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Foo Fighters “Medicine At Midnight” – steht auf und bewegt euch!

Foo Fighters  •  Medicine At Midnight
Veröffentlichungsdatum: 05.02.2021
Unsere Bewertung: 7 von 9 Punkten

Die Foo Fighters feiern ihren 25. Geburtstag – mit einem Jahr Verspätung. Nachdem in der vergangenen Woche bereits die limitierte Jubiläumsedition eines Foo Fighters-Sneakers aus dem Hause Vans für Schnappatmung bei den Fans und einen Ausverkauf in Rekordzeit sorgte, folgt mit „Medicine At Midnight“ nun das zehnte Album der Band aus Los Angeles. Vor dem Release hat Dave Grohl einen Interviewmarathon absolviert und gewohnt launig Auskunft über die Entstehungsgeschichte der Platte und seine persönliche Gemütslage in Corona-Zeiten gegeben. Neben der Tatsache, dass er Konzerte vermisst und Schlaf für die reinste Zeitverschwendung hält, kündigte er im „Rolling Stone“ das neue Album als „Partyplatte“ an, „zu der die Leute aufstehen und sich bewegen“ sollen. Als Hardcore-Fan der ersten Stunde – der nebenbei immer noch die Metamorphose von U2 zwischen „Rattle And Hum“ und „Achtung Baby“ Anfang der 90er verarbeitet – machte mir das Wort „Tanzen“ im Zusammenhang mit „Foo Fighters“ vor allem eines: Angst. Aber für jemanden wie Dave Grohl wäre es nach einem Vierteljahrhundert wohl auch zu einfach gewesen auf die altbewährte Punkrock-Karte zu setzen und einfach in den Sonnenuntergang zu reiten. Im Gegenteil: „Gerade jetzt wollten wir ganz viel Energie haben“.

Also schloss er sich mit dem Rest der Band im Oktober 2019 für drei Monate in einem alten Haus in seiner Nachbarschaft ein und ließ die Kreativmuskeln spielen. Das Ergebnis sind neun Songs mit knackigen 37 Minuten Spielzeit. „Making A Fire“ eröffnet den Reigen als fröhlicher, fast schon poppiger Mitsing- und (Achtung!) Mittanz-Rocker, der begleitet von einem hymnischen Refrain und einem klatschbaren Backgroundgesang um die Ecke biegt. Es folgt die vor sich hin galoppierende erste Single „Shame Shame“ (zu der ein düsteres Video gehört), die sich sehnsuchtsvoll in den Himmel schraubt und auf Dave Grohl’s Stimme davonschwebt. Da wirkt der dreckige Midtempo-Rocker „Cloudspotter“ fast schon beruhigend, wie er mit seinen Stiefeln über den Asphalt kratzt, die Fäuste ballt, beim „Swing Swing“ das Bier verschüttet und dabei die ganze Zeit auf die Straße rotzt.

Mein persönlicher Favorit auf „Medicine At Midnight“ ist das ebenfalls bereits zuvor ausgekoppelte „Waiting On A War“. Das Stück steht in der Tradition alter Foo Fighters-Songs wie „But, Honestly“, „Best Of You“ oder „These Days“ und besticht durch eine Akustikgitarre, einen eingängigen Refrain, viel Dave Grohl-Gefühl und ein etwas (zu) hektisches Ende. Der Titeltrack erinnert zunächst leicht verstörend an die Disco-Vibes der 80er Jahre und schwenkt dann über in eine David Bowie-Gedenkveranstaltung. Hat was! Auch das stampfende „No Son Of Mine“ weckt Erinnerungen. Lemmy Kilmister wird im Rock’n’Roll-Himmel seine helle Freude daran haben. Man sieht ihn förmlich mit der Whiskeyflasche in der Hand auf seiner Wolke… äh, tanzen.

Die verbliebenen drei Songs fallen im Vergleich dazu leicht ab. „Holding Poison“ beginnt mit einem AC/DC-Gedächtnisriff und lässt die Foo Fighters dann einfach ausgelassen drauflos rocken. Nicht neu, aber immer wieder schön. „Chasing Birds“ ist ein melancholischer Schmachtfetzen, so weich wie Butter und so blubbernd wie eine Lavalampe. Eine Atempause, die man nicht gebraucht hätte. Den Abschluss von „Medicine At Midnight“ bildet der dann doch noch typische und etwas langweilige Stadionrocker „Love Dies Young“.

Offensichtlich hatte auch Dave Grohl im letzten Corona-Jahr viel Zeit, um über sich selbst und die Welt um ihn herum nachzudenken. So verarbeitet er in seinen Texten persönliche Alpträume und Ängste ebenso wie die zerstörerische Politik der (glücklicherweise beendeten) Trump-Ära und blickt mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Demut auf sein eigenes Leben, in dem er nicht nur als der „netteste Rockstar der Welt“ gilt, sondern auch dreifacher Vater und von der Road-Crew über das Management bis hin zur Buchhaltung für ein 50 Leute-Team verantwortlich ist.

Als Fan geht man mit den Alben seiner Lieblingsband entweder gnadenlos nachsichtig oder übertrieben kritisch um. Als Rezensent sollte man um Objektivität bemüht sein. Und objektiv betrachtet waren die Foo Fighters-Alben seit „Wasting Light“ von 2011 eher Mittelmaß. Mit „Medicine At Midnight“ zeigt die Kurve eindeutig wieder nach oben. Es ist ein abwechslungsreiches und kraftstrotzendes Album, das wie aus einem Guss klingt und fast durchgängig jede Menge Spass macht. Die dreijährige Pause seit dem glattgebügelten „Concrete And Gold“ hat der Band hörbar neues Leben eingehaucht. Ich wage zu behaupten, dass wir, im Gegensatz zu denen des Vorgängers, viele Songs von „Medicine At Midnight“ auf der nächsten (und hoffentlich bald folgenden) Tour auch live … äh, mittanzen können.