Die Fernsehsendung „Sing meinen Song“, die von Xavier Naidoo ins Leben gerufen wurde, hat einiges bewirkt. Die Künstler, die dabei mitgewirkt haben, hatten in der Regel schon zuvor einen hohen Bekanntheitsgrad. Eine Ausnahme ist vielleicht Gregor Meyle, der nach den Clubkonzerten für Insider, die er in der Vergangenheit gab, plötzlich auch große Hallen füllt. Die anderen Sängerinnen und Sänger lernte man aber von einer sehr neuen, fast schon privaten Seite kennen. Und die gesanglichen Qualitäten wurden aufgrund des vielseitigen Repertoires der beteiligten Künstler stark gefordert.
Anscheinend sind aber auch echte Freundschaften entstanden. Zumindest unterstützen sich die Beteiligten seitdem bisweilen auf ihren Konzerten. So geht Gregor Meyle momentan als Support von Roger Cicero mit auf Tour. Zwar spielt er keinen riesigen Set (30 Minuten sind sogar recht dürftig, wenn man seine Chartpräsenz in den letzten Monaten bedenkt), bekommt aber immerhin die Gelegenheit, sich einem neuen Publikum zu präsentieren, und nutzt diese Chance auf seine einmalig sympathische Weise.
In der Saarlandhalle Saarbrücken – leider bei weitem nicht ausverkauft – begann sein Set pünktlich um 20 Uhr. Wie gewohnt hatte er auf der Bühne ein kleines Wohnzimmer mit Teppichen und Lampen aufgebaut. Als Unterstützung war die komplette Meyle-Band mit dabei. Das war gar nicht so selbstverständlich, denn der Keyboarder war auf dem Weg nach Saarbrücken im Zug eingeschlafen und erst in Basel wieder aufgewacht. Eine Freundin brachte ihn dann mit dem Auto zur Saarlandhalle. Diese Anekdote wurde (typisch für die lustigen Ansagen Meyles) zum Running Gag des Abends. Bei einem so kurzen Set musste er aber aufpassen, sich nicht in den Ansagen zu verzetteln, wie das sonst der Fall ist.
Zunächst gab es den aktuellen Titel „Hier spricht dein Herz“ und die Latino-Version von „Heute Nacht“, die mir nicht ganz so zusagt. Ich mag eher die getragenen, melancholischen Titel aus seiner Feder – wie das nun folgende „Finde dein Glück“. Gregor ist ein Lebenskünstler par excellence. Er kokettiert auch damit, dass er mit dem momentanen Erfolg endlich mal ein paar Kröten vor dem Finanzamt retten konnte. Dabei hat er nichts von seiner Leichtigkeit verloren und erzählt frei von der Schnauze weg, wie schlimm er die momentane Medienhetze gegen seinen Freund Xavier Naidoo findet, der anscheinend nachmittags ganz spontan zum Kuchenessen nach Saarbrücken kam.
Der kurze Auftritt endete dann mit „Du bist das Licht“ und „Hätt nix dagegen“. Ein sehr schöner Auftritt, der mit riesigem Applaus belohnt wurde. Es gab sogar stehende Ovationen – und wann erlebt man so etwas schon mal bei einer Vorband. Gregor hatte mal wieder alles richtig gemacht und entließ das Publikum in eine 20minütige Umbaupause.
Roger Cicero fuhr dann die schweren Geschütze auf. Fantastische Bigband mit acht Bläsern und Kontrabass neben der obligatorischen Rockband. Eine Bühne mit Stegen, die um die Musiker herum führten und dem Sänger die ganz großen Showposen ermöglichten. Er kam im dunklen Anzug und mit typischem schwarzem Hut. So hatte er sein Publikum von Beginn an nicht nur optisch im Griff. Sein Vater war ein berühmter Jazzpianist, seine Mutter Tänzerin – Roger ist der Swing einfach in die Wiege gelegt. Diesen verpackt er aber nicht etwa in verkopfte Arrangements, die Otto Normalhörer nur schwer ertragen kann, sondern er wählt leichte Pop-Nummern mit sympathischen Texten, die durch den Bigband-Einschlag an Tiefe gewinnen.
„Glück ist leicht“ war der erste Titel. Damit nahm Roger den Faden auf, den Gregor aus der Hand gelegt hatte. Wunderbar eingängige Titel. Und zwischendurch erzählte Cicero vom Eis essen in Saarbrücken und dem Badezimmer in der Künstlergarderobe der Saarlandhalle, das er erstmals seit zehn Jahren in renoviertem Zustand vorfand.
Cicero erzählt in seinen Stücken gern von Beziehungsdingen. Von Abschied und Freiheit, von Begegnungen und dem schmerzhaften Loslassen. Egal, ob da die Bigband mit virtuosen Trompetensoli glänzt oder Cicero allein zur Akustikgitarre im Rampenlicht steht. Er trifft den richtigen Ton und erzeugt wohlige Gefühle. Opulenter Orchesterklang, entspannte Gitarren, eingängige Pianoballaden – da war alles vertreten. Meist aber dominierten kraftvolle und modern groovende Rhythmen.
Roger gab den großen Entertainer und nahm ein Bad in der Menge. „Zieh die Schuhe aus“ als herzliche Botschaft der Frau zuhause an den Liebsten war der perfekte Song, um auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen. Er sprach dann auch das Thema an, dass jetzt eigentlich Pause im Programm wäre. Aber man hatte ja erstmals einen Supportact dabei und die Pause musste entfallen. Kein Problem – der kraftvolle Sänger stand das auch ohne Verschnaufen durch. Allerdings hätte ich mir ob der neuen Männerfreundschaft erwartet, dass Gregor Meyle irgendwann im Programm des Hauptacts nochmal im Geschehen auftaucht. Das war leider nicht der Fall – die Gründe dafür erschlossen sich dem Publikum nicht.
„Frauen regier’n die Welt“ war ein weiterer Song für die textfesten Zuschauer. Doch es ging nicht nur lustig zu. Ciceros Texte sind insgesamt nachdenklicher geworden, manchmal sogar philosophisch, wenn er mit „In diesem Moment“ eine großartige Ballade über die Bedeutung eines beliebigen Momentes für die Welt und für den Einzelnen besingt. In die gleiche Kerbe schlug „Wenn es morgen schon zu Ende wäre“, bevor „Murphys Gesetz“ das Konzert zunächst beschloss.
Inzwischen waren die Zuschauer längst nicht mehr auf den Sitzen. Der Großteil hatte sich vor der Bühne eingefunden und machte den Konzertabschluss mit „Du bist mein Sommer“ und „Bin heute Abend bei dir“ zur riesigen Party, bevor der Auftritt nach gut zwei Stunden endete. Mit lässiger Eleganz und deutschen Texten im swingenden Big-Band-Sound bezauberte Cicero mal wieder sein Publikum. Er bleibt sich und seinem Stil seit Jahren treu, erweitert aber gleichzeitig die inhaltliche und musikalische Bandbreite. Und er beweist einmal mehr, dass deutschsprachiger Swing durchaus modern und populär sein kann.
Die erste Europatournee der Piano Guys durch Deutschland, Österreich und die Schweiz war komplett ausverkauft und das Quartett um die beiden Musiker Jon Schmidt (Piano) und Steven Sharp Nelson (Cello) wurde mit Standing Ovations gefeiert. Ihre außergewöhnlichen Videos, die auf YouTube bis zu 400 Millionen Mal angeschaut wurden, binden The Piano Guys natürlich auch in Ihre Konzerte ein: Sie holen damit unglaubliche Kulissen wie die chinesische Mauer auf die Bühne und erschaffen ein beeindruckendes visuelles Erlebnis.
Auch musikalisch gilt für die vier Künstler, zu denen auch die beiden Produzenten Paul Anderson und Al Van Der Beek gehören, das Motto: „No Limits!“: The Piano Guys aus dem US-Bundesstaat Utah präsentieren mit ihren eigenen Arrangements eine einzigartige Mixtur aus Klassik und Pop sowie ein umfangreiches Repertoire, das von Beethoven über Coldplay bis hin zu David Guetta reicht.
Mehr als zwei Millionen Fans können sich nicht irren: The Piano Guys muss man live gesehen haben! Aufgrund des Auftritts bei „Verstehen Sie Spaß?“ waren sie in Deutschland auf Promotour unterwegs und wir konnten ihnen am 5. Juni in Saarbrücken begegnen. Dort trafen wir auf das bestens gelaunte Quartett, dessen fröhliche Stimmung sehr ansteckend war. Da das Interview nur auditiv aufgezeichnet wurde und ich die Stimmen beim besten Willen den Protagonisten nicht zuordnen kann, wird der Sprecher nur in Ausnahmefällen namentlich bestimmt. (Fotos: Jörg Lorscheider.)
Hallo. Schön, dass ihr Zeit für uns habt. Musicheadquarter ist ein Onlinemagazin für alle Arten von Musik. Von Klassik bis Heavy Metal.
Cool. Magst du Heavy Metal?
Ja. Aber jetzt geht es ja um euch. Am Samstag seid ihr bei „Verstehen sie Spaß?“. Ist das euer erstes Mal im deutschen Fernsehen?
Nein. Wir waren schon zweimal bei Mario Barth. Er liebt unsere Show. Er hat eins unserer Konzerte in Berlin gesehen. Ein super Typ. Er ist unser Freund.
Im November werdet ihr in der Saarlandhalle Saarbrücken auftreten. Was darf man erwarten?
Wer unsere YouTube-Videos mag, wird auch das Konzert lieben. Es ist, als ob man unsere Videos anschaut – aber es gibt viele unerwartete Dinge. Wir machen etwas Comedy und spielen ganz andere Versionen der Songs, die man schon aus dem Internet kennt. Wir werden auch mal alle vier auf der Bühne stehen. Das Publikum kann viel Spaß erwarten.
Aber die eigentliche Band sind Jon und Steven?
Paul: Sie sind die meiste Zeit auf der Bühne, aber manchmal leisten wir ihnen Gesellschaft. Im Hintergrund werden die Videos abgespielt. Jeder hat seine Aufgabe.
Ihr werdet als YouTube-Phänomen bezeichnet. Ich kann das nachvollziehen, denn seit mein Sohn „Cello Wars“ kennt, will er das Video ständig wieder sehen. Aber wie wollt ihr so etwas auf der Bühne umsetzen?
Manche Videos sind wirklich unmöglich auf der Bühne umzusetzen, aber wir tun unser Bestes. Ich glaube, bisher war noch niemand enttäuscht. Jeder mag, was wir tun. Was „Cello Wars“ angeht, haben wir noch keine Möglichkeit gefunden, das live zu spielen. Aber wir haben eine Idee – vielleicht Hologramme. Hast du die Michael Jackson-Show gesehen? Mit dem Hologramm von Michael?
Ich hab sie nicht gesehen, aber davon gehört.
Vielleicht versuchen wir mal etwas in der Art. Aber die Technologie ist sehr teuer. Wie heißt dein Sohn?
Florian.
Wir wissen, dass kleine Kinder zur Show kommen und gerne „Cello Wars“ sehen wollen. Wir werden irgendwas mit Video auf dieser nächsten Tour machen. Sie werden nicht enttäuscht sein. Versprochen.
Paul und Al werden auf der Tour mit dabei sein. Davon haben wir schon gesprochen. Alle vier zusammen nennt ihr euch The Piano Guys, aber das Cello ist ein wichtiges Instrument in eurer Performance. Ist es nicht diskriminierend für Steven, dass er sich Piano Guy nennen muss?
(Großes Gelächter.) Steven: Ich mag dich! Diskriminierung…. ja, es ist wirklich diskriminierend für mich. Beim Konzert dreht sich alles um Jon. Das ist das Problem.
Jon: Nein, nein.
Paul: Ich erkläre es dir. Das ist wirklich wichtig. Der Name hat verschiedene Hintergründe. Ich hatte ein Klaviergeschäft im Süden von Utah und wir nannten uns „The Piano Guys“. Der Laden hieß so. Aber wir suchten nach einer besonderen Idee fürs Marketing. So lernten wir Jon kennen. Er kam in den Laden, hat gespielt und wir begannen mit dem Drehen von Videos. Dann stellte er uns Steve vor: „Hey, das ist Steve. Er ist Cellist.“ Und Steve stellte uns Al vor: „Er ist Musikproduzent.“ Und plötzlich hatten wir alles, was wir brauchten. Wir hatten wirklich vor, den Namen des YouTube-Kanals noch zu ändern, aber als Steve dazu kam, war es schon zu spät.
Ich habe den Aprilscherz auf eurer Homepage gesehen. Ihr würdet euch in The Cello Guys umbenennen.
Ja. Hat er dir gefallen?
Sehr. Ich hab es einen kurzen Moment lang geglaubt, bis ich das Datum sah.
Steven: Das war eine tolle Idee von Al. Es sind einfach große Momente. Wir lieben diese Rivalität. Während der Konzerte ärgern wir uns gegenseitig. Das ist sehr spaßig. Es macht den Spaßfaktor der Piano Guys aus. Ich bin nicht sauer deswegen, aber ich tue so als ob.
Es gibt Stücke wie das „Ave Maria“, auf denen du das Cello in acht Spuren spielst. Könnt ihr das auf der Bühne machen?
Steven: Da arbeiten wir mit Videos. Wie schon gesagt. Du wirst mich einen Teil des Songs live spielen hören und im Hintergrund siehst du auf der Leinwand die übrigen Celli.
Du benutzt also keinen Looper?
Steven: Doch, ich arbeite auch mit Loops. Zumindest bei einigen Songs.
Und ich habe auch gesehen, dass ihr das Piano als Saiteninstrument nutzt, zum Beispiel in „What Makes You Beautiful“. Da werden die Saiten gezupft. Ihr macht Percussion auf und mit dem Holz. Wer hat so großartige Ideen?
Vor allem Al. Das ist meistens Al. Nein, wir alle haben solche Ideen. In diesem speziellen Fall war es ein geschäftliches Meeting und wir waren im Klaviergeschäft. Wir standen drum herum und haben uns unterhalten. Plötzlich begann jemand, dagegen zu schlagen, ein anderer hat an den Saiten gezupft und bevor wir wussten, was passierte, haben wir alle auf dem Piano gespielt. Wir dachten, das ist cool. Irgendwann mal, wenn wir unterwegs sind, werden wir die Idee nutzen. Und so kam es. Wir brauchen da nie lange. Wir hatten die Idee, haben ein Lied arrangiert, zusammen geprobt. Dann gingen wir ins Studio zum Videodreh. Das dauerte höchstens 4-5 Tage. Aber wir waren unsicher, ob wir es wirklich veröffentlichen sollen. Darf man das mit einem Piano machen? Letztlich haben wir es veröffentlicht und es ist unser am meisten gesehenes Video bis heute. Inzwischen haben wir 400 Millionen Views auf unserem Kanal. Drei Millionen YouTube Subscribers. Eine Million Facebook-Fans. Das hat uns überwältigt. Es ist wundervoll.
„What Makes You Beautiful“ war auch das Video, was mich letztlich von euch überzeugt hat.
Paul: Danke. Wir spielen es auf jeder Show. Ich und Al kommen raus und wir beschließen die Show damit. Irgendwann muss man ja auch aufhören. (Die anderen lachen.)
Ein Konzept wie „Rock meets classic“ funktioniert ja oft so, dass man die Originalsongs mit Gitarren und Schlagzeug holt und mit bombastischen Streichern umspielt. Ihr wählt aber Stücke aus, die allein mit Piano und Cello ihre Wirkung erzielen. Wie tut ihr das?
Das ist gar nicht so einfach. Wir probieren verschiedene Sachen aus und manchmal funktioniert es nicht mit Piano und Cello. Wir verändern die Tonart und probieren es wieder. Aber wir wählen nur Songs aus, die sich richtig anfühlen. Die zu unseren Instrumenten und zu unserem Stil passen. Die Kinder helfen uns oft bei der Auswahl. Wir haben zusammen 16 Kinder, musst du wissen. Und wir haben einen großen klassischen Hintergrund. Wir wählen klassische Musikstücke aus, die wir mögen. Das ist viel geworden über die Jahre. Und wir schreiben unsre eigene Musik.
Jon: Das ist sowieso das schwierigste. Du musst unter so vielen Tönen auswählen und entscheiden, welcher Ton als nächstes kommt. (Wieder großes Gelächter von den anderen.)
Und ihr versucht Stile zu kopieren, wie in „Michael Meets Mozart“, ohne aber tatsächlich deren Musik zu nutzen.
Ja, das ist wie bei einem Koch, der sein eigenes Gericht kreiert. Er bekommt Einflüsse von überall her, macht aber trotzdem sein eigenes Gericht. Und wir nutzen viele Einflüsse. Wenn du all unsre Tracks anhörst, wirst du viele verschiedene Sachen finden. Wir hatten das Gefühl, in One Direction ist manchmal die Musik von Bach versteckt. Und es hat großen Spaß gemacht, das heraus zu arbeiten. Die meisten Leute wissen das nicht, aber wenn du einen unsrer Songs hörst, all die Sounds, die komplette Sinfonie, die Percussion – das wird von Steve auf seinen Celli gemacht. Er hat viele davon in allen Varianten. Traditionelle Celli, Steel Celli, elektrische Celli. Sie können sich anhören wie Streicher, Viola, Doublebass, Schlagzeug – alles was du hörst wurde von einem Piano oder einem Cello gespielt. Mit einer Ausnahme: manchmal nutzen wir eine Kick Drum. Aber abgesehen davon ist alles von den beiden Instrumenten. Wir nutzen Als Studio. Er ist Musikproduzent und Toningenieur. Es macht großen Spaß, ein Musikstudio als Instrument zum Musikschreiben zu nutzen. (Alle lachen).
Ja, das tun wir doch. Wir müssen uns keine Sorgen machen, dass wir für die Zeit bezahlen müssen. Wir experimentieren zusammen. Außerdem haben wir unsere Väter und unsere Kinder. Wir testen die Songs aus. Das nennen wir den „Disney-Test“. Ist der Song in Ordnung? Etwas, das wir unseren Kids zeigen können? Wäre es okay, wenn Kinder den Song im Original sehen, den wir covern? Das originale Video auf YouTube? Das ist eine der Herausforderungen. Denn es gibt gar nicht so viele Videos und Lyrics, die in Ordnung („clean“) sind – also familienfreundlich.
Ihr covert also nichts von Miley Cyrus?
Steven: Du hast es erfasst. Manche ihrer Songs sind wirklich gut („catchy“). „Wrecking Ball“ – hey, das ist ein klasse Song. Ich dachte: Super. Schau dir mal das Video an. Und dann so etwas. Ich hab es sofort ausgeschaltet. Für Kids – oder auch für mich – ist das nichts. (Mal wieder großes Gelächter.)
Wie Jon und Paul schon gesagt haben: Es ist nicht einfach. Wir lassen auch Songs uns auswählen, indem sie uns inspirieren. Wirklich. Das ist es – die Inspiration.
Ich finde es aber interessant, dass ihr kindgerechte Lyrics und die Darstellung im Originalvideo zum Ausgangspunkt eurer Überlegungen macht. Es gibt nicht viele Musiker, die so handeln.
Danke, dass du es so siehst. Wir haben schon viele gute Ideen deshalb verworfen. Sachen, die wirklich super funktioniert hätten.
Eure Videos sind extrem aufwendig. Manchmal sieht man ein Piano in der Wüste, auf einem Felsen oder der chinesischen Mauer. Ist das alles echt? Fliegt ihr da per Hubschrauber hin? Oder wird auch getrickst?
Paul: Du weißt ja jetzt, dass ich ein Klaviergeschäft hatte. Mein Vater hat Klaviere transportiert. Er ist super, unglaublich. Er hat nie ein Piano beschädigt. So haben wir einfach Erfahrung und Zugang zu den richtigen Techniken. Jemanden, der uns einen Flügel transportiert, wohin auch immer wir ihn haben wollen. Wir machen das selbst. Nur für die chinesische Mauer – da haben wir 30 Leute engagiert, die uns geholfen haben. Die mussten ungefähr 1000 Stufen hoch.
Steven: Es gibt nur ein Video, bei dem wir Tricktechnik, einen Greenscreen genutzt haben. Was denkst du, welches es war?
Ich denke „Cello Wars“.
Steven: Genau. Alles andere ist wirklich echt. Das ist so aufregend. Manchmal sind wir wie kleine Kinder, die eine neue Idee haben und diese umsetzen wollen. Gegen jedes Gesetz. Okay, kommen wir zur nächsten Frage: Wie heißt die Hauptstadt von Utah?
Keine Ahnung.
Und die Hauptstadt von Deutschland?
Berlin.
Bingo. (Alle lachen.)
Was ist denn euer höchstes Ziel? Was wollt ihr unbedingt noch tun? Ein Video auf dem Mond drehen?
Steven: Einen Flügel aus einem Flugzeug werfen – und Jon spielt Piano bis zum Aufschlag. Ein Dreiminutenwalzer in 20 Sekunden. Das wär’s. Unser lustigstes Video haben wir in Berlin gedreht. Es heißt auch so. Kennst du das?
Nie gesehen.
Das ist in Deutschland für YouTube gesperrt. Irgendwelche rechtliche Gründe. Du musst es auf MyVideo anschauen. Wir waren an all diesen Orten, der Siegessäule, dem Brandenburger Tor, dem Berliner Dom. Es war traumhaft. Deutschland inspiriert uns.
Eine letzte Frage. Das will meine Frau gern wissen, die selbst Harfe spielt: Wie viele Celli hat Steven?
Es sind 18. Sie alle haben verschiedene Namen und eine Persönlichkeit. Das hier ist Boris. Er geht mit auf die Promotour. Wir haben aber auch 25 Klaviere. Und in jedem Flügel steckt eine Harfe.
Vielen Dank an euch. Dass ihr hier in Saarbrücken wart und euch so viel Zeit für meine Fragen genommen habt.
Wir danken dir auch. Es war schön, dir zu begegnen. Wenn du im November in die Saarlandhalle kommst: Bring Florian und deine ganze Familie mit. Ihr werdet viel Spaß haben.
Davon bin ich überzeugt.
Ein großes Dankeschön geht an Nadja von Popp Concerts, die uns das Interview vermittelt und uns vor Ort gewohnt herzlich betreut hat.
Blackeyed Blonde wurden 1990 gegründet und galten in den 90ern im Saarland als die Metal-Helden überhaupt. Sicher nicht von jedem gemocht, doch ihr Crossover aus Rock, Metal, HipHop und Funk traf den Nerv der Zeit und sie eiferten klanglich ganz dem Sound gängiger Hardcore-Bands nach. Ihr Alleinstellungsmerkmal waren aber die saarländischen Lyrics und Textpassagen, die sich immer wieder in den Songs fanden. Es reichte nicht für den deutschlandweiten Erfolg, doch Titel wie „Boomerang“ schafften es zumindest auf den Musikkanal Viva (ja – damals wurde da tatsächlich noch Musik gespielt). Das viel zu frühe Ende kam, nachdem man im Staatstheater Saarbrücken ein Shakespeare(!)-Stück musikalisch inszeniert hatte. Ein vielleicht allzu ambitioniertes Projekt für eine Metalband, das die Bandmitglieder am Ende auseinander dividierte.
Keine Ahnung, was die Musiker in der Zwischenzeit gemacht haben. Auf jeden Fall war die Freude groß, als in den Weiten des Netzes plötzlich neue Songs auftauchten und schließlich ein Reunion- und CD-Release-Konzert für das JUZ in Saarbrücken angekündigt war. Die Karten verkauften sich wie geschnitten Brot und das Konzert wurde schließlich in die altbekannte (und doch besser geeignete) Garage verlegt.
Eine riesige Menschentraube hatte sich dort eingefunden und das weite Rund der Garage war bestens gefüllt. Interessanterweise Fans aller Altersklassen – zum Teil junge Menschen, die von der Livestärke der Band höchstens mal vage gehört haben können. Die beiden Vorbands Viavo und New Noise Project habe ich leider nur am Rande mitbekommen. Und pünktlich um 20.45 Uhr ging schon der Set von Blackeyed Blonde los.
Das Septett betrat zum Teil in gruseliger, an alte Slipknot-Zeiten erinnernder Maskierung die Bühne. Man hatte ein hohes DJ-Pult aufgestellt und die Soundkulisse kam oft vom Band. Kein Problem – Hauptsache Gitarren, Bass und Schlagzeug hauen ordentlich rein. Der Klang kam mir anfangs ziemlich dumpf vor. Aber man gewöhnt sich an alles. Zu alter bzw. neuer Besetzung kann ich nicht viel sagen. Sind doch schon ein paar Jährchen her, seit ich die Band zum letzten Mal gesehen habe.
Die Stimmung auf und vor der Bühne war bestens. Es begann mit zwei Titeln aus alten Zeiten und der bärtige Sänger hatte sein Publikum gut im Griff. Später sollte er gar ein Crowdsurfing wagen. Doch es war vor allem ein Release-Konzert und so bekam die Menge in der Folge eine stattliche Anzahl neue Songs in deutscher Sprache oder (noch skurriler) mit saarländischen Texten zu hören. Da lag nach Meinung vieler Fans schon immer die Stärke von Blackeyed Blonde und ich finde es genial, dass man nun komplett in diese Richtung gegangen ist.
Die neuen Songs sind der Knaller! Das mal vorweg. „Tanz du Sau“, was für ein spaßiger Kracher mit Text ohne jeden Tiefgang. Stimmlich ist der Sänger allererste Sahne. Rau und knackig. Es wird gerotzt was das Zeug hält und dazu bisweilen düstere Gitarrenklänge und Rap-Einlagen. Das Album wurde bis auf einen Song komplett gespielt. Vielseitig, dreckig, textlich oft unter der Gürtellinie – so wie wir BEB schon immer geliebt haben. „Saarstahl“ weckte Heimatgefühle für die Besucher aus dem kleinsten Bundesland, „Tief“ brachte fast das komplette Publikum in die Hocke und ließ es begeistert wieder aufspringen.
Ja, Blackeyed Blonde sind definitiv wieder zurück. Ich will mich jetzt auch nicht lange mit den soundtechnischen Ungeschicklichkeiten aufhalten. Das Album, das es am Abend zu erwerben gab, ist 1a produziert und lässt die alten Zeiten hochleben, als die Band noch ihren Plattenvertrag bei Gun Records hatte. Schade, dass es vor dem Crossover-Boom schon vorbei war. Da hätte noch einiges draus werden können. Jetzt sind die alten Recken fest im bürgerlichen Beruf, aber auf der Bühne merkt man nichts davon.
In Feierlaune gab es zum Abschluss den Smashhit „Boomerang“ in überlanger Version. Ein Fest für alle treuen Fans. Doch die Rufe nach dem saarländischen Song „Kämpf“ wurden immer lauter. Ein Stück, das BEB damals in die Schlagzeilen brachte und kontrovers diskutiert wurde, da es mit deutlichen Worten auf die Brutalität einiger Polizisten eingeht und vor Beschimpfungen dieser Berufsgruppe nur so strotzt. Für den Sänger immer noch ein hochemotionales Thema, denn er ließ zum Abschluss seine Hose runter und zeigte den blanken Allerwertesten.
85 Minuten lang dauerte die musikalische Sause und es hat sich allemal gelohnt, Das Zusammenraufen der Band, die neue Produktion, der Weg in die Garage. Blackeyed Blonde haben zu alter Stärke zurück gefunden und sind in Topform. Es wird weiter gehen, denn ein nächstes Konzert am 13.6. beim Asta-Open-Air an der Uni Saarbrücken ist schon angekündigt. Und ich hab endlich wieder ein BEB-T-Shirt im Schrank. Ein Hoch auf alte Zeiten!
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Setlist — Blackeyed Blonde am 23.5.2014 in der Garage Saarbrücken
Southwest
Slang
Tanz du Sau
In der Stadt
5 Bitches
Schmeiß doch weg
Schreibs auf
Wort ist Brot
Saarstahl
Tief
Boomerang
Du bist
Kämpf
Langsam aber sicher hat es sich herum gesprochen, dass die Brüder Kai und Thorsten Wingenfelder – ehemals Mitglieder der legendären Band Fury In The Slaughterhouse – inzwischen deutschsprachige Musik machen. Der Weg dahin war nicht einfach: Schon im Jahr 2007 (und damit ein Jahr vor Auflösung der Band) gab es erste Soloalben der beiden. Kai veröffentlichte das Album „Alone“ mit ziemlich typischem Fury-Sound und englischen Texten, Thorsten allerdings wagte sich auf das gefährliche Feld der deutschen Musik und legte mit „360° Heimat“ ein wahres Meisterwerk hin, dessen Titelsong mich auch heute noch bei jedem Hören enorm beeindruckt. Und nach dem Ende der Band machte man zunächst mal was ganz anderes: Thorsten wurde Fotograf, Kai zum Filmemacher.
Das sie jetzt trotzdem im Kleinen Klub der Garage Saarbrücken auf der Bühne standen, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass beide einfach nicht von der Musik lassen können. Es wäre auch ein großer Verlust, denn die bisher erschienenen Alben sind echte Perlen auf dem weiten Feld der deutschsprachigen Musik. Hier haben die Wingenfelders ihre Heimat gefunden. Daran ändert auch die kurzzeitige Jubiläums-Reunion von Fury In The Slaughterhouse nichts
Das 2013er Album „Selbstauslöser“ stand im Mittelpunkt des Konzerts. Fast das komplette aktuelle Werk wurde gespielt. Wingenfelder legten ohne Vorband los, erschienen aber nicht als Duo, sondern brachten eine famose vierköpfige Combo mit. Die Bühne im Kleinen Klub ist nicht riesig, doch es reichte noch für eine LCD-Fläche im Hintergrund, auf der bisweilen Begleitfilme eingespielt wurden.
Die Bandbreite der Songs reichte vom Titelsong „Selbstauslöser“ über den Highspeed-Motivationssong „Petra Pan“ und das erzählerisch starke „Zu wahr um schön zu sein“ bis hin zur nostalgischen Hymne „Klassenfahrt“ und den nachdenklichen Balladen „Du bist die Nacht“ sowie „Oben am Wendehammer“. Ein leichtes Faible zur Sozialkritik ist immer vorhanden – das ging auch aus den Ansagen hervor. Kai und Thorsten erzählten vom Tourleben und besonderen Erlebnisse wie beispielsweise der Nacht mit den Bocholter Dialyse-Schwestern oder von der Tatsache, dass gerade im Osten sehr junge Menschen die Konzerte besuchen und man auf das Problem trifft „Teenies mit Songs für Mittvierziger unterhalten zu wollen“.
Viele Titel stammten auch vom ersten gemeinsamen Album „Besser zu zweit“. Das Repertoire ist inzwischen breit gefächert. „Perfekt“ beispielsweise, die allererste Single-Auskopplung, das melancholische „Dinge, die wir nicht verstehen“ und „Die Unperfekten“ als Stücke, die klangen als seien sie direkt der „Hook A Hey“-Phase von Fury entliehen und pure Gänsehaut verursachten. Wenn dann „Besser zu zweit“ als Mottosong der neuen Ära ertönte, gab es ungewollt Pipi in die Augen.
Kai und Thorsten verzauberten ihre Zuhörer mit einer Mischung aus Melancholie und Rock. Damit bewegten sie sich zielsicher in eine Richtung, wie es Revolverheld vielleicht für die etwas jüngere Generation tun. Als Bonbon an die Fury-Fraktion gab es „When I’m Dead And Gone“, „Won’t Forget These Days“, „Time To Wonder“ und „Trapped Today, Trapped Tomorrow“. Highlights, ganz klar – aber auch jeder andere Song traf den Nerv der Zuschauer.
Ich habe den Weg von Fury lange verfolgt und erinnere mich an ein Konzert in St. Wendel Anfang der 90er, als sie gar nicht mit Spielen aufhören wollten und nach regulärem Konzertende einfach noch eine unendliche Reihe Stones-Titel raus hauten. Dieses Gefühl durfte man auch in Saarbrücken wieder haben: Musik ist ihre Berufung und Livekonzerte sind keine lästige Pflicht. Da gingen Band und Zuschauer nach mehr als zwei Stunden Konzertlänge hochzufrieden nach Hause. Die aktuellen Alben kann ich Freunden handgemachter Musik wärmstens empfehlen.
Da fand sich mal wieder ein harter Doppelpack in der Garage Saarbrücken ein. Amorphis sind auf „Circle World Tour“ und haben sich als Gäste die Newcomer Starkill aus Chicago eingeladen. Die Garage war gut gefüllt, aber bei weitem nicht ausverkauft. Schade, denn beide Bands lieferten eine fulminante Show ab und brachten das Publikum (nach anfänglicher Zurückhaltung) zum Kochen.
Das Quartett Starkill wurde bereits 2008 gegründet und darf seit 2013 einen Plattenvertrag bei Century Media sein eigen nennen, dem kürzlich das Debütalbum „Fires Of Life“ folgte. In der Garage legten sie locker-flockig los und stellten in 45 Minuten Länge ihr Album vor. Was wir zu hören bekamen war melodischer Death Metal mit Growls und starker Gitarrenarbeit. Auch der Schlagzeuger legte einen klasse Job hin. Etwas befremdlich waren allerdings die sphärischen Passagen, die an epische Filmmusik erinnerten. Und versteht mich nicht falsch: Klanglich war das hervorragend, wurde aber als Sample abgespielt. Da fehlt noch der richtige Keyboarder, um die Band zu vervollständigen. Dessen Arbeit übernimmt im Studio der Vokalist. Dass er auf der Bühne anderes zu tun hat (nämlich begeistert ins Mikrofon schreien und die Mähne schwingen) sei ihm gegönnt. Alles in allem ein gelungener Start in den Abend und es war augenscheinlich, dass im Anschluss einige CDs der Band über die Merchandise-Theke gingen.
Nach kurzer Umbaupause starteten Amorphis im Bühnenbild ihres aktuellen Albums „Circle“. Der Selbstfindungsprozess der Metaller aus Finnland hat lange gedauert. Man begann weiland mit reinem Death Metal, dem sich allerdings recht zeitig auch Progressive-Rock-Elemente beimischten. Dies wurde weiter verfeinert und Amorphis verzichteten stellenweise gar auf den aggressiven Growlgesang, was sie sicher einige Fans kostete. Seit dem Einstieg von Tomi Joutsen 2005 hat man aber das Gefühl, als hätten Amorphis endlich ihren ureigenen Weg gefunden.
In den Veröffentlichungen ist eine stetige Steigerung feststellbar und „Circle“ ist eindeutig der vorläufige Höhepunkt. Die melodische Mischung aus Death Metal, Progressive Rock und folkigen Klängen, die mal orientalisch angehaucht, mal nach reinem Mittelalterrock klingen, ist absolut stimmig. Tomi Joutsen ist der perfekte Mann am Mikro. Er schwingt seine Rasta-Mähne und hält drauf, was das Zeug hält. Mit energischen Growls oder klaren Vokalpassagen – wie es gerade passt. So lief das auch in der Garage. Der stetige Wechsel im Gesangsstil machte die Klasse von Amorphis aus und es gab auch die typischen folkloristischen Einlagen im Wechsel mit sanften Pianomelodien und den gewohnt düsteren Passagen.
Die Setlist umfasste viele Phasen der Band, los ging es jedoch vor allem mit einigen „Circle“-Songs, die sich mit „Sampo“, „Against Windows“ und „My Kantele“ die Klinke in die Hand gaben. Im Mittelteil erfolgte eine Verschnaufpause mit dem „Tales“-Intro „Thousend Lakes“. Danach ging es eben so energisch weiter. 90 Minuten dauerte die Sause und fand mit dem Zugabenblock aus „Sky Is Mine“, „Black Winter Day“ und „House Of Sleep“ ihren gebührenden Abschluss. Amorphis gelingt der Spagat, Folk, Death Metal und Progressive Rock zu verbinden. Da wundert sich auch niemand, wenn plötzlich ein Marillion-Shirt inmitten der Metalheads auftaucht.
Shades Of Grey
Narow Path
Sampo
Silver Bride
Against Windows
The Wanderer
My Kantele
Thousand Lakes
Into Hiding
Nightbird’s Song
The Smoke
You I Need
Hopeless Days
Leaves Scar
—
Sky Is Mine
Black Winter Day
House Of Sleep
Lena Meyer-Landrut hat in kürzester Zeit eine Karriere durchlaufen, für die andere Künstler Jahrzehnte opfern müssen. 2009 bewarb sie sich bei Stefan Raab für die Show „Unser Star für Oslo“ und der Rest ist deutsche Musikgeschichte. Damals war sie 18 Jahre alt. Heute ist sie mit 22 immer noch ein junger Hüpfer, hat aber schon drei Alben auf den Markt gebracht, die sich allesamt an der Spitze der deutschen Charts verorten konnten. Nun kann man über die Langlebigkeit eines Titels wie „Satellite“ streiten. Heute können noch Generationen von Deutschen das Siegerlied „Ein bißchen Frieden“ von Nicole mitsummen. Ob das in dreißig Jahren auch mit „Satellite“ funktioniert wage ich zu bezweifeln.
Egal. Lena vereint die Generationen. Das war in der Saarbrücker Garage deutlich zu spüren, denn es fanden sich Zuschauer vieler Altersklassen ein. Recht viele Kinder (vor allem Mädchen) mit ihren Eltern, eine respektable Menge Jugendlicher, aber auch Vertreter der älteren Generation, die ohne Alibi-Kind erschienen waren. Alles war kinderfreundlich organisiert. Verzicht auf unnötige Vorbands, ein pünktlicher Konzertbeginn kurz nach 20 Uhr und damit ein Ende schon gut vor 22 Uhr. Die von weiter angereisten Eltern werden es dem Veranstalter danken.
Lena hüpfte putzmunter auf die Bühne, warf ein fröhliches „Hallo ihr Süßen“ in die Menge und es konnte losgehen. Den Anfang machte der Titel „To The Moon“. Lena kann inzwischen auf ein großes Repertoire eigener Songs zurück greifen. Das erlaubt ihr eine facettenreiche Zusammenstellung der Setlist. Vom modernen Pop über Funk und Retro-Sound bis zu akustischen Balladen ist alles dabei. So kann Lena ihre Vielseitigkeit zeigen und bleibt dabei trotzdem ihrem persönlichen Stil treu. Besondere Freude hat sie an den Uptempo-Nummern, die zum Tanzen anregen. Dabei bewegte sie sich in typischer Lena-Manier mit ausgebreiteten Armen auf der Bühne und ließ sich von der Musik treiben.
Die Setlist zog sich durch alle drei Alben und Kenner wissen, dass ungewöhnlich viele Songwriter an den Produktionen (vor allem beim zweiten Album) beteiligt waren. Die grandiose Band mit Keyboards, Gitarren und Kontrabass trug ihr übriges dazu bei, die Songs zum Leben zu erwecken. Zunächst bekamen die Zuschauer viele Albumtitel zu hören, die man nicht aus dem Radio kennt. Erst zur Hälfte des Sets gab es das düster-elektronische „Taken By A Stranger“ von Lenas zweitem Eurovisions-Auftritt, gekonnt durchmischt mit dem Coversong „Tainted Love“ (Soft Cell). Überhaupt präsentierte Lena einige spannende Coverversionen wie „Je Veux“ von ZAZ, „Rich Girl“ von Hall & Oates und „Life-ning“ von Snow Patrol. Damit wurde auch klar, wo ihre eigenen musikalischen Prioritäten liegen, was sie bei den Ansagen immer wieder betonte.
Natürlich warteten die Zuschauer vor allem auf „Satellite“. Als ersten Song im Zugabenblock musste man aber noch „Hit Me Baby One More Time“ (Britney Spears) über sich ergehen lassen, bevor endlich der erlösende Nummer-1-Hit erklang. Insgesamt war das Konzert sehr ausgewogen. Lenas Stimme wurde stark gefordert, das merkte man zeitweise auch. „Satellite“ beispielsweise klang bei weitem nicht so stark, wie man es aus der Fernsehpräsenz gewohnt ist. Allein Lenas sympathisches Auftreten reichte aber schon aus, um über einige stimmliche Probleme hinweg zu sehen. Sie ist ein Energiebündel, eine gute Entertainerin, hat ihr Publikum im Griff, bittet ein Mädchen zum Duett auf die Bühne, erzählt, was ihr gerade in den Sinn kommt.
Lena ist ein bezauberndes junges Talent geblieben. Wenn man sie dieser Tage in der Show „Voice Kids“ sieht, merkt man, dass sie nichts von ihrer Verrücktheit und Spontanität verloren hat. Das war in Saarbrücken ebenso spürbar. Gebt mir ein Mikro und lasst uns alle zusammen Spaß haben – diese Freude vermittelt die junge Künstlerin bei jedem Konzert.
Bereits vor fünf Jahren war dieses infernalische Duo gemeinsam auf Tour und nannte die Konzerte „Hellish Rock“ – der Name war Programm. Überhaupt war es schön zu sehen, dass sich Kai Hansen mit den alten Bandkollegen noch eine Bühne teilen kann, auch wenn sein Abschied von Helloween Ende der 80er Jahre für alle Seiten nicht so glorreich war. Das Erfolgskonzept schrie jedenfalls nach Wiederholung und so sind Gamma Ray und Helloween auch 2013 wieder gemeinsam unterwegs, um die Konzerthallen der Welt im Sturm zu erobern. Den Anfang in Deutschland machte die Garage in Saarbrücken. Ideale Location, um die Metalgemeinde wach zu rütteln.
Als Support gab es Shadowside. Sorry, leider knapp verpasst. Ich traf gegen 19.45 Uhr in der prall gefüllten Garage ein und kurz darauf begannen Gamma Ray ihren einstündigen Set. Was für eine Wucht! Ich bin geneigt zu sagen, dass Kai Hansen hier mit seiner neueren Truppe die alten Weggefährten fast an die Wand gespielt hat. Ganz so frappierend war es zwar nicht, doch als er zum Ende des Sets „Future World“ anstimmte, war die Stimmung im Saal auf einem Höhepunkt, den sie später nicht mehr erreichen sollte.
Darüber hinaus gab es einen Set mit Klassikern wie „Men, Martians And Machines“, „Dethrone Tyranny“, „Empathy“ und „To The Metal“. Hinzu kamen die neuen Songs von der aktuellen EP „Master Of Confusion“, nämlich der Titeltrack und „Empire Of The Undead“. Musikalisch ging‘s in bewährter Manier zur Sache: Power und Speed. Wenn Gamma Ray sich von ihrer temporeichen, hymnischen Seite zeigen, ist der alte Spirit wieder da – und auch Hansens Stimme leidet nicht unter Abnutzungserscheinungen. Nach einer Stunde war das Publikum mehr als aufgewärmt und die Umbauarbeiten für Helloween begannen.
Mit „Straight Out Of Hell“ hat die Band um Andi Deris (inzwischen schon seit 19 Jahren Leadsänger) momentan ein heißes Album am Start, das die Band erstmals auf Platz 4 der deutschen Albumcharts katapultierte. Das hat nicht mal „Keeper Of The Seven Keys“ geschafft. Auf dem neuen Werk findet sich eine gesunde Mischung aus virtuosen, rauen und ruhigen Tracks. „Straight Out Of Hell“ ist ein Werk voller Spielfreude, mit komplexen Arrangements, starken Hooks und dichter Atmosphäre. „Nabataea“ ist ein Ohrwurm, zu dem Deris‘ Stimme perfekt passt. Hier zeigt er, zu was er stimmlich fähig ist und die Schreie entschwinden in ungeahnten Sphären. Ein Hammersong gleich an zweiter Stelle im Set.
Vom neuen Album gab es noch mehr zu hören und auch der Vorgänger war mit „Where The Sinners Go“ und „Are You Metal?“ hervorragend vertreten. Auf den letzten Scheiben boten Helloween so solide Kost, dass sie sich nicht hinter ihren Klassikern verstecken müssen. Diese kamen natürlich auch, doch vor das Feiern hat Gott leider den Balladenblock gesetzt. Hier kühlte die Stimmung in der Garage merklich ab. Spannend wurde es erst wieder ab den Zugaben und „Dr. Stein“. Zum krönenden Abschluss standen gar die Mitglieder beider Bands zusammen auf der Bühne und rockten, was das Zeug hielt.
Helloween sind und bleiben ein Phänomen. In Südamerika und Asien auf riesigen Festivals zuhause und gnadenlos abgefeiert, bei uns nur in eingefleischten Metalkreisen beliebt. Der Prophet im eigenen Land zählt halt nicht so viel. Das macht auch der Charteinstieg nicht wett, denn wir wissen, dass man für einen Platz in den Top 5 lange nicht mehr so viele CD-Verkäufe braucht wie noch in den 90ern.
Was bleibt also? Die alten Recken haben in 60 bzw. 90 Minuten gezeigt, warum ihre Platten immer noch die reinsten Burner sind und dass man sie musikalisch nicht unterschätzen darf. Kai und Andi auf der Bühne sind ein Traum. Beim nächsten Mal sollen sie einfach noch Kiske mit dazu nehmen. Unisonic sind auch mehr als ein Geheimtipp. Wäre schön, wenn es nicht zu lange bis „Hellish Rock Part III“ dauert.
Die nächsten metallischen Ereignisse in Saarbrücken:
Im Thrash Metal-Bereich war 2012 eindeutig das Jahr von KREATOR. Die Historie der Essener Band ist über die Jahrzehnte hinweg eng mit der Geschichte des Heavy Metal verbunden. In den 80ern trugen KREATOR neben Bands wie Sodom und Destruction maßgeblich zur Verbreitung des neuen Genres in Deutschland bei. Alben wie „Terrible Certainity“ und vor allem „Pleasure To Kill“ gelten auch heute noch als schwermetallische Standardwerke. Die 90er brachten allerdings den bekannten Grunge-Hype mit den Speerspitzen Nirvana und Pearl Jam, was nicht nur Ikonen wie Megadeath und Metallica in arge Bedrängnis brachte, sondern auch dazu führte, dass Kreator musikalische Experimente wagten und Elemente von Death, Industrial oder gar Gothic Metal in ihren Outputs verwursteten. Erst seit Anfang des neuen Jahrtausends darf man von einem Thrash-Revival sprechen und auch Kreator kehrten mit „Violent Revolution“ und „Enemy Of God“ zu alten Tugenden zurück. Es folgten „Hordes Of Chaos“ und der vorläufige Höhepunkt „Phantom Antichrist“. Die Veteranen aus dem Ruhrgebiet sind und bleiben ganz oben – und so war es nicht verwunderlich, dass die Jünger am 19. Dezember in Scharen zur Saarbrücker Garage pilgerten.
Ganze vier Bands hatten sich zum aktuellen Tour-Package angesagt und so startete man schon gegen 17.30 Uhr mit Vertretern der neuen Thrash-Welle, nämlich Fueled By Fire aus Kalifornien. Es folgte die Band Nile, die ihr Genre verheißungsvoll als Tech Death bezeichnet. Beide gaben einen knappen Einblick in die gegenwärtige Szene, konnten aber nicht gegen die Topacts des Abends anstinken.
Richtig los ging es nämlich mit MORBID ANGEL (USA), die mit Alben wie „Blessed Are The Sick“ oder „Domination“ absolute Eckpfeiler des anspruchsvollen Death Metal geschrieben haben. So brachten sie auch eine ordentliche Fanschar mit sich und rockten recht straight und solide die Garage. Ohne große Showeffekte – locker drauf los. David Vincent (der zurück gekehrte Fronter) genoss sichtlich die enthusiastische Menge und man bot einen grandiosen Set mit Titeln wie „Rapture“, „Chapel Of Ghouls“ und „God Of Emptiness“. Die Song-Zusammensetzung war recht homogen. Wenn man den Jungs böse will, kann man sagen: „Es hörte sich alles gleich an.“ Vor allem war es aber ein energetischer Set mit viel Spielfreude. Die Vorfreude auf KREATOR stieg immens.
Das Team um Mille Petrozza bot im Anschluss eine Show voll instrumentaler Härte und purem Thrash. Als Bühnenbild war das Cover von „Phantom Antichrist“ aufgebaut – und so war es logisch, mit dem Titeltrack des Albums zu beginnen. Zuvor aber gab es „Personal Jesus“ vom Band und einige Fotos aus der langen KREATOR-Geschichte.
Von Beginn an hatte man die Masse im Griff, dirigierte Circle Pit und Wall Of Death. Der erste Teil der Show gehörte den jüngeren Stücken, später folgten Klassiker wie „Extreme Aggression“, „Endless Pain“ und „Pleasure To Kill“. Milles Ansagen waren dabei schon grenzwertig, wenn er ständig dazu aufforderte, die Aggressivität raus zu lassen und am besten die umstehenden musikalischen Freunde allesamt zu töten. Doch wir wissen ja, dass Metaller anständige Leute sind und außer des kleinen Ansatzes einer Schlägerei wegen eines in die Menge geschütteten Bierbechers keine Streitigkeiten zu verzeichnen waren. Die Security hatte allerdings alle Hände voll zu tun, die Crowdsurfer im Graben abzufangen und den ein oder anderen Lädierten in Sicherheit zu bringen.
SETLIST KREATOR
Phantom Antichrist
From Flood Into Fire
Enemy of God
Phobia
Hordes of Chaos (A Necrologue for the Elite)
Civilization Collapse
Voices of the Dead
Extreme Aggression
People of the Lie
Death to the World
Endless Pain
Pleasure to Kill
Violent Revolution
United in Hate
Betrayer
Flag of Hate
Tormentor
Ein überaus gelungener Abend mit spannendem Line-up. Die Garage war mal wieder eine Reise wert. Und die ersten Termine 2013 für Freunde der härteren Gangart stehen schon an: