Wer kennt sie nicht, die Festivals, die irgendwann mal im Garten gestartet sind und über die Jahre immer größer werden? In Bonn ist das Green Juice einer der Kandidaten dafür – und das Festival feierte in diesem Jahr seinen 18. Geburtstag. Passend dazu gab es eine große Party mit vielen glücklichen Gesichtern und einem ausgesuchten Line-Up plus Geschenken. 12000 Besucher:innen kamen in Beuel zusammen – damit blieb das Besucheraufkommen hinter dem der Vorjahre zurück.
Das Wetter ist durchgehend heiß, die Menschen haben hervorragende Laune und irgendwo lässt sich auch der ominöse „Green Juice“ probieren, eben jenes Mischgetränk, auf das der Name zurückgeht. Das kann auch eine kurzfristige Evakuierung am Freitagabend wegen einer Gewitterwarnung nicht trüben.

Aber der Reihe nach: Deutschsprachige Bands dominieren beim Green Juice eindeutig das Geschehen. 15 Headliner sind auf der Hauptbühne zu sehen und sieben auf der „Rookie Stage“. Wer lieber elektronische Musik mag, kommt auch mit diversen DJ-Sets voll auf seine Kosten. Das Festivalgelände in Bonn-Beuel ist überschaubar und hält trotzdem jede Menge zu entdecken bereit. Es gibt einen Food Court mit den weitgehend üblichen Verdächtigen (Schnapper: Pizza für acht Euro, dezent überteuert: Pommes und Currywurst für 15 Euro). Daneben eine ausgedehnte Chillout-Area, teilweise auch mit Sonnenschirmen, die zumindest ein bisschen Schatten spenden. Sponsoren hat das Festival auch und die nutzen die Gelegenheit, ihre Produkte und ihre Marke zu präsentieren. Dazu gibt es die ein oder andere Aktion, Glücksrad, Airbrush-Tattoos, Sonnencreme und -hüte sowie viele weitere Werbegeschenke. Ob die scheinbar auf Festivals immer anwesende Zigarettenmarke dabei wirklich sein muss, sei dahingestellt – insbesondere bei Veranstaltungen, an denen auch viele Kinder teilnehmen.
Denn auch das zeichnet das Green Juice aus: Hier kommen nicht nur Generationen, sondern auch Lebensentwürfe zusammen und für alle ist Platz. Toleranz, Respekt und Wertschätzung haben sowohl auf als auch vor der Bühne einen Platz. Die Inter* Inclusive Pride Flag, eine erweiterte Regenbogenflagge, die nicht nur Schwule, Lesben und Bisexuelle einbezieht, sondern auch People of Color (PoC), Blacks, Trans*gender, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen repräsentiert, findet in Bonn an vielen Stellen ihren Platz. Die Besucher:innen können sich hier zeigen, wie sie sich wohlfühlen, ohne dabei kritischen Blicken oder Sprüchen ausgesetzt zu sein. (Samstags fand übrigens parallel zum Festival in Bonn der CSD statt.) Für kleine Kinder gibt es einen Platz direkt vor der Bühne im Graben, damit sie bei ruhigeren Konzerten, bei denen es kein Crowdsurfing gibt oder zumindest für einen Teil des Auftritts, alles aus erster Reihe mit guter Sicht erleben dürfen.

Musikalisch war jede Menge los: Van Holzen überzeugen ein noch überschaubares Publikum mit deutschsprachigem Rock und einem Gastauftritt von Mathias Bloech (Sänger Heisskalt), der „direkt von der Autobahn auf die Bühne“ kam. Bei Soffie wird es etwas poppiger – die Singer-Songwriterin war im September in Hamburg beim Reeperbahn-Festival zu sehen. Heisskalt (ebenfalls im Oktober/November auf Tour) zeigt einmal mehr, dass die Reunion der richtige Schritt war, auch wenn der Auftritt beim Green Juice mit einem Wermutstropfen daherkommt: Für Bassistin Lola war es das letzte gemeinsame Wochenende, sie verlässt die Band. Noch dicker kommt es dann, als kurz vor dem letzten Song die Moderatorin die Bühne betritt und alle bittet, das Gelände zu verlassen: Eine Gewitterwarnung muss von den Veranstaltern ernst genommen werden, alle sollen Schutz in Autos suchen, über die Sozialen Medien und andere Kanäle werde man die Besucher:innen über den weiteren Ablauf auf dem Laufenden halten. Gute zwei Stunden vergehen, bis es endlich Entwarnung und eine gute Nachricht gibt: Das Festival kann weitergehen und weil alle Künstler:innen mitziehen, können auch alle verbleibenden Bands auftreten. Die Party kann weitergehen und mit Raum27, Blond und Skindred funktioniert das auch absolut hervorragend.
Und weil es zu Geburtstagen immer auch Überraschungsgäste geben muss, gibt es zwischen Blond und Skindred noch einen Extra-Slot mit kleinem Equipment auf dem Hügel und der Chillout-Area gegenüber der Hauptbühne: OK Kid crashen das Festival mit einem kleinen Set. Die haben auf Social Media mitgeteilt, dass es in Köln doch ordentlich langweilig ist und sie Live-Auftritte gerade stark vermissen. Deshalb gibt es in diesem Sommer einige Überraschungs-Besuche bei Festivals – sicherlich auch, um das aktuelle Album „Komm, wir bleiben stehen“ und die dazugehörige Tour im September/Oktober zu promoten. Der Mini-Gig hatte dann auch alles, was dazugehört: viel Publikum, viel tanzen, Crowdsurfing und ein Lichtermeer zum letzten Song. Zusammengefasst: Alles richtig gemacht. Nicht nur von OK Kid, sondern auch von den Veranstaltern des Green Juice.

Das gilt auch für den Samstag, der nach Inferno und Still Talk direkt mit dem zweiten Überraschungsgig des Wochenendes startet: Mit Blackout Problems haben sich direkt die nächsten Dauer-Gäste angekündigt. Am 1Live-Sektor Bus bieten die Münchner auch mit Akustik-Set eine energiegeladene Show, die vor allem durch die Affinität von Sänger Mario Radetzky zu Besuchen in der Menge getragen wird. Auf der Hauptbühne geht es mit Bruchbude und Paula Engels weiter. Letztere steht allein auf der großen Stage – die Live-Band ist anderweitig verhindert. Dennoch meistert sie den Auftritt mit Bravour: Besonders im Gedächtnis bleibt die herzerwärmende Interaktion mit einem ganz jungen Fan: Die beiden singen spontan gemeinsam den Refrain zu „Ich fühl alles“.
Nach dem etwas ruhigeren Set ist es dann wieder Zeit für Party: OK. Danke. Tschüss. Wissen, wie genau das geht und liefern eine wirklich mitreißende Show. „Bunter, optimistischer Einhorn-Rock“ findet man als Beschreibung des Sounds und das trifft es eigentlich ziemlich gut. Entsprechend gibt es noch dazu ein riesiges Einhorn-Schlauchboot, das für Spaß in der Menge sorgt, während die Energie und gute Laune von Sängerin Eva Sauter umgerechnet sicherlich die Stromversorgung des Festivals locker abdecken könnte.

Adam Angst machen weiter, Punk Rock mit Sozialkritik und einer deutlichen Haltung gegen AfD und Rechtsruck – für die Besucher:innen des Festivals eine weitere Möglichkeit, sich weiter im Moshpit und beim Crowdsurfing auszupowern. Wer damit rechnet, danach eine Pause zu bekommen, hat falsch gedacht: Deine Cousine steht nämlich schon in den Startlöchern und knüpft mit feministischen Texten und einer ebenso klaren Haltung keinen Zweifel daran, dass sie zum Green Juice ganz hervorragend passt. Wie schon am Freitag tritt zum Abschluss eine internationale Band auf: The Wombats kommen aus UK und geben dem Festival einen würdigen Abschluss – inklusive Feuerwerk, auch wenn das zuvor wegen Waldbrandgefahr nicht hätte stattfinden sollen.
Für das nächste Jahr steht schon der Termin fest: am 6. und 7. August gibt es das nächste Green Juice. Das Line-Up dürfte auch dieses Mal gut werden und mensch sollte es im Auge behalten.













