Sind wir wieder gut? Ja? Bitte nicht falsch verstehen – hier sollen weder Schmeicheleien provoziert noch Komplimente erbettelt werden. Hier geht es um etwas Anderes. Hier wird die Hand gereicht. Eine Art Versöhnungsangebot im Kleinen. Es geht um das neue Album jenes Mannes, den ein Journalist mal „eine Mischung aus fleißigem Arbeiter, tollkühnem Cowboy und liebenswürdigem Casanova“ genannt hat. Kurz: Es geht um „Simma widda gut?“ – das vierte Album von Gringo Mayer.
„Simma widda gut?“ – das ist gewissermaßen das Kleinst-Einmaleins des Vertragens: „Bei uns hat man das früher in der Kneipe oder im Biergarten beim Zuprosten gesagt – meistens ohne, dass es irgendeinen Streit beizulegen gab. Es war einfach eine kleine, grundsätzliche Geste des Zusammenhalts – mit Augenzwinkern.“ Man könnte auch sagen: eine kleine symbolische Erinnerung daran, dass es am Ende ja doch nur zusammen geht. Auch wenn diese Erkenntnis trivial daherkommen mag, sie ist es in ihrer gelebten Konsequenz allzu selten. Und wenn eine Erkenntnis Gringos bisheriges Schaffen durchzieht, dann doch wohl die, dass es bei allem notwendigen Disput und allen Unterschiedlichkeiten unerlässlich ist, einen gemeinsamen Grund zu finden.
Man könnte das als den roten Faden bezeichnen, der sich durch seine Alben zieht. In seinem bisherigen Werk erzählt Gringo Mayer von schwungvollen Versuchen, öfter noch vom grandiosen Scheitern und am Ende irgendwie ja doch immer vom schlussendlichen Aufrappeln und erneuten Anlaufen. Aufgezeigt nicht durch einen erhobenen Zeigefinger, sondern durch konkrete Geschichten aus den dunklen Ecken einer verrückten Welt.
Dann beispielsweise, wenn er auf seinem Debütalbum „Nimmi normal“ schrullig-zornige Grantler über den vermeintlichen Verfall des Gewohnten schimpfen lässt, sich mit der FIFA anlegt oder Kleinkriege unter Nachbar*innen anzettelt. Manchmal recht explizit auf gesellschaftliche Schieflagen gerichtet, wenn er wie in „Des is brudal“ auf seinem zweiten Album im Stile einer Wirtshausklage die ungerechte Vermögensverteilung im Turbokapitalismus anprangert. Mal ganz leise, wenn er – wie im Song „Wasn los“ – mit zugewandter Zärtlichkeit von der Rolle älterer Menschen in unserer Gesellschaft, der Pflege, dem Verlust, der Liebe und all dem dazwischen singt.
Was all diesen Mayerschen Geschichten gemein ist, ist die Erzählperspektive. Es ist die Perspektive eines ewigen Underdogs. Eines Abgehängten, der auch dann seinen verlorenen Posten nicht vollends zu verlassen vermag, wenn er zur großen Geste ansetzt. Ein hoffnungsloser Fantast, der sich in seinem Wahn wie Falco fühlt, aber schließlich ja doch „nur“ klingt wie Helmut Kohl.
Mit „Peng Peng“, dem Song, dem diese Zeile entstammt, liefert Gringo Mayer im Februar 2026 seiner pfälzischen Herkunft genau die tragisch-größenwahnsinnige Hymne, die sie verdient. Ein Song, der loslegt wie die Feuerwehr, die ihre Sirenen nur kurz ausschaltet, damit auch ja alle in diesen lodernden Hit einstimmen können. Sprachspielerisch in gewohnt lakonischem Gringo-Mayer-Stil, setzt sich hier ab der ersten Zeile ein Haken fest, den man nicht so schnell wieder loswird. Die Rhythmusgruppe trägt das charmante Heimatbekenntnis so groß auf, dass der Song schon jetzt wie ein Klassiker wirkt und der fast eigenhändig die Mayersche Gefolgschaft in bis dato ungeahnte Höhen schießen ließ.
Dass es Mayer nicht um folkloristisch verklärte Anbetung von Leberknödel und Co geht, sollte keiner Erklärung bedürfen. Auf „Simma widda gut“ tropft das Chaos und der Wahnsinn hartnäckiger denn je durch die immer größer werdenden Risse einer sich allzu gerne stabil gebenden bürgerlichen Fassade. In seiner Single „Klapprad“ lässt er diese kurzerhand ganz einstürzen – während federleichte NDW-Synthesizer zum Tanz aufspielen: „Samt Drohnen und Raketen flog der Putz von der Tapete. Mir war sofort klar, wohin, ich fahr mim Klapprad ins ZI.“ Klapprad? ZI? Bitte was?
Mitten in Mannheim steht das ZI – das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Früher mal ein Ort, der symbolisch für das stand, was die „vernünftige“ Gesellschaft unbedingt bändigen und einsperren musste: den Wahnsinn. Doch was, wenn die gesamte Ordnung bröckelt? Was, wenn Drohnen und Raketen zur neuen Normalität werden? Einfach weitermachen? Ist nicht gerade DAS verrückt!? Für Gringo gibt es nur eine angemessene Antwort: Er steigt auf sein Klapprad, das Anti-Gefährt schlechthin, dreht wortwörtlich „komplett am Rad“ und fährt mit Pauken und Trompeten ins Herz des Wahnsinns.
Dass diese Pauken und Trompeten – gemeinsam mit ihren Kollegen aus der Rhythmusgruppe – wuchtiger, einnehmender und zugleich hingebungsvoller den je klingen, hat das Album gleich mehreren Personen zu verdanken. Zum einen Gringos treuen musikalischen Weggefährten der Kegelband und seinem langjährigen Produktionspartner Mathias Greule. Dass „Simma widda gut?“ noch breiter, vielseitiger und mutiger klingt als seine Vorgänger, hat zum anderen jedoch niemand Geringeres als die Produzentenikone O.L.A.F. Opal zu verantworten:
„Nach drei Alben, bei denen wir im Grunde alles allein gemacht haben, war es an der Zeit, einen neuen Weg auszuprobieren. Ob es die Beatsteaks, International Music oder Tristan Brusch sind – wir sind große Fans von vielen der Bands, mit denen Olaf in den letzten Jahren zusammengearbeitet hat. Und da dachten wir, wir fragen ihn einfach geradeheraus, ob er sich vorstellen könnte, die nächste Platte mit uns aufzunehmen. Er hat direkt geantwortet, wir haben uns getroffen und ab da war eigentlich klar, dass das super funktionieren würde“, sagt Gringo.

Apropos neue Wege. Auf Gringos viertem Album findet sich das erste Cover seiner künstlerischen Vita. Dass es sich dabei ausgerechnet um einen Tocotronic-Klassiker handelt, erscheint nur auf den ersten Blick überraschend. Denn auf den zweiten Blick, oder besser: ab den ersten Hörsekunden von „Es is egal, aber“, wenn das brachiale Drumfill auf knatternde E-Gitarren-Powerchords trifft, könnte man meinen, die ursprüngliche Ballade der Hamburger Band wurde von einem pfälzischen Querulanten ersonnen. Ebenjenem, der nun großspurig seine Unantastbarkeit behauptet, nur um im selben Zug seine tiefgreifenden, hausgemachten Zweifel preiszugeben.
Doch ein Pfälzer Hitzkopf kommt in diesem Fall nicht allein – er hat sich doch tatsächlich Hilfe aus der Hauptstadt geholt. Das erste Cover ist nämlich zugleich das erste Feature im Werk Gringo Mayers. Und was für eins. Niemand geringeres als Arnim Teutoburg-Weiß, seines Zeichens Sänger der Beatsteaks, steigt in den Klagegesang mit ein und sorgt für den druckvollsten Songmoment des gesamten Albums.
Auf Gringos viertem Album werden Messer gezückt und Rippen gebrochen („Kavalier“), es wird mit der musikalischen Wucht eines trotzigen Kindes, das seinen Käse nicht essen will, unerschütterlicher Optimismus verströmt („Irgendwie“), es müssen herbe 0:8-Niederlagen gegen Dannstadt auf dem Ascheplatz verdaut werden („Loss dich net“) und es werden kleinlaut Versöhnungsbrezeln an der Aral-Tankstelle gekauft („Simma widda gut?“). Doch wenn der Staub sich gelegt hat, wenn all das einmal gesagt und getan wurde, dann gilt es sich in die Augen zu sehen, sich einander zuzuwenden und für das Gegenüber das Beste zu wollen. Oder, um es mit den ab jetzt universal gültigen Worten Gringo Mayers zu sagen: „Es soll Pommes fer dich regne.“
Gringo Mayer kündigt sein viertes Studioalbum „Simma widda gut?“ für den 02. Oktober 2026 an.
Gringo Mayer Live:
24.07.26 – Noisehausen Festival Schrobenhausen
25.07.26 – Herzogenriedpark (Solo)
26.07.26 – Nauwieser Fest Saarbrücken
01.08.26 – Sound of the Forest Beerfelden
02.08.26 – Schlabberflicker Festival Pirmasens
08.08.26 – Böblinger Songtage
15.08.26 – Einfach Kultur Festival Oldenburg
05.09.26 – Allgäus Finest Wangen im Allgäu
17.12.26 – BASF Feierabendhaus Ludwigshafen
Simma widda gut? Tour 2027
10.02.27 – Köln – Luxor
11.02.27 – Osnabrück – Kleine Freiheit
12.02.27 – Hamburg – Molotow
13.02.27 – Berlin – Lido
17.02.27 – Frankfurt – Zoom
18.02.27 – Heidelberg – Karlstorbahnhof
20.02.27 – Karlsruhe – Tollhaus
24.02.27 – München – Ampere
25.02.27 – Stuttgart – Club Cann
26.02.27 – Kaiserslautern – Kammgarn
13.03.27 – Mannheim – Alte Feuerwache
17.12.27 – Jahresabschlusskonzert in der Eberthalle in Ludwigshafen











