Adam Angst bei ROCK AM RING 2025, Fotogalerie vom 6. Juni 2025
Adam Angst waren am 6.6.2025 bei ROCK AM RING, Orbit Stage. Hier unsere Fotogalerie, Credit: Julia Nemesheimer
Adam Angst waren am 6.6.2025 bei ROCK AM RING, Orbit Stage. Hier unsere Fotogalerie, Credit: Julia Nemesheimer
Klar hätte man es sich einfach machen können. Nachdem das Konzert der Donots in Saarbrücken in Windeseile ausverkauft war, wäre eine Ausweichstätte in der saarländischen Landeshauptstadt schnell gefunden. E-Werk und Saarlandhalle sind ja immer in der Hinterhand. Doch zum Glück ging man den coolen Weg: Nach dem Motto „man lebt nur zweimal“ wurde kurzerhand eine Nachmittagsshow angesetzt. Was das für Auswirkungen hatte, konnte man mit Blick ins Publikum unschwer erkennen. Der Altersdurchschnitt war deutlich gesenkt und das Publikum ging bis ins Kita-Alter. Grandios! Man kann den Kleinen nicht früh genug beibringen, wie ordentliche Musik klingt. Das war musikalische Früherziehung par excellence.
Die Garage war schon zu früher Stunde (sprich: 14 Uhr) bestens gefüllt. Am Nachmittag zwar nicht ausverkauft, aber mit knapp 1000 Zuschauer*innen bis in die hinteren Reihen locker gefüllt. Adam Angst machte den Support und musste zunächst das etwas launische Publikum bändigen: „Es ist auch für uns die erste Stunde“. Die deutschen Punkrocker sind schon lange kein Geheimtipp mehr und bekannt für ihre knallharte Performance. So hatte man das Publikum mit „Wir sind zusammen“ und dem Mottotitel „Punk“ schnell auf seiner Seite. Sänger Felix Schönfuss verfügt über eine geniale Stimme und eine fantastische Bühnenpräsenz. Dazu gab es deutliche Worte und verzerrte Gitarren.
Die halbstündige Setlist widmete sich vor allem dem aktuellen Album „Twist“, das erst kürzlich erschienen ist. Für Punkrock doch recht untypisch wurden Songs wie „Unter meinem Fenster“ und „Die Lösung für deine Probleme“ am Piano begleitet. Auch dort machte Felix eine sehr gute Figur. Letztgenanner Track richtet sich deutlich gegen die AfD. Beim Agieren gegen Rechts darf es keine Klischees geben. Und als Zugabe gab es den Song von den selbsternannten „Professoren“, die abends lamentierend in der Imbissbude stehen und zu wissen glauben, wie die Ausländer unser Land verändern. Mit tiefsinnigen Texten und krasser Performance haben Adam Angst neue Freunde gewonnen, was ein Blick in Richtung Merch-Stand verriet.

Pünktlich um 15 Uhr machten die Donots sich zu den Klängen von „Girls Just Wanna Have Fun“ bereit, um dann zum Schlachtruf „Auf sie mit Gebrüll“ den Vorhang fallen zu lassen. 1994 als Schülerband in einer Garage in Ibbenbüren gestartet, haben sich die Donots Schritt für Schritt einen Namen weit über die Punkrock-Szene hinaus gemacht. Fast 30 Jahre, zwölf Alben, über 1.200 Konzerte in 21 Ländern – ihre Geschichte hat Höhen, Tiefen und natürlich jede Menge absurde Momente.
Dass sie auch den Nachmittagsslot beherrschen, haben sie 2022 bei ROCK am RING eindrucksvoll bewiesen, als sie zu früher Stunde das Festival eröffnen durften. Es war die erste Show dort nach Corona und die Menschen waren ausgehungert. Die Donots konnten diesen Hunger stillen und feierten bei hellem Tageslicht eine Wahnsinnsshow, die Maßstäbe für das Festival setzen sollte. Jetzt in Saarbrücken stand der Tag zunächst unter keinem guten Stern, war doch Sänger Ingo noch vormittags mit Verdacht auf Rippenbrüche beim Arzt. Zum Glück Fehlalarm und er konnte sich für zwei Shows fit machen, für die am Abend kurzerhand die ganze Praxis-Crew auf die Gästeliste gesetzt wurde. Ein feiner Zug.
Neben den deutschsprachigen Gassenhauern gab es auch englische Songs wie „Calling“ und „Dead Man Walking“, das den ersten Mega Circle Pit zur Folge hatte. Natürlich hatte Ingo im Blick, dass sehr viel Jungvolk im Publikum war. Als er zu „Hey Ralph“ alle Kids auf die Bühne bat und sich die Reihen unendlich mit strahlenden Gesichtern füllten, wurde er selbst von den Emotionen übermannt und war den Tränen nahe. So etwas erlebt man nicht oft.
Der Besuch mitten im Circle Pit war für den Frontmann obligatorisch. Und dort entdeckte er während „Kaputt“ den Erdbeermann, der auf Donots-Konzerten im Saarland schon eine Legende ist und inzwischen mit eigenen Aufklebern und Fan-Shirts (!) aufwartet. Zudem lud der Erdbeermann alle Fans für die Zeit zwischen den Shows in die Kneipe Klim-Bim am Sankt-Johanner-Markt ein. Dort würden zur Feier des Tages nur Donots-Songs gespielt. Versprochen.
Die Show mit drei Zugaben („Eine letzte Runde“, das Twisted-Sister-Cover „We’re Not Gonna Take It“ und „So Long“) dauerte gut 100 Minuten. Absolut okay – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ja noch eine weitere Runde am Abend anstand. Wieder einmal wurden die Donots ihrem Ruf als furiose Liveband gerecht. Im Saarland sind sie stets willkommen – egal zu welcher Uhrzeit.
Der Sonntag startete um 16 Uhr mit einer Pressekonferenz. Auf dem Podium hatten sich nur der regionale Polizeichef und André Lieberberg eingefunden. Ein gutes Zeichen – zeigte es doch, dass das Festival absolut friedlich abgelaufen war und kaum Vorfälle vermeldet werden mussten. 12 leichte Körperverletzungen, 13 glimpflich abgelaufene Verkehrsunfälle, wenige Diebstähle. Für eine Menge, die fast einer Großstadt entspricht, ein mehr als gemäßigtes Wochenende. Die hohen Windstärken hätten vor allem am Freitag ein Problem dargestellt, die Sicherheit der Zuschauer sei aber nie gefährdet gewesen.
Die größere Meldung war dann auch André Lieberbergs Hinweis auf „35 Jahre Rock am Ring“ vom 5. bis 7. Juni 2020 mit Präsentation des ganz Ring-nostalgisch angelegten Plakats. Der Vorverkauf zum Frühbucherpreis startet schon am Dienstag, 11.6.2019 um 12 Uhr. Die Vorfreude kann also beginnen!
Weiter zum dritten Festivaltag: ADAM ANGST begrüßten das Publikum um 16.40 Uhr auf der „Alterna Stage“ mit „Guten Morgen“ und erfreuten sich am beliebten Hände hoch Hände runter Spielchen. „Normalerweise machen wir sowas nicht, aber das macht Spaß“, sagte der umtriebige Frontmann. Außerdem war Gesellschaftskritik Trumpf. Die Stimme von Alexa startete im Dialog mit dem Publikum „Alle sprechen Deutsch“. Und auch „D.I.N.N.“ mit dem Mantra „Ich werde dich immer Nazi nennen“ wurde geboten. Es war eine geniale und gut besuchte Show der Punkrockband um Felix Schönfuss. Hier hatte man sicher einige neue Freunde gewinnen können.
AMON AMARTH hatten inzwischen die Hauptbühne mit einem exorbitantem Wikingerhelm ausgestattet. Sie lieferten eine gigantische Feuershow und heroische Vocals. Die Band aus einem Vorort von Stockholm bot einiges auf, um das Publikum zu unterhalten: Flammenwerfer, ständige Wechsel des Hintergrundbilds. Das fiel bei den Fans in Feierstimmung auf fruchtbaren Boden und das Konzert wurde zum Triumphzug. Es gab Kostümierte mit Schwert und Schild, die Kämpfe auf der Bühne inszenierten. „Wir erheben die Hörner auf euch“, skandierte man für die Trinkwütigen und es gab ein mehrstimmiges und von Herzen kommendes „Skål“. Zum Ende wurde gar Thors Hammer geschwungen – unterhaltsam und stimmig war das Ganze.
Alec und Sascha von THE BOSSHOSS mussten sich anstrengen, die Stimmung zu halten, schafften das aber mit einer sehr rockigen Show. Die beiden sind ja mit Wacken und früheren Ring-Auftritten schon mehrfach Metal-erprobt. Die Cowboys lebten ihre Show voller Coolness und die Instrumentalisten an Mundharmonika, Mandoline, Banjo sowie allerlei speziellen Country-Folk-Geräten taten das übrige dazu, um eine großartige Show abzuliefern. Der Sound der Band steckte an und die Livequalitäten voller Herzblut konnten sie bestens unter Beweis stellen.
Zugleich lieferte KONTRA K auf der „Crater Stage“ HipHop Klänge aus Berlin. Dafür brauchte er eine Showtreppe und viele LCD Wände. Mit enormer Power bewies er, dass er den großen amerikanischen Vorbildern in Nichts nachstehen muss. Von der Straße ganz nach oben – das ist seine Devise. Bekannte Samples wie „Love is a battlefield“ halfen dabei. Und natürlich das Publikum. Bei „Fame“ ließ er die Menge RAF Camoras Part singen. Natürlich gab er „Soldaten“ zum Besten und als Zugaben „Erfolg ist kein Glück“ und „Wölfe“.
Zurück zur Hauptbühne. Auf dem Weg zu Tenacious D lieferten KADAVAR eine Rockshow der alten Schule. Schlagzeug, zwei Gitarren, fertig. Damit waren sie quasi der perfekte Übergang, um sich auf Jack Black und Co. einzustellen.
Viele Schauspieler versuchen sich auch als Rockstars, aber Jack Black und Kyle Gass sind mit TENACIOUS D ganz vorne. Das komödiantische Rockduo glänzte mit Feierlaune und viel Groove. Jack, diese wundervolle, fast 50jährige Gesangskanone konnte mit hoher Rockstimme und entsprechendem Pathos überzeugen. Und auch die schauspielerischen Fähigkeiten der beiden kamen nicht zu kurz: Da wurde schon mal der Partner und Gitarrist Kyle Gass entnervt gefeuert, der daraufhin „You can’t fire me. I quit“ brüllte, nur damit Jack ein melancholisches „I miss you“ anstimmen konnte um ihn zurück zu holen. Kyle revanchierte sich mit einer rockigen Solo-Blockflöten-Einlage. So hätte es ewig weitergehen können, doch mit dem Scorpions-Snippet „Rock you like a hurricane“ und einem letzten Song für die Ladies („Fuck her gently“) war Schluss.
Jetzt hätte man sich noch ALLIGATOAH anschauen können, deer quasi sein komplettes Wohnzimmer auf der Bühne aufgebaut hatte, doch es war wichtiger, sich einen guten Platz für den letzten Topact zu sichern.
SLIPKNOT brauchten die längste Umbaupause des Festivals. Ein postapokalyptischer Bühnenaufbau und entsprechende Maskierung sind ihr Markenzeichen. Mit „People = Shit“ und „(sic)“ ging es umgehend zur Sache. Das Volk vor der Bühne rastete umgehend aus und zu einem Pyro-Stakkato lieferten die Heroen aus Iowa ihre fantastische Show ab. Bei so viel brachialer Gewalt und Power gönnten sich die Protagonisten immer mal wieder kurze Pausen, während denen es unheimlich still im weiten Rund des Nürburgrings wurde. Pünktlich um Mitternacht stand aber wieder die komplette Bühne in Flammen. Kurz vor Schluss gab es die Klassiker „Spit it out“ und „Surfacing“. Die Erschöpfung der Zuschauer war greifbar. Zum Relaxen gab es ein Feuerwerk über der Bühne und viele Ringrocker machten sich schon auf den Weg zu ihren Zelten.
Einige aber hatten noch nicht genug und über der „Crater Stage“ setzten MARTERIA und CASPER im Doppelpack mit eigenem Feuerwerk den Abend fort. Bei Tausenden Fans war noch genügend „Adrenalin“ vorhanden. Beide nutzen die gemeinsame Show neben den Titeln des Albums „1982“ auch für Einzelsongs der großen Karrieren und gegenseitige Respektsbekundungen. Damit keiner verloren auf der Bühne und für das komplette Publikum gut sichtbar war, gab es eine schräge Ebene und man konnte die Protagonisten von überall hervorragend sehen. Eine Show auf LCD-Wänden illuminierte das Geschehen. So vergingen die letzten 90 Showminuten des Festivals ebenfalls sehr schnell.
Was bleibt als Fazit? Überraschungen wie Fever 333. Überzeugungstäter wie Adam Angst, Halestorm und Beyond The Black. Hammershows Marke Tool, Amon Amarth, Bring me the Horizon und Slipknot. Rap-Überraschungen aus der Spaßrubrik und mit ernstem Hintergrund. Die Rückkehr der Ärzte, der Abschied von Slayer. Es waren nostalgische Momente und zukunftsweisende. Vielleicht wäre zum Jubiläum mal wieder ein hymnischer Pop-Rock-Act angesagt. Warum nicht Queen mit Adam Lambert. Mag aber auch sein, dass sich Metallica wieder mal die Ehre geben. Warum auch nicht? Es wird auf jeden Fall ein Fest – im Juni 2020.
Im Jahr 2017 fand das „Rockaway Beach“ in Losheim am See zum ersten Mal statt. Damals konnte ich aus urlaubstechnischen Gründen nicht dabei sein – aber im zweiten Anlauf sollte es nun klappen. Braucht die Welt ein weiteres Indiepop-Punk-Festival? Auf jeden Fall, kann man nach diesem Event nur sagen. Klar, es hätten mehr Zuschauer da sein können. Schließlich fasst das Strandbad am schönen Losheimer See (wenn es ganz dicke kommt) 15.000 Zuschauer. Jetzt war das Ganze doch recht überschaubar mit geschätzten 2.000 Leuten. Doch was soll’s? Die Infrastruktur war ohnehin vorhanden, da tags drauf das Elektronik-Festival „Lucky Lake“ stattfand. Und so konnte man sich gemütlich zwischen zwei Bühnen bewegen, die tolle Atmosphäre am See genießen – und ich stelle mir vor, wie die weiter angereisten Fans dann in der Nacht auf dem Campingplatz das Lagerfeuer mit den Elektronik-Enthusiasten teilten. Das spricht doch für unbezahlbare Erlebnisse.
Das Line-up des Festivals war wieder hervorragend. Doch dazu später mehr. Einmal angekommen, freute ich mich zunächst über fehlende Parkplatzprobleme (der Seeparkplatz bietet massig Platz) und ein schönes Ambiente mit vielen Getränke-, Essens-, Süßigkeiten- und Merchandise-Ständen. Bei meiner Ankunft um 17.45 Uhr war das Festival schon seit drei Stunden dran und ich musste mir den Weg zur Second Stage suchen, auf der Fortuna Ehrenfeld ihre extravagante Indie-Show abzogen. Da fühlte man sich doch wie im Kölner Büdchen, wenn Martin Bechler die Zuhörer in blauem Altherren-Pyjama mit gelber Federboa begrüßte. Es gab einfache, sparsam instrumentierte Melodien mit ziemlich abgedrehten Texten und Ansagen. Hat Spaß gemacht.
Großes Plus des Festivals sind die zwei Bühnen, die einen Nonstop-Musikgenuss versprechen. Also schnell zur Main Stage, wo Gurr gerade ihren Soundcheck beendet hatten und auch direkt mit ihrer Mischung aus Punk und Deutschrock losfetzten. Andreya Casablanca und Laura Lee boten eine hervorragende, aber durchaus launische Show. Vor allem die Ansagen zeugten davon, dass sie sich mehr Engagement vom Publikum wünschten, das aber in den frühen Abendstunden noch nicht zur Ekstase bereit war. Egal. Sie spielten ihren Set überaus lässig runter und boten ein kurzweiliges Vergnügen.
Dann ging es zu den sphärischen Keyboardklängen von Belgrad. Das Quartett bot einen sehr elektronischen Sound mit nachdenklichen und überaus intensiven Texten. Der Sänger wirkte oft sehr vernuschelt und in sich gekehrt, hatte aber auch heiser raus gebrüllte Passagen im Postpunk-Stil zu bieten. Die Musik war nicht einfach zu konsumieren, aber durchaus ein Ohr wert.
Dann enterten FJØRT die Mainstage mit lauten, verzerrten Soundcollagen. Die Band aus Aachen wird gerne mal dem Post-Hardcore zugeordnet und so gab es oftmals hysterischen, zum teil recht energisch heraus gebrüllten Gesang. Einen glatten Sound suchte man hier vergebens. Stattdessen hörte ich emotionale Songs mit intelligenten Texten. Die vielfältigen Aussagen gegen Rechts weckten auch das Publikum auf, das jubelnd zustimmte.
Der Niederländer Tim Vantol war aus Amsterdam angereist, um im Alleingang die Second Stage für sich einzunehmen. Gegen ca. 20.30 Uhr fand er hier ein dankbares Publikum, um die Abenddämmerung einzuläuten. Es gab schnelles Gitarrenspiel und einen netten Akzent bei den Ansagen. Tim lobte dieses „Losheim am Teich“ und schaffte es, sein Publikum mit minimalen Mitteln zu begeistern. Die Tempowechsel von Akustikballaden bis hin zum Punkkracher waren schon beeindruckend.
Auf der Mainstage wartete mit Adam Angst die große Überraschung des Abends auf mich. Was für eine knallharte Performance der deutschen Punkrock-Band! Sänger Felix Schönfuss verfügt über eine geniale Stimme und eine fantastische Bühnenpräsenz. Dazu gab es deutliche Worte und verzerrte Gitarren. Der erste Headliner-Slot auf der abendlichen Mainstage war genau richtig für das Quintett. In einer grellen und hektischen Lightshow konnten wir einen Sänger bewundern, der ständig in Bewegung war und dessen Musiker die Texte häufig mit einer witzigen Schauspiel-Performance begleiteten. Das half beim Verorten der Texte, wenn man in „Wunderbar“ die Spaßgesellschaft aufs Korn nahm: „Wir glauben nicht mehr an Minister / Wir glauben lang‘ nicht mehr an Gott / Wir glauben an Helene Fischer / Und wir feiern uns kaputt.“
Beim Agieren gegen Rechts darf es auch keine Klischees geben: „Es wird uns nie peinlich sein, uns auch im Umfeld, wo alle unserer Meinung sind, gegen rechte Gewalt auszusprechen.“ Passend dazu gab es den Song von den selbsternannten „Professoren“, die abends lamentierend in der Imbissbude stehen und zu wissen glauben, wie die Ausländer unser Land verändern. Ein ebenso nachdenklicher Song wie der neue Titel „Alexa“ vom kommenden zweiten Album „Neintology“ (VÖ: 28.9.2018), der sich mit den Unbillen der selbst verordneten Überwachung durch die neuen Medien beschäftigt. Sehr schön, dass Adam Angst fast eine Stunde Raum bekamen – ein perfektes Konzert für diesen Zeitpunkt.
Nahtlos übernahmen The Baboon Show aus Schweden. Die Stockholmer Band mit der aufreizenden Frontfrau Cecilia Boström. Sie ist die perfekte Shouterin für energiegeladene Songs. Ihr Punk mit Rock’n’Roll-Attitüde ließ mich oftmals an Jennifer Rostock denken. So würde Jennifer Weist wohl klingen, wenn sie denn in englischer Sprache sänge. Dazu war Cecilia ständig in Bewegung und verdrehte vor allem den Männern im Publikum den Kopf, die sich zu fortwährenden Crowd-Surf-Attacken hinreißen ließen, um ihr näher zu kommen. Abgefahren, was sie da mit ihren teil aggressiven, teils melodiösen Songs leistete. Ein echtes Party-Highlight, bevor es dann mit dem Headliner etwas gediegener zugehen sollte.
Pünktlich um 22.40 Uhr enterten Kettcar die Mainstage. Und es war mir ein Genuss, diese Band zum ersten Mal live erleben zu dürfen. Fünf LCD-Wände nahmen das Publikum mit auf eine Videoreise durch Hamburgs Straßen, während Marcus Wiebusch mit warmer, sonorer Stimme „Trostbrücke Süd“ anstimmte. Ein atmosphärischer Song über die Verlorenen im Frühbus, der in einem skurillen Moment an der Endstation gipfelt, wenn alle verbliebenen Fahrgäste auf ihre Sitze steigen und dem Busfahrer skandieren: „Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser“. Wie geil ist das denn? Und wie perfekt wirkt dieser Song in nächtlicher Konzertkulisse?
Das neue Album „Ich vs. wir“ stand deutlich im Mittelpunkt des Konzerts, doch auch die Klassiker kamen nicht zu kurz. „Graceland“ wurde angekündigt als „Song vom würdevollen Älterwerden“ – und das ist es auch, was Kettcar nach fünfjähriger Schaffenspause gerade tun: Aus der lauten Rockband ist eine nachdenkliche Truppe geworden, die mit ihrem Politpunk (so bezeichnet es Wiebusch gern selbst auf den Konzerten) immer noch wichtige Geschichten erzählt, den Fokus aber mehr aufs Erzählen als aufs eingängige Abfeiern legt. So kam dann auch die wichtige Erzählung „Sommer ’89“ recht früh im Set, in die Wiebusch soviel Text gelegt hat, dass er ihn gar nicht mehr singen kann, sondern in Form eines musikalischen Hörspiels (inklusive Video im Hintergrund) interpretiert und mit den Worten beschließt: „Helfen durch Zäune ist ein zutiefst menschlicher Akt.“
Dann mit „Wagenburg“ quasi der Song zum Albumtitel, vom Egoismus der sogenannten besorgten Bürger und Wir-sind-das-Volk-Brüller: „Wo Egoschweine erst alleine / Und dann zusammen, nur an sich denkend / Sich zu einem Wir verlieren“. Damit gab es genug zum Nachdenken und Kettcar ließen einen drei Songs umfassenden Emo-Block mit Liebesliedern folgen. Nicht alle mit gutem Ausgang, wie der Wochenend-Beziehungssong „48 Stunden“ zeigte, aber dann auch gemütlich und fröhlich wie im Klassiker „Balu“.
Zum Glück war der Auftritt nicht zu ernst. Großen Anteil daran hatte Bassist Reimer Bustorff, der schon beim nachmittäglichen T-Shirt-Verkauf am Merchandise fröhlich sein Bier schwenkte und jetzt zu fortgeschrittener Stunde sehr selig wirkte, wenn er vom Telefonat mit seiner Mutter erzählte, die anscheinend das „Rockaway Beach“ nicht als geeigneten Auftrittsort für Kettcar ansah, oder vom Besuch eines Eagle-Eye-Cherry-Konzerts in Hamburg vor vielen Jahren, als ein Zuschauer beim Warten auf das One-Hit-Wonder „Save Tonight“ irgendwann brüllte: „Jetzt spiel endlich deinen Scheiß-Hit und hau ab“. Man konnte seiner Konklusion nur zustimmen: „Gut, dass wir nie einen Hit hatten.“ Wiebusch nutzte die ausufernde Heiterkeit des Bassisten und überredete Reimer gar zu seiner ersten Crowd-Surf-Erfahrung. Ein Traum, dass wir diesem Ereignis beiwohnen durften.
Die Setlist will ich mal als (aus heutiger Sicht) perfekt bezeichnen. „Benzin und Kartoffelchips“ aber auch „Ankunftshalle“ sind Songs von Meer und Freiheit bzw. der rührenden Heimkehr. Selbst Wiebuschs formidabler Solosong „Der Tag wird kommen“ über einen homosexuellen Fußballstar fand seinen Platz im Set und verursachte mir Gänsehaut – wie immer, wenn ich das dazu gehörige Video sehe, das auch hier im Hintergrund ablief. Zu „Deiche“ kam punkt Mitternacht nochmal Feierstimmung auf. Dann verabschiedete sich die Band erstmals von der Bühne.
Die 2018er Tour hatte im Saarland (Garage Saarbrücken) begonnen und sollte mit diesem Spät-Festival-Auftritt auch enden. Als letztes folgte das umjubelte „Landungsbrücken raus“, das Marcus Wiebusch mit den Worten einläutete: „In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung“. Nun hat das Strandbad Losheim zwar keinen echten Hafen zu bieten, aber ein wunderschönes Ambiente fürs Ende der Festival-Saison. Kettcar hatten einen fantastischen Auftritt hin gelegt. Hoffentlich machen sie jetzt keine lange Pause, sondern bleiben im Flow. Hoffnung habe ich auch für das „Rockaway Beach Festival“. So schön wie in 2018 soll es gerne auch die nächsten Jahre werden. Das haben sich die Veranstalter von Popp Concerts redlich verdient, die hier neben den antiken Stätten in Trier und dem Bostalsee eine weitere kultige Konzertstätte bespielen. Alle, mit denen ich während und nach der Veranstaltung gesprochen habe, waren jedenfalls begeistert.
Setlist – KETTCAR – 31.8.2018, Strandbad Losheim am See
Trostbrücke Süd
Graceland
Money Left to Burn
Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
Wagenburg
Rettung
48 Stunden
Balu
Benzin und Kartoffelchips
Auf den billigen Plätzen
Der Tag wird kommen
Ankunftshalle
Im Taxi weinen
Balkon gegenüber
Deiche
Ich danke der Academy
Kein Außen mehr
Landungsbrücken raus