Erst vor wenigen Tagen hat die Berliner Punkrock-Band Milliarden ihr viertes Studioalbum „Lotto“ veröffentlicht; letztes Jahr wurde zehnjähriges Bandjubiläum gefeiert. Was bei Ben Hartmann (Gesang, Gitarre) und Johannes Aue (Piano) gleich bleibt: Die Songs sind immer etwas kantig, der Gesang erinnert immer etwas an Rio Reiser, die Lyrics teils sehr deutliche Aussagen, teils ist es eine Aneinanderreihung, die wohl vor allem Menschen verstehen, die dabei gewesen sind.
Tut dem ganzen aber keinen Abbruch, denn Milliarden live zu erleben ist schon ein Brett, auch wenn das neue Album vielleicht noch ein bisschen Zeit zum Reifen benötigt. In der Kantine Köln jedenfalls ist die Stimmung ausgelassen – zumindest bei den älteren Songs.
Abgesehen von „Betrüger“ startet der Gig mit vier neuen Songs, richtig los geht die Party daher erst ab „Katy Perry“. Für die nächsten Lieder wird vor und auf der Bühne getanzt, geschwitzt und gemoshed. Kurze Verschnaufpause dann zwischen „Deine Musik“, „Ach Andi Ach“ und dem ruhigeren „Himmelblick“, bis es dann wieder Vollgas heißt bis zum Ende des 16-stückigen Hauptsets.
Drei Songs gibt’s als Zugabe, bevor es wieder hinausgeht in die Novembernacht. Tatsächlich wirkt „Lotto“ ruhiger als die vorherigen, der große Ausbruch bleibt häufig aus, der Ohrwurmcharakter präsentiert sich nicht ganz so stark. Oder wie einer der Zuschauer meint: „Langweiliger geworden seid ihr mit ‚Lotto’“, nachdem Hartmann kurz einiges zum Hintergrund berichtete.
Neben Lobeshymnen und seligen Erinnerungen an vorangegangen Kölner Konzertabende kommt bei Milliarden auch ein gewisser politisch-gesellschaftskritischer Kommentar nicht zu kurz. Ben Hartmann stellt dabei unter anderem fest, dass er keinem seine eigene Meinung aufdrücken wolle, und bei allen Menschen, egal welcher Auffassung, eine gewisse „Diskursbreite“ sucht. „Dann lächele ich gern jeden an, gehe auf ihn zu, versuche ihn zu verstehen, wie er mich zu verstehen sucht.“
Doch in letzter Zeit werde dies immer schwieriger, immer häufiger funktioniere es überhaupt nicht mehr. „Was bleibt ist Ohnmacht und ich bemerkte: Inzwischen lächele ich nicht mehr bei jedem, sondern schaue oft auch einfach weg.“ Damit dürfte der Musiker vielfach auf Zustimmung stoßen. Zumindest für die fast zwei Stunden Konzertdauer konnte aber zumindest teilweise ein Teil der aktuellen Sorgen und Ängste draußen bleiben.
Vorband war der kurzfristig eingesprungene Kölner Musiker AF, ebenfalls deutschsprachig unterwegs und nicht ganz so rotzig wie Milliarden, dennoch eine gute Wahl als Einstimmung für den restlichen Abend.
Setlist MILLIARDEN
1. Das erste Mal
2. Sag nie die Wahrheit
3. Betrüger
4. Mantel
5. Psychose
6. Katy Perry
7. Wenn ich an dich denke
8. Rosemarie
9. Wir haben es versucht
10. Im Bett verhungern
11. Milliardär
12. Deine Musik
13. Ach Andi Ach
14. Himmelblick
15. Fürcht’dich nicht
16. Freiheit ist ne Hure
17. Oh Chérie
18. Kokain und Himbeereis
19. Berlin
Zugabe
20. Schall und Rauch
21. Halt mich fest
22. Sternenflimmern
Es scheint, als hätten die Rival Sons mit der Zeit ein besonderes Faible für Köln entwickelt. Einige erinnern sich vielleicht an einen ganz frühen Auftritt 2015 im Luxor (hier unser Bericht), als die Band noch eine Art Geheimtipp war, bevor sie ein Jahr später mit „Hollow Bones“ endgültig durch die Decke ging. Es folgten Gastspiele in Die Werkstatt oder im Bürgerhaus Stollwerck. Heute der nächste Schritt in die etwas größere Kantine, die gut 1.000 Leute fasst und restlos ausverkauft ist. Vielleicht hätte man es angesichts dessen auch gleich mit dem etwa doppelt so großen E-Werk versuchen können. Sei’s drum… Diejenigen, die ihren Weg nach Köln-Riehl am Abend, bevor in der Domstadt der karnevalistische Ausnahmezustand herrscht, gefunden haben, müssen ihr Kommen nicht bereuen.
Zunächst aber dürfen sie sich von LA Edwards warmspielen lassen. Die Kapelle aus Kalifornien hat gerade ihr viertes und selbstproduziertes Album „Out Of The Heart Of Darkness“ veröffentlicht und besteht aus den drei Brüdern Luke (Gesang), Schlagzeuger Jerry und Jay Edwards an der Gitarre. Mit ihrer Mischung aus Blues und Southern Rock haben sie nach 45 Minuten auch die letzten „Vorgruppen-Skeptiker“ auf ihre Seite gebracht und ernten trotz eines zeitweiligen Soundmatsches mehr als nur den oft üblichen, wenn auch höflich gemeinten „Nun geht doch endlich“-Applaus. In der Umbaupause checkt schonmal Rival Sons-Schlagzeuger Mike Miley die Gefühlslage in der Halle und begrüßt einige Fans am Bühnenrand.
Ende Oktober hat das Quartett sein neues Album „Lightbringer“ veröffentlicht, das nach dem im Juni erschienenen „Darkfighter“ bereits das zweite Album der Rival Sons in diesem Jahr ist. Doch wer so viele grossartige Songs im Repertoire hat, der kann sich eine solche Doppelveröffentlichung locker leisten. „Mirrors“ von „Darkfighter“ darf den Abend dann auch eröffnen und vom ersten Ton an sind Band und Fans eine Einheit, der man die gegenseitige Freude auf das heutige Konzert in jeder Sekunde anmerkt. Kein Wunder, dass sich Frontmann Jay Buchanan im Verlauf der nächsten zwei Stunden mehrfach und sichtlich von Herzen für den ungebrochenen Support bedankt. Live werden er, Mike Miley, Gitarrist Scott Holiday und Dave Beste am Bass von Keyboarder Todd E. Ögren-Brooks unterstützt.
Dieses Quintett bluesrockt sich in der Kantine durch seinen Backkatalog und packt dabei auch einige Perlen wie „Memphis Sun“ vom ersten Album „Before The Fire“ oder die nicht minder angegrauten „Face Of Light“ und „Pressure And Time“ vom gleichnamigen Nachfolger von 2011 aus. Jay Buchanan erinnert dabei nicht nur optisch ein wenig an den legendären Jim Morrison, auch wenn er nicht mit dem Rücken zum Publikum singt. Sein (und mein) persönlicher Höhepunkt kommt während der Zugaben, als er alleine mit seiner Gitarre das wundervolle „Shooting Stars“ singt und vorher eine deutliche Ansprache an alle Kriegstreiber dieser Welt hält. Es ist einer der wenigen ruhigen Momente in dem ansonsten wogenden Meer aus gewaltigen Riffs, betörend guten Melodien, atmosphärischen Wechseln und einer an- und abschwellenden Intensität, deren Anker die unverwechselbare Stimme von Jay Buchanan und die einzigartige Gitarrenarbeit von Scott Holiday sind, die er nicht nur bei einem mehrminütigen Solo eindrucksvoll unter Beweis stellt. So dehnt die Band „Feral Roots“ locker auf das Dreifache seiner ursprünglichen Länge aus und erinnert mit diesem Soundgewitter an die frühen Genesis, Supertramp oder Manfred Mann’s Earth Band.
Wenn die Corona-Pandemie ein Gutes hatte, dann die Tatsache, dass sie die Betreiber sämtlicher Clubs und Konzerthallen dazu gezwungen hat gute Lüftungssysteme zu installieren. So weht auch durch die Kantine des öfteren ein kühler Wind und tauscht die vom Schweiß aller Anwesenden schwere Luft gegen frische aus. Zum hohen Gehalt an Ausdünstungen trägt insbesondere Mike Miley bei, der sein Schlagzeug nach „Open My Eyes“ mit einer solchen Inbrunst bearbeitet, dass man Angst hat es bricht unter ihm zusammen. Jeder Song wird von den Kölnern lautstark mitgesungen und abgefeiert, die aktuellen „Rapture“ oder „Mosaic“ ebenso wie die Klassiker „Back In The Woods“ oder „Tied Up“. Frei nach dem Rival Sons-Motto: Stecker rein und voll aufdrehen, kompromisslos, ehrlich, handgemacht.
Mit „Keep On Swinging“ entlässt die Band die Fans nach intensiven 120 Minuten in die Nacht, nicht ohne sich nochmal ausgiebig zu bedanken und die vorderen Reihen mit Drumsticks und Gitarrenplektren zu versorgen. Hätte Petrus zu diesem Zeitpunkt nicht alle Schleusen über Köln geöffnet, hätte der ein oder andere das auf dem Weg zum Auto oder der nächsten Bahnhaltestelle mit Sicherheit wörtlich genommen. Was im Regen nicht untergeht ist das Gefühl einen denkwürdigen Konzertabend erlebt zu haben und die Vorfreude auf das nächste Wiedersehen mit den Rival Sons. Wer weiß, dann ja vielleicht im E-Werk.
Steve Rothery ist der legendäre Gitarrist und Mitbegründer der Band Marillion und nicht nur in gitarrenaffinen Kreisen hinlänglich bekannt für sein einzigartiges Gitarrenspiel. Neben seiner Hauptband Marillion tourt Steve aber auch noch mit seiner Soloband (Steve Rothery Band) durch die Welt und spielt im Rahmen seiner Konzerte zur Freude seiner Fans komplette, alte Marillionalben. In der Kölner Kantine stehen an diesem Wochenende (15.09.2023 und 16.09.2023) „Misplaced Childhood“ am Freitag, und „Clutchin At Straws“ am Samstag im Mittelpunkt des Sets.
Auf eines können sich Marillion beziehungsweise deren Bandmitglieder auf jeden Fall immer verlassen und das ist der uneingeschränkte und länderübergreifende Support ihrer Fans. Auf dem Parkplatz vor der Kantine kann man Nummernschilder aus Holland, Luxemburg, Frankreich und Belgien bewundern. Vor ausverkauftem Haus geht es dann pünktlich um 21:10 Uhr mit drei Songs aus Steve Rotherys Soloalbum „The Ghosts Of Pripyat“ los. Die komplett instrumentalen Stücke zeichnen sich durch clevere Arrangements und durchdachtes Songwriting aus und sind natürlich durch Rotherys hervorragende Gitarrenarbeit bestimmt. Es gibt nur sehr wenige Gitarristen, bei denen man nach wenigen Tönen hört um wen es sich handelt. Steve Rothery gehört ohne Zweifel in diese Gruppe, da er über einen sehr guten Gitarrenton und ein sehr gefühlvolles und facettenreiches Spiel verfügt.
Nach „Summers End“ beginnt für die meisten im Publikum die eigentliche Zeitreise des Abends. Als die ersten Töne von „Pseudo Silk Kimono” durch die Boxen zu hören sind und Sänger Martin Jakubski die Bühne betritt gibt es für die meisten kein Halten mehr. Dass das Album fast 40 Jahre auf dem Buckel hat, aber bei den meisten Fans immer noch sehr präsent und vor allem sehr beliebt ist, spricht für seine Qualität. Fish hat mit dem dritten Marillionalbum ein zeitloses, autobiographisches Meisterwerk geschrieben. Für die Band bedeutete das Album damals einen Wendepunkt in ihrer Karriere, vor allem weil die Single „Kayleigh“ rauf und runter gespielt wurde und man so unter anderem auch als Vorband für Queen auf ihrer 1986er Tour auftreten konnte.
Martin Jakubski klingt live ein wenig wie der junge Fish und singt die Songs mit einer Leidenschaft und Präzision wie es Fish selbst heute schon lange nicht mehr schafft. Überhaupt spielt die gesamte Steve Rothery Band auf einem sehr hohen Niveau und man merkt der Band mit jeder Note an, dass sie selbst die größten Fans ihrer Musik sind. Der emotionale Höhepunkt des Abends stellt für den Schreiberling dieses Artikels „Blind Curve“ dar. „Mylo“ ist und bleibt mit das beste Stück Musik was jemals geschrieben wurde. Die Melodie ist immer noch atemberaubend und absolut zeitlos.
Nach “Assasing” stimmt das Publikum die seit der letzten Fußball-EM bekannte Hymne “Seven Nation Army” von den White Stripes an, die Band steigt ein und spielt den Song zu Ende. „Probably the best crowd we ever played for“, gibt Steve Rothery zu Protokoll, damit dürfte er wahrscheinlich Recht haben, die Stimmung ist an diesem Abend wirklich einzigartig. Es folgen „Jigsaw“, „Freaks“ und „Incubus“, bevor die Band unter großem Applaus die Bühne verlässt. Als Zugabe gibt es dann zunächst „Garden Party“ von Marillions Debutalbum „Script For A Jester’s Tear“, der Song ist 40 Jahre alt… Der letzte Song des Abend ist „Market Square Heroes“, das Publikum singt auch hier jede Textzeile mit.
Fazit: „Misplaced Childhood“ hat bis heute von seiner Ausstrahlungskraft nichts verloren und ist nach wie vor ein Meilenstein in der Musikgeschichte, obwohl das Album schon sehr viele Lenze auf dem Buckel hat. Steve Rothery und seine Band spielen das komplette Album in der original Tonart und das mit einer Begeisterung, die man selten bei einer Band sieht und vor allem spürt. Für die meisten im Publikum dürfte dieser Abend eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit gewesen sein, mit jedem Song verbindet wohl jeder seine eigene Geschichte.
Warum Steve Rothery als Gitarrist immer noch nicht die Aufmerksamkeit erfährt, die er eigentlich verdient hätte, ist für Viele ein großes Rätsel. Dave Mustaine sagte einmal über David Gilmour: „David Gilmour can do more with one note than most other guitar players can do with the whole fretboard“. Dies gilt ohne Zweifel auch für Steve Rothery!
Setlist:
Morpheus
Old Man Of The Sea
Summer’s End
Pseudo Silk Kimono
Kayleigh
Lavender
Bitter Suite
Heart Of Lothian
Waterhole (Expresso Bongo)
Lords Of The Backstage
Blind Curve
Childhood’s End?
White Feather
Assassing
Seven Nation Army (von den Fans angestimmt und der Band vollendet)
Was auch immer man sich hierzulande unter dem Namen Kakkmaddafakka vorstellen mag, die Norweger selbst behaupten er sei ihrer Phantasie entsprungen und bedeute in etwa soviel wie „Party Animal“. Zumindest was ihre Musik betrifft, eine Mischung aus Indie und Pop mit massivem Mitsing- und Feier-Potential, trifft das zweifellos zu. Womit im Groben auch schon das Konzept ihrer Konzerte erklärt wäre. Aber der Reihe nach.
Kaum eine andere Band arbeitet so rastlos wie Kakkmaddafakka. Nach dem letzten Album „Hus“ von 2017 ging das Kollektiv aus Bergen quasi nahtlos an die Arbeit für das nächste Werk. Völlig egal, dass nebenbei noch Konzerte, Touren und Festivals anstanden, dass Sänger und Gitarrist Pål Vindenes unter dem Namen Pish ein Soloalbum produzierte und damit unterwegs war und dass die sechs Jungs auch noch so etwas wie Freunde und Familie haben. Ende März erschien schließlich ihr sechstes Album „Diplomacy“ und nach eigener Aussage ist es „das innigste und ehrlichste Album, dass sie bisher aufgenommen haben“. In Köln treten Kakkmaddafakka heute den lebenden Beweis an.
Wenn man in der Kölner Innenstadt wohnt, dann ist die Fahrt zur Kantine fast wie eine Expedition zum Ende der Welt. Noch dazu ist es für mich heute der erste Besuch, obwohl der Club bereits seit über zwanzig Jahren fester Bestandteil der hiesigen Konzertszene ist. Klingt komisch, ist aber so. Das Prunkstück der Kantine ist sicherlich das sogenannte „Freideck“, ein 2.500 Quadratmeter großer Outdoorbereich, der angesichts der wenig einladenden Temperaturen heute abend allerdings verwaist bleibt. Nachdem wir an den höflichen Türstehern vorbei sind erwartet uns im Inneren eine Konzertlocation, die uns aufgrund ihrer Übersichtlichkeit und dem netten Ambiente sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen hat. Das Publikum könnte direkt von einer Studentenparty hierher gepilgert sein. Nur ein Junggesellinenabschied mit Herzluftballons und blinkenden Stirnbändern scheint sich irgendwie verlaufen zu haben.
Nachdem alle die „Vorband“ Egge – zwei pausbäckige Jungs die zur Musik vom Band ihre Körper verrenken und dabei abwechselnd in ein Mikrofon „singen“ – mit Würde ertragen haben, ist die gefühlt ausverkaufte Kantine mit dem Auftritt von Kakkmaddafakka vom ersten Ton an im Partymodus. Axel und Pål Vindenes, Bassist Stian Sævig, Pianist Sebastian Kittelsen, Schlagzeuger Kristoffer van der Pas und Perkussionist Lars Helmik Raaheim-Olsen brennen ein Feuerwerk ab und die Kölner tanzen, hüpfen und singen mit. Zwischendurch muss Axel Vindenes die Fans dazu auffordern im Mosh-Pit vor der Bühne gut aufeinander und besonders auf die Mädels aufzupassen („We are party people. We mosh nicely.“). Lars Helmik Raaheim-Olsen rennt mit einer überdimensionalen Kakkmaddafakka-Fahne über die Bühne und wird dafür mit KMF-Chören gefeiert. Als sich Axel Vindenes dann sogar seines T-Shirts entledigt gibt es in den vorderen Reihen die ersten Ohnmächtigen. In der Setlist legen Kakkmaddafakka den Schwerpunkt natürlich hauptsächlich auf die Songs des neuen Albums aber auch ältere Sing-Alongs wie „Your Girl“ oder „Restless“ kommen zu ihrem Recht. Es ist ein Abend wie aus einem Überraschungsei: Mit Spass, Spannung und was zum Spielen. Als die verschwitzte Partymeute nach gut zwei Stunden wieder in die kühle Kölner Nacht entlassen wird, ist niemand darunter, der hier und heute nicht zu seinem Recht gekommen wäre. Und wer immer noch nicht genug hat, der zieht weiter ins Kölner Luxor, wo ab 23 Uhr die Aftershowparty stattfindet.
Kakkmaddafakka sind noch eine Woche lang in Deutschland unterwegs und alle die Lust auf eine Vollbedienung aus Indie, Pop und kollektivem Abtanzen haben, sollten sich schnellstens mit einem Ticket für eines der noch folgenden Konzerte versorgen. Es lohnt sich!
Fish, der schottische Haudegen, der von seinen Fans liebevoll „Onkel“ genannt wird, ist inzwischen 60 Jahre alt und will sich demnächst zur Ruhe setzen. Das sagt er bei jeder Gelegenheit – und auch (und gerade dann), wenn das Publikum bei Konzerten sein Bedauern darüber ausdrückt. „Meine Entscheidung ist gefallen.“ Das neue Album mit dem Titel „Weltschmerz“ soll das letzte sein. Ursprünglich sollte es bereits jetzt im September zur entsprechenden Tour auf dem Markt sein. Doch manchmal kommt es anders… Fish hat gemeinsam mit dem Bassisten Steve Vantsis so viel Material geschrieben, dass das letzte Soloalbum zugleich das erste Doppelalbum des Schotten werden wird.
„Weltschmerz“ erscheint damit erst in 2019. Damit stand Fish vor dem Problem, dass die Zuschauer der Tour das neue Material nicht kennen. Kurzerhand brachte er die EP „A Parley With Angels“ heraus, die drei der neuen Songs enthält. Und wer Fish kennt, weiß, dass das keine 3×3-Minuten-Geschichte ist. Das neue Material nimmt gut 30 Minuten Raum ein. Und damit der restliche Platz auf dem Silberling nicht ungenutzt bleibt, wurde die Scheibe noch mit vier Liveaufnahmen („Circle Line“, „State Of Mind“, „Emperors Song“, „Voyeur“) aufgefüllt. So soll das sein und die EP ist definitiv ihr Geld wert!
Die Tour trägt den Titel „Clutching At Straws / Weltschmerz“ – und genau das bekommen die Zuschauer. Das komplette Marillion-Album aus dem Jahr 1987 wird gespielt. Und aufgelockert wird die Setlist durch vier Songs des kommenden Albums. Wer also auf ältere Solosongs oder andere Marillion-Klassiker hofft, den muss ich enttäuschen. Fish hält sich konsequent an das ausgearbeitete Konzept – und er tut gut daran. So gibt es allein von „Clutching At Straws“ drei Premieren, die es in sich haben.
In Luxemburg, besser gesagt in Dudelange, fand nach einigen Konzerten in Großbritannien der „europäische“ Tourstart statt. Zwei Tage später war in Köln der erste Gig in Deutschland. Die Ankündigungen sprachen von einem Support namens Doris Brendel, die auch als Backgroundsängerin in Fishs Band fungiert. Anscheinend hat man sich aber – zumindest in Luxemburg und Köln – entschieden, ohne Support direkt in die Vollen zu gehen. Auch gut. Der Stimmung tat es keinen Abbruch und die Abende waren nach zwei Stunden Konzert noch jung für die Heimreise.
Der Set startete mit „Slàinte Mhath“, dem ohnehin perfekten Opener, der auch die 87er Marillion Tour einleitete. Direkt gefolgt von dem neuen und sehr rhythmischen „Man With A Stick“. Es war schön zu erkennen, wie gut das neue Material zu dem 31 Jahre alten Album passt, wenn es auch bei weitem nicht so keyboardlastig ist. In einer kurzen Ansprache blickte Fish etwas wehmütig auf den 15. September 1988 (also fast genau 30 Jahre) zurück, als sein Ausstieg bei Marillion beschlossene Sache war. Dann gab es das berühmte Triple „Hotel Hobbies“, „Warm Wet Circles“ und „That Time Of The Night“ am Stück. Hier zeigte sich, dass Doris Brendel im Background einen fantastischen Job machte und Fish in den Höhen gründlich unterstütze.
Fish lobte das schöne Ambiente im Kulturzentum „Opderschmelz“ in Dudelange mit seinen Musikschulen und dem Kino. „Eine Investition in Kultur ist eine Investition in die Zukunft Luxemburgs“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Er freute sich zudem, dass die erste Show in Europa (wie zwei Tage später die erste Show in Deutschland) gleich ausverkauft war. „Hier sind wir zuhause“, sagte er und betonte energisch, dass keiner aus Band und Crew für den Brexit gestimmt habe.
Das „Weltschmerz“-Album ist nach Fishs Angaben sehr vom deutschen Autor Hans Fallada beeinflusst, dessen Bücher er in den letzten Jahren gelesen hat. So hat ein Song den Titel „Little Man What Now“ nach dem gleichnamigen Roman, der sich mit dem Leben eines kleinen Mannes zu Zeiten der Weimarer Republik und der Weltwirtschaftskrise beschäftigt. Passenderweise leitete das Stück im Konzert direkt über zu „Torch Song“ und einem fulminanten „White Russian“, das ebenfalls die Wirrungen der 30er und 40er Jahre zum Thema hat. Auch musikalisch war „White Russian“ eine Offenbarung. Die Band war bestens eingespielt, mit Steve Vantsis und Robin Boult gab es hervorragende Gitarrenarbeit, Gavin Griffiths sorgte für starke rhythmische Momente. Nur Fos Patterson ließ bisweilen bei den elegischen Keyboard-Passagen zu wünschen übrig, was sich vor allem bei dem (zugegebenermaßen äußerst schwierigen) „Just For The Record“ zeigte. Hier hatte er im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun, um den Laden beisammenzuhalten.
Als nächstes folgte ein neues Stück namens „C Song“, das nicht auf der EP enthalten ist. Überaus passend zum „Weltschmerz“-Thema geht es um das Hadern mit sich selbst und der Umgebung. Und im Anschluss gab es mit „Going Under“ einen Song, den Steve Rothery und Fish quasi in letzter Sekunde für „Clutching At Straws“ geschriben haben, der nie live gespielt wurde, der aber ein wahres Kleinod ist.
Dann endlich der einzige wirklich größere Hit des Abends: „Sugar Mice“ – vom Publikum entsprechend bejubelt. Mit „Waverly Steps“ führte uns Fish dann aber in einer epischen Viertelstunde in die Welt der Depressionen. Hier war es hilfreich, dass im Hintergrund eine große LCD-Wand zu sehen war, die während des Konzerts wahlweise altes Artwork, nostalgische Bandfotos aber auch neues Bildmaterial von Illustrator Mark Wilkinson zeigte. Bei „Waverly Steps“ geht es um Depressionen – und diese wurden anhand des Symbols eines schwarzen Hundes illustriert. Sehr bewegend und absolut mutig so nah am Ende des Sets.
Zum Abschluss des Konzerts gab es natürlich „The Last Straw / Happy Ending“, der auch das Marillion-Album ausklingen lässt. Für die Zugabe hat Fish sich ein besonders Schmankerl aufgehoben. „Tux On“ war ja nur B-Seite von „Sugar Mice“. Jetzt muss man sagen: Was für eine Verschwendung! Dieser energische Song passt perfekt zu Fishs Stimme. Er ist rhythmisch ausgereift und live voller Aggressivität und Authentizität. Danach konnte nur noch „Incommunicado“ folgen, um die Feierlaune auf den Höhepunkt zu heben, dann war das Konzert nach ziemlich genau zwei Stunden beendet. Die Setlists in Dudelange und Köln waren gleich und boten genau diese Punktlandung.
Bleibt noch was zu sagen? Fish war in guter Form. Stimmlich ist „Clutching At Straws“ auf ihn zugeschnitten worden, aber das passt – vor allem mit Doris im Hintergrund. Die Stimmung war bei beiden Konzerten fantastisch. Die Leute feiern sowohl „Clutching“, aber auch das neue Material. Die EP kann man sich getrost zulegen, bietet sie doch gute Musik für kleines Geld. Und die Vorfreude auf das „Weltschmerz“-Doppelalbum steigt immens. Ach ja. Und die Tour dauert noch (gefühlt ewig) an. Mehrere Deutschlandtermine sind auf der Liste: