Reeperbahn Festival 2020: Milliarden – zum Zweiten,19.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Milliarden im Grünspan Hamburg, 19.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Milliarden im Grünspan Hamburg, 19.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Children und Niels Frevert, 19.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Akua Naru und Die Sterne, 19.9.2020
Als BAP 1980 mit „Affjetaut“ in mein Leben traten, begann eine Verbindung, die bis heute gehalten hat. Dazu trug natürlich der Umstand bei, dass die Band aus meiner Heimatstadt Köln kommt und die erste war, die den kölschen Dialekt auch außerhalb der Karnevalszeit über die Grenzen der Domstadt hinaustrug. Hinzu kam, dass BAP mit Wolfgang Niedecken über einen Frontmann verfügte, der mit seinen politischen und gesellschaftskritischen Texten zum Sprachrohr (m)einer Generation wurde und dessen Themen auch sonst den Nerv der Zeit punktgenau trafen. In den vier Jahrzehnten seitdem haben wir uns beide weiterentwickelt. Bei BAP gab es zahlreiche Besetzungswechsel, die nicht immer förderlich für ihre musikalische Entwicklung waren und die 2016 schließlich in einer Umbenennung zu Niedeckens BAP gipfelten. Auch ich habe meinen musikalischen Horizont seitdem natürlich erweitert, was dazu führte, dass die Band zwischen 1986 („Ahl Männer, aalglatt“) und 2008 („Radio Pandora“) zunehmend unter meinem Radar flog. „Radio Pandora“ führte uns schließlich wieder zusammen. Seitdem durfte ich Wolfgang Niedecken zweimal interviewen und ihn als einen Menschen kennenlernen, dessen Blick auf das Leben, die Liebe und unsere Gesellschaft so wach und klar ist wie eh und je und der mit „Halv su wild“, „Lebenslänglich“ oder „Das Märchen vom gezogenen Stecker“ nach wie vor großartige Alben veröffentlicht.
„Alles fliesst“ ist nun das insgesamt Zwanzigste in dieser Reihe. Der Titel ist eine Reminiszenz an den Fluss, dessen Verlauf durch Köln der Stadt eine „Schäl Sick“ beschert hat und der gleichzeitig ein Zeichen von Aufbruch und Vergänglichkeit ist. So sind einige Songs auf „Alles fliesst“ stark autobiographisch geprägt, was man sich als fast 70-Jähriger auch erlauben darf. Dabei verteilt Niedecken seine Lebensweisheiten klugerweise nie vom hohen Ross herab, sondern durchaus selbstironisch und bringt dabei sogar Verständnis für all diejenigen auf, die sich abgehängt fühlen und deshalb am Rockzipfel eines Populisten hängen wie in der bluesigen Spießerballade „Verraten und verkauft“.
Im AC/DC-mäßig abrockenden „Jeisterfahrer“ nimmt er das vergiftete gesellschaftliche Klima aufs Korn und blickt quasi als Spiegel dazu mit der atemlosen Polka-Nummer „Jenau jesaat: Op Odysee“ auf die seligen Anfangstage von BAP zurück. „Amelie, ab dofür“ ist die rechtmäßige Fortsetzung von „Frau, ich freu mich“ und „Morje fröh doheim“, nur dass er diesmal mit dem Auto im Berufsverkehr steckt. Das eindringliche „Ruhe vor dem Sturm“ warnt vor den Verführern der Marke Trump und seinen kleinen deutschen Ablegern. Der Schunkelblues „Huh die Jläser, huh die Tasse“ ist eine Verbeugung vor allen Corona-Helden und Klimaaktivisten. Dazu gibt es übrigens auch ein sehr schönes Video. Das Album erfasst das Leben in seiner ganzen traurigschönen Fülle.
Dazu gehören Trauer, Verzweiflung und Wut ebenso wie Euphorie, Glück, Liebe und Hoffnung. Das weiß auch Wolfgang Niedecken. So wirft er in „Volle Kraft voraus“ einen optimistischen Blick nach vorne. Dazu gibt es Vogelgezwitscher und Vinylgeknister. In „Mittlerweile Josephine“ setzt er seiner Tochter ein Denkmal, das jeder andere Vater vermutlich sofort nachbauen würde. „Für den Rest meines Lebens“ ist eine samtweiche musikalische Umarmung für seine Frau und „Alles zoröck op Ahnfang“ eine wunderschöne Ballade, die sich nahtlos in die Reihe wunderschöner Balladen in der langen Geschichte von BAP einreiht. Und nicht zu vergessen das abschließende „Wenn ahm Ende des Tages“, eine wunderbar sentimentale Ode an die Liebe und das Leben.
Musikalisch bewegen sich Niedeckens BAP auf „Alles fliesst“ zwischen solidem Rock („Besser du jehss jetz“), kräftigen E-Gitarren („Du häss dich arrangiert“) und leisen poetischen Momenten. Auffällig ist, dass Niedecken häufiger mal auf Hochdeutsch singt. Vermutlich damit auch der letzte dumpfbackige Vegankoch und die letzte Mannheimer Heulsuse seine Botschaft versteht. Die insgesamt vierzehn Songs haben zwar durchaus ihre Längen, aber für Wolfgang Niedecken war seine Kunst noch nie ein Grund zur Selbstbeweihräucherung, sondern immer ein Mittel, um Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu finden und damit zum Nachdenken und zur eigenen Reflektion anzuregen. Dass dabei nicht jeder mitgeht, liegt in der Natur der Sache. „Alles fliesst“ ist im Vergleich zu seinen neunzehn Vorgängern dabei irgendwo im oberen Drittel einzuordnen. Wolfgang Niedecken ist mittlerweile in der glücklichen Lage, dass er niemandem mehr nach dem Mund reden muss und das ist genau das, was dieses Album so wertvoll macht. Oder wie er selbst es im Opener „Hauptjewinn“ etwas holprig ausdrückt: „Man muss keinem was beweisen, nicht einmal Florian Silbereisen“. Jenau!
Manch einer wird sich bestimmt fragen: Braucht man das? Eine Biographie von Jürgen Drews? Dem deutschen Schlagerkönig, der sein Herrschaftsgebiet inzwischen auf der Deutschen liebste Urlaubsinsel verlegt hat? Doch es sollte unbestritten sein: der Mann hat was zu erzählen. Und das tut er passend zum 75. Geburtstag in seiner Autobiographie „Es war alles am besten!“
Durch seine zahlreichen Hits, besonders das „Bett im Kornfeld“, das in jeder Schlagershow abgenudelt wird, kennen ihn nahezu alle Deutschen, und seine Fans lieben ihn über alles. Das über 300seitige Taschenbuch erzählt von den harten Anfängen und den Erfolgen, lacht über manche Pannen und verschweigt auch die Schattenseiten der Branche nicht.
Wer nach Hintergrundinfos zur Musikwelt und insbesondere zur deutschen Schlagerwelt sucht, wird hier fündig, auch wenn der gute Jürgen niemanden wirklich in die Pfanne haut. Stattdessen erzählt er frei von der Leber weg. Dabei spricht er den Leser direkt an und lässt einige lockere Sprüche als Ich-Erzähler los, so als würde er mit Freunden an der Theke oder am Lagerfeuer sitzen.
Der Wälzer lässt sich flüssig lesen und hat auch für Schlager-Hasser einige nette Anekdoten zu bieten. Man muss ja die dazugehörige Musik nicht hören. Wer im Wartezimmer seines Hausarztes verstohlen im „Goldenen Blatt“ blättert, wird den Klatsch und Tratsch aus erster Hand zu schätzen wissen. Zudem scheint Jürgen Drews ziemlich ehrlich zu sein, wenn man die Anzahl der Fettnäpfchen betrachtet, von denen er unverblümt erzählt. Eine leichte Lektüre für den Spätsommer.
Am stärksten im Ohr blieb mir nach dem ersten Hören von „Rosa Elefanten“ das letzte Stück mit dem Titel „Irgendwie geht’s gut“, ein Pianosong, bei dem Florian Franke mit sanfter und klarer Stimme im Stil von Roger Cicero eine fantastische Jazz-Ballade singt. Das „Halleluja“ geht sehr zu Herzen – und nach dem Verklingen des letzten Tons haut der Künstler ein „Ich glaube, der war ganz gut“ heraus, dem man nur zustimmen kann, ja, der eher ein Understatement ist.
Mit einer fantastischen Band im Rücken ist Florian Franke ein Album geglückt, dass nicht nur den Kopf, sondern auch die Füße bewegt. Das Konzeptalbum „Rosa Elefanten“ ist ein ein ehrliches und handgemachtes Album, dass genau das zeigen soll, was auf der Bühne passiert. „Ich wollte etwas schaffen, worauf man wirklich stolz sein kann, etwas besonderes, was man so nicht mehr findet“, erinnert sich Florian, als er vom Prozess erzählt. Die Dynamik, die sich während des gemeinsamen Einspielens entwickelt hat, war der Startschuss für die Idee, ein komplettes Album live zu recorden und auch foto- und videografisch begleiten zu lassen.
„Don Quichotte“ erzählt mit feiner Akustikgitarre, Pianoklängen und sanfter Percussion vom Kampf gegen Windmühlen. Es wird schon im Opener deutlich, dass hier kein Phrasendrescher am Werk ist. Stattdessen: intelligente und bildgewaltige Texte. „Delorian“ entführt uns ebenso mit Filmmotiven auf eine Zeitreise, wie es später das Loblied auf „Samweis“ tut. Der Titeltrack beeindruckt nicht nur durch das verswingte Arrangement sondern auch durch Frankes Stimme, die in hohe Sphären entschwindet.
Franke singt mit smarter Stimme – zeitweise unterstützt von Jaqueline Rubino – und schafft locker den Spagat zwischen Pop, Jazz und sehr rockigen Klängen. Dabei ist die Besonderheit des Albums, dass alles live und gleichzeitig eingespielt wurde. Dabei regen die Melodien nicht zum Mitsingen ein und gehen nur schwer ins Ohr. Stattdessen ist das feine Gehör gefordert – mit filigraner Percussion, verspielten Melodien und einem durchdringenden Kontrabass wie in „Ich geh nicht unter sondern auf“.
Die Mixtur aus Pop und Jazz wirkt so, als wäre sie schon immer da gewesen. Feinsinnige Texte führen durch Arrangements, die überraschen, aber dennoch vertraut scheinen. Mal schimmert eher die Leichtigkeit des Pops durch, mal überwiegt die Freiheit des Jazz. Ein gutes Stück vom Mainstream entfernt, erinnert dieser deutsche Jazz-Pop an eine Zeit, in der Musik nicht am Laptop, sondern im Studio entstand, und in der der unvergessene Roger Cicero das Maß aller Dinge war. Ein starkes Stück Musik!
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Ilgen-Nur und Tuvaband, 18.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Friends of Gas und Milliarden, 18.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Gisbert zu Knyphausen und Kai Schumacher, St. Michaelis Kirche, 18.9.2020
Wow – die Wikipedia listet aktuell 94 Soloalben von Rick Wakeman auf (inkl. Liveplattten, Soundtracks, offiziellen Bootlegs usw.). Das ist doch mal eine Hausnummer. Der 71jährige Brite, der als einer der wichtigsten Keyboarder im Progressive Rock gilt, hat sich in den letzten Jahren vor allem auf das Klavierspielen konzentriert und dies ausgiebig zelebriert. Auch das aktuelle Werk „The Red Planet“ bleibt instrumental, doch endlich dürfen wir wieder Klänge hören, die aus der Glanzzeit des Prog in den 70er Jahren stammen könnten.
Thematisch gibt der Albumtitel ein spaciges Programm vor: Während die Menschheit erst mit kleinen Schritten ihren Nachbarplaneten erkundet, schickt uns Rick Wakeman schon auf eine sphärische Reise über den roten Planeten. Er legt seinen elegischen Keyboard-Teppich und wird dabei unterstütz von Dave Colquhoun an der Gitarre, Lee Pomeroy am Bass und Ash Soan an den Drums. Im Quartett nennt sich die Truppe „The English Rock Ensemble“ und vollzieht ein hervorragendes Zusammenspiel.
Die Albumtracks des Konzeptalbums beschreiben diverse Landschaftsbilder und geben ihnen einen musikalischen Charakter. Synthie-Schwaden und E-Gitarren, romantische Harmonien und rhythmische Ausschweifungen, Orgeltöne und chorische Klangmalereien – man kann sich in die fremde Welt einfühlen.
Das Booklet enthält einen Abriss der verschiedenen Mars-Missionen und spannende Bilder. Überhaupt ist die Gestaltung des Albums mit seinen SF-Motiven ebenso gelungen wie die Musik. Ein großes Werk, das an alte Erfolge anknüpft.
Nick Mason’s Saucerful Of Secrets: “Live At The Roundhouse“ (CD, DVD, Blu-ray) wurde am 19. Mai 2019 aufgenommen. Der Mitschnitt präsentiert ein mitreißendes Konzert, bei dem Nick Masons Band vor ausverkauftem Haus den Sound der frühen Pink-Floyd-Ära wiederaufleben lässt. Die Musiker spielten im legendären Londoner Roundhouse Songs, die seit den späten 60er Jahren nicht mehr live zu hören waren.
Nick Mason, Gary Kemp, Guy Pratt, Lee Harris und Dom Beken formierten sich, um Pink Floyd-Songs, die aus der Ära vor dem Erscheinen von „Dark Side Of The Moon“ stammen, endlich wieder einmal vor Publikum darzubieten. Für Nick Mason bedeutete dies das Ende seiner mehrjährigen Bühnenabstinenz, da er seit 2007 nicht mehr aufgetreten war.
Das Spektakel ist bildgewaltig mit psychedelischen Elementen und einem genialen Sound. Mason hat nicht nur hervorragende Instrumentalisten dabei – diese können auch noch gut singen und die nostalgischen Klassiker polyphon neu entstehen lassen. Angefangen bei „Arnold Layne“, einem Titel der im Stil einer Garagenband dargeboten wird, über „Vegetable Man“ und die psychedelische Reise von „Interstellar Overdriv“ bis hin zu entspannt-spacigen Tracks wie „Atom Heart Mother“ oder „Green is the Colour“. Die Begeisterung, mit der Nick Mason’s Saucerful of Secrets alte Pink-Floyd-Songs wieder aufleben lassen, ist atemberaubend.
„Live At The Roundhouse“ fängt die Live-Atmosphäre perfekt ein. Man spürt, dass die Musiker mit Spaß und Leidenschaft ans Werk gehen, lässt sich von ihrer Energie und Begeisterung anstecken, mit der sie die Songs performen. Die Zeitreise in die Gedankenwelt des seligen Syd Barrett und in die psychedelische Phase dieser noch immer so wichtigen Band ist absolut gelungen. Ein Segen, dass Nick Mason die Fahne weiter hoch hält.
Wann haben wir eigentlich zum letzten Mal ein „Sendeschlusstestbild“ gesehen? Früher hartnäckiger Begleiter durchgemachter Nächte, wenn man während des letzten Fernsehfilms eingeschlafen und zum nervigen Piepsen des TV-Geräts wieder aufgewacht ist. Kai und Thorsten Wingenfelder haben ihr fünftes Studioalbum nach diesem kultigen Design benannt und auch das Cover entsprechend gestaltet.
Fünf Duo-Alben schon? Kaum zu glauben, zumal die beiden nach dem Ende von Fury in the Slaughterhouse ja auch noch solo unterwegs waren. Und dann stand in den letzten Jahren eine umfangreiche Fury-Reunion ins Haus. Langweilig konnte es den beiden auch zu Corona-Zeiten sicher nicht werden. Während die Stammband nur auf englisch interpretierte, können die Köpfe der Band als Brüderpaar ihren Hang zur Deutschsprachigkeit inzwischen voll ausleben und liefern dabei bildgewaltige, aussagekräftige Texte in einem hymnischen Soundgewand, das immer wieder an Fury erinnert.
Ein Stück, das mich am meisten beeindruckt, stammt aber gar nicht von den beiden sondern vom Kollegen Ingo Pohlmann und dessen Album „Nix ohne Grund“: „Train Yourself To Let Go Of Everything You Fear To Lose“ heißt es im Refrain des Songs „Starwars“. Die Lebensweisheit von Meister Yoda, dem „kleinen Mann“, sorgt auch in der Version von Wingenfelder für Gänsehaut. Zumal in einer Zeit, in der viele Musiker und Konzertbesucher auf viel Liebgewonnenes verzichten müssen.
Schon im Opener und Titeltrack werden Wingenfelder politisch und prangern anhand von Politiker-Zitaten den Hang zur Selbstdarstellung und zur Verharmlosung faschistischer Tendenzen an. Sie sind politisch und poetisch. Mal wird draufgehauen, um dann wieder den Augenblick zu genießen, gewohnt unaufgeregt, natürlich und nahbar – eben diese geniale Lässigkeit, die aus jeder Zeile, jedem Ton klingt und auch im zehnten Jahr mit neuen Ideen und Gedanken überrascht. „Ich finde es schön, gerade in der heutigen Zeit kein rein negatives Album zu machen“, erklärt Kai, was für ihn besonders im Vordergrund stand. „Es ist uns wichtig, Flagge zu zeigen, aber es ist auch ein Album, das positiv endet und Momente zum Luftholen lässt.“
Auch sonst findet man auf dem Album keine Kompromisse. Dafür sehr persönliche Einblicke, denn jede Geschichte entstand aus selbst Erlebtem und Gefühltem. So gibt es sehr abwechslungsreiche, ruhigere und laute Stücke, gelassenes Singer/Songwriter-Feeling und den Stadion Rock, den wir bei Fury so lieben.
CD 2 enthält zehn Livetracks zur Feier des zehnjährigen Bestehens der Duo-Band. Publikumslieblinge wie „Mensch Paul“ und „Mein Hafen“ zeigen, wie gut diese Musik live funktioniert. Hoffentlich kann die schon längst angekündigte Tour im Februar 2021 endlich starten.
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Maeckes und Nicklas Sahl, 17.9.2020
Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Betterov und Drangsal, 17.9.2020
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Reeperbahn Festival 2020 – Seht hier unsre Konzertfotos von Alex Mayr und Bukahara, 16.9.2020
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ – ehrlicher kann man ein Album in der Zeit von Corona nicht beginnen. „Grüße aus der Flut“ ist bereits das sechste Album des Songwriters Max Podeschwig aus Berlin, der viel lyrischer klingt als sein Künstlername Prosa aussagt. Er kann kann packende, ergreifende und vor allem melancholische Geschichten erzählen. Und das mit einer Stimme, die sowohl rau als auch herzlich klingt.
Der Opener und Titeltrack ist eine reflektive Standortbestimmung in schwierigen Zeiten. „Donnerschlag“ zeichnet ein apokalyptisches Szenario und wettert gegen Fakenews und Verharmlosungsversuche. „Lilly sagt“ gefällt mir sehr gut als Erzählung von einer ungewöhnlichen, eigenwilligen Frau – vor allem mit dem Schlußsatz, dass sie dieses Lied wohl nicht mögen wird. Dann geht’s in die Ferne, zu den Bergen von Dafur und einer vermeintlichen Idylle in einer kaputten Welt („Buntes Papier“, inspiriert vom Buch „Psychopolitik“). Nach Fernweh und bildhaften Anekdoten kehrt Max zurück zur Liebe mit ihren Rätseln und dem komplizierten Wesen des Menschen.
Max Prosa ist niemals oberflächlich. Seine Songs gehen in die Tiefe – wie die Ballade „Von Engel zu Engel“, die sich ein Crowdfunder zum Tod seiner Mutter gewünscht hat. Und mit „Am Ende dieser Nacht“ gibt es schließlich einen tröstlichen Absschluss, trotz aller Widrigkeiten. Das sechste Album ist sehr leise gehalten – mit viel Piano, Akustikgitarren und filigraner Percussion. Damit wirkt es homogen, aber auch etwas monoton, da Prosas oft lakonische Vocals keine großen Ausreißer in die Extreme machen. Geeignet für ruhige Stunden mit einem Glas Wein. Der Corona-Herbst kann kommen.
Hannes Wittmer (fka Spaceman Spiff) spielt im Duo mit Clara Jochum einige Konzerte – eines davon in Wiesbaden im Schlachthof. MusicHeadQuarter ließ sich von den melancholischen, klugen Liedern des Singer-Songwriters für eine kurze Zeit ein wenig entführen.
Die Hallen sind heute leerer. Auf der Bühne, aber auch davor. Das liegt am alles beherrschenden Hygienekonzept – und während in Wiesbaden auf dem Gelände rund um den Schlachthof die lokale Jugend den Freitagabend ausgiebig und unter wenig Beachtung von Abstand oder Maskenpflicht feiert, erklingen in der Konzerthalle des Kulturzentrums eher melancholische Klänge. „Da steht man einmal auf den großen Bühnen der Welt und darf seine komplette Band nicht mitnehmen“, bedauert Hannes Wittmer einerseits – freut sich jedoch auch sichtlich über die Möglichkeit überhaupt wieder live Musik machen zu dürfen.
Mit der Cellistin Clara Jochum, die seit vielen Jahren an seiner Seite auftritt, hat er zumindest einen Teil seiner Band dabei. Und so erleben rund 80 Zuschauer:innen im Schlachthof ein etwa zweistündiges Konzert des Singer-Songwriters in gewohnt sehr guter Qualität.
Neben den alten Songs, die Wittmer noch unter dem Bühnenpseudonym Spaceman Spiff veröffentlichte (Teesatz, Vorwärts ist keine Richtung, Photonenkanonen), spielt der Musiker auch neueres Material. 2018 veröffentlicht er Das große Spektakel und geht damit neue Wege. Er legt seinen alten Künstlernamen ab und entscheidet sich dafür ab sofort unter seinem Klarnamen aufzutreten. Die größte Veränderung aber liegt in seiner Form der Vermarktung. Sein neues Album gibt es ausschließlich per Download auf seiner Seite – und der ist kostenlos. Das ist kein kurzlebiger PR-Gag, Hannes Wittmer hat sich dazu entschlossen, der Konsumgesellschaft damit ein wenig die Stirn zu bieten. Es zählt stattdessen das Prinzip „Pay What You Want“. Per Überweisung oder PayPal kann jede:r den Musiker unterstützen und ihm entweder einmalig oder auch dauerhaft einen frei wählbaren Betrag X zukommen zu lassen. Gleiches gilt auch für die zum Album gehörende Tournee 2019. Wittmer wiederum hält die so erhaltenen Einnahmen vollkommen transparent. In seinem Blog spricht er offen über seine Erfahrungen mit diesem Konzept.
Bei der Tour jetzt gibt es „normale“ Tickets – und ganz frisches Material. Das Ende der Geschichte veröffentlicht Wittmer nach dem gleichen Prinzip im Sommer 2020 eine EP mit fünf Songs. Eigentlich untypisch, lässt er den letzten (titelgebenden) Track mit einer kleinen Erklärung enden – und fasst darin seine Interpretation dieser Songs über Ängste, Ratlosigkeit, Hoffnung, die menschliche Natur und das Abschiednehmen zusammen.
Auch live spricht er diese ebenso aktuellen wie zeitlosen Themen in den Anmoderationen an. Insbesondere in seinen Liedern wird deutlich, dass er sich intensiv mit der Welt, dem Leben und allem, was dazu gehört beschäftigt und dies in Worte und Töne zu fassen weiß. Diese Fähigkeit lässt den sympathischen Musiker seit über zehn Jahren über die deutschsprachigen Bühnen wandeln.
Doch ihm ist auch bewusst, dass Songs immer mit eigenen Emotionen und Deutungen haben. Während die Zeilen „Meine elende Freiheit / ist zu groß für uns beide / Bind sie irgendwo fest / auf das ich noch bleibe“ aus Norden für ihn vor allen Dingen für die persönliche Freiheit steht, wurde er von einem befreundeten Paar gebeten, diesen Song auf deren Hochzeit zu spielen. Erst so sei ihm klar geworden, dass der Song auch anders gedeutet werden könne, dass etwas viel Tieferes entstehen kann, wenn man seine eigenen Bedürfnisse und Freiheiten etwas zurückstellt. Stichwort: „Alle Macht den Rezipierenden – Ihr könnt natürlich reininterpretieren, was ihr wollt“.
Seht hier unsere Fotos von Hannes Wittmer im Schlachthof Wiesbaden, 11.9.2020