Interview mit Wolfgang Niedecken: „In der Philharmonie habe ich mir einen Schnupfen geholt“

DATUM» 21.08.2014
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Noch bis Anfang September ist Wolfgang Niedecken mit BAP auf Konzertreise. „Zieht den Stecker“ heißt das Motto der Akustiktour, die den Fans die Gelegenheit gibt, BAP von einer völlig anderen Seite zu erleben: Intim und mit einem ganz neuen Programm. Die musikalische Essenz daraus erscheint am 29. August als Live-Doppelalbum unter dem Titel „Das Märchen vom gezogenen Stecker“. Im nächsten Jahr will die Band dann erstmal eine Konzertpause einlegen, um sich auf ihr 40-jähriges Jubiläum 2016 vorzubereiten. Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll traf sich mit Wolfgang Niedecken im Kölner BAP-Büro und sprach mit ihm über das kommende Album, die aktuelle Tour und natürlich auch über die Chancen des 1. FC Köln in der gerade begonnenen Bundesligasaison.

wolfgang niedecken

Das neue Live-Album von BAP erscheint am 29. August und heißt „Das Märchen vom gezogenen Stecker“. Die musikalische Grundlage dafür war dein letztes Solo-Album „Zosamme alt“. Inwiefern hängen die beiden Alben zusammen?

Wolfgang Niedecken: Ganz einfach. Ich habe dieses Solo-Album in Woodstock mit amerikanischen Musikern aufgenommen. Es sollte eine Art Dankeschön an meinen Schutzengel sein. Wenn meine Frau mich nicht innerhalb von einer halben Stunde in die Neurologie geschafft hätte, dann weiß ich nicht, ob ich hier noch säße oder noch zusammenhängend reden könnte. Dieses Solo-Album war eine Idee, mit der mir Julian Dawson, der das auch produziert hat, schon seit Jahren in den Ohren gelegen hat. Eigentlich schon seit Jahrzehnten. Junge, du musst mal ein Album aufnehmen, auf dem nur deine Songs im Vordergrund stehen. Wo es nur darum geht, ganz songdienlich und deiner Stimme entsprechend die Tonlage auszuwählen und ansonsten alles wirklich nur um den Gesang herum zu arrangieren. Als ich dann dieses halbe Jahr Zeit hatte, habe ich mir gedacht: Jetzt könnte ich mich doch tatsächlich mal bei meinem Schutzengel bedanken und das mit Julians Idee zusammenbringen. Und genau so haben wir es gemacht. Wir hatten keine Plattenfirma und gar nichts. Wir haben einfach gesagt: Wir nehmen das in Woodstock auf, mischen es in New York und dann gucken wir mal. Zu der Zeit gab es auch gerade dieses Wechseltheater von EMI zu Universal. Aber es hat alles funktioniert. Universal hat das Album rausgebracht und BAP, also meine sogenannte Stammformation, hat das Album gehört und alle fanden es klasse. Auf einmal kam dadurch eine weitere Idee auf Wiedervorlage. Nämlich sich an dem Album zu orientieren und endlich mal unsere Unplugged-Tour zu spielen. Das hatten wir aus Vernunftsgründen immer wieder verschoben. Das ist zu kompliziert, du kriegst weniger Leute in die Säle, die Hallenmieten von den Opernhäusern und Philharmonien sind eine Katastrophe. Für eine Philharmonie bezahlst du natürlich mehr als für eine Dreifachturnhalle und kriegst auch weniger Leute rein. Wir haben das dann mal durchkalkulieren lassen und es schließlich gewagt. Und es war wirklich ein Homerun. Es war so schön. Schon alleine die Proben waren ein Traum. Wir haben wieder mal im Weingut an der Mosel geprobt. Von oben siehst du eine richtige Moselschleife. Die Mosel fließt etwa zehn Kilometer lang an einem vorbei. Es ist unfassbar. Die Anne (de Wolff, Anmerkung der Redaktion) und der Ulle (Ulrich Rode, Anm.d.Red.) haben Gott weiß welche Instrumente mitgebracht. Akustische und sehr exotische Instrumente, an die wir eigentlich noch nie vorher gedacht haben. Rhani Krija als Marokkaner hat das Kommando für das Rhythmusgefüge übernommen. Was auch gut so war, denn er wird von allen sehr geschätzt. Das war für Jürgen (Zöller, Anm.d.Red.) keine Konkurrenz, er hat auch gerne von Rhani gelernt. Der weiß was er tut, denn normalerweise ist er mit so Leuten wie Sting unterwegs. Sobald Rhani irgendwo Percussion spielt, ist das plötzlich ein anderes Stück. Unsere Crew hat sich bemüht das alles dann ins richtige Verhältnis zu setzen. Es war von Anfang an etwas sehr märchenhaftes. Darauf bezieht sich der Titel des Albums.

Ich finde auch, dass sich die Songs in den Neuinterpretationen sehr viel tiefer und wärmer anhören. Aber ich stehe sowieso total auf dieses ganze Unplugged-Zeugs.

Wolfgang Niedecken: Man musiziert mehr miteinander. Wir haben schon bei den Proben da gesessen und einfach miteinander musiziert. Da war nix mit abrocken. Und das haben wir immer mehr verfeinert. Übrigens auch im Laufe der Tour. Wir haben mittlerweile auch den Mut zur Lücke. Wenn ich zum Beispiel selbst auch mal aufhöre Gitarre zu spielen, weil ich merke, an der Stelle muss ich gar nicht wirklich Gitarre spielen. Dann spiele ich halt nur mal einen Refrain mit oder eine Bridge. Ich muss dann nicht mehr beweisen, dass ich das kann. Das ist überhaupt was Schönes. Man muss überhaupt nichts mehr beweisen (lacht).

„Das Märchen vom gezogenen Stecker“ wurde im April an drei Abenden in der Kölner Philharmonie aufgenommen. Abgesehen vom lokalen Bezug, warum habt ihr gerade diesen Ort ausgewählt und nicht einen Zusammenschnitt aus verschiedenen Locations?

Wolfgang Niedecken: Das ist dann wieder ein wirtschaftliches Problem. Es sind ja über dreißig Instrumente die da gespielt werden. Wenn du das einmal so aufgebaut hast, dass das aufnahmebereit ist, dann ist das schon sehr günstig, wenn du an drei Tagen hintereinander aufnimmst. Und in Köln sitzt mit Wolfgang Stach auch der Mann, der unsere letzten Alben produziert hat und zu dem wir ein grosses Vertrauen haben. Das hat sich einfach angeboten. Später auf der Tour wollten wir es auch nicht aufnehmen, weil du auch wieder eine gewisse Zeit brauchst, um das alles abzumischen. Dazu muss auch das ganze Artwork entwickelt werden. Köln war einfach ein günstiger Zeitpunkt. Da wussten wir auch, dass wir vor der Philharmonie genug Zeit hatten, um die Sachen auf der Bühne reifen zu lassen. Wir konnten uns ausrechnen, dass es da dann perfekt sein würde. Das einzige, womit ich nicht gerechnet hatte war, dass ich mir durch die Klimaanlage in der Philharmonie einen Schnupfen hole. Wenn du genau hinhörst, dann kriegst du mit, welche Stücke vom dritten Tag sind. Nimm zum Beispiel „Songs sinn Dräume“. Das klingt von der Stimme her nasal. Alles was nasal klingt, ist am dritten Tag aufgenommen (lacht).

Insgesamt sind dreißig Songs auf dem Album, darunter viele alte und lange nicht gehörte Bekannte wie etwa „Jupp“ oder „Sendeschluss“. Nach welchen Kriterien habt ihr die Songs letztlich ausgewählt?

Wolfgang Niedecken: Das ging nach Ausschlusskriterien. Ein Ausschlusskriterium war zum Beispiel „keine Klamauknummern“. Es ist schön, wenn man im Konzert „Verjess Babylon“ oder „Ruut, wiess, blau querjestriefte Frau“ oder „Woröm dunn ich mir dat eijentlich ahn?“, dieses FC-Lied, live spielt. Aber das musst du nicht unbedingt auf so einem Tonträger haben, der einen Bogen haben soll. Ich will nicht, dass die Leute zappen. Wenn du einen Witz zum hundertsten Mal hörst, dann kennst du die Pointe. Dann zappst du weiter. So würde es mir jedenfalls gehen. Ich will eigentlich, dass dieses Album von vorne bis hinten durchhörbar ist.

niedeckens bap cover

„Das Märchen vom gezogenen Stecker“ erscheint am 29. August via Vertigo / Universal Music

Warum firmiert das Album unter Niedeckens BAP und nicht unter BAP? Das ist ja fast so wie früher bei „Wolfgang Niedecken’s BAP rockt andere kölsche Leeder“.

Wolfgang Niedecken: Weil wir praktisch als Blaupause mein Solo-Album hatten. Die „Zieht den Stecker“-Tour lief ja auch unter Niedeckens BAP. Deshalb haben wir uns entschlossen, dass wir das beibehalten. Wenn man ehrlich ist, die Zeiten der festen Bandbesetzungen sind für uns vorbei. Das war auch schon seit Jahren eigentlich nur noch ein Märchen. Immer nur der Erwartungshaltung, der Romantik oder der Nostalgie des Publikums nachzurennen, war ein bisschen scheinheilig. Das sind alles Musiker, die spielen noch Gott weiß wo. Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, dass es einen Pool von Musikern gibt, aus dem man Niedeckens BAP für die jeweiligen Aufgaben zusammenstellen kann. Und das tun wir auch. Ich werde mich bemühen für 2016, wenn wir auf Jubiläumstour gehen, die Band so zusammen zu halten, wie sie jetzt ist und dass sich alle wohlfühlen. Aber wenn Sting die Idee zu einer Welttournee kommt, dann glaube ich beispielsweise nicht, dass er erst wartet bis wir mit unserer Jubiläumstour fertig sind. Der wird dann den Rhani holen (lacht). Aber ich kann dir versichern, dass sich in dem jetzigen Gefüge alle total zuhause fühlen. Deshalb ist da auch keiner böse, dass das jetzt wieder Niedeckens BAP heisst. Das hat übrigens auch dem Vorverkauf genutzt, denn das Solo-Album war ein Erfolg. Viele Leute sind gekommen, weil auch Songs aus dem Solo-Album gespielt wurden. Das ist quasi eine Win-Win-Situation.

Du hast es schon angesprochen, 2016 wird euer Jubiläumsjahr. 40 Jahre BAP. Eine lange Zeit, in der unglaublich viel passiert ist. Abgesehen von der Idee einer Unplugged-Tour gab es mit „Radio Pandora“ 2008 ja schon mal ein halbes Unplugged-Album. Ist das aktuelle Album für dich trotzdem nochmal eine besondere Herzensangelegenheit? So eine Art vorläufiges musikalisches Fazit oder eine Bestandsaufnahme der letzten fast 40 Jahre?

Wolfgang Niedecken: Sowohl eine Bestandsaufnahme wie auch ein Fundament von dem, was man weitergeben kann. Ich glaube, dass wir die gewonnenen Erkenntnisse aus dieser Tour und auch aus meinem Solo-Album nutzen sollten, um zu gucken wie es weitergeht. Ich kann versprechen, dass wir auf der nächsten Tour natürlich auch wieder elektrische Gitarren dabei haben werden. Wir haben auch bei dieser Tour nicht ausschließlich akustische Instrumente benutzt, sondern andere, exotische Instrumente. Da waren etliche Instrumente mit Tonabnehmern dabei. Ich habe aber auch niemals behauptet Vertreter der reinen Lehre zu sein. Pedal Steel ist beispielsweise ein elektronisches Instrument, da gibt es kein Vertun. Ein Wurlitzer Piano ist auch ein elektronisches Instrument. Als Unplugged-Hardliner kann man uns da an der ein oder anderen Stelle also schon erwischen. Ich konnte mit denen aber noch nie was anfangen. Das ist immer so Ajatollah-mäßig. Das brauche ich nicht. Jedenfalls werden wir beim nächsten Album nicht davor zurückschrecken, auch mal wieder zu rocken. Ich denke, dass wir nächstes Jahr um die Zeit im Studio sein werden, um das nächste BAP-Album aufzunehmen. Das peilen wir zumindest an. Und wenn uns bis dahin nicht genug eingefallen ist, dann nehmen wir es eben nicht auf. Die Jubiläumstour können wir auch so spielen.

Gibt es denn schon konkrete Pläne für euer Jubiläumsjahr?

Wolfgang Niedecken: Konkrete Pläne nicht, aber wir werden eine Tour spielen, die hitlastiger sein wird als das, was wir jetzt gespielt haben. Klar werden da auch Stücke gespielt werden, die wir jetzt gespielt haben, und die vielleicht nochmal anders arrangiert. Ich will zu einer Jubiläumstour möglichst auch den Leuten mal einen Gefallen tun, die mit dem Anspruch ins Konzert gehen alle Lieder mitsingen zu können. Das kann man ja ruhig mal machen. Wir sind ja nun wirklich nicht als Band verschrien, die immer nur die großen Hits spielt. Im Gegenteil. Aber das gibt uns auch immer wieder die Möglichkeit, dass wir uns entwickeln können. Wenn wir das nicht tun würden, dann wären wir im Laufe dieser jetzt 38 Jahre wahrscheinlich schon im Bierzelt geendet und müssten immer abwechselnd „Waschsalon“ und „Verdamp lang her“ spielen (lacht).

Letzte Frage, um die du natürlich nicht herumkommst: Wie schätzt du die Chancen des FC in der kommenden Bundesligasaison ein?

Wolfgang Niedecken (lacht): Hab ich es mir doch gedacht. Also wir werden nicht absteigen. Solange man diese vier Leute, die da an der Spitze stehen, in Ruhe arbeiten lässt und von außen keine Unruhe reinbringt, steigen wir nicht ab. Es wird auch in dieser Saison eine Phase geben, wo wir ordentlich vor die Mütze kriegen. Aber dann muss man Ruhe bewahren. Das ist die Devise.

Das ist beim FC nur nicht immer so einfach.

Wolfgang Niedecken: Peter Stöger, Jörg Schmadtke, Werner Spinner oder Toni Schumacher sind Leute, die wissen, dass man den Ball flachhalten muss. Und die werden sich hoffentlich auch nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das sind Fachleute. Jeder auf den Gebieten, an denen sie arbeiten. Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut, dass Jörg Schmadtke in Köln angekommen ist. Das ist ein Profi, der weiß was er tut.

Dann hoffen wir mal, dass das auch so eintritt wie du sagst. Vielen Dank für das nette Interview!