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Hannes Wittmer im Schlachthof Wiesbaden: Die Macht der Rezipierenden

Hannes Wittmer  -  11.09.2020  -  Schlachthof / Wiesbaden

Hannes Wittmer (fka Spaceman Spiff) spielt im Duo mit Clara Jochum einige Konzerte – eines davon in Wiesbaden im Schlachthof. MusicHeadQuarter ließ sich von den melancholischen, klugen Liedern des Singer-Songwriters für eine kurze Zeit ein wenig entführen.

Die Hallen sind heute leerer. Auf der Bühne, aber auch davor. Das liegt am alles beherrschenden Hygienekonzept – und während in Wiesbaden auf dem Gelände rund um den Schlachthof die lokale Jugend den Freitagabend ausgiebig und unter wenig Beachtung von Abstand oder Maskenpflicht feiert, erklingen in der Konzerthalle des Kulturzentrums eher melancholische Klänge. „Da steht man einmal auf den großen Bühnen der Welt und darf seine komplette Band nicht mitnehmen“, bedauert Hannes Wittmer einerseits – freut sich jedoch auch sichtlich über die Möglichkeit überhaupt wieder live Musik machen zu dürfen.

Mit der Cellistin Clara Jochum, die seit vielen Jahren an seiner Seite auftritt, hat er zumindest einen Teil seiner Band dabei. Und so erleben rund 80 Zuschauer:innen im Schlachthof ein etwa zweistündiges Konzert des Singer-Songwriters in gewohnt sehr guter Qualität.

Neben den alten Songs, die Wittmer noch unter dem Bühnenpseudonym Spaceman Spiff veröffentlichte (Teesatz, Vorwärts ist keine Richtung, Photonenkanonen), spielt der Musiker auch neueres Material. 2018 veröffentlicht er Das große Spektakel und geht damit neue Wege. Er legt seinen alten Künstlernamen ab und entscheidet sich dafür ab sofort unter seinem Klarnamen aufzutreten. Die größte Veränderung aber liegt in seiner Form der Vermarktung. Sein neues Album gibt es ausschließlich per Download auf seiner Seite – und der ist kostenlos. Das ist kein kurzlebiger PR-Gag, Hannes Wittmer hat sich dazu entschlossen, der Konsumgesellschaft damit ein wenig die Stirn zu bieten. Es zählt stattdessen das Prinzip „Pay What You Want“. Per Überweisung oder PayPal kann jede:r den Musiker unterstützen und ihm entweder einmalig oder auch dauerhaft einen frei wählbaren Betrag X zukommen zu lassen. Gleiches gilt auch für die zum Album gehörende Tournee 2019. Wittmer wiederum hält die so erhaltenen Einnahmen vollkommen transparent. In seinem Blog spricht er offen über seine Erfahrungen mit diesem Konzept.

Bei der Tour jetzt gibt es „normale“ Tickets – und ganz frisches Material. Das Ende der Geschichte veröffentlicht Wittmer nach dem gleichen Prinzip im Sommer 2020 eine EP mit fünf Songs. Eigentlich untypisch, lässt er den letzten (titelgebenden) Track mit einer kleinen Erklärung enden – und fasst darin seine Interpretation dieser Songs über Ängste, Ratlosigkeit, Hoffnung, die menschliche Natur und das Abschiednehmen zusammen.

Auch live spricht er diese ebenso aktuellen wie zeitlosen Themen in den Anmoderationen an. Insbesondere in seinen Liedern wird deutlich, dass er sich intensiv mit der Welt, dem Leben und allem, was dazu gehört beschäftigt und dies in Worte und Töne zu fassen weiß. Diese Fähigkeit lässt den sympathischen Musiker seit über zehn Jahren über die deutschsprachigen Bühnen wandeln.

Doch ihm ist auch bewusst, dass Songs immer mit eigenen Emotionen und Deutungen haben. Während die Zeilen „Meine elende Freiheit / ist zu groß für uns beide / Bind sie irgendwo fest / auf das ich noch bleibe“ aus Norden für ihn vor allen Dingen für die persönliche Freiheit steht, wurde er von einem befreundeten Paar gebeten, diesen Song auf deren Hochzeit zu spielen. Erst so sei ihm klar geworden, dass der Song auch anders gedeutet werden könne, dass etwas viel Tieferes entstehen kann, wenn man seine eigenen Bedürfnisse und Freiheiten etwas zurückstellt. Stichwort: „Alle Macht den Rezipierenden – Ihr könnt natürlich reininterpretieren, was ihr wollt“.