Den Namen Judith Owen muss man sich merken. Ihr achtes Album „Ebb & Flow“ ist ein wundervolles Werk im amerikanischen Westküsten-Stil und atmet den Geist von Joni Mitchel, James Taylor und Carole King. Das konnte man endlich auch in Deutschland erkennen. Gefeierte Radiokonzerte bei SWR 1 und MDR Figaro, positive Resonanz zur CD allerorten und eine Europa-Tournee im Vorprogramm von Bryan Ferry gipfelten schließlich in die erste reguläre Deutschlandtour der Künstlerin aus Wales, die schon seit den 90er Jahren in den USA große Erfolge feiert.
Als Ergänzung zur immer noch aktuellen CD gibt es nun eine Mini-Compilation, die die Zeit bis zum nächsten Album überbrücken soll. Leider keine 30 Minuten lang, aber dafür gibt es schon gleich zu Beginn eine entspannt-verjazzte Version des Songs „Aquarius“ aus dem Musical „Hair“, gefolgt von Judiths gefühlvoller Neuinterpretation des Mungo Jerry-Klassikers „In The Summertime“.
Endlich sind auch ältere Titel des reichhaltigen Repertoires der Künstlerin regulär in Deutschland erhältlich. Darunter die Hommage an den viel zu jung verstorbenen „Nicholas Drake“ und Judiths emotionale, nur mit Pianoklängen verfeinerte Hymne an „My Father’s Voice“. Ganz persönliche Stücke, mit denen Judith Owen ihre gefühlvolle Sing- und Sprechstimme voll ausspielen kann. Eine eindrucksvolle Zusammenstellung für Neuentdecker.
Als Danceact sind Faithless weiterhin eine Bank – wenn ihre Zeit in den Singlecharts auch eindeutig vorbei ist. Die Mischung aus Trip Hop und handgemachter Dancefloor-Musik funktioniert sowieso vor allem auf den Tanzflächen der angesagten Clubs. Und da ist der Name Faithless noch heute ein lautes Jubeln wert. Es ist also nicht nötig, sich neu zu erfinden. Trotzdem nennt die Band ihr aktuelles Album „Faithless 2.0“ und liefert damit eine Kombi aus Remix- und Best-of-Collection.
CD 1 enthält Remixe der größten Faithless-Erfolge von Szenestars wie Avicii, Armin van Buuren, Tiesto und Eric Prydz. Den Reiz der Compilation macht aus, dass sie wie ein Endlos-Mix aufgebaut ist und die Songs ineinander übergehen. Man kann sich die großen Hits also am Stück geben, eingerahmt von „Insomnia“, das stilprägend für die Tanzszene der 90er Jahre war und bis heute unerreicht ist. Avicii und Co. haben es mit der Remix-Arbeit übrigens nicht übertrieben und zeigen genügend Ehrfurcht vor den Originalen. Das ist wohltuend und beweist, dass die Musik von Rollo, Sister Bliss und Maxi Jazz auch im Jahr 2015 noch Bestand hat.
Das demonstriert auch die Hit-Zusammenstellung auf CD 2, die ebenfalls mit „Insomnia“ startet und von „Mass Destruction“ über „God Is A DJ“ bis hin zu „Salva Mea“ die wichtigsten Tracks des Trios auf einen Schlag bietet. Nicht zu vergessen Didos zauberhafte Vocals auf „One Step Too Far“ und „Feelin‘ Good“.
Als Wermutstropfen bleibt nur, dass es seit 2010 keine neuen Songs von Faithless mehr gab. „I Was There“, das sich inmitten den Remix-Versionen versteckt, ist da auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Eigentlich traurig, wenn man das Gefühl hat, dass eine Band ihrem einen großen Erfolgshit ständig hinterher laufen muss. Aber ich ertappe mich selbst dabei, wie ich jeden nachfolgenden Song mit der Impulsivität und der Kreativität von „Insomnia“ vergleiche und diese dann auch stets vermisse. Es lebe die Schlaflosigkeit!
Hurts nennen ihr drittes Album „Surrender“. Von Kapitulation kann aber keine Rede sein. Theo Hutchcraft und Adam Anderson haben den Synthiepop vielmehr auf eine neue Stufe gehoben. Nach den Singlehits „Wonderful Life“ und „Stay“ war es zwar etwas ruhiger geworden und das zweite Album „Exile“ brachte nicht wirklich einen Radioklassiker hervor – doch das ist auch gar nicht mehr nötig. Hurts haben sich zur perfekten Albumband entwickeln und haben damit den Pet Shop Boys, mit denen sie gern und zu Recht verglichen werden, einiges voraus.
Die Arbeiten an „Surrender“ nahmen ihren Anfang im milden Klima von Montreux, in den berühmten Studios in den Bergen, aus denen schon David Bowie, die Rolling Stones und Iggy Pop auf den Genfer See blickten. Die eigentlichen Aufnahmen fanden anschließend auf Ibiza, in Los Angeles und New York statt. Besonders der verblasste Glamour Hollywoods beeinflusste die Stimmung des Albums. „Wir machten einige der Melodien in einem einsamen Haus in den Hollywood Hills“, erzählt Adam. „Am ersten Tag waren wir also da – das erste Mal in L.A., um Musik zu machen und es war aufregend. Pool, großartige Atmosphäre. Am nächsten Morgen wachten wir auf, weil Polizeihubschrauber das Haus umkreisten. Wir gingen auf die Straße. Irgendein Typ hatte erst seine Frau und dann einen Polizisten erschossen.“
Trotzdem ist „Surrender“ ein optimistisches, lebendiges Album geworden. Ganz im Gegenteil zum düsteren Vorgänger „Exile“. Die Mischung aus dem Synthiesound der 80er und modernen Clubsounds schafft zehn eingängige Tracks, die in dem stimmlichen und emotionalen Höhepunkt „Wish“ kumulieren. Da darf es zwischendrin schon einmal einige dezent verjazzte Klänge oder etwas Dubstep geben. Die breite Soundkulisse bewegt sich oft Richtung Tanzfläche – das tut dem Album gut. Nach dem introvertierten „Exile“ haben Hurts ihre Massentauglichkeit zurück gewonnen – und werden immer mehr zu den Pet Shop Boys des neuen Jahrtausends.
Seit circa einem Jahr versuche ich jetzt schon, Annen May Kantereit live zu sehen. Das ist aber gar nicht so leicht, wie man denkt, weil jedes fucking Konzert der drei (mittlerweile vier) jungen Herren aus Köln sofort ausverkauft ist. Auch wenn sie mehrere Zusatzkonzerte hintereinander spielen!
Ich hatte dann doch noch Glück und durfte mir das aller letzte Konzert der Tour im Düsseldorfer Zakk ansehen – auch das war übrigens schon der dritte Abend hintereinander ausverkauft. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass Annen May Kantereit bis dahin nicht mal ein Album draußen hatten? Keine Single im Radio? (Na gut, Henning singt für K.I.Z. »Hurra, die Welt geht unter«, aber das zählt nicht). Jetzt gibt es mittlerweile ihre EP „Wird schon irgendwie gehen“ mit 5 Songs.
Die Leute, die auf die Konzerte von Annen May Kantereit kommen, sind also höchstwahrscheinlich wie ich eines Tages über ein paar YouTube-Videos gestolpert, in denen ein schmächtiger Junge mit der Stimme eines alten Säufers traurige Lieder singt.
Da steckt die offensichtliche große Faszination für die Band. Henning May hat eine Stimme, bei dem jedem halbwegs musikalisch interessierten Menschen schwindelig wird! Gut, das haben andere auch, aber die verstecken die Stimme eben nicht in diesem jungen Körper. Alleine die Stimme kann es dann aber natürlich auch nicht sein, denn auch davon gibt es nun genug.
Die Texte und die Musik von Annen May Kantereit wirken im Gegensatz zu vielen anderen deutschen, aktuellen Künstlern viel ehrlicher. Sie zielen nicht auf die breite Masse mit generischen Liebesliedern, sondern beschreiben auf wunderbare Art und frei von Ironie das Gefühl, Anfang 20 zu sein, so genau, dass es wehtut. In Düsseldorf vergisst das Publikum die Hälfte der Zeit zu atmen, damit sie auch jedes Wort verstehen.
Wäre ich 14 Jahre alt, mein Gott, was wäre ich verliebt in die vier. Wäre ich 24, wie sehr könnte ich bei diesen Texten miterleben, was gerade um mich herum passiert. WG-Leben, Liebe, Verlassenwerden, Wut, Melancholie.
Ich habe schon lange keine so junge Band mehr mit so gutem Sound und so viel Traurigkeit und Wut im Bauch gehört. Wie ehrlich die das meinen, weiß jeder im Publikum spätestens bei »Du bist nicht hier«. Da freestylen Annen May Kantereit ein bisschen und Henning erzählt spontan und sehr bestimmend wie scheiße das ist, wenn er von der Hälfte der Zuschauer das Handy ins Gesicht gedrückt bekommt, während er über seine Gefühle singt. Das meinen sie nicht lustig, das sagen sie bestimmt. Aber es wirkt. Die Leute lassen die Handys in der Tasche.
Die nächste Tour startet schon im April und die Konzerte sind schon so gut wie alle ausverkauft. In Köln spielen sie dann übrigens schon im E-Werk, zweimal hintereinander.
Egal wohin Rise Against kommen, ihre Fans sind schon da. Das ist an diesem ungewöhnlich kalten Dienstagabend im Oktober nicht anders. Nachdem die Polit-Punker aus Chicago erst im Juni in Deutschland waren, kehren sie nun für drei weitere Konzerte zurück. Nach Hannover und Stuttgart sind Rise Against heute zum Abschluss in Dortmund zu Gast. Im Gepäck haben die Jungs ihr immer noch aktuelles Album „The Black Market“ (Unser Review Rise Against The Black Market), welches vergangenes Jahr den Einstieg direkt auf Platz 1 der deutschen Album-Charts schaffte. Noch dazu sind und waren Rise Against schon immer eine politische Band. Neben der Musik unterstützt das Quartett seit vielen Jahren Organisationen wie etwa PETA oder Sea Shepherd, die in der Westfalenhalle mit eigenen Info-Ständen vertreten sind. Zudem wirkten Rise Against bei „Chimes Of Freedom – The Songs Of Bob Dylan Compilation“ von Amnesty International mit, haben sich mit der „Demand A Plan“-Bewegung gegen Waffengewalt engagiert oder sich im Rahmen des „It Gets Better Project“ mit ihrem Song „Make It Stop (September’s Children)“ gegen Homophobie und Mobbing stark gemacht.
Bevor die Fans jedoch das bekommen, was sie wollen, müssen sie erstmal zwei Vorgruppen über sich ergehen lassen. Es ist mir immer wieder ein Rätsel, warum man einen Konzertabend derart künstlich in die Länge zieht. Die erste Vorgruppe schenken wir uns komplett zugunsten einer Portion Pommes mit Kaltgetränk. Mehr kulinarische Extras sind angesichts der unverschämten Parkgebühren von 7 (in Worten: Sieben) Euro leider nicht drin. Dafür ist die altehrwürdige Westfalenhalle wahrscheinlich die einzige Konzerthalle in Deutschland, in der noch nach Herzenslust geraucht werden darf, ohne dass auch nur ein Ordner mit der Wimper zuckt. Jedenfalls wird sowohl im Innenraum als auch auf den Tribünen ausgiebig und alles andere als heimlich gequalmt.
Immerhin verkürzen die schwedischen Hardcore-Legenden Refused als zweite Vorgruppe die Wartezeit auf Rise Against enorm. Das bereits mehrfach aufgelöste und wiedervereinigte Quartett um Sänger Dennis Lyxzén hat Ende Juni mit „Freedom“ sein erstes reguläres Studioalbum seit 17 Jahren veröffentlicht und sorgt 45 Minuten lang für viel Bewegung auf und vor der Bühne. Sogar ein erster stabiler Pogo-Pit bildet sich bereits. Besonders Lyxzén ist eine Rampensau par excellence, die einige Saltos schlägt, den Kurs im Mikrofonschwingen offensichtlich erfolgreich bestanden hat und nebenbei noch mit Stimme und einer sympathischen Attitüde punkten kann.
Um 21.45 Uhr gibt es im Innenraum dann endgültig kein Halten mehr. Rise Against starten mit „The Great Die-Off“ in ihr gut anderthalbstündiges Set. Zwei grosse Leinwände rechts und links der Bühne sorgen dafür, dass auch der letzte der rund 8.000 Zuschauer beste Sicht auf Tim McIlrath und Co. hat. Leider ist der Sound derart unterirdisch abgemischt, dass bei den einzelnen Intros bestenfalls zu erraten ist, welcher Song als nächstes folgt. Die Band scheint das wenig zu stören. Sie feuert eine Spaßpunknummer nach der anderen ab. Bei „Give It All“ sucht McIlrath den direkten Körperkontakt zu den Fans in der ersten Reihe und die Stimmung ist bis hinauf in den Oberrang entsprechend ausgelassen. Wer nicht mehr sitzt, der tanzt.
Zum Final Exit-Cover „Proficiency“ darf dann Refused-Frontmann Dennis Lyxzén nochmal mitfeiern. Über „Survive“ und „Prayer Of The Refugee“ rocken sich Rise Against schließlich dem Ende des Mainsets aus „Black Masks & Gasoline“ und „Ready To Fall“ entgegen. Bei „Prayer Of The Refugee“ dankt Tim McIlrath den Menschen in Deutschland dafür, dass sie ihre Türen und Herzen für die Flüchtlinge aus aller Welt geöffnet haben: „Be proud of what you’ve done“. Der anschließende Zugabenblock bietet die erste und einzige Verschnaufpause des gesamten Abends. Zunächst gibt es das Gänsehautstück „Hero Of War“ in einer wunderbaren Akustikversion. Die Dortmunder beweisen Stil, indem sie die Westfalenhalle dabei statt mit ihren Handy-Displays mit echten Feuerzeugen illuminieren. Danach singt McIlrath noch „Swing Life Away“ ganz alleine mit seiner Gitarre, bevor es in Bandstärke und mit „Dancing For Rain“ und „Savior“ als krachendem Abschluss nochmal ordentlich laut wird.
Richtiger Punk mit Rotz und Rebellion ist das natürlich schon lange nicht mehr. Aber Rise Against schaffen es Botschaften zu vermitteln. Sei es in ihren Songs oder den zwischenzeitlichen Ansagen ihres Sängers. Damit und vor allem aufgrund der Tatsache, dass die Bandmitglieder selbst als gutes Beispiel vorangehen, vermitteln sie Glaubwürdigkeit. Was das betrifft, haben Rise Against in Dortmund – abgesehen vom schlechtesten Sound des Jahres – ganze Arbeit abgeliefert.
04.10.2015: Deutschland liegt zu großen Teilen noch in den Betten und erholt sich von den landesweiten Einheitsraves und Parties des vorangegangenen Tages. 25 Jahre vereinigtes Deutschland, da dachten sich die Schweizer von Breakdown of Sanity anscheinend einen besonderen Glückwunsch vorbei bringen zu müssen. Mit im Schlepptau haben die fünf ihre Landsleute von Clawerfield und die allgegenwärtigen Vitja, die für Dream On Dreamer einspringen, um dem schönen Kölner Underground ordentlich was auf die Ohren zu verpassen.
Pünktlich um 20 Uhr entern Clawerfield die Bühne und eröffnen den Abend mit Ihrer Show. Der Saal ist relativ gut gefüllt, die Zuschauer die vor der Bühne stehen jedoch noch nicht ganz warm. Die großen Pits sucht man vergebens. 30 Minuten dauert die Show der Schweizer, welche recht solide ist und den Abend im Großen und Ganzen gut eröffnet. Auf dem Weg nach draußen trifft man noch Vitja Frontmann David, welcher es eilig hat zur Stage zu kommen. Als die vier die Bühne betreten und ein gut 40-Minütiges Set hinlegen wird klar was gleich bei Breakdown of Sanity auf die Menge des ausverkauften Undergrounds zu kommen wird: Eine überdimensionale, unfassbar heiße Sauna, die für massig durchgeschwitzte Shirts, Hosen und andere Kleidungsstücke sorgen wird. Schon bei Vitja ist es so voll, dass man sich kaum bewegen kann. Dennoch liefern sie wieder, wie gewohnt, eine packende Show ab. Bleibt zu hoffen die vier bald mal auf Headlinertour zu sehen. So wie die Band die nach ihnen die Bühne betritt: Breakdown of Sanity betreten um kurz vor zehn unter epischem Intro ihren Arbeitsplatz.
Sänger Carlo begrüßt den aus allen Nähten platzenden Saal und dann wird ohne Umwege angefangen zu zerlegen. „Crumble“ eröffnet eine Stunde vollgepackt mit Breakdowns, eingängigen Melodien und mehr als unverschämten Partwechseln. Schon während der folgenden Songs „The Writer“ und „The Gift“ werden mehr Moshpits verursacht als bei manchen 3-Tages-Festivals. Es ist heiß, es ist eng, es ist laut. Genau auf diese drei Komponenten sollte man sich auch einstellen wenn man diese Metalcoremaschine live anguckt. Anscheinend haben die fünf Schweizer mehr als reichlich Chrüterchraft zu sich genommen, denn was hier abgeliefert wird ist mehr als gut. Nicht nur die Songs vom aktuellen Album „Perception“ saugen den Besuchern das Wasser aus den schon nach 20 Minuten geschundenen Körpern, auch der Vorgänger „Mirrors“ kommt nicht zu kurz. Besonderes Highlight zur Mitte des Sets: Breakdown of Sanity spielen mit „Restless“ einen neuen Song, der selbstverständlich überzeugt. Die Breakdowns werden in Zukunft wohl noch härter und langsamer. Da geht einem doch glatt das Herz auf. Um einen herum sind bereits alle nass, verwaschene Bandshirts erstrahlen durch Schweiß nach Jahren wieder in voller Farbpracht. „Infest“ zerstört dann auch den letzten Fan und dennoch schreit am Ende des Songs die ganze Halle nochmal mit letzter Kraft „Yes We Can“. Die Moshpits werden kleiner, „Cardiac Silhouette“ und das vom ersten Album stammende „My Heart in Your Hands“ zieht nur noch die ganz harten in die Mitte der Tanzfläche. Mit „Hero“ beenden Breakdown of Sanity ihr Set, bedanken sich oftmals und unterhalten sich anschließend noch draußen mit ihren Fans.
Ein absolut gelungenes Abschlusskonzert ihrer ersten Headlinertour und ein wieder mal sehr sympathisches Auftreten der Band nach dem Konzert. Man darf sich hoffentlich auf neue Alben freuen, auf denen vermutlich wieder mehr Breakdowns geschrieben werden als andere Bands in ihrer gesamten Karriere fabrizieren.
The Common Linnets wurde ursprünglich als Projekt der niederländischen Sängerin Ilse DeLange für einen Auftritt beim Tuckerville Festival in Enschede gegründet. Aber dann kam die Nominierung für den Eurovison Song Contest und der unerwartete zweite Platz für „Calm After The Storm“, der aus dem Projekt plötzlich eine europaweit erfolgreiche Band machte. Sänger Waylon verließ die Band zwar kurz nach der Teilnahme am ESC, The Common Linnets aber machten weiter, gingen auf Tour, schrieben neue Songs und nahmen in Nashville ihr zweites Album auf.
Schlicht „II“ betitelt, führt das neue Werk den Alternative-Country-Sound des Vorgängers fort. Unterstützt werden die vier Bandmitglieder dabei von Country-Größen wie Jerry Douglas an der Dobro-Gitarre oder Pedal-Steel-Spieler Paul Franklin. Außerdem sorgen bei einigen Titeln Streicher für Atmosphäre und Fülle, wie etwa beim imposanten „Walls Of Jericho“ oder dem gefühlvollen Zwischenspiel in „Indigo Moon“. Die musikalische Bandbreite reicht von rockigen Songs wie dem kraftvollen Opener „We Don´t Make The Wind Blow“ oder „In Your Eyes“ über typischen Südstaatenblues wie „Days Of Endles Time“ bis zu ruhigen und berührenden Balladen wie „Runaway Man“ oder „Dust of Oklahoma“.
Typisch für The Common Linnets sind dabei die fast durchgängig mehrstimmigen Arrangements. Ilse ist zwar als einzige Frau immer herauszuhören und singt oft die Melodielinie, und es gibt einige solistische Passagen, wie etwa in den Strophen von „Soho Waltz“ – aber der dichte Harmoniegesang ist schon ein Markenzeichen und prägt das ganze Album. Besonders eindrücklich wirkt er beim intensiven „Hearts On Fire“ und beim ruhigen Abschlusstitel „Proud“, wo sich die Stimmen lange Zeit ungestört über einer sanften Pianobegleitung entfalten dürfen.
Wem das Debüt „The Common Linnets“ gefallen hat, den wird auch „II“ überzeugen. Was als Projekt begann, ist inzwischen zu einer wirklichen Band zusammengewachsen, die eindeutig ihren Sound gefunden hat und diesen authentisch rüberbringt.
Was sich über viele Jahre langsam, aber kontinuierlich vom zarten Versuch zu einem Lehrbeispiel in Sachen selbstbewusstem, erfolgreichem „Do it yourself“-Phänomen entwickelt hat, ist 2015 endgültig durch die Decke gegangen. Im Sommer hat Wirtz den Soulstar und Platinseller Xavier Naidoo auf dessen großer „Frei Sein“ Open-Air-Tour begleitet. Dabei dürften die meisten der Naidoo-Fans den Frankfurter schon aus dem unmittelbar vor Tourstart ausgestrahlten und ungeheuer erfolgreichen VOX-Format „Sing meinen Song“ gekannt haben. Direkt im Anschluss ist Wirtz dann mit seinem eigenen neuen Album „Auf die Plätze, fertig, los“ zu einer ausgedehnte Headliner-Tour durch Deutschland aufgebrochen, auf der er mit seiner Mischung aus klaren Worten, harten Riffs und sensiblem Kern die Hallen zum Kochen bringt. Vor dem Abschlusskonzert der Tour im Kölner E-Werk traf sich Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll mit einem überaus entspannten und gutgelaunten Daniel Wirtz zum Interview. Dabei unterhielten sich die beiden nicht nur über „Sing meinen Song“ oder das neue Album, sondern auch über alte und neue Fans, Vergleiche mit den Foo Fighters oder wie es ist Windeln zu wechseln.
Alle Fotos: Simone Engels
Köln ist heute die letzte Station deiner Auf die Plätze, fertig, los-Tour. Bist du zufrieden wie es gelaufen ist?
Wirtz: Mega. Wenn wir das heute nochmal so hinkriegen wie die ganzen anderen Male, dann kann man da einen dicken Haken hinter machen. Dann hatten sowohl die Leute vor als auch auf der Bühne eine Menge Spass und haben Clubgeschichte geschrieben. Wir haben so viel Geraffel dabei, das hat der ein oder andere Club auch noch nicht gesehen. An Licht, an Technik und so Zeugs. Die Veranstalter haben jedes Mal keine Worte dafür gefunden (lacht). Wobei es in dem Haus hier schon fast ein bißchen billig aussieht. Da hätte man auch das Doppelte mitnehmen können. Aber es wird auch so gut aussehen, glaube ich. Es sind insgesamt 25 Tonnen Material, 50 Lampen und bespielbare Flächen mit Beamern. Wir haben eine sehr, sehr gute Lichtcrew am Start, die normalerweise Fanta 4 oder Grönemeyer macht. Gute Jungs. Ich habe es nur leider noch nie von vorne gesehen, aber es muss unglaublich sein (lacht).
Habt ihr euch für das letzte Konzert der Tour irgendwas Spezielles überlegt? Eine Überraschung? Kommt Stefan Raab?
Wirtz: Nee, ich glaube, das Set und alles ist so in sich schlüssig, dass man da jetzt nicht nochmal am falschen Rad drehen muss. Es wird einfach nochmal niedergerissen. Totaler Abriss ist heute das Motto. Die letzten Körner werden jetzt verbrannt.
Glaubst du, dass dir die Teilnahme an „Sing meinen Song“ den entscheidenden Karrierekick verpasst hat? Ehrlich gesagt war mein erster Gedanke, als ich von deiner Teilnahme erfahren habe: Ach du Scheisse, was macht er denn jetzt?
Wirtz: Der Matthias (Hoffmann, Anmerkung der Redaktion), mein Partner und Produzent, der seit acht Jahren an meiner Seite ist, hat früher auf die Frage, was er denn so macht immer geantwortet: Wirtz. Und die Antwort war jedesmal: Wer? Das Schöne nach dieser Sendung, als das in aller Munde war, war dann, dass die Leute geantwortet haben: Ach krass. Der ist das? Ist ja obergeil (lacht). Also dafür hat es sich alleine schon gelohnt. Und auf der anderen Seite ist es natürlich schon ein Massenmedium. In der Außenwirkung habe ich das verkauft was ich mache. Ich habe keinen auf die falsche Fährte gelockt. Wenn jemand das gut fand, was ich da gemacht habe und jetzt auf ein Konzert kommt, dann wird er nicht denken: Oh Gott, was ist denn hier los? Sondern das war relativ konsequent und für mich eine schöne Plattform, um mich mal zu zeigen. Und die Reaktionen sind am Ende die gleichen gewesen wie vorher. Ich glaube, diejenigen, die mich dadurch entdeckt haben, sind genauso fasziniert wie alle anderen, die vielleicht von ihrem Kumpel mal eine Info oder eine CD bekommen haben. Ich glaube nicht, dass jemand, der sowieso schon keine Gitarrenmusik mag, sich aus Mitleid oder Sympathie die Platte gekauft hat. Wir haben da einfach das gezeigt was wir sind. Und das war für mich auch der Grund da hinzugehen.
Ich muss sagen, mich freut das ungemein. 2008, als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, hast du hier in Köln im Luxor vor vielleicht 300 Leuten gespielt. Und jetzt hat es richtig Bäm gemacht.
Wirtz: Wobei wir die Tour extra schon im Vorfeld gebucht hatten. Also in den Clubs, die wir mit dem neuen Album und ohne „Sing meinen Song“ sowieso als den nächsten logischen Schritt gemacht hätten. Dadurch dass wir erfahrungsgemäß wissen, dass du bei jeder neuen Platte mal so 30 Prozent an Leuten obendrauf rechnen kannst. Da ist es dann zum Beispiel in Hamburg vom Übel & Gefährlich, wo 800 Leute reinpassen, ins Docks mit 1100 gegangen. Das hätten wir auch ohne die Sendung gemacht. Da hing natürlich schneller das „Ausverkauft“-Schild dran als sonst. Ganz krass war Bielefeld. Da war ich im PC 69, wo so 400 Leute reinpassen. Und da standen jetzt plötzlich 2200 Leute. In Bielefeld. In der Stadt, die es nicht gibt (lacht). Keine Ahnung, wo die Leute alle herkommen. Ich habe mir jeden Abend die Frage gestellt: Wer ist denn jetzt der alte Fan und wer der neue Fan? Ich konnte das nicht ausmachen. Immer wenn ich gedacht habe, ich habe einen neuen entdeckt, hat er bei den alten Songs lauthals mitgeschrien. Das Publikum war eh immer sehr gemischt von 18 bis 50 und das ist so geblieben. Egal wo man mich entdeckt, ob nun durch einen Freund, auf einem Festival oder in der Sendung, da mache ich ja keinen Unterschied. Ich sage ja nicht: Okay, du hast VOX geguckt, du darfst nicht kommen.
In meinem Review zum neuen Album habe ich geschrieben: Wirtz hat seine Ecken und Kanten poliert. Ich finde es ist luftiger und positiver geworden als die Alben, die du vorher gemacht hast. Würdest du mir da zustimmen?
Wirtz: Ich bin gespannt, was du nach dem Konzert dazu schreibst. Ich finde das schon sehr livetauglich. Ein Album ist natürlich immer eine Momentaufnahme der Zeit, in der man daran arbeitet beziehungsweise der Zeit vom letzten Album bis zu dem Tag, an dem du dann wieder ins Studio gehst. Wenn dir dann in der Phase mal keine Frau das Herz rausreißt, mit der hohen Hacke drauftritt und draufkotzt, dann begrüsse ich das auch mal und dann ist das vielleicht auch nicht das Thema der Platte. „Du fährst im Dunkeln“ ist zum Beispiel der Rat an jemanden, von dem man denkt: Alter, du bist keine 20 mehr und tust aber trotzdem noch jedes Wochenende oder unter der Woche so. Da macht man sich Sorgen, dass man demnächst auf irgendeiner Beerdigung auftritt. Ein guter Tipp, den ich mal bekommen habe und womit ich den Wink mit dem Zaunpfahl weiterleite. Ob der dadurch weniger Kante hat kann ich nicht beurteilen. Mit „Freitag Abend“, „Wenn du willst“ oder „Ich weiss es nicht“ sind natürlich auch drei Partykracher drauf, die das Album enorm erhellen. Bis dahin finde ich es sehr homogen zu den alten Platten. „Du verschwendest meine Zeit“ oder „Wo ich steh“ ist mit einem ähnlichen Augenzwinkern abgeschickt worden. Live macht das auf jeden Fall eine Menge Spass. Ich hatte einige Leute, die vor der Tour noch ein bißchen mit der neuen Platte gehadert und nachher ihr Urteil revidiert haben. Es macht enorm Spass aus vier Alben eine Setlist zusammen zu bauen, wo du weisst, dass du immer noch einen Song in petto hast. Hinten raus gibt es dann nur noch Hits, Hits, Hits (lacht).
Ich will ja auch gar nicht mit dem Album hadern. Das wäre weit übertrieben. Aber es ist anders.
Wirtz: Es klingt vielleicht auch deshalb ein bißchen aufgeräumter, weil wir das Album von der Produktionsseite anders angegangen sind als sonst. Normal gehen wir ins Studio und fangen irgendwo an. Da wird dann schon mal der Bass aufgenommen oder das Schlagzeug. Wir haben ja nur eine Kabine wo das alles stattfindet. Dann wird das Schlagzeug wieder abgebaut, dann wird ein Text draufgesungen, dann kommt das Schlagzeug wieder rein für die nächste Nummer. Bei den anderen Platten hattest du so immer irgendwie das Gefühl, dass da zwölf oder dreizehn verschiedene Schlagzeuger spielen, weil es immer irgendwie anders klingt. Das haben wir diesmal ausgelagert und in einem Studio gemacht, wo das Schlagzeug immer an der gleichen Stelle steht. Wenn du einen konstanten Schlagzeugraum hast, dann entscheidet der eigentlich schon wie das Album klingt. Alles hat seinen festen Platz und seine Lücken. Wenn du da ins Detail gehst und Geld keine Rolle spielt, ist das eine Philosophie für sich. Da wird die Bassdrum auf den Millimeter an die richtige Stelle geschoben. Bei der letzten Produktion der Foo Fighters wurden die Becken von Dave Grohl zum Beispiel separat getrommelt. Wir machen das mit dem Matthias in Frankfurt und die Foo Fighters geben das durch achtzig Hände der weltbesten Leute in den Staaten.
Brendan O’Brien wird wahrscheinlich nicht anklopfen und fragen, ob er deine nächste Platte produzieren darf.
Wirtz: Man weiss es nicht (lacht). Mal gucken was im nächsten Jahr passiert. Bis jetzt war es jedenfalls ganz gut. Das muss man sich bewusst machen. Vielleicht sollte ich dafür mal nach Castrop-Rauxel ziehen. Oder den Winter in Berlin verbringen. Oder nach Skandinavien in der Zeit wo es da nur dunkel ist. Auch geil. Da kommst du auch schön schräg drauf.
Wie man so hört warst du als Kind sehr rebellisch. Jetzt bist du selber Vater. Hast du vor bei deinem Sohn etwas anders zu machen als deine Eltern früher bei dir?
Wirtz: Wow… also an meine Zeit mit zwei Jahren kann ich mich nicht erinnern. Meine Zeitrechnung fängt eher so mit gefühlten 14 an, wo man dann die ersten Auseinandersetzungen mit den Eltern hat. Man will natürlich immer anders sein als seine Eltern und irgendwann sagt dann doch jemand: Boah, du bist ja wie dein Vater. Da will ich mich überhaupt nicht von freisprechen. Ich glaube, genauso wie meine Eltern versucht haben mir das Beste zu geben, werde ich es auch versuchen. Und mein Sohn wird es wahrscheinlich auch total kacke finden. Mein Vater hat sich natürlich tierisch gefreut als er gehört hat, dass es ein Junge wird. Er meinte: Jetzt kannst du dir mal schön angucken, was ich mit dir alles durchgemacht habe.
Auf den Konzerten hast du immer dein „WIRtz“-T-Shirt an. Jetzt sind ja eine Menge neuer Fans dazugekommen, auch wenn man die nicht immer auf Anhieb erkennt. Hast du trotzdem noch dieses „WIR“-Gefühl?
Wirtz: Ich habe nicht das Gefühl, dass etwas verloren gegangen ist. Auch wenn die Schuhgrösse jetzt vielleicht eine andere ist. Wenn du natürlich im Luxor fünf Leute dabei hast, die mit acht Tequila im Turm anfangen Pogo zu tanzen, dann sieht das von der Bühne so aus als ob der ganze Club bebt. Aber auch in der Live Music Hall oder hier im E-Werk sind alle Hände oben und du hast immer noch deine zehn Leute, die meinen sie müssten Pogo tanzen. Stimmungsmäßig kann ich da keinen Unterschied sehen. Logischerweise ist das am Wochenende immer ein bißchen anders als in der Woche. Die Leute sind teilweise gestandene Menschen, die haben einen Job, die haben acht Stunden gearbeitet, kommen heute vielleicht nicht direkt aus Köln, sondern aus der Umgebung und wissen, dass sie nachher wieder mit der Bahn oder dem Auto zurück müssen, weil morgen früh wieder der Wecker klingelt oder das Kind am Start ist. Da kannst du dir keinen reinlöten. Am Wochenende ist deshalb schon mehr Bambule als in der Woche. Mit acht Bier geht man eben schon ein bißchen mehr aus sich raus als mit einem Tee.
Die Unplugged-Geschichte aus dem letzten Jahr fand ich grossartig. Also sowohl die Tour als auch das Album.
Wirtz: Ja, aber da hatte man im Fanlager ja auch schon das Gefühl, dass da jetzt bestimmt die falschen Leute kommen und das zum Mainstream wird. Am Ende waren es dann aber doch die gleichen Leute, nur dass sie diesmal versucht haben sich schick anzuziehen. Und man hat halt gesessen und die Fresse gehalten (lacht).
Würdest du so etwas nochmal wiederholen oder bist du froh, dass du jetzt endlich wieder rocken und die Sau rauslassen kannst?
Wirtz: Die Art und Weise wie das Unplugged teilweise geklungen hat und das schöne Ambiente drumherum hat mich natürlich auf die Idee gebracht, dass man da drunter hier jetzt nicht mehr antreten möchte. Deshalb ist das auf der Tour auch alles etwas aufwendiger. Das Geld, was durch die hundert Leute mehr reingekommen ist, haben wir direkt in die Hand genommen um die Skills aufzustocken. Ich hoffe, das werdet ihr später auch sehen. Jeder hat bisher gesagt: So gut hat der Laden bis jetzt noch nie geklungen. Und so fett hat er auch noch nie ausgesehen. Hier ist das natürlich schwer, weil das E-Werk einfach eine Institution ist. Der Laden ist es gewohnt, dass hier grosse Produktionen reinkommen. Unser alter Bassist Christian Adameit war zuletzt bei U2 und er meinte, dass er nicht das Gefühl hatte, die haben mehr Geld ausgegeben als wir (lacht). Ich bin gespannt auf deine Meinung. Vielleicht haben wir ja nachher noch die Gelegenheit darüber zu quatschen oder beim nächsten Mal. Ansonsten werde ich es ja lesen. Also wenn ich noch ein bißchen Stimme oben rechts im Bett finde, dann wird es hoffentlich gut.
Zum Schluss würde ich dir gerne noch fünf Schlagworte geben und du antwortest auf jedes mit einem Satz. Erstes Schlagwort: Köln.
Wirtz: Köln ist ganz nah am Nest. Also an Heinsberg. Ich war als Kind oft in Köln. Ich habe mit der Band hier viele enorm schöne Erinnerungen und gefühlte Erfolge mit nach Hause genommen. Der Kölner kann wenn er will und ich bin auch heute abend wieder sehr darauf gespannt.
Xavier Naidoo.
Wirtz: Ein unglaublich netter, sympathischer, musikaffiner Typ. Kein negatives Wort über ihn würde je über meine Lippen kommen. Vielen, vielen Dank für den unglaublichen Sommer, in dem er mir noch das Heiligste geschenkt hat, das ein Musiker einem anderen geben kann und das sind seine Leute.
Windeln.
Wirtz: Hach, Windeln ist auch so ein Ding. Ich bin froh, wenn er mal ins richtige Loch kackt, wo man dann nur draufdrückt (lacht). Nach dem Stillen hat sich das vom Geruch her auch schon ein bißchen verändert. Ich bin da eigentlich ganz flott drin. Leider nicht so gut wie die Mutter, die das mittlerweile schon im Stehen kann. Ich muss ihn dafür immer noch auf’s Kreuz legen, was er natürlich scheisse findet. Aber er weiss, dass der Papa sich dabei so ekelt, dass er vergisst sich darüber aufzuregen, auf dem Rücken liegen zu müssen. Er lacht sich dann mehr über mich tot.
Südafrika.
Wirtz: Ein unglaublich krasses Land. Als ich von Kapstadt bis zu diesem Ressort gefahren bin, hatte ich sehr komische Vibes, weil ich noch nie so eine krasse Schere zwischen Arm und Reich gesehen habe. Auf der linken Seite die Truman-Show, auf der rechten Seite die Slums. Landschaftlich unglaublich. Ich habe auf den 150 Kilometern von Kapstadt bis dahin gedacht, dass ich durch Ibiza, die Pfalz über Sylt nach Irland, Schottland und dann am Ende nach Spanien fahre. Alle anderen sind privat noch zwei Wochen länger da geblieben und haben das Land erkundet. Wir hatten keine Zeit, weil wir im Endspurt mit dem Album waren. Das habe ich sehr, sehr bedauert, weil bis dahin auch nicht gross Zeit für Sightseeing war.
Okay, letztes Schlagwort: Lieblingshalle.
Wirtz: Auf der Tour gab es so ein, zwei Hallen, die ich bis dato noch nicht kannte. In Ulm das Roxy. Da war ich überhaupt nicht drauf vorbereitet, dass in Ulm so ein Laden mit so einer Technik steht. Da war ich total geflashed. Das hat Mörderspass gemacht und da möchte ich gerne auch nochmal hin. Im E-Werk hatte ich auch noch nie das Vergnügen. Es ist ja ausverkauft und das ist schon imposant. Oder der Ringlokschuppen in Bielefeld. Ansonsten die Columbiahalle in Berlin. Das war bis dato mein grösstes Konzert, das ich spielen durfte. Das haben wir auf DVD gebannt und die wird dieses Jahr hoffentlich auch noch fertig.
Das sind doch schöne Aussichten. Erstmal vielen Dank für das wieder mal sehr nette Gespräch und viel Glück für das Konzert heute abend.
Wir bedanken uns ebenso bei Till Erdenberger für die freundliche Vermittlung des Interviews und bei Matthias Hoffmann für die nette Versorgung vor Ort!
Inzwischen haben so viele deutsche Acts ein „MTV unplugged“ machen dürfen, dass es eigentlich nichts Besonderes mehr ist, sich in diese Garde einzureihen. Trotzdem wurde natürlich mit Spannung erwartet, wie sich Revolverheld in diesem Format schlagen. Und Johannes Strate macht keinen Hehl daraus, dass die Nervosität im Vorfeld riesengroß war.
Das letzte Album „Immer in Bewegung“ war das bislang erfolgreichste. Revolverhelds langjähriger Labelpartner Columbia überreichte der Band Awards für gleich drei Auskopplungen aus ihrem 2013er Album, das selbst bereits mit 3-fach Gold für mehr als 300.000 verkaufte Einheiten ausgezeichnet wurde und seit 98 Wochen in den deutschen Albumcharts steht. Die Vorzeichen für einen Hitreigen standen alsdo gut.
Was beim hören der Doppel-CD gleich auffällt: Man hat sich viel Mühe gegeben um neue Arrangements zu schaffen. Das fängt zunächst ganz harmlos an. „Bands deiner Jugend“ erklingt akustisch. Ebenso „Spinner“ im einfühlsamen Duett mit Annett Louisan. Für „Das kann uns keiner nehmen“ mit Rea Garvey gibt es textliche Änderungen, da Rea seine Parts in englischer Sprache singt. Das sind die Highlights des ersten Akts, der den Titel „In der Kneipe an der Ecke“ trägt.
Akt 2 „Immer in Bewegung“ startet mit eben diesem Song und bringt gleich einen Paukenschlag. Heinz Strunk begleitet den Song wunderbar dynamisch an der Querflöte und das Ganze artet zum Ende hin in einem Jethro Tull-Stil aus, der sich gewaschen hat. Für mich gleich das Highlight des Albums und ein Dauer-Ohrwurm. Nach und nach steigen weitere orchestrale Instrumente mit ein und der Klang wird im Lauf von Akt 3 immer voluminöser.
Hinzu kommen zahlreiche Gaststars, die die Nacht vom 9. auf den 10. April 2015, in der das Konzert aufgezeichnet wurde, bereicherten. Das Bo, Marta Jandová (die originale Duettpartnerin von „Halt dich an mir fest“), Mark Forster und Johannes Oerding. Die Zusammenstellung gefällt mir ausgesprochen gut – bis hin zum großen Finale: erst „Ich lass für dich das Licht an“, dann im Verbund mit Michael van Dyke der Echt-Song „Du trägst keine Liebe in dir“ und schließlich Revolverhelds erster Hit „Freunde bleiben“. Letzterer mit behutsamem Beginn, der sich in die ursprüngliche Energie des Songs steigert.
Auf CD dauert das Spektakel 100 Minuten, im DVD- und BluRay-Format etwas länger, beispielsweise gibt es ergänzend den Song „Vom Glück“. Schon beim zweiten Durchhören waren die ungewöhnlichen Songvarianten im Ohr und verinnerlicht. Die DVD bietet das bekannte unplugged-Format mit Wohnzimmer-Atmosphäre und Bildern ohne jede Hektik.
Ein großes Plus auch für den limitierte 48seitigen Bildband, der die Formate CD, DVD und BluRay beinhaltet. Das Phänomen „MTV unplugged“ ist in großformatigen Bildern (LP-Format) sehr gut eingefangen. Eine Zierde fürs Bücherregal.
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Janet Jackson ist das jüngste Mitglied der großen Musikerfamilie und gilt mit 130 Millionen verkauften Platten als eine der erfolgreichsten Sängerinnen der 90er Jahre. 2004 machte sie Schlagzeilen durch die „Nipplegate“-Affäre und stelle Duettpartner Justin Timberlake gekonnt in den Schatten – danach reichte es aber nur noch für zwei mittelmäßige Alben, bis sie 2008 mit „Discipline“ wieder Platz 1 der Billboardcharts enterte.
Für das neue Werk „Unbreakable“ hat sie sich 7 Jahre Zeit gelassen. Ob sich das Warten gelohnt hat? Was mich zunächst irritiert, ist Janets Stimme. Sie hört sich wie ein Mann an, der wie eine Frau singt. Der Hörer hat also (zumindest geht es mir so) ständig die Illusion eines neuen Michael Jackson-Albums vor Augen und in den Ohren. Das mag befremdlich sein, es ist aber auch ein wundervolles Alleinstellungsmerkmal für diese CD. Und wenn dann ab und zu die Motown-Tanzbeine geschwungen werden, ist Enthusiasmus durchaus angebracht.
Die erste Single-Auskopplung „No Sleeep“ schoss in den USA auf Nummer Eins der R´n´B Billboard Charts. Das Album und die Single markieren eine historische Wiedervereinigung der Pop-Ikone mit ihren berühmten Produzenten und Songwritern Jimmy Jam und Terry Lewis. Diese stellen fest: „Es ist wunderbar wieder mit Janet zu arbeiten. Sie vereint das Songschreiben, Produzieren, Arrangieren, Singen, Tanzen und Schauspielern so geschickt miteinander und zeigt sich als absoluter Weltstar. Das Album ist ein Geschenk an all ihre Fans, die immer zu ihr gehalten haben. Es regt zur Konversation an, appelliert an das Mitgefühl der Fans und ruft zum Handeln auf. Janet hat viel hinter sich und noch viel mehr vor sich und möchte dabei ihre Fans an ihren Gedanken teilhaben lassen. Dafür muss man sich nur das neue Album anhören.“
Eine Inflation an Kollaborationen, um den Kaufanreiz zu erhöhen, hat Janet gar nicht nötig. Gerade mal Missy Eliott und J. Cole sind vertreten – und das bei 17 ausufernden Tracks. In dem neuen Album öffnet sich Janet das erste Mal zu ihrem Bruder Michael und reflektiert über ihre gemeinsame Jugend. Die Botschaft ihrer Musik ist, das Leben zu genießen und Kraft aus allen Erfahrungen zu ziehen. Das Album, versichert sie, basiert auf ihren vielfältigen Lebenserfahrungen und beinhaltet ihre persönlichen Beobachtungen und Botschaften. Das bedeutet, dass es insgesamt sehr balladesk und berührend ausgerichtet ist. Mit Ausflügen Richtung Elektronik und Dancefloor zwar, aber ohne dass ihre Vocals in den Hintergrund geraten.
„Unbreakable“ bietet Popmusik auf allerhöchstem Niveau. Ein sehr erwachsenes Album der fast 50jährigen Popqueen, die alle emotionalen Register auffährt und endlich die Musik aufbietet, die Fans bei „Discipline“ so schmerzlich vermisst haben. Das Erbe des Jackson-Clans lebt weiter.
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Wenn ein Debütalbum wie Aviciis „True“ abgefeiert und mit Preisen überhäuft wird, kann der Nachfolger zum großen Risiko für einen Künstler werden. Genau dieser Herausforderung hat sich Avicii mit Nachdruck gestellt und präsentiert sein neustes Werk „Stories“. Die Singles „For A Better Day“ – eine satte, aufmunternde und moderne Ballade – sowie der soundtrackartige, an HipHop angelehnte Track „Pure Grinding“ dienen als Paradebeispiel für Aviciis Fähigkeit, sowohl traditionelle als auch elektronische Elemente in seiner eigenen Musik miteinander verschmelzen zu lassen. Und natürlich „Waiting For Love“, das deutlich in die Kerbe haut, die „Wake Me Up“ vor drei Jahren hinterlassen hat.
Dabei ist Tim Bergling, geboren 1989 in Schweden, sehr experimentell. Er testet viele Stile an, bleibt aber dennoch seinem Avicii-Sound treu und bietet einen hohen Wiedererkennungswert. Der Titel „Stories“ ist nicht willkürlich gewählt. Während sich im Dancefloor-Milieu ansonsten viel um das Thema „rhythmische Bewegungen im Spannungsfeld zwischen Tanzen und Sex“ dreht, versucht Avicii tatsächlich, Geschichten zu erzählen. Von Menschen, ihren Visionen – und dem Leben in Stockholm. Schade nur, dass man die Lyrics im Booklet nicht nachlesen kann.
Aviciis Stärke sind die kraftvollen Tracks. Wer seinen Horizont über die Singlehits hinweg erweitern will, hört „Broken Arrows“ oder „True Believer“. Da geht es weg vom Mainstream hin zu einem innovativen Sound. Oder „Talk To Myself“ und „Touch Me“, die alte Disco-Zeiten zum Leben erwecken. Die Gesangsparts übernehmen ganz unterschiedliche Sänger, die passend zum jeweiligen Style ausgewählt sind. Celeste Wait, Zak Abel und Chris Abel – Vocals fürs große Ganze. Auch Fans von „Hey Brother“ kommen auf ihre Kosten, wenn „Trouble“ als moderner Countrysong ertönt.
Mit seinem zweiten Album bestätigt Avicii seinen Rang als einer der weltweit einflussreichsten Dance-Musiker seiner Generation. Seine Kreativität scheint noch lange nicht erschöpft zu sein.
Nachdem Queen ihre Vergangenheitsbewältigung schon in Form von dicken „Singles Collection“ Boxen, einer Remaster-Serie plus „Deep Cuts“ Bonus-Compilations und diversen „Greatest Hits“ sowie Live-Veröffentlichungen getätigt haben, ist nun die Vinyl-Fraktion an der Reihe. Da wird nicht lange gefackelt, sondern es gibt gleich eine Komplettbox. Für das ultimative LP-Set wurden alle Queen Studioalben und die großartigen Artworks nach höchsten Qualitätsstandards neu gemastert: „The Studio Collection“ mit 18 farbigen Vinylscheiben erschien am 25. September.
Das Fanherz wird höher schlagen, wenn man sich die Box für einen Preis zwischen 300 und 400 Euro zulegt. Man kann in der Vergangenheit schwelgen und bekommt neben dem auditiven auch noch einen haptischen Genuss. Die Platten liegen schwer in der Hand. Speziell für Sammler hat jedes Album eine andere Farbe, passend zum jeweiligen Originalartwork. Die farbigen LPs wurden extra für dieses Set mit einer neuen Technologie hergestellt, damit die Klangqualität höchsten Ansprüchen gerecht wird.
„Queen II“ hatte ursprünglich keine ausgewiesene A-Seite oder B-Seite, sondern die ‘Side White’ und die ‘Side Black’. Für diese Box wurde das Album auf zwei Einzel-LPs gepresst – eine schwarze und eine weiße –, auf deren Rückseite sich eine individuelle Radierung befindet. Außerdem erscheinen „Innunendo“ und „Made In Heaven“ als Doppel-Vinyl in voller Länge. Ursprünglich wurden sie gekürzt, um das CD-Format auf eine LP zu pressen. Damit wurden aus den 15 Alben auch 18 Vinylscheiben für die Box.
Natürlich ist es nicht vernünftig, einige Hunderter für eine Handvoll Platten auszugeben, die man ohnehin (zum Teil mehrfach) im Regal hat. Doch man bekommt etwas geboten fürs Geld: hervorragende Qualität, eine Zeitreise in die 70er, 80er, 90er – und immerhin ein gebundenes Buch, das liebevoll zusammen gestellt die Geschichte der Alben erzählt. Vielleicht was für den Weihnachts-Wunschzettel.
Wer aktuell ein Konzert von Hannes Wader besuchte, kann nicht gerade sagen, dass der große Liedermacher und Chansonier die Bühne gerockt hätte. Das hat der inzwischen 73jährige in seiner langen Karriere wohl nie so richtig getan. Stattdessen waren es immer die Ausdruckskraft seiner Lyrics und die Bühnenpräsenz dieses durch und durch ehrlichen Menschen, die seine Zuhörer beeindruckt haben.
Ausverkauftes Haus. Die Bühne ist leer, besser: fast leer. Mikrofonstativ, Gitarre, Monitor – das ist das ganze Bühnenbild. Das Saallicht verlischt, die Scheinwerfer gehen an. Hannes Wader betritt zielstrebig die Bühne, das Publikum applaudiert leidenschaftlich, dann die ersten Gitarrenakkorde von „Heute hier, morgen dort“. Ein Hit, nein, viel mehr: ein Volkslied. Eine solche Stimmung für eine live-CD einzufangen ist fast unmöglich. Trotzdem versucht man es natürlich – mit 27 Songs und dem einfachen Titel „Live“. Das erste Livealbum seiner Karriere, das er ganz alleine gestaltet.
Die Tracks stammen von unterschiedlichen Konzerten der vergangenen Tournee. Den Start gestaltet Hannes gerne mit „Heute hier, morgen dort“, um es (wie er selbst sagt) „hinter sich zu bringen“. Schließlich ist er kein One-Hit-Wonder, sondern jemand, der in jeder Situation etwas zu sagen hatte und hat. Natürlich folgen auch Klassiker wie „Die Moorsoldaten“, „Charley“ und „Manche Stadt“. „Die Gedanken sind frei“ wurde bisher noch auf keiner Studio-CD veröffentlicht. Ein Geschenk für die Fans. Und schließlich sehr viel Material der letzten beiden Alben „Sing“ und „Nah dran“. Als rare Zugabe ist mit „Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama“ ein Lied der Schweizer Liedermacherikone Mani Matter zu hören, das Wader ausgerechnet in Bern auf Berndeutsch zu singen wagte.
Das Album bietet den „puren“ Hannes Wader – nur seine Stimme und die Gitarre. Die Zusammenstellung ist sehr schön und absolut gelungen. Für die Besucher der aktuellen Tourneen lässt die Doppel-CD die Erinnerung an einen einzigartigen Abend wieder lebendig werden. Für alle anderen bietet sich hier die Möglichkeit einen Konzertabend von Hannes Wader mit der vom Toningenieur großartig eingefangenen Live-Atmosphäre nachzuerleben.
Seit Jahren schafft es Daniel Wirtz seinen Bekanntheitsgrad kontinuierlich zu steigern. Und womit? Mit Recht! Nach einem überaus erfolgreichen Unplugged-Abstecher mit gefeierten Shows im vergangenen Jahr und einem hoch gecharteten Album, macht Wirtz 2015 nun da weiter, wo er vor dem Ausflug in Akustikgefilde aufgehört hat: Rock mit Herz, Seele, Strom und Texten, von denen er selbst mal gesagt hat, dass sie so tiefe Einblicke zulassen, „dass sich das Singen anfühlt, wie nackt U-Bahn fahren“. Die Teilnahme an der letzten „Sing meinen Song“-Staffel, wo er quasi als Joker den Hauptgewinn abräumte, hat ihm noch einen zusätzlichen Karrierekick verpasst. Drei Mal wurden seine Interpretationen zum Song des Abends gewählt. Im Juni erschien dann sein neues und insgesamt fünftes Album „Auf die Plätze, fertig, los!“, das er den Fans nun auf seiner bis dato größten Deutschlandtour vorstellt. Das Konzert in Köln bildet dabei den Abschluss. Und der fällt mehr als würdig aus!
Wie die meisten anderen Hallen meldet auch das E-Werk heute Abend „ausverkauft“. Beim Interview, das wir vor der Show mit ihm geführt haben, hat Wirtz bereits eine „fette Produktion“ angekündigt. Und damit nicht zuviel versprochen. Bevor es soweit ist, wird den Kölnern jedoch erstmal von Milliarden kräftig eingeheizt. So heißt die Combo aus Berlin, die eine halbe Stunde lang für mächtig Alarm auf der Bühne sorgt und deren aktuelles Album „Kokain & Himbeereis“ sicher mehr als nur ein schnelles Ohr wert ist.
Als Wirtz und Band um kurz vor 21 Uhr passenderweise mit „Auf die Plätze, fertig los“ in ihr Set starten, wird eines schnell klar: Einen so perfekten Sound habe zumindest ich im E-Werk selten erlebt. Am Soundboard hat man schonmal nicht gespart. Die Instrumente sind vom ersten Ton an wunderbar ausbalanciert und ihre Lautstärke gibt Wirtz‘ Stimme exakt die Tiefe und den Raum, den sie braucht, um sich vollständig zu entfalten. Dazu gibt es allerlei Projektionen im Bühnenhintergrund und eine auf den Punkt stimmige und sehr stimmungsvolle Lightshow. Ähnliches war man von dem Frankfurter bislang nicht unbedingt gewohnt. Aber das bisschen Bombast steht ihm verdammt gut. Auch die neuen Songs, mit denen ich mich auf CD bis heute teilweise noch schwertue, bekommen live einen viel druckvolleren Charakter.
Bevor es in der Setlist weitergeht müssen Wirtz und Gitarrist Kai Stuffel (der auf den putzigen Spitznamen „Keile“ hört) erstmal einem Mädel Hilfe leisten, das vorne an der Bühne ohnmächtig geworden ist. Sie wird einem Sanitäter übergeben. Danach kann mit „Du fährst im Dunkeln“ und „Freitag Abend“ weitergerockt werden. Die Songs sind gut gewählt und schlagen einen Bogen vom aktuellen Album bis zurück zum Debüt „11 Zeugen“ von 2008. Das E-Werk feiert ausgelassen mit und die Stimmung steigt proportional zu den Temperaturen in der Halle. Spätestens bei „Ne Weile her“ ist der Siedepunkt erreicht. Zeit für eine Verschnaufpause… und ein paar Tränen.
Die fließen nämlich bei dem einen oder der anderen um mich herum zum wunderschönen „Sag es“, das Wirtz nur in Begleitung von Kai Stuffel singt. Als er dann mit dem Pur-Cover „Wenn sie diesen Tango hört“ das ganz grosse Gefühlskino anschmeisst, ist es selbst um die Fassung derjenigen Männer geschehen, die eben noch verschämt ihrer Frau das Taschentuch gereicht haben. Zum Abschluss des emotionalen Kraftaktes serviert uns Wirtz noch eine akustische Gänsehaut-Version von „Scherben“. Dann darf wieder gelacht werden. Stuffel kommt in der Setlist durcheinander und spielt das falsche Stück an. Er kontert sein Mißgeschick mit einem selbstironischen Schnipsel des White Stripes-Krachers „Seven Nation Army“. Wie geplant geht es anschließend mit „L.M.A.A.“ über „Meinen Namen“ und „Mantra“ dem Ende des Mainsets entgegen. Die Pause bis zur Zugabe wird von den Kölnern mit „Wooooo hoooo!“- und „Oh, wie ist das schön“-Sprechchören überbrückt.
Im Zugabenblock dürfen sich die Fans über drei weitere Songs freuen. „Keine Angst“ und „Mon Amour“, bei denen die Band noch einmal alles gibt und schließlich den sentimentalen Abschied aus „Nada Brahma“, in dem Wirtz verspricht, dass wir uns alle irgendwann wiedersehen. Bevor es endgültig nach Hause geht, dankt er ausgiebig allen in seiner Crew, angefangen bei seinen grossartigen Mitmusikanten bis hin zum Busfahrer und holt zum obligatorischen Facebook-Foto auch nochmal die Jungs von Milliarden auf die Bühne. Trotz seiner derzeitigen Erfolge ist Wirtz immer noch der sympathische und bodenständige Kumpeltyp geblieben, als der er vor sieben Jahren im Kölner Luxor angefangen hat. Als er nach zwei Stunden alleine und völlig ausgepowert am Bühnenrand steht und ehrlich überwältigt ist von der Begeisterung, die ihm entgegenschlägt, da wird aus dem „Nada Brahma“-Versprechen ein fester Vorsatz. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich schon am 26.12. im Palladium, wo er im Rahmen des Minifestivals „Rockiges Fest“ auftritt. Das Fazit des heutigen Abends lautet:
Nachdem Helen Schneider in den 80ern ihre Karriere mit Songs wie „Rock´n´Roll Gypsy“ startete, dann in verschiedenen Musicals sang und in den letzten Jahren Titel von Kurt Weill, Stephen Sondheim und Charles Ives interpretierte, ist sie nun zur klassischen Rock- und Popmusik zurückgekehrt, allerdings deutlich ruhiger als vor dreißig Jahren.
In den letzten Jahren wurden Legionen an Coverversionen von ihr neu interpretiert. Vor allem das Bert Kaempfert Album mit der SWR Big Band fand ich sehr gelungen. Jetzt geht es erstmals wieder an eigene Stücke, die Jo Ambros und Linda Uruburu für die Sängerin schrieben. Die Texte von Linda reflektieren vierzig Jahre gemeinsame Erinnerungen als Freundinnen und Kolleginnen – und auch mit ihrem Gitarristen Ambros verbindet Helen eine langjährige Zusammenarbeit.
Entstanden sind zwölf Popsongs für Erwachsene, die rhythmisch und atmosphärisch vom Folkrock der 60er und 70er Jahre beeinflusst sind. Hinzu kommt die grandiose Stimme der fast 63jährigen großen Dame, der man die Musical-Erfahrung deutlich anmerkt. Helen lädt zu einer Zeitreise durch das kollektive Gedächtnis der älteren Generation ein und bringt sich mit Leib und Seele ein.
Musikalisch entspannt hat das Album einen leichten Hauch von Easy Listening, macht aber durchweg Spaß. Vor allem Helens Ausnahmestimme lässt stets aufs Neue aufhorchen. Hört mal rein – beispielsweise in „Land Of Dreams And Plenty“:
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Catharina Sieland, alias Cäthe, bekam mit zwölf ihre erste Gitarre und gab mit vierzehn ihr erstes Konzert. Früh übt sich, wer Erfolg haben will. Musik- und Gesangsausbildung folgten erst im Anschluss. Inzwischen lebt die selbstbewusste junge Sängerin in Berlin. Nach den ersten beiden Alben war sie Gast beim „MTV unplugged“ der Scorpions – jetzt folgt mit „Vagabund“ ihr drittes Studioalbum.
Während „Verschollenes Tier“ eine Reihe elektronischer Momente aufzuweisen hatte, schaltet Cäthe für die dritte CD wieder einen Gang zurück und zeigt sich wie im Debüt sehr keck und bodenständig mit handgemachter Musik. Die neuen Lieder lassen sich zurückführen auf ihre frühesten musikalischen Einflüsse, als sie in ihren Teenagerjahren die Musik der Woodstock-Ära für sich entdeckte. Mehr Singer-Songwriter-Preziosen, weniger Rockelemente, dafür mehr Schönklang in ihrer Stimme und geradlinigere, wohltemperierte Melodien.
Der organische Klang ist ein Markenzeichen von Cäthe. Der rauchige Unterton in ihrer Stimme nimmt mich als Hörer mit. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, es sei zu viel des Guten. Sie klingt oft getrieben und leicht hysterisch. Da würde eine Entschleunigung in Form entspannter Balladen manchmal gut tut. Doch das ist nicht ihr Ding – Powersong folgt auf Powersong und die Emotionen stehen stets im Mittelpunkt.
Selbstreflexion und die Möglichkeit sowie Unmöglichkeit der Liebe stehen im Mittelpunkt der Texte. Die Mischung aus Songwriter-Stücken und Chansons belebt den deutschsprachigen Pop und führt ihn in verschiedene Bereiche der Welt, mit dem Höhepunkt „Müder Drache“ im Tango-Stil. Cäthe klingt mal lasziv extrovertiert („Glaub mir, Honey“), mal sehr in sich gekehrt wie beim nachdenklichen „Foto im Portemonnaie“.
„Vagabund“ ist mal wieder ein energisches, starkes Album. Leise Töne, die für mehr Abwechslung sorgen würden, fehlen weitestgehend. In der Liveperformance wird das kein Nachteil sein, wenn Cäthe rastlos und schwungvoll die Bühne stürmt. Erste Termine stehen bereits:
04.11.15 Dresden – Beatpol
05.11.15 München – Ampere
06.11.15 Berlin – Postbahnhof
07.11.15 Köln – Luxor
08.11.15 Hamburg – Mojo Club
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Zunächst begeisterte Gabrielle Aplin ihr mit Coverversionen auf YouTube, dann erfreute sie uns im Sommer 2013 mit selbstkomponierten Wohlfühl-Songs auf ihrem Debüt „English Rain“. Zwei Jahre später meldet sich die junge Britin nun mit ihrem zweiten Album „Light Up The Dark“ zurück.
Lederjacke statt Sommerkleid und eher düsteres Schwarz-Weiß. Das Cover lässt schon ahnen, dass sich „Light Up The Dark“ auch musikalisch vom hauptsächlich akustisch arrangierten Vorgänger unterscheidet. Der atmosphärisch rockige Sound des Titelsongs und auch der folgenden Stücke „Skeleton“ und „Fools Love“ entspricht dann aber so wenig meinen Erwartungen an Gabrielle Aplin, dass ich mich zunächst schwer tue. E-Gitarren, Schlagzeug und dichte Arrangements dominieren hier plötzlich, und einzig Gabrielles Stimme ist noch so samtig und wohltuend wie gewohnt.
Langsam jedoch freunde ich mich mit dem Album an, groove zum beschwingten Rhythmus von „Sweet Nothing“ und lasse mich in die schwermütige Atmosphäre von „Heavy Heart“ hineinziehen. Beim ruhigen „Shallow Love“ oder der zerbrechlichen Ballade „Hurt“ finde ich dann sogar die akustischen Gitarren und mein Gabrielle-Aplin-Wohlgefühl wieder. Und wie beim Vorgänger lohnt auch hier ein genauer Blick auf die Texte, denn die junge Songwriterin findet für schon oft besungene Gefühle wie Liebe, Sehnsucht oder Einsamkeit erfrischend neue Blickwinkel und poetische Metaphern.
In musikalischer Hinsicht ist „Light Up The Dark“ auf jeden Fall spannender und vielseitiger als Gabrielles Erstling – zum sanften Sommerregen haben sich sozusagen ein paar ordentliche Herbstwinde gesellt. Alle denen das insgesamt zu stürmisch ist, lassen sich vielleicht mit dem Schlusstitel „A While“, einer wunderschönen Pianoballade, besänftigen. Und wer dann doch ein bisschen Geduld hat, wird mit dem beinahe schwebend arrangierten Hidden Track „Don´t Break Your Heart On Me“ belohnt.