In diesem Jahr gibt es einiges zu feiern: Wolfgang Niedecken feierte kürzlich seinen 75. Geburtstag und BAP als Band wird 50 Jahre alt. Das Jubiläumskonzert findet am 10. Juli im Kölner RheinEnergieStadion (besser bekannt als Müngersdorfer Stadion) statt. Um sich darauf vorzubereiten, wärmt man sich an kleineren Locations ordentlich auf – und den Anfang machte der gestrige Gig in der Neuen Gebläsehalle Neunkirchen. Hier findet ihr unsere umfangreiche Fotogalerie, Credit: Atelier3Bären
Mit dem 1983er Livealbum „Bess demnähx“ begann meine Liebe zur Musik von BAP. Daher hat es bis heute einen großen Stellenwert – ebenso wie die kultigen Studioalben „Für usszeschnigge!“ (1981) und „Vun drinne noh drusse“ (1982). Es waren die ersten Nummer-1-Alben der Band als Vorhut der vielen, die noch kommen sollten.
Beide Alben sind längst zu einem Stück deutscher Rock-Geschichte geworden, sie wirken über Generationen, sind von zeitloser Bedeutung. In den Jahrzehnten danach gelang BAP eine einmalige Karriere mit zahlreichen herausragenden Alben und Songs für die Ewigkeit. Man vergisst das zu oft, weil Niedecken niemand ist, der sich mit solchen Erfolgen brüsten würde: Zwölfmal erreichten BAP bis heute den ersten Platz der deutschen Albumcharts, das haben sonst nur die Beatles geschafft.
Und so ist die Mission klar, mit der BAP momentan auf Tour sind: Kein Song der Setlist ist jünger als vierzig Jahre. Fans sind aus dem Häuschen und die Konzerte allerorten ausverkauft. Am Wochenende beispielsweise in der Arena Trier und im Mannheimer Rosengarten. Konzertlänge natürlich solide drei Stunden – das war bei BAP immer schon gesetzt und wird in der Liveszene höchstens noch vom „Boss“ Bruce Springsteen übertroffen.
Für viele Fans gibt es momentan die perfekte Setlist. Zum Glück wird die Tour auch noch open air durch die kleineren Stadien gehen, so beispielsweise im August 2025 in St. Wendel. Die Arrangements der meisten Stücke sind fluide bei größtmöglichem Respekt vor den Originalversionen und der damaligen BAP-Besetzung. Sie leben, wie die Lieder selbst. BAP sind keine Jukebox ihres eigenen Katalogs, das würde nicht zu einer Band passen, die vor allem an der Gegenwart interessiert ist. Die aktuelle Besetzung mit (unter anderen) Ulrich Rode, Sönke Reich, Werner Kopal und Michael Nass macht einen hervorragenden Job.
Was soll man zur Zusammenstellung der Show viel sagen? Am besten lässt man die Musik sprechen. Und die Setlist hat es in sich: „Koot vüür aach“ als Hommage an die Minuten vor dem Auftritt und die legendären „Südstadt, verzäll nix“ sowie „Nemm mich met“. Der Mundart-Rock ’n‘ Roll von „Waschsalon“ funktioniert wie eh und je. „Nit für Kooche“ ist der ultimative Anti-Karnevals-Hit. Immer noch.
„Müsli-Män“ und „Wenn et Bedde sich lohne däät“ laden zum Mitsingen ein, doch es gab auch ruhige, fein arrangierte Klassiker wie „Wellenreiter“, „Jupp“ und natürlich „Do kanns zaubre“. Ein Akustik-Set wurde dazu genutzt, auch die seltenen Balladen wie „Fuhl ahm Strand“, „Weisste noch?“ und „Eins für Carmen un en Insel“ zu spielen. „Kristallnaach“ ist aktuell wie vor vierzig Jahren und wurde wie „Verdamp lang her“ abgefeiert. In den Ansagen wetterte Wolfgang gegen die AFD. Bei seinem Publikum musste er nicht mit Widerspruch rechnen.
Wenn man dachte, dass die besten Songs doch alle raus sind, gab es noch „Anna“, „Wahnsinn“ und „Helfe kann dir keiner“. Die Band mit Anne de Wolff an Geige und Cello, Axel Müller am Saxofon, Johannes Goltz an der Posaune, Benny Brown an der Trompete – das ergibt einen satten Sound. „Pause, Zugabe, alles Quatsch“, hatte Wolfgang schon zu Beginn gesagt – und Wort gehalten: „Wir spielen die dreißig Stücke einfach durch“. Es gab Hintergrundgeschichten zu manchen Songs, aber nicht zu viele. Alle Anekdoten hätten den Abend definitiv gesprengt und sind besser im Programmheft nachzulesen. Das Publikum verließ nach drei Konzertstunden beseelt die Halle – ja, so wollte man BAP nochmal erleben. Mission erfüllt!
Alle Fotos vom Konzert in Trier, 16.11.2024 – Credit: Simon Engelbert, PHOTOGROOVE
Noch vor dieser unrühmlichen Bundestagswahl ist der vorliegende Sampler erschienen. Eine Zusammenstellung von Songs zum Thema „500 Jahre Reformation“. „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ heißt eine der wichtigsten reformatorischen Schriften Martin Luthers und heute sollte das für uns vielleicht übersetzt werden als „Von der Freiheit eines jeden Menschen“. Oder eben vom Traum davon.
29 Tracks wurden von den unterschiedlichsten Künstlern für diese Doppel-CD beigetragen. Und es sind meist nicht die Chart-Erfolge, sondern bewegende Kleinode, die sich im engen oder entfernteren Sinne mit der Freiheitsthematik beschäftigen.
„Ich mach mein Ding“ singt Udo Lindenberg. Philipp Poisel gäbe „Für keine Kohle dieser Welt“ seine Freiheit auf. Die Sportfreunde Stiller erinnern an ein Flüchtlingsdrama an einem „Dienstag im April“. Und Laith Al-Deen proklamiert in seinem aktuellen deutschen Remake von George Michaels „Freedom90“, dass wir alle zur Freiheit geboren sind.
Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit der Kunst und der Wissenschaft, Glaubensfreiheit, Gewissensfreiheit, Bekenntnisfreiheit, Versammlungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Berufsfreiheit – das sollten sich alle hinter die Ohren schreiben, die meinten, aus Protestgründen eine rechtsradikale Partei wählen zu müssen. Auch Kunst braucht diese Freiheit. Und so macht es Mut, zu hören, wie viele Künstler sich mit diesem Thema beschäftigen und ihre Songs für die gute Sache zur Verfügung gestellt haben.
Meine Favoriten: „Wellenreiter“ von BAP, Alex Diehls „Nur ein Lied“ und der bewegende Song „Fahnenfluch“ von dem afghanischen Flüchtlingssohn Sorab Jon Asar, der von diesem Traum handelt, frei zu sein, eine Heimat zu haben und nicht gefühlt seit 26 Jahren auf der Flucht zu sein.
Zwei CDs voller wertvoller Songs, die man sich getrost anhören und dabei etwas guten Willen tanken kann.
Aber so schlimm war’s dann doch nicht. Wolfgang Niedecken hat nach seiner Genesung vom Schlaganfall anscheinend eine ordentliche Portion Urvertrauen gewonnen: „Das wird gleich wieder gut. Ich bin mir ganz sicher“, beruhigte er die Zuschauerschaft, die sich mit Schirmen und Regencapes gegen den Regen gewappnet hatten. Und tatsächlich wurde es schon bald besser und bis zur Pause war das letzte Tröpflein gefallen.
BAP waren nicht zum ersten Mal in Trier. Mehrfach konnte man sie schon im Amphitheater sehen, oft an anderen Stellen. Ältere Semester berichteten sogar, die Kölner Band schon 1978 auf einem Konzert in kleinem Kreis gesehen zu haben, als das Repertoire noch so kurz war, dass man es zu guter Letzt einfach zweimal spielte. Davon kann nach fast 40 Jahren Bandgeschehen natürlich keine Rede mehr sein. Zig Alben, viele Hits, die man deutschlandweit mitsingt – und doch war diesmal einiges anders: die Truppe firmierte unter „Niedeckens BAP“, was wohl auch darauf zurück zu führen ist, dass von der Erfolgsbesetzung aus den 80er Jahren nur noch Jürgen Zöller übrig ist. Zudem heißt die Tour „BAP zieht den Stecker“. Ursprünglich wollte man „unplugged“ sagen, aber dem schiebt MTV wohl neuerdings einen Riegel vor. Macht nix – der neue Titel passt eh viel besser.
Nach seinem Schlaganfall hatte Niedecken viel Zeit. Auch um mal über Ideen nachzudenken, die schon lange in seinem Kopf schlummerten. Das erzählte er in Trier frei von der Leber weg. Und wie ihn das Nachdenken dazu brachte, ein Soloalbum für seinen ganz persönlichen Schutzengel zu schreiben. Eine musikalische Liebeserklärung mit allen Liebesliedern, die er im Lauf der Zeit für seine Frau Tina geschrieben hat. „Zosamme alt“ heißt dieses wunderbare Album – und von dem gab es ganz viel zu hören. Klassiker und selten Gehörtes von BAP in ganz neuen Arrangements.
Etwas ganz Besonderes war auch die Besetzung, beispielsweise mit Anne de Wolff an Cello, Violine und Posaune. Es gab einen Kontrabass und Ulrich Rode spielte die „gefährlichen“ Instrumente (wie Niedecken es nannte), beispielsweise eine Pedal Steel Guitar. Was aus dem ungewöhnlichen Instrumentarium geschaffen wurde, war ein sehr bewegendes Klang-Universum. Dazu war Niedecken gesprächig wie immer, erzählte einiges zur Entstehungsgeschichte der Songs und kam auch immer wieder auf Marrakesch und das Engagement für Afrika zu sprechen. Leider musste ein Zuschauer, der das verbale Gefecht mit Niedecken suchte und ihn aus dem Zuschauerraum beleidigte, der Veranstaltung verwiesen werden. Niedecken erledigte das souverän: „Hol dir dein Eintrittsgeld zurück und verschwinde“.
Fotocredit: Matthias Bothor
Was blieb mir besonders in Erinnerung? Die tolle Atmosphäre mit einem Sänger, der schon etwas „altersweise“ geworden ist und milde in die Vergangenheit blickt. Ein ausverkauftes Amphitheater, das an Niedeckens Lippen hing. Der Song „Ruut-wiess-blau querjestriefte Frau“, der gleich zu Beginn für Begeisterung sorgte – und „Für’ne Moment“, dessen an Bruce Hornsby erinnernder Pianopart mich schon sehr beeindruckte.
Es gab unzählige schöne Momente und die Atmosphäre in Trier wurde von Minute zu Minute besser, vor allem nach der Pause, als sich alle von den Regenschauern erholt und weitestgehend trocken gelegt hatten. BAP sind bekannt für ihr Programm „um die drei Stunden“, was auch wieder eingehalten wurde. Zudem hatte Niedecken versprochen, dass „auch die zwei Songs für Lieschen Müller, die sonst nix von uns kennt“ mit dabei sein würden. „Kristallnaach“ gab es in einer stark veränderten, atmosphärischen Fassung, die alle Mitgröl-Ideen aus dem Song verbannte. Und „Verdamp lang her“ wurde in alter Manier und recht laut dargeboten.
Mein Highlight war „Du kanns zaubre“. An diesem Titel werde ich mich nie satt hören. Und er war mal wieder sehr passend, den Wolfgang Niedecken hat auch diesmal wieder Trier verzaubert. Schön, dass es ihn gibt, dass es ihm gut geht und dass er nach seiner Erkrankung nicht aufgegeben hat. Ende August wird ein Livealbum erscheinen, das in der Kölner Philharmonie mitgeschnitten wurde.
Die Konzertreihe im Trierer Amphitheater wird fortgesetzt: 1.8.2014 IN EXTREMO 2.8.2014 Adel Tawil
Setlist – Wolfgang Niedecken, BAP, am 24.7.2014 in Trier, Amphitheater
Noh all dänne Johre
Ruut-wiess-blau querjestriefte Frau
Für’ne Moment
Zosamme alt
Rääts un links vum Bahndamm
Anna
Rita, mir zwei
Magdalena
Nöher zo mir
Ich wünsch mir, du wöhrs he
Shoeshine
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Souvenirs
Morje fröh doheim
Lisa
Noh Gulu
Jupp
Kristallnaach
All die Aureblecke
Prädestiniert
Lena
Verdamp lang her
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Paar Daach fröher
Novembermorje
Du kanns zaubre
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Songs sinn Dräume
Sendeschluss
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