Verglichen mit den 50.000 im Vorjahr ist das quasi nichts. Daher wirkt auch vieles eher leer. Das Festival Village auf dem Heiligengeistfeld (mit zwei Bühnen: der kleinen Festival Village Fritz Bühne und der großen Festival Village Stage) ist nur wenig besucht. 30000 Quadratmeter stehen hier zur Verfügung. Normal passen hier locker bis zu 7000 Menschen hin. Zugelassen sind allerdings gerade einmal 1300.
Überall werden Kontaktdaten hinterlassen. Betritt man eine Venue, muss vorab ein QR-Code eingescannt werden. Erst nach Bestätigung und Kontrolle darf man eintreten. Das gleiche Spiel erneut beim Auschecken. Während es Mittwoch und Donnerstag noch ruhig war und die meisten Menschen ihre Wunschkonzerte sehen konnten, wurde es zum Wochenende deutlich voller. Die Schlangen wurden länger – und die enttäuschten Gesichter derjenigen, die nicht mehr hineingekommen sind, waren häufiger zu sehen. Doch trotz allem: Großer Protest oder Beleidigungen blieben aus. Die Sicherheitsleute berichten, dass sie gerade einen sehr entspannten Job hätten. Man könne sich mehr Zeit beim Einlass lassen, aber vor allem seien die Menschen verständiger und weniger aggressiv, wenn sie nicht hineinkämen. Vor allem aber: Man habe endlich wieder etwas zu tun. Das gilt für alle hier: Die Ton- und Lichttechniker, die Stagehands und Menschen hinter der Theke, genauso wie viele mehr, die dabei mithelfen, dass die Konzerte überhaupt stattfinden können.
Wie das alles dann finanziert wird? Vor allem durch Subventionierung von Bund und Ländern. Mit insgesamt 1,3 Millionen Euro wurde das Reeperbahn Festival in diesem Jahr bezuschusst.
In den einzelnen Clubs, Kirchen und Open-Air-Bereichen stehen zumeist Stühle, manchmal sind es auch nur Markierungen auf dem Boden. Maximal zwei Menschen dürfen zusammensitzen oder stehen. Ein kurzer Besuch bei Bekannten zwei Reihen weiter wird von der Security sofort unterbunden. Außer am eigenen Platz herrscht zudem überall Maskenpflicht. Statt des sonst nicht unüblichen Konzert-Hoppings, also überall mal kurz reinzuschnuppern, muss sich diesmal im Voraus entschieden werden, wohin man möchte – nachdem das Konzert begonnen hat, darf niemand mehr hinein. Raus kommt man jederzeit, aber der Platz wird nicht nachbesetzt.
Während also im Rahmen des Festivals penibel auf die Einhaltung aller Hygienevorschriften geachtet wird, ist genau das außerhalb der mit QR-Code abgesperrten Bereiche auf dem Rest der Reeperbahn fast allen ziemlich egal.
Ob das Konzept gelungen ist? Es ist möglich, Live-Konzerte zu spielen. Das wird derzeit im ganzen Land gezeigt. Die Autokonzerte sind weitestgehend vorbei und der Sommer mit seinen Outdoor-Möglichkeiten und einigen Lockerungen wurde von vielen genutzt. Wie es im Herbst weitergeht, ist absolut ungewiss. Was jedoch sicher ist: Ohne Subventionierung ist es nicht umsetzbar. Bei knapp 50 statt 300 Besuchern kommt kein (Club-)Veranstalter jemals zu schwarzen Zahlen – und horrende Ticketpreise kann sich derzeit nur ein Bruchteil der Gesellschaft leisten. Dennoch: Mit dem passenden Hygienekonzept und verantwortungsbewussten Menschen sollte eine Aufstockung der Besucherzahlen in Erwägung gezogen werden. Der Fussball macht vor, wie eine Steigerung der Besucherzahlen möglich sein kann. Dass die Besucher:innen sich an Regeln halten können, hat das Reeperbahn Festival eindeutig gezeigt.
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Milliarden im Grünspan Hamburg, 19.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Children und Niels Frevert, 19.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Akua Naru und Die Sterne, 19.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Ilgen-Nur und Tuvaband, 18.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Friends of Gas und Milliarden, 18.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Gisbert zu Knyphausen und Kai Schumacher, St. Michaelis Kirche, 18.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Maeckes und Nicklas Sahl, 17.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Betterov und Drangsal, 17.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Jinka und Tina Dico, 16.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Drew Sycamore und Herr D.K., 16.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Alex Mayr und Bukahara, 16.9.2020
Hannes Wittmer (fka Spaceman Spiff) spielt im Duo mit Clara Jochum einige Konzerte – eines davon in Wiesbaden im Schlachthof. MusicHeadQuarter ließ sich von den melancholischen, klugen Liedern des Singer-Songwriters für eine kurze Zeit ein wenig entführen.
Die Hallen sind heute leerer. Auf der Bühne, aber auch davor. Das liegt am alles beherrschenden Hygienekonzept – und während in Wiesbaden auf dem Gelände rund um den Schlachthof die lokale Jugend den Freitagabend ausgiebig und unter wenig Beachtung von Abstand oder Maskenpflicht feiert, erklingen in der Konzerthalle des Kulturzentrums eher melancholische Klänge. „Da steht man einmal auf den großen Bühnen der Welt und darf seine komplette Band nicht mitnehmen“, bedauert Hannes Wittmer einerseits – freut sich jedoch auch sichtlich über die Möglichkeit überhaupt wieder live Musik machen zu dürfen.
Mit der Cellistin Clara Jochum, die seit vielen Jahren an seiner Seite auftritt, hat er zumindest einen Teil seiner Band dabei. Und so erleben rund 80 Zuschauer:innen im Schlachthof ein etwa zweistündiges Konzert des Singer-Songwriters in gewohnt sehr guter Qualität.
Neben den alten Songs, die Wittmer noch unter dem Bühnenpseudonym Spaceman Spiff veröffentlichte (Teesatz, Vorwärts ist keine Richtung, Photonenkanonen), spielt der Musiker auch neueres Material. 2018 veröffentlicht er Das große Spektakel und geht damit neue Wege. Er legt seinen alten Künstlernamen ab und entscheidet sich dafür ab sofort unter seinem Klarnamen aufzutreten. Die größte Veränderung aber liegt in seiner Form der Vermarktung. Sein neues Album gibt es ausschließlich per Download auf seiner Seite – und der ist kostenlos. Das ist kein kurzlebiger PR-Gag, Hannes Wittmer hat sich dazu entschlossen, der Konsumgesellschaft damit ein wenig die Stirn zu bieten. Es zählt stattdessen das Prinzip „Pay What You Want“. Per Überweisung oder PayPal kann jede:r den Musiker unterstützen und ihm entweder einmalig oder auch dauerhaft einen frei wählbaren Betrag X zukommen zu lassen. Gleiches gilt auch für die zum Album gehörende Tournee 2019. Wittmer wiederum hält die so erhaltenen Einnahmen vollkommen transparent. In seinem Blog spricht er offen über seine Erfahrungen mit diesem Konzept.
Bei der Tour jetzt gibt es „normale“ Tickets – und ganz frisches Material. Das Ende der Geschichte veröffentlicht Wittmer nach dem gleichen Prinzip im Sommer 2020 eine EP mit fünf Songs. Eigentlich untypisch, lässt er den letzten (titelgebenden) Track mit einer kleinen Erklärung enden – und fasst darin seine Interpretation dieser Songs über Ängste, Ratlosigkeit, Hoffnung, die menschliche Natur und das Abschiednehmen zusammen.
Auch live spricht er diese ebenso aktuellen wie zeitlosen Themen in den Anmoderationen an. Insbesondere in seinen Liedern wird deutlich, dass er sich intensiv mit der Welt, dem Leben und allem, was dazu gehört beschäftigt und dies in Worte und Töne zu fassen weiß. Diese Fähigkeit lässt den sympathischen Musiker seit über zehn Jahren über die deutschsprachigen Bühnen wandeln.
Doch ihm ist auch bewusst, dass Songs immer mit eigenen Emotionen und Deutungen haben. Während die Zeilen „Meine elende Freiheit / ist zu groß für uns beide / Bind sie irgendwo fest / auf das ich noch bleibe“ aus Norden für ihn vor allen Dingen für die persönliche Freiheit steht, wurde er von einem befreundeten Paar gebeten, diesen Song auf deren Hochzeit zu spielen. Erst so sei ihm klar geworden, dass der Song auch anders gedeutet werden könne, dass etwas viel Tieferes entstehen kann, wenn man seine eigenen Bedürfnisse und Freiheiten etwas zurückstellt. Stichwort: „Alle Macht den Rezipierenden – Ihr könnt natürlich reininterpretieren, was ihr wollt“.