Heute ging es für mich erst um 16 Uhr los mit The Pretty Reckless. Die Band aus New York wurde vor 17 Jahren von Schauspielerin und Model Taylor Momsen gegründet, die einige sicher aus der Serie „Gossip Girl“ kennen oder aus dem Kinofilm „Der Grinch“, wo sie schon als 7jährige mitspielte. Als einige der wenigen Fronterinnen bei Rock am Ring kam sie im kleinen Schwarzen und legte eine coole Show in Sachen Rock’n’Roll und Bluesrock an den Tag. Es gab Songs wie „Death by Rock and Roll“, „Sweet Things“ mit coolem Intro aus „Peter und der Wolf“, „Witches Burn“, das allen anwesenden Frauen gewidmet war, und „Take Me Down“. Ein bemerkenswerter Gig der agilen Sängerin.
The Pretty Reckless by Rainer Keuenhof
Dann schnell rüber zur Mandora Stage, wo Bury Tomorrow schon zu Gange waren. Deren Abriss machte auf der neu gestalteten Bühne mit ihren riesigen LCD-Wänden einen Riesenspaß. Die Metalcore-Band aus Southampton wartete mit dem umtriebigen Daniel Winter-Bates auf, der sich screamend und growlend durch die Songs bewegte, hatte aber auch Tom Prendergast für diverse melodische Momente. Eine gesunde Mischung für den Set, der in 55 Minuten von „Choke“ über „What If I Burn“ bis zu „DEATH (Ever Colder)“ führte. Die Bühne war mit formidablen Flammenwerfern ausgestattet und das Publikum feierte eine große Party mit Circle Pits und kollektivem Springen.
Vor fast genau vier Jahren, am 18. Mai 2017, starb Chris Cornell im Alter von 52 Jahren dem Polizeibericht zufolge durch Suizid in einem Hotelzimmer im MGM Grand in Detroit. Um zu verstehen, welch einen immensen Verlust sein Tod für die Musikwelt darstellte, reichen drei Bandnamen: Soundgarden, Temple Of The Dog, Audioslave. Zwischen 1988 und 2012 veröffentlichte er mit diesen Formationen zehn Alben. Hinzu kommen vier Studio- und ein Live-Album als Solokünstler. Mit seiner begnadeten Stimme drückte Chris Cornell jedem einzelnen Song seinen unverwechselbaren Stempel auf. Sie verlieh den Stücken gleichzeitig eine tiefe melancholische Traurigkeit und eine euphorische, ja nahezu kindliche Freude. Zwischen diesen beiden Polen schwankte wohl auch Chris Cornell sein gesamtes Leben lang, bevor im Mai 2017 die Melancholie siegte. Er galt schon immer als still und introvertiert und war nie die Art von Frontmann, die auf der Bühne hin und her rennt und die Leute animiert. Er wollte sie lieber mit seiner Musik berühren. Eine Musik, die uns in wunderbare und oft unbekannte Welten entführte. Sein Tod machte uns in mehrfacher Hinsicht sprachlos.
2016 nahm Chris Cornell zehn Coverversionen von Künstler*innen auf, die er sehr schätzte und die ihn inspirierten. Alle Instrumente wurden von ihm selbst und von Brendan O’Brien eingespielt, der das Album auch produzierte und final abmischte. Die beiden hatten schon bei Cornell’s vorherigem Album „Higher Truth“ zusammengearbeitet. Im Dezember des vergangenen Jahres wurde die Songsammlung unter dem bezeichnenden Titel „No One Sings Like You Anymore“ bereits digital veröffentlicht. Chris Cornell‘s Tochter Toni erinnert sich: „When my dad was making this album, it was so fun – I remember waking up in the morning, having breakfast with him and going with him into the studio. We would take our piano lessons there, and Christopher would play video games with Brendan and my dad. We got to experience so much with him and have so many amazing memories. I’m really happy to be sharing this album. We love you, daddy”. Nun folgt die Veröffentlichung von „No One Sings Like You Anymore“ auf CD und Vinyl, versehen mit dem Zusatz „Volume One“, was auf zukünftige weitere Ausgrabungen aus der Cornell’schen Schatzkammer hoffen lässt.
Die Version des Guns N‘ Roses-Klassikers „Patience“ erschien bereits an Chris Cornell‘s letztjährigem Geburtstag und verschaffte ihm posthum zum ersten Mal überhaupt einen Platz 1 in den Billboard Mainstream Rock Charts. Dazu gibt es ein sehr bewegendes Video (das ihr am Ende dieser Rezension findet), in dem die Kamera durch ein Meer von Polaroid-Fotos fliegt, die Chris Cornell so zeigen, wie wir ihn in Erinnerung haben: Als liebevollen Vater und Ehemann, vertrauten Freund und grossartigen Musiker. Axl Rose, Duff McKagan, Izzy Stradlin, Slash und Steven Adler stehen im Geiste Spalier und verneigen sich.
„No One Sings Like You Anymore“ beginnt mit „Get It While You Can“, im Original von Janis Joplin. Cornell macht daraus einen poppigen Beat, der ein wenig an seine „Timbaland-Phase“ erinnert, mit dem er 2009 das Album „Scream“ aufnahm, der einzige wirkliche Aussetzer in seiner Karriere. Die Neuinterpretation kann seiner stimmlichen Ausdruckskraft damals wie heute zum Glück jedoch nichts anhaben. Danach galoppiert „Jump Into The Fire“ (Harry Nilsson) durch die Gehörgänge und verbreitet die fröhliche Nachricht auf den Dancefloors dieser Welt: „We can make each other happy“. Ein Song zum Dauergrinsen. Es folgt „Sad Sad City“ von Ghostland Observatory, den Cornell als wippenden Countryblues interpretiert, der ihm wunderbar viel Raum lässt, um seine gesanglichen Fähigkeiten in allen Facetten zu zeigen. Das bereits erwähnte „Patience“, nur begleitet von einer Akustikgitarre und einem sparsamen Schlagzeug, rundet die erste Albumhälfte ab.
Noch spartanischer fällt seine Version des Prince-Hits „Nothing Compares 2 U“ aus. Von allen Coverversionen, die dieses Stück bereits erfahren hat (oder erfahren musste), ist diese mit Sicherheit die gefühlvollste, was auch an den eingestreuten Streichern liegen mag. Wie schön kann Musik eigentlich sein? „Watching The Wheels“ von John Lennon klingt bei Chris Cornell nach einem Picknick auf einer sonnenüberfluteten Blumenwiese, nach unbeschwerten Sommertagen und der unschuldigen Fröhlichkeit eines Kindes. Carl Hall‘s „You Don’t Know Nothing About Love“ steckt er in ein Blues-Gewand und man sieht ihn dabei förmlich in einem feinen Anzug auf einer verrauchten Bühne im Chicago der 50er Jahre stehen. „Showdown“ (Electric Light Orchestra) ist ein vor sich hin stampfender Ausflug in Industrial-Gefilde, bevor das Album mit Terry Reid‘s „To Be Treated Rite“ auf die Zielgerade einbiegt. Wieder nur Chris Cornell und seine Akustikgitarre. Er hört sich an wie ein Indianer, der das ganze Leid seines Volkes in diesen einen Song gelegt hat: „We are what we are when we’re prayin‘“. Den Abschluss bildet „Stay With Me Baby“, im Original von Lorraine Ellison, das vom Grundton melancholisch bleibt, zwischendurch aber immer wieder in einem Bombast explodiert, der Queen alle Ehre gemacht hätte. Allerspätestens jetzt ist klar, welchen grandiosen Musiker wir am 18. Mai 2017 verloren haben.
„No One Sings Like You Anymore“ ist deshalb mehr als „nur“ ein Vermächtnis. Es ist vor allem nicht der Versuch aus einem grossen Namen Kapital zu schlagen, wie Chris Cornell’s Ehefrau Vicky verschiedentlich vorgeworfen wurde. Nein! „No One Sings Like You Anymore“ ist die angemessene Würdigung und liebevolle Hommage für einen Ehemann, Vater und Ausnahmekünstler, dem die Welt viel mehr zu verdanken hat, als ihm zu Lebzeiten vermutlich selbst bewusst war.
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Als Chris Cornell am 18. Mai 2017 seinem Leben im Alter von nur 52 Jahren ein selbstgewähltes Ende setzte, verlor die Musikwelt einen überragenden Musiker und Sänger und meine Generation eine weitere ihrer Galionsfiguren. Bis dahin hatte sich Cornell bereits mit seiner Stammformation Soundgarden, aber auch mit den kürzer oder länger andauernden Bandprojekten Temple Of The Dog und Audioslave sowie seinen vier Soloalben unsterblich gemacht. Welch ein begnadeter Künstler er war, zeigt sich nicht zuletzt auf „Songbook“, einem beeindruckenden Zeugnis seiner Live-Qualitäten. Ich selbst hatte die Ehre ihn zweimal, 1996 und 2012, auf einer Bühne zu sehen und zu hören. Nachdem Anfang Oktober in seiner Heimatstadt Seattle eine Statue von Chris Cornell enthüllt wurde, die seitdem im Museum Of Pop Culture zu sehen ist, folgt mit „Chris Cornell“ nun das fast schon überfällige Andenken an seinen musikalischen Nachlass. Universal Music hat uns zur Rezension freundlicherweise das limitierte 4-CD-Deluxe-Boxset zur Verfügung gestellt, auf dem 64 Songs vereint sind, davon elf bislang unveröffentlicht. Daneben gibt es noch die Standard-Version mit 17 Stücken und eine limitierte Super Deluxe-Edition, bestehend aus vier CDs, einer DVD, sieben LPs und allerlei anderem Schnickschnack.
Bei der Zusammenstellung arbeitete Cornell’s Frau Vicky stets in enger Absprache mit seinen Bandkollegen und Freunden. Als Produzenten holte sie Brendan O’Brien ins Boot. Pearl Jam-Bassist Jeff Ament war für das Design und das Packaging von „Chris Cornell“ verantwortlich. Wenig verwunderlich also, dass das Boxset bereits rein optisch der Hammer ist. Die vier CDs sind farblich sortiert und in einem stabilen Pappschuber untergebracht, der so ausgestanzt ist, dass er die Silhouette von Seattle abbildet. Dazu gibt es ein 54 Seiten starkes Booklet mit einem Haufen neuer und alter Fotos aus allen Dekaden und Linernotes von Cornell’s Wegbegleitern Kim Thayil, Matt Cameron, Tom Morello, Mike McCready und Brendan O’Brien, die über die üblichen Lobhudeleien weit hinausgehen. So erfährt man zum Beispiel, dass Chris Cornell um ein Haar Schlagzeuger statt Sänger bei Soundgarden geworden wäre.
Einen ersten Vorboten auf die Retrospektive gab es bereits Ende September mit der bis dato unveröffentlichten Single „When Bad Does Good“, die Cornell noch selbst produziert, aufgenommen und abgemischt hat. Ergänzt wird das Boxset von zehn weiteren unveröffentlichten Liveaufnahmen. Darunter finden sich echte Perlen. Etwa Cornell’s Duett von „Wild World“ mit Yusuf (formerly known as Cat Stevens) oder ein weiteres mit seiner Tochter Toni, mit der zusammen er Bob Marley’s Meilenstein „Redemption Song“ auf eine neue gesangliche Stufe hebt. Von der ersten offiziellen Temple Of The Dog-Tour 2016 anlässlich des 25-jährigen Bandjubiläums gibt es „Reach Down“ sowie den Mother Love Bone-Klassiker „Stargazer“ zu hören. Außerdem Chris Cornell’s Interpretation von „One“, in der er die Metallica-Lyrics zur Melodie des gleichnamigen U2-Songs singt, und „Show Me How To Live“ aus dem bahnbrechenden Kuba-Aufritt von Audioslave im Jahr 2005. Alleine das würde für eine Kaufempfehlung schon vollkommen ausreichen.
Aber es gibt noch weitere Highlights. Vor zwei Jahren trat Chris Cornell in der Londoner Royal Albert Hall auf. Aus diesem Konzert findet sich auf dem Boxset „A Day In The Life“ von den Beatles wieder. Dazu gibt es noch drei Live-Aufnahmen aus Schweden: „Wide Awake“, „All Night Thing“ und das Led Zeppelin-Cover „Thank You“ gehen auf den allerersten Abend vor zwölf Jahren zurück, an dem Cornell eine derartige Solo-Akustik-Performance präsentierte und damit gleichzeitig den Grundstein für seine extrem erfolgreichen „Songbook“-Tourneen legte. Ebenfalls vertreten sind seine zahlreichen Soundtrack-Beiträge wie etwa „Seasons“ aus Cameron Crowe’s Kultstreifen „Singles“ von 1992, „Sunshower“ aus „Great Expectations“ (1997) oder „You Know My Name“ aus dem James Bond-Film „Casino Royale“ von 2006. Dazu Kollaborationen mit Slash, Santana, dem Nu-Jazz-Duo Gabin oder Joy Williams. Es gibt so wahnsinnig vieles auf „Chris Cornell“ (neu) zu entdecken und ein ums andere Mal hat man einen Kloß im Hals, wenn man bedenkt, dass sich diese wundervolle und einzigartige Stimme nie mehr über die Musik erheben wird.
Abgerundet wird „Chris Cornell“ von weiteren Stücken aus seinem Solo-Backkatalog wie etwa der grossartigen Coverversion von Princes „Nothing Compares 2 U“, live mitgeschnitten vom Sender Sirius XM oder dem steinerweichenden „Ave Maria“ mit Eleven und natürlich Songs seiner drei Bands Soundgarden, Temple Of The Dog und Audioslave in chronologischer Reihenfolge. Möchte man alle vier CD’s am Stück hören, dann ist man satte fünf Stunden lang beschäftigt.
Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, welchen wichtigen und umfangreichen Beitrag Chris Cornell zur Musikgeschichte im allgemeinen und der des Grunge im speziellen beigesteuert hat, dann liefert ihn die vorliegende Compilation auf eindrucksvolle Art und Weise. Eindrucksvoll auch deshalb, weil „Chris Cornell“ im Gegensatz zu vielen anderen vergleichbaren Veröffentlichungen sowohl optisch als auch musikalisch mit viel Liebe gestaltet wurde. Vicky Cornell hat uns damit einen wahren Schatz und ihrem Mann ein würdiges Andenken beschert. Ihr soll deshalb an dieser Stelle das letzte Wort gehören: „Ich hatte das Gefühl, dass es eine ganz besondere Kollektion geben sollte, die alle Facetten von ihm vereint – Chris als Freund, Ehemann, Vater, als Innovator und Musiker, der Risiken eingeht, als Dichter und Künstler. Seine Stimme hat so viele Menschen auf dieser Welt berührt und bewegt. Seine Stimme war seine Vision, in seinen Texten fand er seinen Frieden. Dieses Album ist für seine Fans“.