Das Line-up der Zwillingsfestivals ist so gut wie komplett: Das Billing um die Headliner Twenty One Pilots, Billy Talent, Kraftklub, Yungblud, Florence + The Machine, Halsey, The Offspring, Papa Roach und Provinz ergänzt Veranstalter FKP Scorpio mit aufregenden Künstlerinnen und Künstlern.
Neu im Line-up ist mit Scene Queen eine Künstlerin, die in den USA schon zu Recht durch die Decke gegangen ist: Scene Queen verbindet Metalcore mit feministischen Themen und macht Kunst, die sich kompromisslos an Frauen richtet, ohne irgendwen auszuschließen. Rikas machen Indie-Pop für Menschen, die Musik lieben. Das Quartett kombiniert Pop mit Einflüssen aus Funk und Soul, was ihren Sound gefällig, aber immer wandelbar macht. Für The Sophs läuft alles perfekt: Nur einen Tag, nachdem sie sich bei „Rough Trade“ bewarben, hatten sie ein Treffen mit dem renommierten IndieLabel in der Tasche. Ihr Debütalbum „Goldstar“ ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, warum es für die Band aus Los Angeles so schnell ging.
Auch Raynor steht am Anfang seiner Karriere, weiß aber genau, wer er sein will: Der erst neunzehnjährige Musiker aus Peterborough bei London hat Vorbilder wie Michael Jackson, Arctic Monkeys oder Radiohead und schon jetzt einen Stil gefunden, der nicht nur sein eigener ist, sondern auch Spaß macht. Blackgold haben ebenfalls eine klare künstlerische Vision, nämlich Nu Metal, wie er sein sollte: Schwere Gitarren und Hip-Hop-Beats – die Formation aus London liefert das Beste aus zwei Welten.
Nur auf dem Southside wird Tusker zu erleben sein, der über den Radiopartner DASDING ins Line-up stößt und einer der wenigen Artists ist, die Herzschmerz wirklich tanzbar vertonen können.
Die Aufnahmen zu Florence‘ neuem Album „Dance Fever“ fanden während der letzten zwei (Pandemie-)Jahre in London statt – wobei die Aussicht auf den Neubeginn und das Wiederaufleben des Lebens, der Kunst und Kultur entscheidend waren. Florence beschwört mit dem neuen Album all das herauf, was sie während der Lockdown-Monate am schmerzlichsten vermisst hat: Nächte in Clubs, auf Festivals zu tanzen, sich auf den Strudel und das ekstatische Miteinander der Menge einzulassen. „Dance Fever“ basiert auf der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.
Schon vor dem Ausbruch der Pandemie waren kollektive und vor allem körperliche Erlebnisse ihr Thema: Sehr intensiv befasste sich Florence mit dem historischen Phänomen der Choreomanie, der Tanzwut. Der Begriff beschreibt eine vorwiegend im Spätmittelalter aufgetretene Erscheinung, bei der sich große Menschenmengen – zum Teil Tausende – bis zur Erschöpfung, zum Zusammenbruch oder gar bis zum Tod dem Tanz hingaben. Florence, die davor über ein Jahrzehnt lang nonstop auf Tour gewesen war, fand die Berichte über dieses Phänomen extrem spannend und anziehend. Gerade unter Lockdown-Bedingungen hatten diese Beschreibungen fast schon etwas von einer Vorahnung.
Das Konzept des Tanzes und der Choreomanie blieb auch danach absolut zentral, als Florence schließlich ihre eigenen Erfahrungen in diesem Bereich – sie befasst sich seit dem Ende ihrer Abhängigkeit intensiv damit – mit den folkloristischen Elementen jener kollektiven Hysterie aus dem Mittelalter verknüpfte. Gerade während der Phase des Stillstands und der Isolation diente der Tanz als ein wichtiges Ventil: Sie konnte Energie loswerden, konnte sich intensiver mit den choreografischen Aspekten von Musik befassen.
Wie immer begann alles mit einem Notizbuch voller Gedichte und Ideen. Im März 2020 schlug Florence damit in New York City auf, um dort mit der Arbeit an ihrem neuen Album zu beginnen, allerdings musste sie wegen Covid-19 schon bald umdrehen und nach London zurückkehren. In den eigenen vier Wänden verwandelten sich die ersten Ideen allmählich in Songs: Dance- und Folk-Elemente vermischten sich mit Anflügen vom Iggy Pop der 70er Jahre, mit Fernweh-Folk à la Lucinda Williams oder auch Emmylou Harris – bis daraus eine Art „Nick Cave im Club“ hervorging, wie Florence selbst den Sound ihres neuen Albums beschreibt. Inhaltlich ließ sie sich von tragischen Heldinnen aus der präraffaelitischen Zeit inspirieren, auch von düsteren Gothic Fiction-Texten (z.B. von Carmen Maria Machado, Julia Armfield) oder von Horrorfilmen wie „The Wicker Man“, „The Witch“ und „Midsommar“.
„Dance Fever“ ist ein Album, auf dem Florence so kraftvoll klingt wie nie zuvor: Sie erkennt ihr wahres Selbst, amüsiert sich ein klein wenig über ihre eigens kreierte persona und spielt ganz frei mit Identitätsfragen, mit Konzepten von Männlichkeit und Weiblichkeit und Themen wie Erlösung und Feiern.
„Dance Fever“ wurde von Florence Welch, ihrem langjährigen Produzenten Jack Antonoff und Dave Bayley (Glass Animals) produziert und erscheint am 13. Mai 2022.
Vor kurzem erschien die neue Single „Free“. Für das Video zum Song hat sich Florence gemeinsam mit Kreativ-Direktorin Autumn de Wilde, die auch schon die Clips zu „King“, „Heaven Is Here“ und „My Love“ gedreht hat und für das komplette visuelle Konzept des Albums zuständig war, erneut etwas besonderes überlegt: Der legendäre britische Schauspieler Bill Nighy („Tatsächlich … Liebe“, „Fluch der Karibik“, „Harry Potter“, „Der Buchladen der Florence Green“ u.v.m.) verkörpert darin Florence‘ ständigen Begleiter, ihre Angststörung, die ihr permanent im Nacken sitzt.
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Nachdem es 2014 eher ruhig um Florence + The Machine war, meldete sich die Band Ende Mai mit ihrem dritten Album „How Big How Blue How Beautiful“ zurück. Bevor der Longplayer erschien, musste Sängerin Florence Welch einen kleinen Rückschlag einstecken: Im April brach sie sich auf dem kalifornischen Coachella Festival bei einem Sprung von der Bühne den Fuß. Die nächsten Konzerte wurden einfach im Sitzen gespielt (wenn auch ohne einen Thron á la Dave Grohl) und einige Wochen später hüpfte das Energiebündel wieder in gewohnt ausgelassener Manier über die Bühne. Musikalisch setzte die Band auf satte Gitarren-Riffs und Bläser-Parts und das Konzept ging auf: „How Big How Blue How Beautiful“ erreichte Platz eins in den USA, UK, Kanada, Australien und weiteren Ländern. In den deutschen Album-Charts stieg es auf Nummer drei ein. Mitte Dezember startete dann die langerwartete Deutschland-Tour von Florence + The Machine mit Konzerten in Berlin, Hamburg, München und heute zum Abschluss in Düsseldorf.
Die Mitsubishi Electric Halle ist bis auf den letzten Platz ausverkauft und selbst der ist besetzt. Kurz: Es ist knüppelvoll. Um Punkt 21 Uhr beginnt der grosse Aufmarsch auf der Bühne. Ich zähle elf Bandmitglieder, die an ihren Instrumenten Platz nehmen (darunter Harfe und Bläser), bevor Frau Welch elfengleich auf die Bühne tänzelt und mit frenetischem Jubel empfangen wird. „What The Water Gave Me“ ist der erste Song des Abends, gefolgt von „Ship To Wreck“, das auf The Smith-inspirierten Gitarren segelt. Zwei Videoleinwände sorgen dafür, dass auch der bereits erwähnte letzte Platz beste Sicht auf das Geschehen hat. Der Sound ist wunderbar ausbalanciert und lässt die grossartige Stimme von Florence Welch wie einen warmen Wind durch die Halle schweben. In Sachen Bühnenoutfit hat sie sich offenbar von Guildo Horn beraten lassen. Im Bühnenhintergrund glitzern hunderte Mosaike wie Lametta (was zur vorweihnachtlichen Stimmung passt) und während „Rabbit Heart (Raise It Up)“ geht Florence Welch auf Tuchfühlung zu den Fans in der ersten Reihe und verschenkt ihren Blumenkranz.
Irgendwie denkt man im einen Moment, dass die Frau da oben komplett durchgeknallt ist, um dann im nächsten Moment ihre zum Teil etwas übertrieben albernen Ansagen unglaublich sympathisch zu finden. So fordert sie die Fans vor „Third Eye“ auf die Handys wegzustecken und sich gegenseitig in den Arm zu nehmen. Später spielt sie mit dem The Source-Cover „You’ve Got The Love“, das von den Düsseldorfern lauthals mitgesungen wird, auf der ganz grossen Gefühls-Klaviatur, nur noch übertroffen von einer wunderschönen Akustikversion von „Cosmic Love“. „Ich liebe dich“ brüllt jemand quer durch die Halle und hätte Florence Welch ihn verstanden, wäre sie bestimmt rot geworden und hätte gekichert. Dass sie auch richtig Party machen können beweisen Florence + The Machine dann zum Abschluss des Mainsets mit dem Dreierpack aus „What Kind Of Man“ (und einem Refrain für die Ewigkeit), „Spectrum“ und „Dog Days Are Over“. Inzwischen sitzt in der Mitsubishi Electric Halle niemand mehr und der rothaarige Wirbelwind ist bei der Beschwörung des Weltfriedens angekommen. Süss!
Im Zugabenblock gibt es dann noch das kraftstrotzende „Mother“ und den „Drumming Song“, bevor Florence Welch nach insgesamt 95 Minuten zum letzten Abklatschen für dieses Jahr in den Bühnengraben springt und dabei diesmal unverletzt bleibt. Nicht nur stimmlich verfügt die Frau über eine enorme Power. Ihre ersten Konzerte absolvierte sie lediglich mit einer E-Gitarre um den Hals und einem Schlagzeuger auf der Bühne. Heute ist sie zu Recht in der ersten Liga angekommen. Es gibt nicht wenige Leute, die jeden ihrer Songs als Volltreffer bezeichnen, jede Zeile als Gedicht und jedes gesungene Wort als Wohltat für die Seele und nach einem solchen Abend wie heute fällt es schwer ihnen zu widersprechen. Dafür lohnt sich sogar ein Ausflug in den eigentlich verbotenen Vorort von Köln. How Beautiful!
Der Hype um Florence Welch erfährt auch im Jahr 2015 seine Fortsetzung – und das mit Recht. 22 Jahre alt war die Britin aus Südlondon, als sie uns ihr Debüt „Lungs“ präsentierte. Ein Album, das mit einer Mischung aus Indiefolk, Rock, Pop und Soul glänzte und wie eine Bombe einschlug. Sicher gewollt pathetisch und mit Blick auf die Charts geschrieben, doch nichtsdestotrotz ein Meisterwerk, das den Machern einen Brit Award und eine Grammy Nominierung einbrachte. Jetzt ist die Gute sechs Jahre älter. Die Vergleiche mit Kate Bush und Tori Amos haben noch nicht aufgehört – doch das hat sie wirklich nicht mehr nötig. Stilistisch sind Florence + The Machine längst in einer eigenen Liga.
Was ihre Stimme und auch ihre Stimmung angeht, klang Florence Welch nie besser: „Zusammen mit Markus Dravs wollte ich einen Sound kreieren, der opulent und massiv ist, aber zugleich auch irgendwie sanft klingt“, berichtet sie. Das Ergebnis klingt immer noch betörend und episch, aber mit enorm viel Kraft und Volumen. „Das neue Album handelt davon zu lernen, wie man lebt, sein Leben meistert – und wie man hier, auf dieser Welt, Liebe finden kann, anstatt nach irgendeinem Ausweg zu suchen“, erklärt die Frontfrau den Ansatz des neuen Albums. „Fühlt sich schon seltsam und sogar beängstigend an, weil ich mich nicht mehr hinter diesen abstrakten Ideen verstecke, aber ich hatte einfach das Gefühl, diesen Schritt genau jetzt gehen zu müssen.“
„How Big How Blue How Beautiful“ hat einen wilden und ungefilterten Sound zu bieten – fast als sei es eine Liveaufnahme. Gerade die hymnischen Songs nehmen mich immer wieder gefangen. Die Dramaqueen bleibt weitestgehen im Schrank und damit fällt auch viel Bombast weg. In vielen Punkt ist das Album düsterer als die Vorgänger. Und die Ideenfülle kann man nur als ausufernd bezeichnen. Viele Balladen, okay, etwas Indierock und als Rausschmeißer die psychedelischen 70s-Anleihen von „Mother“. Alles in allem eine Platte von zerbrechlicher Schönheit. Ich bin überzeugt davon, dass Florence + The Machine ihren Zenit noch nicht erreicht habe.
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