Seit 70 Jahren: Glitzer, Spaß und magische Momente
Bald ist es wieder soweit – und wie in jedem Jahr werden sich die Geister an dem TV-Großereignis scheiden: Vom 12. bis 16. Mai findet der „Eurovision Song Contest“ in der Stadthalle Wien statt. Am 12. und 14.5. werden die beiden Halbfinale ausgetragen, am 16.5. das Finale für über 150 Millionen Fernsehzuschauer weltweit. Wer sich in seinem Bekanntenkreis umhört, wird vermutlich feststellen, dass es nur zwei Einstellungen gegenüber dem ESC gibt: entweder man hasst ihn oder man liebt ihn.
Trotz aller Höhen und Tiefen ist der ESC seit 70 Jahren ein einzigartiges Ereignis, das Musik, Show und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verbindet. Er dient nicht nur als Wettbewerb, sondern auch als Spiegel kultureller Trends und politischer Stimmungen in Europa und darüber hinaus. Seine Mischung aus Glamour, Wettbewerb und gelegentlichem Chaos ist genau das, was den Reiz des Eurovision Song Contest seit Jahrzehnten ausmacht – ein jährliches Spektakel, das Menschen über Ländergrenzen hinweg zusammenbringt und immer wieder für Gesprächsstoff sorgt.
Zum Jubiläum erscheint beim PRESTEL-Verlag ein umfangreicher Wälzer als Hardcover, der sich den 70 Jahren „Glitzer, Spaß und magische Momente“ widmet. Seit seiner ersten Ausgabe im Jahr 1956, initiiert von der European Broadcasting Union, hat sich der Wettbewerb von einer kleinen, eher nüchternen Fernsehsendung zu einem globalen Popkultur-Phänomen entwickelt, das jährlich hunderte Millionen Zuschauer erreicht. Ursprünglich als Projekt zur Förderung der europäischen Verständigung nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht, entwickelte sich der ESC schnell zu einer Bühne für musikalische Vielfalt, nationale Identität und nicht zuletzt spektakuläre Inszenierungen.
Zu den größten Highlights der ESC-Geschichte zählen legendäre Auftritte wie der Sieg von ABBA im Jahr 1974 mit „Waterloo“, der den internationalen Durchbruch der Band markierte, oder der Erfolg von Céline Dion, die 1988 für die Schweiz gewann und später zu einem der größten Popstars der Welt wurde – und natürlich die beiden deutschen Siege mit Nicole und Lena. Auch der Triumph von Loreen, die 2012 und erneut 2023 gewann, unterstreicht, wie sehr der Wettbewerb Karrieren prägen kann. Der ESC ist zudem bekannt für ikonische und oft gewagte Performances, etwa von Conchita Wurst, deren Sieg 2014 ein starkes Zeichen für Diversität und Toleranz setzte.
In chronologischer Reihenfolge geht es durch die Jahrzehnte und wir werden in ausführlichen Texten und mit vielen Bildern an die Highlights erinnert. Dabei geht es (natürlich) um die jeweiligen Sieger*innen, aber auch um Kuriositäten wie die Teilnahme von Guildo Horn. Daneben war der Wettbewerb nie frei von Kontroversen und Skandalen. Politische Spannungen spiegelten sich immer wieder in Abstimmungsverhalten und Teilnehmerentscheidungen wider, etwa bei Boykotten oder umstrittenen Austragungsorten. Diskussionen über „Nachbarschaftsvoting“ und vermeintliche Blockabstimmungen gehören seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil der ESC-Debatte. Auch einzelne Auftritte sorgten für Aufsehen, sei es durch provozierende Inhalte, Regelverstöße oder technische Pannen.
Das Buch hat viele Infos zu bieten und ergänzt für Statistiker ein Listing aller Siegerinnen und Sieger aus 70 Jahren. Was leider fehlt, ist eine Legende mit Künstler*innen, Komponist*innen, Ländern und Titeln im Lexikon-Format, die das Buch zum Nachschlagewerk für ESC-Freunde machen könnte. Ich finde es schade, dass diese Chance vertan wurde. Darüber hinaus aber ist das Werk wirklich sehr gelungen – gleichermaßen für Nostalgiker und ESC-Freunde der Gegenwart.
